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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2014 

EINLEITUNG

Intimitäten – Wie politisch ist das Vertraute?

Die Thematisierung von Beziehungen, Liebe, Begehren und anderen Formen von Nähe ist in der (feministischen) Geschlechterforschung wahrlich kein Novum. Denkt man an die lange Tradition der Problematisierung des Privaten, so lässt sich bei aller Nuancierung festhalten: In theoretischer wie empirischer Hinsicht ist das Private, oft auch – wenngleich meistens assoziativ – das Intime, ein Konstrukt der bürgerlichen Moderne, das ideologisch und dabei praxeologisch höchst wirksam verschleiert, wie politisch, historisch geworden und gesellschaftlich umkämpft die Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen ist, und wie leid- (und auch lust-)voll die Erfahrungen und Erlebnisse von minorisierten, veranderten Gruppen und insbesondere von Frauen darin sind (vgl. exemplarisch Fraser 1996). Intimität wurde dabei jedoch kaum als Spezifikum thematisiert. Vielmehr scheint das Intime in einem assoziativen Meer zwar nicht unterzugehen, aber doch zu schwimmen.

Eng verknüpft mit Sexualität, Nacktheit, Gefühlen und Begehren – also all Jenem (Natürlichen), was gemeinhin als das Andere der (rationalen und deliberativen) Öffentlichkeit gilt, und was nach wie vor eher dem Bereich des Weiblichen zugeschrieben wird, gerät derzeit aus verschiedenen Positionen heraus und getrieben von diffusem kulturellen Unbehagen am (vermeintlichen) Verlust des Privaten auch die Intimität bzw. ihr Verlust in die Kritik. Nicht selten schlagen in den Redaktionen der Feuilletons die Wogen eines bildungsbürgerlichen Kulturpessimismus hoch, der sich (keineswegs originell) mit einem lüsternen Voyeurismus paart. Dort wird dann, schlüpfrig-sexistisch bebildert, der Verlust des Privaten und – gerne mit Bezug auf Richard Sennett (1986) – Die Tyrannei der Intimität beklagt, die sich wahlweise aus der Omnipräsenz von Pornographie, dem lobbyistischen Tugendterror minorisierter Gruppen oder dem verantwortungslosen social-media-Gebrauch der ›jungen Generation‹ (Stichwort sexuelle ›Verwahrlosung‹) ergebe. Das Intime – so scheint es – ist in diesen Erzählungen das Privateste des Privaten, das Private schlechthin. Und es gilt als bedroht. Denn Intimität wäre das, was zu schützen ist und wovor – paradoxerweise – die Öffentlichkeit gleichzeitig geschützt werden muss. Ist das Intime also die (neue) Antipode zum Öffentlichen? Oder zeigt sich nicht vielmehr beim zweiten oder dritten Hinsehen, dass Intimität die Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit durchkreuzt? Wie funktioniert Intimität? Wie stellt sie sich her? Und wie verändert sie sich unter neuen technologischen Möglichkeiten, Bedingungen und Anforderungen? Wie (un-)abhängig von Geschlecht und Begehren als intersektionale Positionen wird Intimität erfahrbar – und womöglich auch politisch?

Dies sind einige der Fragen, die das vorliegende Heft neugierig aufgreift. Denn wir wissen schon lange, dass die Geschichte, die Gesellschaft, die Geschlechterordnungen uns unter die Haut gehen (Duden 1987) und noch das authentischste und unmittelbarste Körper- und Leibempfinden davon geprägt ist (vgl. Lindemann 2011). Spätestens seit dem ›affective turn‹ (Clough / Halley 2007) geraten Gefühle als wesentliches Scharnier zwischen den – immer auch eigenlogischen – Personen und ihren Praxen einerseits und den normativen Strukturen und Imperativen andererseits in den wissenschaftlichen Fokus (feministische studien 1 / 2008).

