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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2010 

EINLEITUNG

Organisation, Geschlecht, soziale Ungleichheiten: Warum ein Heft zu diesem Thema?

 

Aktuelle gesellschaftliche Umbruch- und Umstrukturierungsprozesse, die durch Schlagworte wie Ökonomisierung, Markteffizienz, Entrepreneurship beschrieben werden, lassen neue Differenzen und Ungleichheiten innerhalb der Geschlechter wie zwischen ihnen entstehen. Zugleich werden bisherige Differenzierungen und Ungleichheiten fortgeschrieben und andere lösen sich auf. Die Schlagworte Diversität und Intersektionalität weisen darauf hin, dass es nicht allein um geschlechterbezogene Differenzen und Ungleichheiten geht, sondern zugleich um Schicht, Ethnie, religiöse und sexuelle Orientierung, Alter und die Wechselbeziehung mit weiteren Kategorien, die in diesem Zusammenhang aufgezählt werden.

Diese Veränderungen fordern Arbeiten im Schnittpunkt von Organisations- und Geschlechterforschung zu Stellungnahmen heraus, was uns dazu bewog, das vorliegende Heft der feministischen studien zu konzipieren. Der Schwerpunkt liegt auf Ansätzen aus dem Spektrum feministischer soziologischer Organisationsforschung. Hier ist durch die gesellschaftlichen Umbruch- und Umstrukturierungsprozesse einiges in Bewegung gekommen: Der Stand der Theoriearbeit wird im Blick zurück und mit Blick nach vorne selbstkritisch reflektiert und weiterentwickelt, um sowohl gesellschaftliche Veränderungen als auch die Art und Weise angemessen zu erfassen und zu begreifen, wie sie sich in Organisationen, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Verwaltung und in vielen Bereichen mehr abzeichnen. Studien, die sich empirisch mit dem Wandel in Organisationen und den Geschlechterbeziehungen befassen, sehen sich nicht selten zu konzeptionellen und methodischen Innovationen veranlasst. Zudem ist in die organisations- und gleichstellungspolitischen Praxen Bewegung gekommen, insofern sie sich erneut und unter Berücksichtigung veränderter Bedingungen mit den anhaltenden sozialen Ungleichheiten nicht nur, aber auch zwischen den Geschlechtern befassen.

Den Mainstream der Organisationsforschung beschäftigt ebenfalls die Frage, wie sich die gesellschaftlichen Umbruch- und Umstrukturierungsprozesse auf den Untersuchungsgegenstand niederschlagen. Auch hier ist die Diskussion in den letzten Jahren erheblich in Bewegung geraten und das Thema Organisation hat in der Soziologie erneut Konjunktur. Allerdings zeigt sich ein altbekanntes Muster: Nicht zur Kenntnis genommen wird, dass die feministische Organisationsforschung in der Frage nach dem Zusammenhang von Organisation und sozialen Ungleichheiten, für den sich der Mainstream durchaus interessiert, und in der Frage nach dem Zusammenhang von Organisation und Geschlecht bereits auf eine beachtliche Diskussionstradition zurückblickt und sehr weit ausgearbeitete Analyseansätze anbieten kann. Bisweilen erweckt der Mainstream den Anschein, als gebe es feministische Organisationsforschung überhaupt nicht. Diese Ignoranz ist nicht nur für die feministische Organisationsforschung misslich. Es entstehen beachtliche Erkenntnislücken, indem nonchalant an Diskussionen um Diversität und Intersektionalität, an Strategien wie Diversity Management und Gender Mainstreaming oder schlicht an der konzeptionellen Frage nach dem Zusammenhang von Organisation und Geschlecht vorbei gegangen wird. Dieser wissenschaftliche Diskurs blendet damit gesellschaftliche Realitäten aus, auf die sich die Geschlechterforschung bezieht und die durch Politiken wie Diversity Management und Gender Mainstreaming gestaltet werden sollen. Und eine Organisationssoziologie, die vierzig Jahre nach Entstehung der neuen Frauenbewegung Gleichstellungspolitiken in Organisationen nicht zur Kenntnis nimmt oder zu wirtschaftlicher Effizienz forscht, aber Diversity Management nicht erwähnt, hat – Mainstream hin oder her – das soziologische Ohr nicht wirklich an den gesellschaftlichen und organisationalen Entwicklungsprozessen. Das wiederum heißt nicht, dass sie nicht auch Interessantes für die feministische Organisationsforschung zu sagen hätte, was der Kenntnisnahme und des Austausches lohnt.

