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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2008 

EINLEITUNG

Gefühle

 

Gefühle haben derzeit in den Kulturwissenschaften Konjunktur. Auf dem kulturwissenschaftlichen Prüfstand stehen insbesondere universalistische Theorieansätze der Psychoanalyse und der Psychologie, die »innere« Zwänge und Triebe bzw. reaktive emotionale Verhaltensweisen als eine Art anthropologische Konstante menschlichen Verhaltens verstehen und behandeln. Das sich neu artikulierende Interesse der Kulturwissenschaften geht dagegen von der Annahme aus, dass Gefühle und Emotionen sozial konstruiert und daher kulturspezifisch und historisch wandelbar sind. Dies nachzuweisen ist keine einfache Aufgabe, zumal nicht zu übersehen ist, dass Gefühle sich in der Regel durch Repräsentationen »realisieren« bzw. fassbar werden, die ihrerseits zweifellos kulturspezifisch codiert sind. Viel spricht für die Annahme, dass eine inter- und innerkulturell gleiche Anlage (d.h. eine Potentialität) für die Kultivierung sämtlicher Gefühle zur Ausbildung kulturspezifisch unterschiedlicher Gefühls-»Grammatiken« führt, d.h. zu bestimmten, nicht leicht verfügbaren Kombinationsregeln für unterschiedlich bewertete und gewichtete Emotionen – und dies nicht zuletzt auch bezüglich ihrer geschlechtlichen Codierung (vgl. dazu den Beitrag von Barbara Rosenwein).

Der nachweisliche Zusammenhang zwischen der jeweiligen Gefühlsrepräsentation und dem spezifischen Darstellungsmedium lässt allerdings nicht nur viele Erkenntnisse einer naturwissenschaftlich orientierten Emotionenforschung, sondern auch die meisten bisher getroffenen Aussagen über eine mehr oder weniger lineare Geschichte der Gefühle (bzw. der Gefühlskontrolle) – üblicherweise unter dem Begriff der »Zivilisierung« subsumiert – problematisch erscheinen und verlangt nach weiterer differenzierter Erhellung der verschiedenen »Kulturen der Gefühle« und ihrer jeweiligen Wandlungen.

So hat die kulturwissenschaftliche Emotionen-Forschung in den letzten Jahren sehr deutlich herausgearbeitet, wie sehr Gefühle »epochenspezifisch« zu verstehen sind; dies gilt etwa für die »Melancholie«, die heute gegenüber der Depression als vergleichsweise harmloser »Weltschmerz«, ja als symptomatische Haltung in der Postmoderne schlechthin erscheint, in älteren Epochen aber als schweres, geradezu teuflisches »seelisches Leiden« betrachtet und nicht zuletzt mit religiösen Mitteln (Fasten, Beten, Beichte etc.) zu behandeln versucht wurde.

Des weiteren wurde – etwa in der Diskussion des Erfahrungsbegriffes (vgl. dazu auch Feministische Studien 2 / 2001) – deutlich, dass das öffentliche Reden über Gefühle und die emotionale Befindlichkeit von Menschen zwar individuell erheblich differieren konnte, die subjektive Gefühlslage aber auf kulturell vorhandene Muster angewiesen war und ist, um überhaupt geäußert werden zu können. Dabei kommt den Normen für den Ausdruck derjenigen Emotionen, die für ein Geschlecht als »angemessen« angesehen werden, ihrer Inszenierung oderVerdeckung,eine besondere Rolle zu.

Virulent ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der physischen Dimension von Gefühlen – dies vor allem auch im Blick auf eine geschlechtertheoretische Perspektivierung kulturwissenschaftlicher Emotionen-Forschung. Denn die Frage nach der geschlechtlichen Codierung einzelner Affekte wie auch bestimmter Gefühlszustände, ja der Affektivität ganz allgemein bleibt in der bisherigen Forschung relativ unklar und ist noch näher zu untersuchen. Neben Menschen »niederer Stände« oder »fremder Kulturen« bzw. »Rassen« galten (und gelten z.T. bis heute) Frauen allgemein als unkontrollierter und »emotionaler«, Männer dagegen als »rationaler« und damit auch weniger abhängig von ihren Gefühlen. Insbesondere negativ konnotierte Gefühle wie Angst, Trauer, Schmerz, aber auch Scham wurden traditionell bevorzugt dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben – wobei es durchaus zu widersprüchlichen Vorstellungen und Codierungen von Gefühlen kommen konnte, etwa wenn (wie bei Freud) (stumme) Trauer als »typisch« weibliche Verhaltensweise bzw. Reaktion auf einen Verlust gedeutet wurde, während Melancholie gleichermaßen als männlich und kreativ konnotiert und zur Kulturkraft ersten Ranges erhoben wurde. Zu denken ist auch an eine systemisch komplementäre Aufteilung ambivalenter Gefühlslagen:

z.B. den Frauen die Angst vor einem Krieg oder vor gewalttätigen Übergriffen zuzuschreiben, den Männern dagegen Mut, Hass, Wut oder schlicht Aggressivität (vgl. dazu den Beitrag von Sylka Scholz).