Mit diesem Heft zu ›Intimitäten‹ widmen wir uns einer Frage des Gesellschaftlichen und Kulturellen, die als affektive Dimension ebenso wie auch Scham, Angst, Ekel oder Freude tief unter der Haut spürbar macht, wie Normen wirken – und wie lust- oder leidvoll deren Aneignung oder Überschreitung sein kann. Zugleich jedoch liegt Intimität anders. Denn Intimität ist nicht nur ein Affekt, sie ist vor allem eine Beziehungs-Qualität. Auch wenn, wie sollte es anders sein?, mit und in diesem Heft mehr Fragen denn Antworten bei der Suche nach dem Wesen und den Charakteristika von Intimität übrig bleiben (was jedoch ausgesprochen sachkundig, anregend und lehrreich geschieht), so ringen nicht nur alle Beiträge um ein angemessen komplexes und differenziertes Verständnis von Intimität als Modus, Ort und Erfahrung des Geschlechtlichen. Sie zeigen auch jeweils für sich und erst recht in ihrer Zusammenstellung, wie sehr Intimität eine Bezugnahme auf Andere, also eine genuin intersubjektive Dynamik ist. Oder, wie Lauren Berlant, formuliert: Intimität ist eine Form des ›Verhaftetseins‹, des attachment (Berlant 1998, 285). Diese Bindung, wie flüchtig sie auch sein mag, kann selbstverständlich medial hergestellt und / oder vermittelt bzw. gestaltet sein. Und wahrscheinlich ist dies viel häufiger und systematischer der Fall als der romantische Alltagsglaube annimmt, der ja ein inneres Berührtwerden stereotyp antimedial denken möchte. Dass selbst körper-basierte Intimität keineswegs antimedial ist, sondern im Gegenteil als »Produkt der Verschaltung durch mediale devices« (Stempfhuber in diesem Heft) funktionieren kann, zeigt der Beitrag von Martin Stempfhuber. Am Beispiel von grindr, einer dating-App für queere und schwule Menschen, setzt sich Stempfhuber mit der Medialität des Intimen auseinander und weist nachdrücklich darauf hin, wie brüchig die Grenzen zwischen »virtueller« und »realer« Welt längst geworden sind. Auf die Unmöglichkeit einer solchen Grenzziehung in Zeiten von Smartphones, Tablets und permanenter virtueller Verfügbarkeit geht auch die Autorin und Aktivistin Teresa Bücker ein. In ihrem Beitrag über Onlinefeminismus widmet sie sich den emanzipatorischen Dimensionen von politisch gedachter Intimität und Post-Privacy. Dass dies jedoch keineswegs unproblematisch ist, scheint insbesondere in ihren Anmerkungen zum feminist burnout auf. Die Politisierung von Intimität bzw. die allzu enge Kopplung von Ideologie und Intimität schafft (neue) Formen der Verletzbarkeit und Verletzung und führt so – in Verbindung mit dem Fehlen von Schutz- und Rückzugsräumen in aktivistischen Kontexten – mittel- und langfristig zu psychischer und physischer Erschöpfung.

An dieser Stelle radikal weitergedacht, zeigt der sicherlich polemischste Text in unserem Heft, von Vojin Saša Vukadinović, wie entmenschlichend die Verweigerung von Intimität sein kann: Am Beispiel der Kommunikation zwischen den in Stammheim einsitzenden RAF-Häftlingen in den späten 1970er Jahren macht der Beitrag nachvollziehbar, wie zerstörerisch sich die ideologische, kompromisslose Gleichsetzung von Intimität und Politik auswirkt. Der Beitrag lässt sich nicht zuletzt auch lesen als eine Aufforderung, darüber nachzudenken und sich in der Praxis immer gewahr zu bleiben, dass Intimität eine wertvolle und in einem ethischen Sinne zu schützende Form menschlicher Verletzbarkeit und Empathie ist. Hierauf weist in nuancierten Worten und mit viel journalistischer Erfahrung auch Carolin Emcke in dem Interview hin, das Anna-Katharina Meßmer und Paula-Irene Villa mit der Journalistin und Autorin geführt haben. Erneut taucht hier neben der Dimension der Verletzbarkeit auch die Frage auf nach dem Verbunden-Sein mit Anderen und dem Ausgeliefert-Sein, welches sich darin manifestiert (vgl. Butler 2003). Emcke macht in diesem Interview deutlich, wie das Herstellen von Intimität, das Sich-verletzbar-Machen als erzählerische Strategie politisch sein kann. Politisch, indem ein solches Erzählen den eigenen Standpunkt erläutert und reflektiert, indem es Kollektivzuschreibungen und Ressentiments mit Geschichten entgegen tritt und indem es so das vermeintlich Fremde vertraut macht.

