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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2008 

EINLEITUNG

Neuer Feminismus?

Wenn die Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen, in den Beiträgen dieses Heftes in der Mehrheit mit ›Ja‹ beantwortet wird, ist damit noch nicht viel gesagt. Der Gegenstand und die Umstände erfordern offensichtlich ausführlichere und differenziertere Antworten. Denn was ist unter ›neu‹ zu verstehen, und von welchem Feminismus ist die Rede? Von einer neuen sozialen Bewegung von Frauen oder wenigstens einer geschlechtersensiblen politischen Praxis, von feministischer Theorie als kritischer Kultur- und Gesellschaftsanalyse oder von der aktuellen medialen Öffentlichkeit, die unter dem Stichwort ›neuer Feminismus‹ ebenso viele feministische wie antifeministische Positionen zu transportieren weiß?

Als wir in der Redaktion der feministischen studien in Zusammenarbeit mit dem Cornelia-Goethe-Centrum für Frauenstudien der Universität Frankfurt sowie in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung eine internationale Konferenz zum Thema »Brauchen wir einen neuen Feminismus?« planten1, wollten wir wissen, ob der vielberufene ›neue‹ Feminismus nur ein Medienfeminismus ist oder ob mehr dahinter steckt. Es ging uns – als Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Disziplinen – auch um eine Orientierung in eigener Sache, um eine Standortbestimmung zu feministischer Theorie und Politik. Und es fügte sich gut, dass mit dieser Konferenz gleichzeitig ein bemerkenswertes Jubiläum, das 25jährige Bestehen der feministischen studien, gefeiert werden sollte.

Wie unverzichtbar die feministischen studien mit ihrem Anliegen, zu einem neuen kulturellen Gedächtnis von Frauen und einem gesellschaftskritischen Urteilsvermögen beizutragen, auch in Zukunft sein werden, daran hat Mechthild Rumpf in ihrem Grußwort zum Jubiläum noch einmal erinnert.

Nicht vorhersehbar waren das rege Interesse und die unerwartet große Zahl der TeilnehmerInnen verschiedener Altersstufen an dieser Konferenz. Und es zeigte sich anhand der Beiträge und lebhaften Diskussionen sehr bald, wie provokativ und produktiv die Fragestellung nach einem neuen Feminismus ist, weil sie offenbar einen zentralen Punkt gegenwärtiger politischer und theoretischer Auseinandersetzung trifft und zugleich zu einer Zeitdiagnose herausforderte.

Elisabeth Klaus kennzeichnet in ihrem Beitrag das Panorama der öffentlichen Meinung, das im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren als die neue Feminismusdebatte wahrgenommen wird. In ihrer Inhaltsanalyse neuerer Publikationen, von Zeitschriften und auch von Sachbüchern, die zu Bestsellern wurden, erkennt sie sehr unterschiedliche Feminismen. Sie geht mit dem so genannten Elitefeminismus sowie einem sich selbst als konservativ bezeichnenden Feminismus, der sich mit antifeministischen Klischees profiliert, hart ins Gericht. In der Debatte über einen neuen Feminismus, die sich oft genug auch als Debatte um Kinder und Familie entpuppt, kommen Männer wieder einmal nicht vor. Immerhin, so die Verfasserin, schafft dieser medienmächtige Diskurs politische Gelegenheiten zu kritischer Intervention.

Da feministische Theoriebildung schon immer mehr als jede andere politische Theorie und – heute mehr denn je – über nationalstaatliche Begrenzungen hinausweist, ist die transnationale Perspektive in den meisten unserer Beiträge präsent. In anderen Ländern, auch in denen, die hier nicht vertreten sind, ist nach einem zu Beginn der 1990er Jahre konstatierten ›Backlash‹, dem Verstummen bzw. der Entpolitisierung von Gender- und Frauenfragen das F-Wort – durchaus in einer Pro- und Contra-Debatte – neuerdings wieder auf der Agenda. Vor allem Frauen der jüngeren Generation geht es darum, einen neuen Feminismus zu (re)präsentieren und feministische Theorien kritisch zu reflektieren und neu zu denken. In den abgedruckten Analysen zum Stand feministischer Theorie, aber auch in den Berichten über feministische Praxen und Projekte in Polen, Italien und Skandinavien sowie in Deutschland kommen erstaunliche Parallelen, aber auch Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten zum Vorschein, die einmal mehr die Berücksichtigung der je spezifischen historischen und sozialen Kontexte anmahnen.

