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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2006 

EINLEITUNG

Zur Jahrtausendwende zog die Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger Bilanz über zwei Jahrzehnte feministischer Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften. »Has Feminism Changed Science?« lautete die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage im Titel ihres Buches, das sich fast ausschließlich mit den Verhältnissen in den USA befasste. Wenig später erschien es inhaltlich unverändert auf deutsch. Zugeständnisse an den deutschen Buchmarkt sollten mit der vollmundigen Behauptung, »Frauen forschen anders,« im Obertitel abgegolten werden. Kein Fragezeichen dämpfte den fröhlichen Essentialismus. Im Gegenteil, die Frage im Untertitel, »Wie weiblich ist die Wissenschaft?«, setzte noch eins drauf: Frauen forschen anders, nämlich »weiblich«, und je mehr Frauen forschen umso differenter, nämlich »weiblicher« wird die Wissenschaft... Auf diese Weise verwies der Verlag die über zwei Jahrzehnte in zahlreichen Zeitschriften und Sammelbänden geführte kritische Debatte über gender and science auf ihre tastenden Anfäng zurück.
Tatsächlich hatte sich die Frauenforschung in Deutschland, die 1976 mit der ersten Berliner Sommeruniversität für Frauen aufgebrochen war, zwar zunächst auf die Suche nach vergessenen Wissenschaftlerinnen als möglichen Vorbildern im Kampf um gleichen Zugang zu und egalitäre Präsenz von Frauen in den Wissenschaften gemacht. Aber nur drei Jahre später dominierten in magischen, die die Steine von Stonehenge erinnernden, Kreisen gruppierte Sucherinnen nach einer »anderen« Wissenschaft das Bild der vierten Berliner Sommeruniversität. Nun weisen Naturwissenschaftlerinnen heute wie damals die Erwartung oder vielmehr die Unterstellung, sie würden eine »andere« Wissenschaft betreiben, zumeist vehement zurück. Sie wollen gerade nicht als »anders« abgestempelt werden, sondern sich mit ihrer gleichartigen Arbeit im gewählten Feld behaupten und als gleichwertig anerkannt werden. Wissenschaftsforscherinnen konstatieren dementsprechend, dass sich die Inhalte, Methoden und Erkenntnisweisen auf jenen naturwissenschaftlichen Feldern, auf denen inzwischen mehr Frauen tätig sind, keineswegs zwingend verändern.
Ändert sich nun aber gar nichts, wenn mehr Frauen ins Spiel kommen? Sind die Naturwissenschaften geschlechterindifferent? Dass dies zweifellos nicht der Fall ist, hat Evelyn Fox Keller schon 1985 in ihrer Skizze des zweihundertjährigen Zeitraums der ersten wissenschaftlichen Revolution gezeigt. Seit der Kopernikanischen Wende etablieren sich die modernen Naturwissenschaften als eine männliche Veranstaltung: Sie wurden überwiegend von Männern entwickelt, die ihr wissenschaftliches Tun in einer dezidiert männlichen Metaphorik beschrieben, wie etwa Francis Bacon in seinem Essay über »Die männliche Geburt der Zeit«, und die die Praxis ihres wissenschaftlichen Arbeitens in soziale Bezüge und Räume einbetteten, die Männern vorbehalten werden sollten. Über das gesamte 18. Jahrhundert der Aufklärung hinweg sollte sich die nachhaltige Ausschließung von Frauen aus dem sich in Akademien und Universitäten etablierenden modernen Wissenscahftssystem hinziehen.
Von feministischer Seite wurde im Anschluss an die Analyse der modernen Konzeption von wissenschaftlicher Objektivität als einer tatsächlich männlichen Konstruktion nicht nur die Standpunktgebundenheit dieser Wissenschaft und ihrer Ergebnisse angeprangert. Es wurde auch überlegt, was dagegen zu unternehmen sei, ohne die berechtigte Kritik am Androzentrismus der modernen Naturwissenschaften in eine neuerliche Mystifizierung der vermeintlichen Nähe von Frauen zur »Natur« einmünden zu lassen. Angesagt war die genauere Analyse der offensichtlich in vielfacher Hinsicht »geschlechtsanfälligen« modernen Naturwissenschaften. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Produktion naturwissenschaftlichen Wissens in einem geschlechter-ungleich strukturierten gesellschaftlichen Raum stattfindet und Wissenschaft als Beruf in einem hierarchisch strukturierten Machtsystem ausgeübt wird. Angesichts dessen stellt sich die Frage, in welcher Weise die geschlechtsrelevanten gesellschaftlichen Asymmetrien in der Verfasstheit wissenschaftlicher Institutionen, in den Arbeitsweisen naturwissenschaftlicher Forschung und in den zu naturwissenschaftlichen »Tatsachen« erhobenen Forschungsergebnissen aufscheinen. Sandra Harding plädiert daher für eine strong objectivity und fordert, dass wissenschaftliche Aussagen insbesondere solche von privilegierten scientific communities, die das Wissen anderer marginalisierter Gruppen aus dem Wissenskorpus ausschließen, systematisch nach ihren subjektiven Hintergründen befragt werden.