Mit dem Beitrag von Anja Michaelsen ließe sich hier nun kritisch einhaken: Folgen diese Erzählstrategien den Darstellungsmodi des Melodram? Und wohin führt die Vervielfältigung und Vereinheitlichung von Leiden, die »einem potenziell unbegrenzten Publikum nicht nur das Gefühl (diffuser) Zugehörigkeit [ermöglicht], sondern auch, ›etwas Gutes‹ getan zu haben« (Michaelsen in diesem Heft)? Mit der Ambivalenz solch »intimer Öffentlichkeiten« (Lauren Berlant) beschäftigt sich Michaelsen am Beispiel des enorm erfolgreichen und zugleich kritisch rezipierten itgetsbetter-Video-Projekts, welches LGBT-Jugendlichen Mut machen will, ihr (queeres) Leben zu leben. Bei aller Kritik kommt Michaelsen am Ende doch – ähnlich wie Bücker und Emcke – zu einer positiven Einschätzung der performativen Selbstvergewisserung in intimen Öffentlichkeiten und macht dabei ein weiteres Mal deutlich, wie bedeutsam die sog. neuen Medien für das Herstellen von Intimität (und damit auch für neue Formen von Solidarität und Vergemeinschaftung) geworden sind.

Dass technischer Fortschritt unmittelbare Auswirkungen auf verwandtschaftliche – und damit unter Umständen intime – Beziehungen hat, zeigt sich auch im Beitrag von Katharina Liebsch über Genetische Intimität. Anhand empirischer Beispiele arbeitet Liebsch heraus, inwiefern neue Wissensformen, wie genetische Information, auch neue Probleme in intime Beziehungen einführen. Die Anforderung besteht dann darin, »die intersubjektive Bedeutung von genetischer Information auszuhandeln und gemeinsam fest zu legen, welcher Stellenwert dieser Information für die Herstellung von Nähe, Verbundenheit und Verpflichtung zukommt« (Liebsch in diesem Heft).

Von der gewissermaßen anderen, nämlich der öffentlichen Seite, nähern sich Anna Buschmeyer und Eva Tolasch der Thematik; sie konzentrieren sich dabei auf die Verortung der haptischen Dimension im professionellen Kontext. In ihrer empirischen Untersuchung widmen sie sich den Interaktionen in Dienstleistungsberufen und zeigen, wie hier ein Modus von »professioneller Intimität« verhandelt wird, der zugleich Privatheit und Nähe vermeiden muss. Durch Berührungen wird – beispielsweise in der Altenpflege – von Seiten der_des Pflegenden einerseits Intimität hergestellt. Andererseits muss zugleich darauf geachtet werden, dass die_der Gepflegte diese professionell und nicht etwa als freundschaftlich oder sexuell konnotiert versteht. Mit Blick auf diese permanenten Grenzziehungsprozesse wird nicht nur deutlich, dass die Interpretation dessen, was als (zu) intim verstanden wird, kontextbezogen und von der konkreten Interaktion bestimmt ist. Der Beitrag weist auch darauf hin, dass die praxeologische Herstellung »professioneller Intimität« und die damit einhergehende Grenzziehung eine Entlastungsfunktion erfüllt. Anders gesagt: Die Vermeidung von privater Intimität schützt vor Übergriffigkeiten.

Gerade die Offenheit des Begriffes ›Intimität‹ begründet seinen Nutzen für transnationale Analysen von Machtverhältnissen, so Ara Wilson. Sie vertritt in ihrem Beitrag die These, dass Intimität als queerer, nicht nur deskriptiver, sondern weitergehend analytischer Begriff für eine kritische Globalisierungs- und Transnationalisierungsforschung ›von Nutzen‹ ist (mit dieser Formulierung bezieht sie sich auf den wegweisenden Aufsatz von Joan Scott, 1986). An US-amerikanischen Beispielen von Gated Communities, ›gesicherten Wohnanlagen‹, und Shopping Malls, die eine vertraute, dörfliche Atmosphäre nachbilden, zeigt Wilson hinsichtlich des globalen Nordens, wie die ökonomische Privatisierung öffentlicher Intimität mit einer Erosion von Sozialität und bürgerschaftlichem Engagement Hand in Hand geht. Mit Blick auf den globalen Süden führt sie Studien an (u. a. ihre eigene Feldforschung in Bangkok), die der Frage nachgehen, wie sich koloniale Herrschaft durch das Intime hindurch institutionalisierte und bis heute – auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht – wirkt. Ihre Perspektive auf Ökonomien der Zuneigung verbindet dekoloniale und intersektionale Kritik und verweist auf eine machtanalytische Re-vision feministischer Analyse.