Dass Solveig Bergman ausgerechnet in ihrem Beitrag über die Entwicklung in Skandinavien eine »neue Welle des Feminismus« diagnostiziert, mag verblüffen, gelten doch die nordischen Länder mit ihrem politisch etablierten Staatsfeminismus als Vorreiter und Vorbild für eine frauenfreundliche und erfolgreiche Gleichstellungs- und Sozialpolitik. Doch gerade auf einem so hohen Niveau institutioneller Rahmenbedingungen werden die Paradoxien und die anhaltenden Ungleichheitserfahrungen in den sexuellen Beziehungen, im Privaten und im Alltag virulent. In zahlreichen Veröffentlichungen und in vielfältigen Internet-Foren kritisieren Frauen die stereotypen sexualisierten Bilder des weiblichen Körpers und die fortgesetzte männliche Gewalt gegen Frauen. Entscheidend ist, dass diese neue feministische Mobilisierung nicht in organisierten Aktionen oder Demonstrationen, sondern als intellektueller und kultureller Diskurs geführt wird, in dem über Sprache, Publikationen, Medien und Internetkanäle diskursive Identitäten entstehen.

Die Betonung einer diskursiven und kulturellen Praxis kennzeichnet auch die Vorgehensweisen und Ansätze für einen neuen jüngeren Feminismus, über die Alek Ommert, Tristana Dini und Beata Kozak in ihren Beiträgen berichten. Sie informieren uns über eine Vielfalt feministischer Initiativen, die ihre Praxis, die sie selbst als feministisch begreifen, auf hohem theoretischem Niveau reflektieren. So führt uns Alek Ommert in die Subkultur so genannter Ladyfeste ein. Diese queerfeministischen Festivals, die seit 2000 hauptsächlich in den USA, Kanada, Australien und Europa inzwischen in großer Zahl veranstaltet werden, sind dank elektronischer Medien international gut vernetzt und geben mit ihren verschiedenen Kunst- und Musikszenen einer kulturellen Praxis ebenso wie theoretischen Diskussionen Raum, für die nicht das biologische Geschlecht, jedoch Geschlechterdifferenz und die Kategorie Sexualität die verbindenden Bezugspunkte sind. Der Begriff ›Lady‹ ist eine Selbstbezeichnung, die vor allem Frauen, Lesben und Transgender ansprechen soll.

Tristana Dini stellt die von ihr in einem Kollektiv mitherausgegebene neapolitanische online-Zeitschrift »adateoriafemminista« vor, die einerseits mit ihren politisch-philosophischen Analysen feministische Theorie in Italien wieder stark machen will, sich andererseits in deutlicher Distanzierung von der Idee und Praxis des ›affidamento‹ um ein neues Verhältnis der verschiedenen Frauengenerationen untereinander, aber auch gegenüber dem anderen Geschlecht bemüht. Feministische Theorie als radikale Infragestellung gegenwärtiger politischer Praxis und traditioneller politischer Konzepte wird hier als privilegierter ›Beobachtungspunkt‹ verstanden, von dem aus eine Kulturalisierung der Politik und eine Politisierung der Kultur zu betreiben ist.

Die polnische feministische Zeitschrift ›Zadra‹, über die Beata Kozak als Chefredakteurin berichtet, ist ein weiteres Beispiel für die subversive Aneignung der Medien als Form radikaler Kritik. Die die seit neun Jahren vierteljährlich erscheinende Zeitschrift findet im katholisch-patriarchalen Polen beachtliche Verbreitung. ›Zadra‹ – was soviel heißt wie ein ›Splitter‹, der im Auge stört – ist nicht nur eine akademische Zeitschrift, sondern wird an Kiosken vertrieben und ist dank einer Internetseite offen für alle, die aus feministischer Perspektive locker und witzig Interessantes zum Thema anbieten.

