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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2009 

EINLEITUNG

Gebrochene Utopien.

Fragmentierungen utopischen Denkens in der Moderne 1

 

An einem Märzabend vor bald hundert Jahren war der Wiener Sofiensaal mit einigen tausend Personen bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie lauschten dem vorgeblich weltgereisten Erfolgsautor, früheren Kleinkriminellen und notorischen Hochstapler, Karl May, der zu dieser Zeit verbissen um seinen guten Ruf prozessierte. In der ersten Reihe saß die Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Bertha von Suttner. Die Pazifistin und Feministin hatte ihn nicht nur eingeladen, sondern ihm auch das »Losungswort« seines Vortrags eingegeben: »Empor ins Reich der Edelmenschen«. In die hinteren Reihen drängte sich mit geliehenen Schuhen der Obdachlose Adolf Hitler. May schloss seine Rede, wie von der Gastgeberin gewünscht, mit einem Zitat aus Suttners jüngst erschienenem Werk. Darin appellierte sie angesichts der neuesten Fortschritte der Luftfahrttechnik, endlich auch mit den »Flügeln« »glückverheißender menschlicher Hochgedanken« »ins blaue Reich des Ideals sieghafte Rekorde zu schlagen«: »Denn zu gewaltig sind die Vernichtungsmöglichkeiten herangewachsen. Vor dem fliegenden Menschen kann man sich nicht anders schützen, als dass man ihn zum Bruder macht.« (May 1912, 298; Suttner 1910). Der erklärte Suttnerianer May starb noch im selben Monat März 1912. Seine »Meisterin« verschied 1914 wenige Monate, bevor erstmals »fliegende Menschen« in Aufklärungs- und Kampfmaschinen aufeinander Jagd machten, was den Kriegsfreiwilligen Hitler als Meldegänger an der Westfront sehr beeindruckte. Drei Jahrzehnte später sollte er als Feldherr seines eigenen Krieges indessen die Luft- ebenso wie die Landschlachten verlieren, auch wenn ihm Winnetou, der »edle Häuptling der Apachen«, immer als vorbildlicher Kompanieführer vor Augen geschwebt hatte (Mann 1940; Hamann 1996).

Diese im historischen Rückblick bei aller Komik beklemmende Anekdote markiert im Übergang vom langen 19. zum kurzen 20. Jahrhundert die Ablösung des klassischen Utopiekonzepts. Philosophisch oder literarisch ausformulierte Staatskonzepte von Platons Politeia (370 v. Chr.) über Christine de Pizans Cité des Dames (1405),Thomas Morus’ Utopia (1516) und Tommaso Campanellas Città del Sole (1602) bis zu William Morris News from Nowhere (1890) und Charlotte Perkins Gilmanns Herland (1915) hatten geschlossene Entwürfe idealer Gesellschaften vorgelegt. Zumeist verorteten die Autoren sie im U-Topos einer virtuellen Insel oder eines räumlichen Nirgendwo. Gelegentlich gründeten sie wie Robert Owen mit seinem New Harmony (1824–1827) in Indiana und Charles Fourier mit seinem Phalanstère (1832–1836) im französischen Departement Yvelines zusammen mit ihren Anhängern und Anhängerinnen kleine, zumeist rasch scheiternde experimentelle Gemeinschaften. Wie andere frühsozialistische Gesellschaftsentwürfe des 19. Jahrhunderts verstanden sie diese Experimente oft als Vorgriff auf eine in einer fernen Zukunft zu verwirklichende Idealgesellschaft (Saage 2001–2004).Vor allem im deutschen Raum entwickelte sich im Gefolge chiliastischer Lehren des frühen Mittelalters eine Utopientradition des Dritten Reiches, die Erlösungserwartungen an die Zukunft aus den Verheißungen der Vergangenheit entwarf (Brentjes 1997; Nipperdey 1998).