Auch wenn diese Beiträge letztlich eine abschließende Auskunft darüber, was Intimität ist bzw. sein könnte, schuldig bleiben, so ließe sich doch zusammenfassend und im Anschluss an Viviana Zelizer (2010) Intimität als das Teilen eines Wissens (womöglich eines Geheimnisses?) denken. Das Wissen um ein geteiltes Wissen schaffe, so die These, eine spezifische Nähe und Vertrautheit zwischen mehreren Personen – wie flüchtig oder unausgesprochen dies sein mag. Mit dem Wissen ginge einher, so unsere weitere Überlegung, dass eine andere Person innerlich berührbar ist. Das – auf Dauer angelegte oder flüchtige, institu­tionell abgesicherte oder als pervers verworfene, medial vermittelte oder gar ermöglichte – Intime erzeugt eine Qualität des Vertrauten, eine Gemeinsamkeit, ein ›attachment‹ (Berlant).

In der Rubrik »Außer der Reihe« haben wir einen Beitrag von Delphine Gardey über Leben und Werk von Donna Haraway aufgenommen. Die Expertin für Technik- und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Genf beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Naturbegriff Haraways, den diese auf den Begriff natureculture gebracht hat. Gleichzeitig wird nach der Rezeption und den (Re-)Lektüren Haraways gefragt und ihr Verständnis von Feminismus sowie ihre Aktualität und Relevanz diskutiert.

Die Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin Verena Kuni würdigt in »Bilder und Zeichen« die Arbeit der freien Künstlerin im Bereich Videoperformance Eva Weingärtner.

Im »Diskussionsteil« findet sich ein Literaturbericht von Sara Dionisius, der einen Überblick über empirische Studien zur Familienbildung lesbischer Paare gibt. Die Autorin gibt den Stand der heutigen Forschung wieder und strukturiert ihr Material entlang von drei Richtungen: Sie findet dort Literatur, die die bestehenden Geschlechterarrangements und die heterosexuelle Ordnung bestätigt, Arbeiten, die die Neuverhandlung von Geschlecht, Begehren und Elternschaft betonen sowie Untersuchungen, die besonders auf Ambivalenzen und Gleichzeitigkeiten hinweisen. Aus diesen Befunden abgeleitet, werden Aspekte für zukünftige Forschungen entwickelt. Abgerundet wird das Heft wie immer durch Tagungsberichte und Rezensionen.

Alle Beiträge in diesem Heft verweisen darauf, dass die Auseinandersetzungen damit, wie politisch das Vertraute ist, wichtig sind – und angesichts der neuen Grenzverwischungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen einerseits sowie dem Virtuellen und Realen andererseits drängender werden. Denn Privatheit und Intimität sind nicht nur verdächtige Orte, sie sind auch Formen und Sphären der Lust, des Eigensinns und des Schutzes. Hierüber sollten wir auch zukünftig intensiv diskutieren. Wir hoffen, mit diesem Heft einen produktiven Anstoß zur Kontroverse zu geben.

Das Heft basiert in Teilen auf der 3. Jahrestagung der wissenschaftlichen Fachgesellschaft Geschlechterstudien / Gender Studies, die im Februar 2013 vom Cornelia Goethe Centrum der Universität Frankfurt am Main und dem Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen zum Thema ›Intimitäten­ – Geschlechterwissenschaftliche Perspektiven‹ organisiert wurde. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei den Organisator_innen der Jahrestagung, vor allem aber bei allen Autor_innen, dann auch Gutachter_innen und Übersetzer_innen, die zum Gelingen dieses Heftes beigetragen haben.

Anna-Katharina Meßmer, Marianne Schmidbaur, Paula-Irene Villa

Literatur

Berlant, Lauren (1998): Intimacy. A Special Issue. In: Critical Inquiry 24 / 2, 281 – 288.

Butler, Judith (2003): Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt / M.

Clough, Patricia Ticineto / Halley, Jean (Hrsg.) (2007): The Affective Turn. Theorizing the Social. Durham.

Duden, Barbara (1987): Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Stuttgart.

feministische studien 1 / 2008: Gefühle.

Fraser, Nancy (1996): Öffentlichkeit neu denken. Ein Beitrag zur Kritik real existierender Demokratie. In: Scheich, Elvira (Hrsg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Hamburg, 151 – 182.

Lindemann, Gesa (2011): Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. 2. Aktualisierte Auflage. Wiesbaden.

Scott, Joan W. (1986): Gender: A Useful Category of Historical Analysis. In: American Historical Review, 91 (5), 1053 – 1075.

Sennett, Richard (1986): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt / M.

Zelizer, Viviana (2010): Caring Everywhere. In: Boris, Eileen / Parreñas, Rhacel Salazar (Hrsg.): Intimate labors. Cultures, Technologies, and the Politics of Care. Stanford, 267 – 279.