Rita Casale und Gudrun-Axeli Knapp widmen sich den hier aufgezeigten neuen Befunden aus philosophischer und gesellschaftstheoretischer Sicht. Rita Casale analysiert die Entwicklung feministischer Theorie, deren poststruktruralistische Wende sie insbesondere als Übergang von einer Gesellschaftstheorie zu einer politischen Epistemologie beschreibt, die als Ausdruck neuer Wissensformen und Wissenspraktiken die traditionelle politische Theorie und Praxis grundsätzlich in Frage gestellt hat. Ihre These, wonach die epistemologische Beschreibung zunehmend die philosophische, historische und soziologische Analyse sozialer und gesellschaftlicher Veränderungen ersetzt habe und auf ein funktionelles System oder auf einen Diskurs reduziert worden sei, kann auch als Pointierung eines Argumentationsstranges in der Auseinandersetzung mit dem so genannten ›cultural‹ oder ›linguistic turn‹ gelesen werden. Die Verfasserin verortet die Anfänge dieser kulturalistischen Zugänge,dieVeränderung des Politikverständnisses bereits in der politischen Zäsur um 1968 und weist auf deren Auswirkungen, den Abschied vom Begriff der Gesellschaft, in den Soziologien der Gegenwart hin. Ihr Plädoyer für eine fundierte Analyse der gegenwärtigen Situation trifft sich mit den Erkenntnissen, die Gudrun-Axeli Knapp in ihrem gesellschaftstheoretischen Beitrag zur Standortbestimmung feministischer Theorie präsentiert. Am Beispiel der Entwicklung einer deutschsprachigen Frauen- und Geschlechterforschung macht sie deutlich, dass Frauenbewegung und feministische Theorien immer sowohl transnationale Debatten und Projekte gewesen sind, als auch durch länderspezifische historische Bedingungen, politische und kulturelle Traditionen und Erkenntnisweisen geprägt wurden. Charakteristisch für die deutschsprachigen Ansätze waren ihre sozialhistorischen wie strukturtheoretischen Analysen, die sich auf wissenschaftshistorische Prägungen wie auch auf besondere politische Konstellationen stützen konnten. Zugleich haben der internationale Transfer und die Rezeption feministischer Theorien insbesondere seit Anfang der 1990er Jahre mit dem ›cultural turn‹ zu einer paradigmatischen Verschiebung feministischer Grundlagenkritik geführt, durch die das Differenzwissen in der Sex-Gender-Debatte radikalisiert, nicht nur de-konstruiert, sondern auch de-lokalisiert wurde. Knapps Aufforderung, sich verstärkt wieder auf die Baustellen kritischer Gesellschaftsanalyse zu begeben, zielt aber nicht auf einen ›social return‹, vielmehr geht es ihr in der gegenwärtigen historischen Situation der Globalisierung und Europäisierung um die Verbindung von Kultur- und Gesellschaftsanalysen und immer wieder um die Achsen von Ungleichheit und Differenz in den zeitdiagnostisch wichtigsten Dimensionen gender/sexuality, class, race/ethnicity.

Auch der Beitrag von Edgar Forster behandelt die in der Forschung wieder belebte Kategorie der sozialen Ungleichheit. Er bearbeitet neuere Konzepte der Critical Men’s Studies und verortet sie im interdisziplinären Forschungsfeld über Ungleichheit. Mit dem Begriff der Konstellation versucht der Verfasser, eine neue Verknüpfung zwischen einem lokalen, bzw. mikrophysischen Verständnis von Politik und einer neuen Form von Gesellschaftsanalyse zu finden. Ohne die Gesellschaft als unmittelbare Totalität zu erfassen, ermöglicht der Begriff der Konstellation – hier am Beispiel von hegemonialer Männlichkeit – eine komplexere gesellschaftliche Kontextualisierung punktueller Formen von Diskriminierung.