Mit dieser Verzeitlichung der Utopie zur Uchronie war der erste Schritt getan zu den Realutopien, die besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen gesellschaftlichen Feldern, allen voran der Biopolitik mit ihren sich rasch vermehrenden Institutionen und Expertenzirkeln, handlungsleitend werden sollten. Hintergrund dafür war die im Zeitalter der industriellen, technischen und wissenschaftlichen Revolutionen bereits zur Erfahrung geronnene Hoffnung Kants, dass »die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, […] immer kürzer werden« (Kant 1795, S. 386). Zu dieser Zeit hatten sich die Erwartungen der Zeitgenossen an ihre Zukunft schon längst von ihren gemachten Erfahrungen, an die sich die Zukunftserwartungen früherer Zeiten noch eng angeschmiegt hatten, abgekoppelt. »Erfahrungsraum« und »Erwartungshorizont« drifteten immer weiter auseinander (Koselleck 1979). Auf der anderen Seite verkürzten sich in einer Epoche, die dem Kult der »Machbarkeit« (Freyer 1956) huldigte, die Zeithorizonte, innerhalb derer das, was eben noch als utopisch gegolten hatte, realisierbar erschien. So arbeitete August Bebel in die späteren Auflagen seines zuerst 1879 erschienenen Bestsellers Die Frau und der Sozialismus jeweils die neuesten technischen Entwicklungen ein, die seine früheren Prognosen bestätigten. Von Wernher von Braun, dem Chef erst des nationalsozialistischen, dann des amerikanischen Raketenprogramms, wird das Bonmot kolportiert, die Utopie müsse sich beeilen, wenn sie die Realität einholen wolle (Braun 1983; Hölscher 1990, S. 785). Neben Beschleunigung ist die Fragmentierung kennzeichnend für utopisches Denken im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und vor allem seit dem Ende des »Weltkriegs«, der noch nicht »erster«, aber schon als »totaler« erlebt worden war und bis dahin Unvorstellbares möglich gemacht hatte. Diese »Urkatastrophe« der deutschen – und europäischen – Geschichte (Wolfgang J. Mommsen) hatte nicht nur die unter kriegerischen Bedingungen verheerenden Konsequenzen mangelnder gesellschaftspolitischer Planung offenbart, sondern auch das planerische Denken in den verschiedensten militärischen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Expertenkreisen über alle konventionellen Grenzen staatlicher Intervention hinausgreifen lassen. Utopisches Denken konzentrierte sich seither nicht mehr auf kompakte Staats- und Gesellschaftsentwürfe, auch wenn diese Bedeutung im Alltagsverständnis von Utopie weiterhin vorherrscht, sondern drang mit partialisierten, auf spezifische Regelungsbereiche bezogenen, gleichwohl erfahrungsüberschreitenden Zukunftsvisionen in nahezu alle Bereiche gesellschaftspolitischen Planens und Handelns ein.