Die Konstruktionen von Geschlecht und von Gefühlen sind in einer sehr engen Weise miteinander verflochten und können nicht kontextfrei untersucht werden. Eindeutig ist lediglich, dass in jedem bisher bekannten kulturellen Zusammenhang normative Vorstellungen hinsichtlich der Unterscheidbarkeit zweier Geschlechter in Aussehen und Verhalten (zu beidem gehört der Gefühlsausdruck) wie auch von der Angemessenheit von Gefühlen für Situationen eines bestimmten Typs wirksam sind und beides nicht voneinander ablösbar ist: keine Gefühlsäußerung ganz ohne Gender, kein Gender ohne entsprechende Gefühle – wobei auch »undoing gender« in bezug auf Emotionen, etwa »neutrale« Gefühlsdarstellungsstrategien, zu untersuchen interessant und wichtig wäre.

Im vorliegenden Themenheft »Gefühle« sind Beiträge aus verschiedenen kulturwissenschaftlichen Feldern (Literaturwissenschaft, Philosophie, Geschichte, Sozialwissenschaften) zusammengeführt, die sich der Emotionenforschung aus der Perspektive der Geschlechterforschung nähern.

Im ersten Beitrag gibt die Philosophiehistorikerin Catherine Newmark einen Überblick über die »longue durée« der (kulturellen und geschlechtlichen) Codierung von Emotionen seit der Antike. Interessant und wichtig ist hier die Feststellung, dass in den antiken »Passionen«-Lehren geschlechtsunspezifische Definitionen mit geschlechtlich markierten Kontexten eine jeweils schillernde Verbindung eingingen, die erhebliche Differenzen und Varietäten in Hinblick auf die geschlechtliche Zuordnung einzelner »Passionen« bzw. Gefühlskomplexe und Emotionen zuließen. Hier kommt im übrigen der »Moderne« – d.h. dem Ende der vormodernen Körper- und Temperamentenlehre um 1800 – eine besondere Bedeutung als Einschnitt und Epochengrenze zu, die auch von Franziska Frei-Gerlach hervorgehoben wird.

In ihrem Beitrag geht es um das »Gefühlsdreieck« zwischen Liebe, Freundschaft und Geschwisterlichkeit, das um 1800 eine besondere Brisanz erhielt, weil der Liebesdiskurs sich zu diesem Zeitraum unter dem Vorzeichen von Empfindsamkeit und Rousseaubegeisterung gleichsam verselbständigte und sich auf neuartige Weise mit familiären wie mit Freundschaftsbildern und -diskursen vermengte. Hier entstand eine besondere Herausforderung durch die Erprobung gegengeschlechtlicher Freundschaft unter dem Vorzeichen von »Geschwisterlichkeit« in Friedrich Heinrich Jacobis Roman »Woldemar oder Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte« von 1779 – der prompt bei den Zeitgenossen auf massive Kritik stieß, nicht zuletzt, weil die dort propagierten (Geschlechter-)Beziehungen als unglaubwürdig und nicht nachvollziehbar erschienen.

Ebenfalls um einen öffentlich verhandelten Konflikt um Geschlechterrollen geht es im Beitrag von Carolin Arni. Sie interessiert sich insbesondere für die in der Debatte um Freundschaft zwischen den Geschlechtern verborgene Dynamik von Rivalität und Begehren, die sich in der Moderne Bahn brechen konnte, als die Gleichheit von Frauen und Männern erstmals denk- und sagbar wurde, wie Arni am publizistischen Schlagabtausch zwischen der französischen Frühfeministin Jeanne d’Harcourt und dem Anarchisten Proudhon in den 1850er Jahren nachweisen kann.