In diese Diskurskonstellation begibt sich das vorliegende Heft. Es stellt neue theoretische Entwicklungen in der feministischen Organisationsforschung zur Debatte. Empirische Analysen zeigen zahlreiche Facetten des Wandels von Organisation, Geschlecht und sozialen Ungleichheiten auf. Diskurspolitische Weichenstellungen werden diskutiert. Auch Praktikerinnen der Organisationsentwicklung und Gleichstellungspolitik kommen zu Wort. Das Themenheft versucht einmal mehr, feministische Ansätze in einer immer noch weitgehend geschlechtsindifferenten Organisationssoziologie zu behaupten. Und es lädt diejenigen zur Diskussion ein, die sich für die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Schnittpunkt von Organisations- und Geschlechterforschung und für das praktische Geschehen in Organisationen auch unter geschlechtsbezogenen Aspekten und Gesichtspunkten sozialer Ungleichheit interessieren. Allein die LeserInnen und die Rezeption des Heftes entscheiden darüber, wer in die Diskussion einsteigt und ob die Zeit schon reif ist, das Gespräch zwischen feministischer und geschlechtsindifferenter Organisationsforschung aufzunehmen.

Wir haben folgende Akzente gesetzt: Die fünf Beiträge im Hauptteil des Heftes bewegen sich in ganz verschiedenen Perspektiven im Rahmen einer Betrachtungsweise, die davon ausgeht, dass Organisationen grundlegend vergeschlechtlicht sind. Sie lässt sich auf die in den 1980er Jahren herausgebildeten und seither kontinuierlich weiter entwickelten Theorien der Gendered Organization zurück verfolgen, ohne deren Perspektive jedoch immer eins zu eins zu übernehmen.

Für diesen Ausschnitt feministischer Forschung lässt sich zum einen eine Vervielfältigung der empirischen Felder feststellen. Analysen in verschiedenen Bereichen zeigen, dass Geschlecht – unbenommen der Erkenntnis, dass es Organisationen, etwa ihrer Ansiedlung im öffentlichen Raum oder ihren Rationalitätsvorstellungen, grundlegend eingeschrieben ist – nicht immer bedeutsam sein muss. Daraus ergeben sich Fragen wie: Wann ist Geschlecht relevant, wann nicht? In welcher Weise gewinnt es Bedeutung? In diesen und vielen weiteren Fragen lehrt die Empirie: Von Organisation zu Organisation und manchmal auch innerhalb ein und derselben Organisation gibt es erhebliche Varianzen. Dies wiederum hat Rückwirkungen auf die feministische Organisationstheorie und sorgt mit dafür, dass wir auch in dieser Hinsicht einen ausdifferenzierten Forschungsstand vorfinden. Er hält zahlreiche Erklärungen dafür bereit, wann, wie, warum Geschlecht soziale Geltung erlangt und wie es mit weiteren sozialen Differenzen und Ungleichheiten zusammenwirkt. Aus diesem Spektrum stellen wir einige bedeutende Theorieperspektiven und empirische Untersuchungen zur Diskussion.

Raewyn Connell
verbindet in ihrem Artikel Ansätze der feministischen Organisationsforschung mit Einsichten aus der Männlichkeitsforschung zu einer neuen Perspektive auf den Zusammenhang von Organisation, Geschlecht und sozialen Ungleichheiten. In der global agierenden Finanzökonomie bilde sich, so Connell, eine neue Form hegemonialer Männlichkeit heraus. Sie dokumentiere sich im Arbeitsprozess und seiner organisatorischen Matrix ebenso wie in den entsprechenden Lebensformen des Topmanagements. Die Organisation werde unter der Hand zu einer unpersönlichen Maschine, die ihre Mitglieder in ihren Arbeits- und Lebensweisen einschränkt und damit auch in gesellschaftlicher Perspektive problematischen geschlechterpolitischen Konstellationen Vorschub leistet. JohannaHofbauer greift eine bislang offensichtlich klaffende Forschungslücke in der Diskussion zu Geschlecht und Organisation auf und versucht, diese zumindest ansatzweise zu schließen. Die Autorin geht der Frage nach, was die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu zu den Diskussionen über Organisation, Geschlecht und soziale Ungleichheiten beitragen kann, ohne dabei allerdings die Schwierigkeiten bei ihrer Übertragung auf die Fragestellungen der feministischen Organisationssoziologie zu verschweigen. Hofbauers Anknüpfungspunkt bildet die Diskussion darüber, ob die Hervorhebung von Diversity in Organisationen Gleichstellungsansprüchen von Frauen entgegenkommt. Ursula Müller verfolgt in ihrem Beitrag hingegen noch eine andere theoretische Perspektive. Sie geht der Frage nach, welche Erklärungskraft neo-institutionalistische Ansätze für die Untersuchung von Geschlechterstrategien in Organisationen haben. Als empirische Referenz dient eine Forschungsarbeit der Autorin über die deutsche Polizei. Müller setzt an den im Neo-Institutionalismus vertretenen Thesen der Entkopplung von Struktur und Handlung und der Relevanz von Legitimität und Ressourcensicherung an, um Reformstrategien in Organisationen zu diskutieren. Auch thematisiert sie die theoretischen Ausblendungen, die die Reichweite dieses Ansatzes, trotz aller innovativen Impulse, für die Frage nach Geschlechterungleichheiten in Organisationen eingrenzen. Jim Barry, Elisabeth Berg und John Chandler stellen in ihrem Beitrag eine Verbindung her zwischen der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft (Stichwort: New Public Management) und damit auch von (Bildungs-)Organisationen und der Entwicklung von Geschlechterverhältnissen, Gleichstellungspolitiken und -praktiken. Als Untersuchungsfeld wählen sie die Hochschulen. Mit einem organisationssoziologischen Blick und entlang empirischer Befunde gehen sie der Frage nach, welche Auswirkungen die Einführung von New Public Management-Instrumenten auf Geschlechterasymmetrien an Hochschulen haben. Ihr Augenmerk gilt dabei vor allem den Routinen, die hier herausgebildet werden. Der Beitrag von Kristina Binner, Bettina Kubicek und Lena Weber ergänzt den Blick auf den Wandel der Universitäten. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie sich die Hochschulreformen in den Disziplinen und auf die Beschäftigungsverhältnisse auswirken und was dies für die Geschlechterarrangements bedeutet. Dabei vergleichen sie punktuell das deutsche und das österreichische Wissenschaftssystem.