Es ist dieser realutopische, handlungsleitend gewordene Denkstil der 1920er, 1930er und 1940er Jahre, der uns gegenüber utopischem Denken so überaus vorsichtig gemacht hat. Für diese Zeit etwa hat Lutz Raphael (2003) den von ihm untersuchten Sozialexperten im Deutschen Reich »gesteigerte Zukunftserwartungen«, gepaart mit der Überzeugung von der eigenen »Gestaltungskompetenz«, bescheinigt und beobachtet, dass ihre sozialwissenschaftlichen Wirklichkeitsanalysen von »utopischen Denkfiguren« durchsetzt waren: Sie ließen sich von der Idee eines jederzeit möglichen radikalen Neuanfangs leiten, legitimierten ihre Vorschläge geschichtsteleologisch, gaben politischen Gestaltungszielen den Vorrang vor zweckrationalen Erwägungen, entwarfen in naher Zukunft zu realisierende »Endlösungen« sozialer Probleme und fühlten sich berufen, immer längere Zeitspannen – z.B. das »Tausendjährige Reich« – und größere Räume – »Mitteleuropa« oder einen kontinentalen »Großwirtschaftsraum« – zu verplanen. Frustriert von den mangelnden Realisierungschancen in den Krisen der Weimarer Republik drängten sie auf beschleunigtes Tempo und schreckten bei der Umsetzung ihrer Expertisen immer weniger vor durchgreifendem Zwang zurück, wie ihn die Nationalsozialisten vor 1933 ankündigten und danach mit ihrer professionellen Unterstützung praktizierten (Peuckert 1989). Umgekehrt zeigt Karl Schlögel (2003), dass in der frühen Sowjetunion und im Stalinismus der Quell utopischer Ideen immer dann kräftig sprudelte, wenn die gesellschaftspolitische Situation besonders desolat war: Der »neue Mensch« wurde propagiert, als verrohte soldatische Desperados nach dem Bürgerkrieg nicht mehr ins Alltagsleben zurückfanden; Makarenkos revolutionäre Pädagogik vom Weg ins Leben reagierte auf die Millionen Bürgerkriegswaisen; Lenins Vision vom »Absterben des Staates« überhöhte nur den tatsächlichen Verfall des alten Staatsapparats. Utopisches Denken und Handeln in der sowjetischen Führung war demnach die permanente Flucht nach vorn, weg von den Kontingenzen der Wirklichkeit. Mit verheerenden Konsequenzen kapitulierte im deutschen wie im sowjetischen Fall der Wirklichkeitssinn vor dem Möglichkeitssinn – eine historische Erfahrung, die Literaten nur mehr zu Dystopien anregte, in denen sie – wie Jewgeni Samjatin in Wir (1920), Aldous Huxley in seiner Brave New World (1932), George Orwell in 1984 (1948) oder Margaret Atwood in The Handmaid’s Tale (1985) – die technokratischen und biopolitischen Risiken moderner Gesellschaften zu totalitären Schreckensszenarien verdichteten.

Utopisches Denken war zu keiner Zeit unumstritten, vor allem seit »Utopie« nicht mehr nur ein literarischer Gattungsbegriff war, sondern als »Utopismus« im 19. Jahrhundert zum politischen Kampfbegriff wurde (Hölscher 1990). Für Kant war die Utopie das Land der Denkfaulheit, nichts mehr als eine Phantasie von Schwärmern. Jeremy Bentham (1824) warnte bereits vor möglichen gegenteiligen Effekten schöner Gedanken, die sich um die Methoden der Umsetzung nicht scherten. Als Utopisten wurden Fourier, Pierre-Joseph Proudhon oder Karl Marx, der seinerseits den »deutschen Kommunismus« zum »entschiedensten Gegner alles Utopismus« erklärte, verunglimpft und bezichtigten sich wechselseitig dieser Sünde wider die Wissenschaft von der gesellschaftlichen Entwicklung (Marx 1848; Hölscher 1990, S. 779). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen hingegen gerade eher links oder sozialistisch orientierte Gesellschaftstheoretiker wie Ernst Bloch (1918), Otto Neurath (1919) oder Max Horkheimer (1930) utopisches Denken wieder positiv für sich in Anspruch. Auch Karl Mannheim (1929, S. 169) konnte dem »utopischen Bewusstsein« als einem, das »sich mit dem umgebenden ›Sein‹ nicht in Deckung befindet«, durchaus positive Aspekte abgewinnen. Zwar orientiere es sich »im Erleben, Denken und Handeln […] an Faktoren, die dieses ›Sein‹ als verwirklicht nicht enthält«.Aber dank seiner »wirklichkeitstranszendierenden Orientierung« sei es im Unterschied zu Ideologien, die nur ein falsches, die alten Verhältnisse zementierendes Bewusstsein abbildeten, geeignet, eine neue bessere Seinsordnung herzustellen. Im Anschluss an diese Denktradition hält der unermüdliche Sammler und Analytiker utopischer Texte Richard Saage am kritischen Innovationspotential utopischer Gesellschaftsentwürfe fest (2001, S. 30), auch wenn nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus der Strom utopischer Phantasien bereits verebbt war und mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums bzw. dem Ende des Kalten Krieges auch die Quelle dystopischer Horrorvisionen fürs erste eingetrocknet scheint. Damit geht jedoch kein Abschied vom utopischen Denken im politischen Raum einher, wie zahlreiche soziale und politische Bewegungen zeigen, die aus religiösen, spirituellen oder geschichtsmythischen Quellen gesellschaftliche Zukunftsvisionen entwickeln.