Unter Verdacht steht der Reduktionismus, der dem in den Naturwissenschaften nach wie vor vorherrschenden experimentellen Ansatz inhärent ist. Zum einen erhalten wir - zumindest in den langen Phasen »normalwissenschaftlicher« Wissensproduktion - nur Antworten auf Fragen, die wir vorher gestellt haben. Die Entwicklungsbiologie und andere Biowissenschaften sind voll von Beispielen auffällig einseitigen Wissensdurstes, wenn etwa die Rolle des männlichen Faktors bei der Geschlechtsbestimmung oder das alpha-Männchen in Primatengruppen beforscht werden soll. Zum anderen verlangen die epistemischen und instrumentellen Bedingungen des Experiments (Nachprüfbarkeit, Reproduzierbarkeit, Möglichkeiten und Grenzen der verfügbaren Apparate) einen entsprechenden Zuschnitt der Experimentalanordnung und des zu beforschenden Problems selbst. Sie präformieren die Fragen, die Erkenntnispfade und die möglichen Antworten; sie produzieren die unvermeidliche Partialität jeder Forschungsperspektive.
Inzwischen wird nicht nur von feministischen Wissenschaftsforscherinnen, sondern auch von Seiten anderer im Wissenschaftsbetrieb marginalisierten Gruppen kritisiert, dass die von weißen Männern der westlichen Welt dominierten scientific communities unter sich ausmachen, was sie überhaupt als objektive Experimentalanordnungen und als gültiges wissenschaftliches Ergebnis anerkennen wollen. Die KritikerInnen fordern die Schaffung ganz neuer scientific communities, die sich dadurch auszeichnen sollen, dass sie die Unausweichlichkeit von Partialperspektiven und auch deren Wert anerkennen. Sie sollen sensibel mit den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit umgehen. Sie sollen sich Rechenschaft darüber ablegen, dass die Produktion wissenschaftlichen Wissens notwendigerweise Modelle der Natur voraussetzt und umbildet, die immer auch kulturell gebunden sind, und anerkennen, dass der bewusste Umgang mit den verschiedenen Modellen neue Einsichten befördern kann. Die Biowissenschaftlerin Helen Longino untermauert ihr Plädoyer für einen biological pluralism mit der Aufforderung, neue Standards für epistemologische Adäquatheit zu entwickeln, in denen die verschiedenen Partialperspektiven angemessen repräsentiert sind.
Was kann eine feministische Wissenschaftsgeschichte zu dieser Debatte beitragen? Wie kann sie nach dem Geschlecht in der Geschichte des naturwissenschaftlichen Wissens und seiner Produktion, des Wissenschaftssystems und seiner Arbeitsweisen fragen? In Anlehnung an Londa Schiebinger lassen sich drei analytische Zugänge unterscheiden, die freilich in der historiographischen Praxis, wie in den in diesem Heft präsentierten Beiträgen, auch miteinander verbunden werden können.