Die aktuellen Diskurse pro und contra Feminismus sind anders als in der Vergangenheit nicht von einer sich neu formierenden Bewegung von Frauen in die Öffentlichkeit getragen worden, sondern zunächst von JournalistInnen und PublizistInnen angestoßen worden. Produktiv daran ist, dass die Geschlechterverhältnisse (wieder) sehr kontrovers diskutiert werden und die gesellschaftlichen Beweggründe für eine solche Debatte in den Blick rücken. Das Resümee, das aus den Beiträgen zu einem neuen Feminismus gezogen werden kann, wird jede von uns, auch jede LeserIn auf der Grundlage ihres Erfahrungsraums und Erwartungshorizonts unterschiedlich gewichten. Während insbesondere jüngere Wissenschaftlerinnen dafür eintreten, das Neue, das radikalere Erkenntnisinteresse, die neuen Formen der Kommunikation und der Medien, die notwendige Kritik am früheren Feminismus und dessen Bornierungen und Fehlentwicklungen zu betonen, versuchen andere, in der Regel die älteren, Kontinuitäten und Unerledigtes, zweifellos aber auch die Brüche zu thematisieren. Doch solche Gegenüberstellung ist unangemessen, dogmatisch, sie führt nicht weiter. In der Geschichte des modernen Feminismus seit der Französischen Revolution gab es immer wieder Abgrenzungen und Verwerfungen, Auseinandersetzungen um Kultur und Politik gerade auch unter Frauen, hat dieser Gestus des immer wieder Neuen eine lange, selbstreflexive, zeitweise auch selbst zerstörerische Tradition. Man denke etwa an die bürgerlichen Differenztheoretikerinnen an der Wende zum 20. Jahrhundert, die sich mit ihrem Konzept weiblicher Eigenart von den Frauenrechtlerinnen in der Nachfolge der 1848erinnen abgrenzten, oder an den Generationenkonflikt in den 1920er Jahren, der auch international unter dem Stichwort ›new feminism‹ geführt wurde, oder an die neue Frauenbewegung der 1970er, die von der alten Frauenbewegung nichts wusste oder wissen wollte und aus gutem Grund nicht nur Gleichberechtigung, sondern Emanzipation forderte und für die Politisierung des Privaten eintrat. »Schon immer«, so schreibt Solveig Bergman in ihrem Beitrag in diesem Heft, »haben sich feministische Bewegungen in kollektiven Aktionen sowohl auf kultureller als auch auf politischer Ebene engagiert und sich nicht auf institutionelle und organisatorische Veränderungen beschränkt. Wenn man die diskursive und kulturelle Dimension des Feminismus analysiert, fällt es leichter Kontinuitäten zu entdecken.« Distanzierung und erneute Aneignung sind unumgänglich, wenn feministische Bewegung und Kritik sich nicht in Gegebenem einrichten, sondern auf die Überwindung einer hierarchischen Geschlechterordnung und auf Gerechtigkeit angesichts sozialer Ungleichheiten zielen sollen. Doch es geht auch um Einsichten in Erfahrungen, um das Bewahren von politischen und theoretischen Errungenschaften, die im Wissen um Diskriminierung, Ungleichheit und Differenz in ihren verschiedenen kategorialen Ausprägungen wie Geschlecht, Klasse oder Ethnie die theoretische Analyse und politische Praxis leiten können.

Im allgemeinen Teil des Heftes gehen wir In eigener Sache auf das 25-jährige Jubiläum der feministischen studien ein und bringen Fotos von der Konferenz sowie Gedankensplitter aus der Roundtable-Diskussion über Medienfeminismus. In der Rubrik Im Gespräch mit… wird ein Interview abgedruckt, das Ida Dominijanni für die italienische Tageszeitung »il manifesto« mit den US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen Wendy Brown und Judith Butler über radikale Demokratie geführt hat und in dem unter anderem der amerikanische Wahlkampf analysiert wird. Und in Außer der Reihe formuliert Claudia Gather ihre Überlegungen darüber, wie der Mythosbegriff von Simone de Beauvoir für die feministische empirische Soziologie nutzbar gemacht werden kann. Wie immer stehen Tagungsberichte und Rezensionen am Schluss des Heftes.

Rita Casale, Ute Gerhard, Ulla Wischermann

 

1) Die Konferenz wurde vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Förderverein Feministische Studien, dem Förderverein des Cornelia Goethe Centrums und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung gefördert. Ihnen sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.