Eines ist den Utopien von einst, den Dystopien von gestern oder heute und auch den eklektischen Utopismen, die die Aktionen, Ordnungen, Kriege und Staatsverbrechen des 20. und 21. Jahrhunderts schattenhaft begleiten, gemeinsam: Als geschlossene Gesellschaftsentwürfe treffen sie oft explizite, immer aber implizite Aussagen über Männer und Frauen, was sie seien, wie sie sein und wie sie zueinander ins Verhältnis gesetzt werden sollen. Dies gilt sowohl für solche Utopien, denen vor allem die gerechte Verteilung von Arbeit, Reichtum und Macht angelegen ist, als auch für solche, die sich um ein ökologisch ausbalanciertes Verhältnis von Natur und Kultur sorgen, und insbesondere für diejenigen, die sich auf religiös inspirierte Vorstellungen stützen. Ordnungsvorstellungen der Gesellschaft kommen ohne Geschlechterordnungen nicht aus. Mehr noch: Liebe und sexuelles Begehren, die als starke und zumeist positiv gewertete Emotionen noch jede gesellschaftliche Ordnung zu sprengen drohen, weswegen sie den historisch und kulturell unterschiedlichsten Reglementierungen unterliegen, waren für utopische Denker und Denkerinnen oft der primäre Antrieb und eine besondere Herausforderung zugleich (Bauer u.a. 2005). Spätestens seit der Romantik und der Individualisierung der Lebens- und Liebesbestrebungen auch von Frauen hatte eine anständige Utopie eine Antwort zu bieten auf die Frage, wie die ersehnte Freiheit der Liebe und der nötige Zusammenhalt der Gesellschaft gemeinsam bewerkstelligt werden könnten.

Wie schwierig eine solche neue Liebesordnung zu konzeptionieren war, zeigt der Beitrag von Caroline Arni, die den utopischen Entwürfen der Sexualreformerinnen Helene Stöcker und Ellen Key nachgeht. Gegen die Liebesphilosophien des 19. Jahrhunderts gewandt, die weibliche Liebe mit Selbstaufgabe und männliche Liebe mit Großmut identifizierten, konzeptualisierten Feministinnen und Sexualreformerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Liebe als eine Beziehung zwischen zwei gleichgestellten und autonomen Persönlichkeiten – und damit auch als ein Medium weiblicher Subjektwerdung. Ein zentrales Element dieser Liebesethik war die Forderung nach der freien Liebeswahl und nach freier Wahl der Beziehungsform als Ausdruck persönlicher Selbstbestimmung. Ein solcher Individualismus in Sachen Liebe allerdings geriet um 1900 im Kontext der intensiven Diskurse über Anomie und Zerfall moderner Gesellschaften rasch in den Verdacht, egoistisch-hedonistischen Interessen zu entspringen und zu dienen. Dagegen argumentierten feministische Sexualreformerinnen und Liebesethiker, der »Gesellschaftswert« der Liebe könne sich gerade erst dann entfalten, wenn er von Gesetzen und Interessen befreit würde, die dem Liebesgefühl äußerlich seien. Solche Liebe würde die Menschheit in doppeltem Sinne verfeinern und perfektionieren: indem zum einen die Geschlechtergleichheit realisiert und zum andern auf diese Weise Reproduktion den Naturgesetzen der Anziehung überlassen und so die »Qualität« der Nachkommenschaft garantiert wäre. Hier war der Einschlag in eugenische Vorstellungen nicht weit, liegt doch der in evolutionäre Theorien gekleidete utopische Überschuss dieser Liebestheorien gerade in der Verheißung einer vollendeten Menschheit, in der individuelles Liebesbestreben und gesellschaftlicher Fortschritt ineinander fallen. Auch wenn die Ausformung dieser Theorien bei Key im Sinne vollendeter gesellschaftlicher Harmonie, bei Stöcker im Geiste Nietzscheanischer tragischer Selbsterfüllung erfolgten, so ist ihre Anschlussfähigkeit an die Ideologeme des Neuen Menschen doch gleichermaßen gegeben.