Die Rubrik Diskussion eröffnet Joan Acker mit einem Beitrag zur angloamerikanischen Forschung. Sie systematisiert die Arbeiten im Schnittpunkt von Organisations- und Geschlechterforschung, indem sie diese auf das Konzept der Intersektionalität bezieht. Dabei geht es ihr um die Frage, wie soziale Differenzen und Ungleichheiten in Organisationen produziert, perpetuiert und auch verändert werden. Inwiefern Geschlechterdifferenzen kontext- und situationsspezifisch hergestellt, aber auch aufgelöst werden und diese Unübersichtlichkeit die Konsequenz einer abnehmenden strukturellen Relevanz von Geschlecht in modernen, funktional differenzierten Organisationen ist, bildet den Gegenstand einer inzwischen heftig geführten Diskussion nicht nur in der feministischen Organisationssoziologie. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist der Kontingenzbegriff. Der schillernden Bedeutung dieses Begriffes wird im Diskussionsteil in den Beiträgen von Birgit Riegraf und Brigitte Aulenbacher mit Rekurs auf die Organisationssoziologie, Debatten unter dem Label ‚Poststrukturalismus’ und die Systemtheorie nachgegangen. Deutlich wird, dass der Begriff ohne eine genaue theoretische Fundierung seine Aussagekraft verliert und in einigen Verwendungen für die Frage nach Geschlechterungleichheiten durchaus problematische Vorannahmen beinhaltet.

Im Kontext der vorangeschrittenen Transnationalisierung von Unternehmen erfahren soziale Differenzen als Heterogenität, Vielfalt und Verschiedenheit eine positive Konnotation, wobei der Blick auf Diversität bisweilen die Perspektive auf soziale Ungleichheiten überlagert. Aus diesem Grund ist die Rede von der Diversität auch Gegenstand von Kritiken, die sich eher dem Motiv der Intersektionalität oder der Frage nach komplexen sozialen Ungleichheiten verpflichtet fühlen. Im Gespräch sind außerdem die dazugehörigen Maßnahmen. So ist eine Frage, in welchem Verhältnis Diversity Management zu anderen Formen der Gleichstellungspolitik, insbesondere Frauenförderung und Gender Mainstreaming, steht. In der Rubrik Im Gespräch mit beleuchten Aletta Gräfin von Hardenberg(Deutsche Bank AG Frankfurt) und Dr. Edit Kirsch-Auwärter (Georg-August-Universität Göttingen) Facetten des Organisationswandels und spüren dem Wirken verschiedener Gleichstellungspolitiken nach.

Dietmar Becker
hat sich durch das Organisationsgeschehen zu einer Arbeit für Bilder und Zeichen anregen lassen, die verschiedene Perspektiven auf die Geschlechterordnung und soziale Ungleichheiten eröffnet. Einen Ausschnitt daraus zeigt das Titelbild.

Außer der Reihe
stellen Patricia Purtschert und Katrin Meyer neue Überlegungen zum Konzept der Intersektionalität und den sie konstituierenden Kategorien an. Sie argumentieren dafür, die Zahl der Kategorien nicht zu begrenzen, sondern vielmehr die Macht der Kategorien zu reflektieren, um das kritische Potenzial der Intersektionalitätsforschung nicht preis zu geben.

Den Schluss des Heftes bilden wie immer Rezensionen und Tagungsberichte. Auch im Rezensionsteil liegt der Schwerpunkt dieses Mal auf aktuellen Einsichten im Schnittpunkt von Organisations- und Geschlechterforschung sowie weiteren Feldern, die mit Blick auf unsere Fragen nach sozialen Differenzen und Ungleichheiten besonders interessant sind.

Wir bedanken uns bei Gitta Brüschke und Regine Othmer für die Übersetzungsarbeit. Ein besonderer Dank für ihre Unterstützung bei der redaktionellen Arbeit gilt Julia Gruhlich.

Mit diesem Themenheft hoffen wir, zu neuen Einblicken und einer lebendigen Diskussion innerhalb der feministischen Organisationsforschung wie über sie hinaus beizutragen.

Brigitte Aulenbacher, Anne Fleig, Birgit Riegraf