Auf einer ganz anderen Ebene spielen Gefühle im Beitrag von Íngrid Vendrell Ferran über die frühen Phänomenologinnen Edith Stein, Gerda Walther und Else Voigtländer und ihre Forschungen eine Rolle. Neben der Frage, wie sich die Frühphänomenologinnen zu Emotionen, dem Verstehen der Emotionen anderer Menschen, dem Leib und der affektiven Basis des Sozialen äußerten, steht hier vor allem die Frage im Zentrum, warum – anders als in anderen philosophischen Strömungen und entstehenden Disziplinen wie der Psychologie – in der frühen Phänomenologie eine vergleichsweise große Anzahl von Wissenschaftlerinnen zu finden ist. Indes zeigt sich, dass dies weniger der thematischen Ausrichtung der Phänomenologinnen zuzuschreiben ist, sondern eher der damals noch wenig »kanonisierten« philosophischen Teildisziplin selbst und ihren vergleichsweise geringen internen Hierarchisierungen, die nicht zuletzt auf einen geringen Institutionalisierungsgrad zurückzuführen sind.

Im Diskussionsteil präsentiert die Historikerin Barbara Rosenwein die Probleme, Gender als Analysekategorie in empirischen Emotionsstudien stark zu machen – und sie gibt Anregungen, wie diesen Schwierigkeiten durch Kontextualisierung und Historisierung begegnet werden könnte. Geschlecht spielt in diesen Forschungen überwiegend die Rolle einer Invariablen, wodurch es zu Stereotypisierungen und zu unzulässigen Verallgemeinerungen von Geschlechtsunterschieden kommt – ganz zu schweigen davon, dass diverse Studien sich in ihren Ergebnissen diametral wiedersprechen und dadurch Gender insgesamt als Analysekategorie problematisch erscheint.

Sylka Scholz unternimmt in ihrem Beitrag eine kritische Sichtung der bisherigen Gewaltforschung aus Sicht der Geschlechterforschung. Hier dominierte lange Zeit der Blick auf weibliche Opfer – wodurch der männliche Part als Täterposition festgeschrieben wurde und die subtilen Dynamiken mann-männlicher Gewalt- und Aggressions«rituale« aus dem Blickfeld gerieten. Dass diese ganz erheblich gerade über das Erleiden von Gewalt und das damit verbundene, stark geschlechtlich konnotierte Gefühl der Scham gesteuert sind, zeigt sie aufgrund von Material aus narrativen Interviews zur Grundausbildung in der ehemaligen NationalenVolksarmee der DDR. Sie entwickelt erste Hypothesen über den Zusammenhang von Verletzungsoffenheit, Geschlecht und spezifischen Emotionen.

Um Kriegserfahrungen und -repräsentationen aus weiblicher Sicht, aber vor allem auch um »Rhetoriken über Krieg« geht es im Beitrag »außer der Reihe« von Elisabeth Klaus. Sie beschreibt eine in den ersten Jahren des I. Weltkriegs öffentlich (und z.T. vor Gericht) geführte Kontroverse zwischen der Foto-Journalistin und Kriegsberichterstatterin Alice Schalek und dem pazifistischen Publizisten Karl Kraus, der Schalek in aggressiv anti-feministischer Weise der Kriegsverherrlichung wie aber vor allem auch der Übertretung von Geschlechtergrenzen beschuldigte. Die von E. Klaus in ihren rhetorischen Verstrickungen analysierte Kontroverse macht deutlich, wie komplex die Beziehungen zwischen Antimilitarismus und (Anti-)Feminismus, Kriegsverherrlichung und weiblicher Emanzipation (nicht nur) in dieser dynamischen Ära waren.

In »Bilder und Zeichen« präsentieren wir die Künstlerin Sandra Brandeis Crawford mit einigen ihrer Collagen und Bilder, die sich interessanterweise gleichermaßen von den Foto-Arbeiten wie den weiblichen Grenzüberschreitungen der Alice Schalek hat inspirieren lassen, wie sie selbst schreibt. Als Frau in der traditionell männlichen Welt der Malerei und Bildenden Kunst sieht sie u.a. die Wiener Journalistin als ein Vorbild, um hier mutig eigene Wege zu beschreiten.

Im Informationsteil stellt Hanna Hacker eine Sammlung von insgesamt 25 Interviews mit US-amerikanischen feministischen Wissenschaftlerinnen vor, unter ihnen Donna Harraway, Mina Davis Caulfield und Nancy Chodorow, die auf weitere Analyse warten. Tagungsberichte zu »Travelling concepts« der Geschlechterforschung und den »Contested Gender Cultures Across the European Union« sowie, wie immer, Rezensionen runden unser Heft ab.

                      Hilge Landweer, Claudia Opitz-Belakhal und Helga Kelle