Weitaus expliziter vollzog diesen Schritt von Ideen der Gleichberechtigung hin zu einem eugenisch rassistischen Denken die Ärztin und völkische Aktivistin Mathilde Ludendorff. Annika Spilker befasst sich mit der zunehmenden germanisierenden Aufladung und rassistischen Umdeutung der utopischen Gesellschaftsentwürfe Ludendorffs, die zum Ende des Ersten Weltkrieges in ihren Schriften Das Weib und seine Bestimmung (1917) und Erotische Wiedergeburt (1919) eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse forderte und ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung und damit einhergehenden Frauenrechten darlegte. Spilker zeigt, wie sie diese Vorstellungen ab den 1920er Jahren modifizierte. Hatte sie zunächst Frauenrechte in einem universellen, naturrechtlich begründeten Sinn gefordert, definierte sie Frauenrechte in den Neuauflagen ihrer Bücher in einem partikularen, »rassischen« Sinn. Die Fähigkeit zur Gleichberechtigung sah sie nun nur noch für die »nordische Rasse« gegeben, die sie vor allem in eine Differenz zur »jüdischen Rasse« stellte. Am Beispiel Ludendorffs kann so gezeigt werden, wie die von disparaten Utopismen begleiteten gesellschaftspolitischen Planungen und Interventionen − ob beabsichtigt oder als Nebeneffekt − die Parameter der Geschlechterverhältnisse in den betreffenden Gesellschaften veränderten. Wie im Falle Ludendorffs nahmen sie oft genug – und erst recht unter dem im 20. Jahrhundert dominanten biopolitischen Paradigma der »Bevölkerung« – die Geschlechterverhältnisse direkt gestaltend und verändernd in Angriff. Es bleibt zu fragen, inwieweit Zeitgenossenschaft und die Dominanz der vorherrschenden Sinngebungsmuster einer Gesellschaft auch andere feministische Entwürfe der Zeit mitformulierten.

Ist die Gleichheitsforderung maßgeblich für die utopischen Entwürfe der frauenrechtlich gestimmten Autorinnen auch aus dem politisch rechtem Spektrum, so gilt für das utopische Denken der sich unter dem Banner der Konservativen Revolution versammelnden Männer das Gegenteil: Deren utopische Entwürfe, getragen von der Abwehr der sich überschlagenden Moderne des frühen 20. Jahrhunderts, schöpften aus dem Repertoire technologischer Faszination wie chiliastischer Heilserwartung gleichermaßen. Ihre Essenz war der rettende Einsatz eines männlich heroischen Elitismus unter Abweisung jeglicher Gleichheitsvorstellung, insbesondere auch der Geschlechtergleichheit.

Die Wirkungsmächtigkeit und Attraktivität dieses ästhetisch-politischen Angebots einer radikalisierten Männlichkeit für heutige Autoren zeichnet Gabriele Kämper anhand einer differenzierten Lektüre von Uwe Tellkamps Roman Eisvogel (2005) nach. Sie identifiziert den Roman als zeitgenössisches Beispiel einer Literatur, die sich den Kälteströmen der konservativen Revolutionäre verpflichtet fühlt. Die mustergültige Inszenierung konservativer Sehnsüchte eröffnet darin den Raum für eine konservative Zivilisationskritik, die sich als eine geraunte, ästhetisch verklausulierte Reaktion gebärdet. Die geschlechtliche Codiertheit der Utopien der Konservativen Revolution und die damit verbundenen Ideen von Ungleichheit, elitärem Herrschaftsmodell und kalter Gewalt als Ordnungsprinzip, erleben bei Tellkamp ein gefeiertes Comeback. Kämper zeichnet die tragende Bedeutung des Carl Schmittschen Dezisionismus, der sezierenden Kälte Ernst Jüngers oder der vitalistischen Ideologeme des Weißen Terrors der konservativen Revolutionäre für diesen Roman auf. Weiblichkeit hingegen verschwand vollständig in der Konturierung gelungener Männlichkeit. Radikalisierte Männlichkeit, so ihre Schlussfolgerung, strukturiert nach wie vor den ästhetischen Fundus eines demokratie- und gleichheitsfeindlichen Denkens, das bis heute Anziehungskraft entfaltet.