Relative breit wurde in den vergangenen Jahren Geschlecht als soziale Kategorie in der Wissenschaftsgeschichte herangezogen. Sei es, um die Wissenschaftlerinnen wieder aufzufinden, die in die meist von Männern und für Männer geschriebenen Fortschrittsgeschichten der Chemie, der Physik oder der Mathematik nicht aufgenommen worden waren. Sei es, um zu verstehen, welche Zugänge den Frauen offen standen und welche sozialstrukturellen, kulturellen und professionspolitischen Barrieren sich ihnen entgegenstellten. Astrid Schürmann geht in ihrem Beitrag dem Phänomen der auffällig großen Zahl junger Wissenschaftlerinnen im Pariser Laboratoire Curie nach. Das französische Bildungssystem behinderte zwar noch weit über den Ersten Weltkrieg hinaus den Zugang von einheimischen Frauen zur höheren Bildung, konnte aber ausländischen Studentinnen und Doktorandinnen den Zutritt zu den Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht verwehren. Diese Ambivalenz verstand die polnische Bildungsmigrantin Marie Curie für die Rekrutierung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses geschickt zu nutzen. Die Tatsache der hohen Präsenz von Frauen in der seit der Wende zum 20. Jahrhundert entstehenden Radioaktivitätsforschung mit ihren Zentren in Paris, Wien, Montréal, Manchester und Berlin bestätigt Shulamit Volkovs - am Beispiel der Juden im deutschen Kaiserreich gewonnene - These, dass soziale Neuankömmlinge in der Wissenschaft am ehesten dort Fuß fassen können, wo die Strukturen noch nicht wie in den altehrwürdigen Universitäten und Akademien fest gefügt sind. Sie steht nicht im Widerspruch zu der erst jüngst wieder im Vergleich verschiedener Länder der EU und weltweit erhärteten These von Henry Etzkowitz und Carol Kemelgor, dass sich der gesellschaftliche Status und das kulturelle Prestige wissenschaftlicher Teilfelder sowie die dort zu erzielenden Verdienste umgekehrt proportional zu dem Anteil und der Dominanz von Frauen verhalten.
Mit der kulturellen Kategorie Geschlecht lassen sich die Arbeitsbeziehungen eines Labors oder einer Großforschungseinrichtung, einer wissenschaftlichen Disziplin oder Subdisziplin, einer Universität oder Akademie und die Rolle von Geschlechterdifferenz als sozialer Beziehung, als Habitus und Vorstellung analysieren. Aus geschlechterhistorischer Perspektive wurden in letzter Zeit etwa am Beispiel der Preußischen Akademie der Wissenschaften das kulturelle Gepräge von Institutionen, die Formen der Kooperation und Hierarchie, die Ausbildung von fach- und statusspezifischen Gruppenindentitäten, die Ausformung und Reproduktion von wissenschaftlichen Netzwerken untersucht. Nicht zuletzt geht es dabei um die Frage, in welcher Weise die wissenschaftlichen Akteure ihre Arbeitsweisen selbst als männlich oder weiblich kodieren und sich selbst entsprechend präsentieren wollen. Um die Kodierung von wissenschaftlichen, genauer: wissenschaftspolitischen Positionen als männlich oder weiblich geht es in dem Beitrag von Carola Sachse. Im Streit um die Vivisektion als bevorzugter Laborpraxis der aufstrebenenden Physiologie im deutschen Kaiserreich waren die eigene Inanspruchnahme von Männlichkeit und die Diffamierung des Gegners als »weibisch« von beiden Seiten die argumentativen Waffen der Wahl. Dies ging folgerichtig mit einer Verdrängung der Mitstreiterinnen, die sich vor allem, aber nicht nur auf der antivivisektionistischen, wissenschaftskritischen Seite engagierten, von der wissenschaftspolitischen Bühne einher.
Geschlecht ist nicht zuletzt eine epistemologische Kategorie. Forscher und Forscherinnen legen ihre Vorstellung über die Ordnung der Geschlechter und der Welt, in der sie leben, nicht morgens vor der Sicherheitsschleuse zu ihrem Labor ab. Ebenso wenig lassen sie die Regeln und Denkweisen, nach denen sie ihre Versuche aufbauen, durchführen und interpretieren, abends auf dem Labortisch zurück. Ihre wissenschaftlichen, politischen und alltagspraktischen Denkweisen sind in vielfältiger Weise miteinander verflochten und beeinflussen sich gegenseitig. Zu zeigen, wie wissenschaftliches Wissen immer auch kulturell situiert ist - darum geht es in der modernen Wissenschaftsgeschichte. Wenn dem aber so ist, dann ist es wie jedes kulturelle Phänomen prinzipiell anfällig für Vorstellungen, Kodierungen und Deutungen, die explizit oder implizit mit den ubiquitären, meist