Das 20. Jahrhundert brachte aber auch und verstärkt in seiner zweiten Hälfte in einem nie zuvor da gewesenen Maß die Anerkennung des Individuums und die Artikulation von Menschenrechten, sei es als Rechte von Individuen, sei es als Rechte von nationalen, ethnischen oder kulturellen Gruppen. Auch diese menschenrechtlichen Konzepte wurden von Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis ebenso geformt wie sie diese gestalteten – vor allem via der neben das Individuum tretenden sozialen, nationalen, ethnischen und kulturellen Kollektive, die per se wiederum Geschlechterverhältnisse − in der Regel hierarchisch − regulieren.

Francisca de Haan befasst sich in ihrem Beitrag mit einer frauenpolitischen Organisation, die zu Unrecht bisher nur wenig wissenschaftliches und frauenpolitisches Interesse fand: Es handelt sich um die Internationale Demokratische Frauenföderation (IDFF), eine Nachkriegsfrauenorganisation, die im Dezember 1945 unter Beteiligung von 850 Delegierten aus 40 Ländern auf einem Internationalen Frauenkongress in Paris gegründet wurde. Die Frauen, die hier zusammenkamen, waren durch die Erfahrung von Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Widerstand untereinander verbunden; sie kamen aus kommunistischen und sozialdemokratischen Kontexten, auch viele nicht organisierte linke Sympathisantinnen gehörten dazu. Man einigte sich auf ein Programm, das als Eckpunkte Frauenrechte, bessere Lebensbedingungen für Kinder, Antifaschismus und anhaltenden Frieden vorsah. Wie auch andere internationale Frauenorganisationen wurde die IDFF in den 1940er und frühen 1950er Jahren in die Frauenpolitik der Vereinten Nationen eingebunden, war also politisch durchaus renommiert. Sie geriet jedoch schnell zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Abgestempelt als eine »von Moskau« gesteuerte Organisation verlor sie auf Druck der USA zeitweise ihren Status bei den UN. De Haan beleuchtet ihre politische Verortung im linken und kommunistischen Kontext, zeichnet die Veränderungen in der Ausrichtung der Organisation im Zuge des Kalten Krieges nach und problematisiert das schwierige Verhältnis von Feminismus und Kommunismus in der praktischen politischen Arbeit. Die Analyse der tatsächlich zu konstatierenden Wandlung von einer feministischen zu einer kommunistischen Organisation zeigt jedoch auch, dass sich die utopischen Gehalte beider politischen Konzepte nicht grundsätzlich ausschlossen.

Im Gespräch mit der Philosophin Cornelia Klinger haben wir Fragen zum Verhältnis von Utopie und Geschlecht vor dem Hintergrund der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts diskutiert. Wie hängen die große Menschheitsutopie der Moderne, wie sie in der Französischen und der Amerikanischen Revolution mit den individuellen Menschenrechten und dem Recht des Einzelnen auf das Streben nach Glück verkündet wurde, und die großen politischen Utopien des 20. Jahrhunderts, die als totalitäre Diktaturen auftraten, zusammen? Warum ist der Traum von der Menschheit als einem − brüderlichen, gleichen, freien − Subjekt schon in seiner Entstehung brüchig, als es sofort um die Begrenzung des Subjektstatus nach Kriterien der Nationalität, der sozialen Klasse und des Geschlechts ging? Was heißt das für das Verhältnis von Individuum und Subjekt? Und welche Strategien braucht es, um die Subjektwerdung von Frauen theoretisch, politisch und real zu ermöglichen? Wir beobachten oder sind aktiv daran beteiligt, dass Frauenrechte als Menschenrechte formuliert, dass Instrumentarien und Regularien zur globalen Verbreitung geschlechteregalitärer Gesellschaftsverhältnisse nicht nur gefordert, sondern in ihrem Namen ebenso wie zu ihrer Abwehr neue Kriege geführt werden. Doch wie können die Menschenrechte für Frauen im Gefüge von Nationalstaat, lokalen und weltpolitischen Akteuren adressiert und garantiert werden? Klinger plädiert für einen Abschied von jeder Form eines großen, einheitlichen Subjekts und setzt auf die unsichere, nicht utopische Hoffnung der Anerkenntnis einer fragilen und uneinheitlichen Menschheit.

Die Frage, »was Frauen, Männer, Geschlechter und Menschen überhaupt« sind, lässt sich seit dem von Pizans Cité des Dames markierten Beginn der sogenannten Querelle des femmes als Geschlechterstreit durch die europäische Geschichte hindurch verfolgen (Bock 2000). Hier knüpft Carlos Prieto Rodriguez – in unserer Rubrik Außer der Reihe – an, indem er hegemonialen Konzepten gesellschaftlicher Ordnung einschließlich der Geschlechterordnung in der spanischen Moderne nachgeht. Als zentral kennzeichnet er die allmähliche Durchsetzung der »Arbeitsgesellschaft« seit dem Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit ihren spezifischen Ausschlussmechanismen gegenüber Frauen. Prieto interessiert vor allem die normative Dimension der Definitionen von Geschlechtern, d.h. jener Aspekt, der sich auf das »Seinsollen« richtet und der nicht nur in unverbindlichen Utopien, sondern auch in regulativen Gesetzestexten zu Tage tritt. In den Fokus seiner Untersuchung rückt er das Gesetz von 1999 zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für »arbeitende Personen«, das von einer ebenso unterschiedslosen wie ahistorischen Gleichheit zwischen Männern und Frauen ausging, so, als ließen sich alle bestehenden sozialen Differenzen mit einem Federstrich beseitigen. Soweit reichte die Definitionsmacht des Gesetzgebers freilich nicht: Statt den Streit um Gleichheit und Differenz zu beenden, lieferte das Gesetz lediglich neue Anstöße im spanischen Geschlechterstreit.

In der Rubrik Diskussion greift Kirsten Heinsohn das Schwerpunkthema des Heftes auf, indem sie utopischen Potenzialen in der Geschichte des Feminismus nachgeht. Zwei kürzlich erschienene Quellenbände zur »alten« und zur »neuen« Frauenbewegung, der von Ute Gerhard, Petra Pommerenke und Ulla Wischermann herausgegebene Band Klassikerinnen feministischer Theorie und das von Ilse Lenz herausgegebene Kompendium Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied geben Anlass zu diesem Rückblick. Kern- und Angelpunkt feministischer Zukunftsentwürfe war das mit der bürgerlichen Revolution in die Welt gesetzte Gleichheitsversprechen, an dem die vorgefundenen geschlechtshierarchischen Gesellschafts- und Machtverhältnisse sich messen lassen mussten. Olympe de Gouges war die erste, die mit ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791 den exklusiven Charakter der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte des Jahres 1789 als Männerrechte anprangerte. 1793 wurde sie wegen einer Flugschrift, in der sie eine öffentliche Abstimmung über die künftige Regierungsform forderte, des Hochverrats angeklagt und guillotiniert (Römmelt 2009).Viele ihrer Nachfolgerinnen in den kommenden Jahrhunderten wurden wegen ihrer frauenrechtlichen Forderungen des Utopismus geziehen. Wurden feministische Zukunftsentwürfe für das weibliche Geschlecht lange dem Diskurs der Zeit entsprechend mit einer Verbesserung der Gesellschaft oder der ganzen Menschheit legitimiert, so traten die Feministinnen nach 1968 an, Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit explizit als individuelle Rechte durchzusetzen. Dies markiert nicht nur – wie Ilse Lenz festhält – die spezifische Differenz zwischen »erster« und »zweiter« Frauenbewegung, sondern auch einen gravierenden Unterschied in ihren jeweiligen mehr oder minder utopischen Leitvorstellungen.