dichotomen Geschlechterstereotypen arbeiten. Geschlechterbilder lassen sich in zahlreichen Prozessen der Generierung naturwissenschaftlichen Wissens ebenso aufzeigen wie in der Deutung und Präsentation von Forschungsergebnissen. Geschlecht, Sexualität und Fortpflanzung sind aber selbst prominenter Gegenstand biowissenschaftlicher Forschungen. Helga Satzinger zeigt in ihrem Beitrag, in welcher Weise die Entwicklung und AKzeptanz differenter genetischer Konzepte in den 1920er und 1930er Jahren durch rassen- und geschlechterpolitische Prämissen bestimmt waren. Das eine Konzept, das jedem Individuum männliche und weibliche Erbfaktoren zugestand und Mischformen - »Intersex« - nicht als deviant stigmatisierte, fand in liberalen künstlerischen und intellektuellen Kreisen der Weimarer Republik große Aufmerksamkeit, die wiederum seine weitere Ausformulierung beeinflusste. Das andere Konzept einer binären, genetisch fixierten Geschlechterordnung, die in dieser Fixierung zugleich als Indikator für »Rassereinheit« fungierte, wurde zur Staatsdoktrin des NS-Regimes und produzierte als solche neue verheerende rassenpolitische Forschungsdesiderate. Der Beitrag von Susanne von Nieden zeigt indessen am Beispiel der Homosexualitätsforschung im »Dritten Reich«, dass die Verquickung von Erbforschung und Verfolgungspolitik höchst komplex war und verschiedene Etappen durchlief. Homosexualität sollte letztendlich nicht als Erbkrankheit, sondern als kriminelle Handlung verfolgt werden, was zur Folge hatte, dass die erbstatistisch angelegten Forschungen nicht weitergeführt wurden und ihr Protagonist das Land verließ. Die Beiträge von Susanne zur Nieden und Helga Satzinger sind aus dem Forschungsprogram »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« hervorgegangen, das von 1999 bis 2005 von der Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft - unter dem Vorsitz von Reinhard Rürup und Wolfgang Schieder - durchgeführt wurde.
Hélène Rouch setzt sich in ihrem Beitrag mit Texten zweier französischer Feministinnen, Adrienne Sahuqué und Simone de Beauvoir, auseinander. Sahuqués Buch Les Dogmes sexuels von 1932 ist erst in jüngster Zeit wiederentdeckt worden, Beauvoirs Le Deuxiéme Sexe von 1949 avancierte weltweit zum Klassiker. Beide Autorinnen, die keine Naturwissenschaftlerinnen waren, versuchten in einer kritischen Lektüre zeitgenössischer biowissenschaftlicher Texte zur Geschlechterdifferenz den kulturellen Mustern auf die Schliche zu kommen, die dem »Biologischen« seinen Platz in der Gesellschaft zuweisen. Oder anders gesagt: sie wollten auf eine Unterscheidung von sex und gender hinaus. Rouch sieht sie als Vorläuferinnen der aktuellen Debatte um diese beiden Kategorien. Dabei stehen sie mit ihren epistemologischen Ansätzen freilich in einer ganz anderen als der angelsächsischen Tradition der Wissenschaftskritik. Dennoch sind die unterschiedlichen Konsequenzen, zu denen sie durch ihre kritische Auseinandersetzung gelangen, auch heute noch aufschlußreich.
In der Rubrik Außer der Reihe setzt sich Heike Hartung mit der intermedialen Überschneidung von literarischen und ikonographischen Repräsentationen der femme fatale im vikotorianischen England auseinander. Zentral ist dabei die Figur der zunächst über ein Gemälde eingeführt wird, und die später in Wilkie Collins Roman »Die Frau in Weiß« in all ihrer Zweideutigkeit dechiffriert wird. Dabei scheint der Übermacht des Bildes als Faszinosum mit seinen bestrickenden Ambivalenzen sogar so manche Intention des politisch progressiven Autors zum Opfer gefallen zu sein.
Ein ausführlicher Beitrag von Marc de Leeuw und Sonja van Wichelen in der Rubrik Diskussion nimmt den Kurzfilm Submission, den die Politikerin Hirsi Ali zusammen mit dem später ermordeten Filmemacher Theo van Gogh in den Niederlanden produzierte, zum Anlass, um eine Reihe von kritischen Fragen zur aktuellen Debatte über Integration, Islamismus und »Krieg gegen den Terror« zu stellen. Der Beitrag bezieht sich in seiner kritischen Wendung gegen populistische Tendenzen in der Medienöffentlichkeit und der politischen Öffentlichkeit einschließlich mancher feministischer Diskurse zwar auf den gesellschaftspolitischen Kontext in den Niederlanden, Parallelen zur deutschen Debatte sind jedoch offensichtlich und grenzüberschreitende Diskussionsanstöße beabsichtigt.

Regine Othmer und Carola Sachse