In ihrem Beitrag »Fürsorgliche Orientierung jenseits des Arzt-Patienten- Verhältnisses. Informationsarbeit im Operationssaal« beschreibt Ulrike Tikvah Kissmann, welchen neuen Anforderungen an ihre Kommunikationsfähigkeit Ärztinnen und Ärzte im Operationssaal begegnen, die mit Hilfe von Computertechnologien die Arbeitsabläufe ihrer Kolleginnen und Kollegen supervidieren und steuern sollen. In diesem Zusammenhang werden Unterschiede zwischen »klassischen« und »neuen« Typen ärztlicher Tätigkeit herausgearbeitet. Wendete sich die bisher übliche ärztliche Tätigkeit als Fürsorgearbeit unmittelbar an die Patienten, so gilt die Fürsorge unter den Voraussetzungen des Einsatzes neuer Medien im Operationssaal in erster Linie den Kolleginnen und Kollegen, da das Wohl der Patienten vom Gelingen der Kommunikation mit ihnen abhängt. Kissmann greift zur Klärung ihres Begriffs von Fürsorge auf Diskussionen zurück, wie sie in den vergangenen Jahren nicht zuletzt in den feministischen studien geführt wurden. So hat zum Beispiel Joan Tronto in ihrem Aufsatz im Sonderheft 2000, »Demokratie als fürsorgliche Praxis«, das utopische Konzept einer Demokratie entwickelt, die auf fürsorglichen Beziehungen basiert.

Im Verlauf des 20.Jahrhunderts hat sich das utopische Motiv zunehmend vom gesellschaftsvisionären auf das menschenrechtliche Paradigma verlagert. Insoweit beides hochrelevant war für die massiven Veränderungen der Geschlechterverhältnisse der letzten hundert Jahre in Europa und darüber hinaus, erscheinen uns utopische und menschenrechtliche Vorstellungen als viel versprechender heuristischer Zugriff auf die dringend zu schreibende Geschlechtergeschichte des 20. Jahrhunderts. Nachdem der Historiker Eric Hobsbawm schon 1994 die kurze Geschichte seines »Jahrhunderts der Extreme«, für beendet erklärt hatte, erscheinen seither fast jährlich globale oder kontinentale Darstellungen des 20. Jahrhunderts oder seiner zweiten Hälfte – ausschließlich aus männlicher Feder. Frauen- und geschlechterhistorisch dürfen wir von der neuen Generation der master narrators etwas, aber nicht viel mehr als von ihren Lehrern erwarten. Die Arena ist eröffnet – wir sollten sie bespielen.

Der Themenschwerpunkt »Gebrochene Utopien« ist Lydia Marinelli (1965– 2008) gewidmet. Sie hat als wissenschaftliche Leiterin der Sigmund Freud Privatstiftung das Projekt »Utopien, Menschenrechte und Geschlecht«, aus dem eine Reihe von Beiträgen für dieses Heft hervorgingen, gedankenreich und tatkräftig unterstützt. Völlig unerwartet verstarb sie am 8. September 2008 – wir gedenken ihrer.

Gabriele Kämper, Regine Othmer, Carola Sachse

 

Anmerkung

1 Die Beiträge zum Themenschwerpunkt dieses Heftes sind aus der Tagung Utopien, Menschenrechte und Geschlecht im Europa des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, die vom 13. bis 16. Dezember 2007 im Sigmund-Freud-Museum, Wien, stattfand. Das Konzept entwickelten Carola Sachse (Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien) und Atina Grossmann (Cooper Union, New York). Die Tagung wurde veranstaltet vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, der Sigmund Freud Privatstiftung und dem Center for European and Mediterranean Studies der NewYork University. Sie wurde darüber hinaus gefördert von der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und der Freud Foundation US. Für die großzügige Unterstützung sei an dieser Stelle gedankt.

Literatur

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