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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1997 

EINLEITUNG

Die Gesellschaft für deutsche Sprache reagierte 1995 auf die rapide angestiegene Verwendung des Begriffes Multimedia in der politischen, gesellschaftlichen und medienvermittelten Öffentlichkeit, indem sie Multimedia zum »Wort des Jahres« erklärte. Mit diesem und anderen nicht weniger diffusen Begriffen wie Datenautobahn, Information Highway oder Cyberspace werden die weitreichenden informations- und kommunikationstechnologischen Entwicklungen gekennzeichnet, die es ermöglichen, bislang voneinander isolierte Bereiche wie Unterhaltungselektronik, Telekommunikation und Computertechnologie oder geschriebene und gesprochene Sprache bzw. Audio und Video zu integrieren. Nicht nur diese Zusammenführung, sondern die Digitalisierung der Kommunikation mittels des Sprach- und Datenübertragungsnetzwerkes ISDN, bei der alle Arten von Bild und Ton wie Computerdaten in Bits umgewandelt und damit technisch vereinheitlicht werden und sich über Kabel senden oder auf eine Platte speichern lassen, stellt das eigentliche Novum dieser Entwicklung dar. Entscheidend ist zudem, daß die Kommunikation interaktiv stattfinden kann: Sie geht in beide Richtungen, NutzerInnen empfangen nicht nur, sondern sie können reagieren, suchen, abrufen oder austauschen.
Auch wenn nach Angaben der Gesellschaft für Konsum- und Marktforschung (GfK) in Nürnberg im Jahr 1996 erst ungefähr ein Viertel aller bundesrepublikanischen Haushalte (27 % in den alten, 23 % in den neuen Ländern) überhaupt über die technische Minimalvoraussetzung in Form eines Personalcomputers verfügte, füllen die Debatten über zu erwartende Durchsetzungs- und Aneignungsprozesse der neuen Technologien sowie über die damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen inzwischen ganze Bücherregale. Die Prognosen des sozialen und kulturellen Wandels durch die Einführung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien schwanken zwischen Extremen: Sie verbreiten Optimismus wie Pessimismus, vermitteln Ohnmachts- wie Allmachtsgefühle, reichen von Visionen einer Demokratisierung der Gesellschaft bis hin zu düsteren Szenarien der Medienmoralisten.

Wenn auch in den aufgeregten Diskussionen eher selten zur Kenntnis genommen, haben Feministinnen schon längst damit begonnen, sich mit den potentiellen Auswirkungen von Multimedia auf das Geschlechterverhältnis zu beschäftigen. In zahlreichen Publikationen und Konferenzen über Frauen in der Medien- und Informationsgesellschaft geht es nicht nur um die alte, wenn auch immer wieder aktuelle Analyse des Zusammenhanges von Technik und männlicher Herrschaft, sondern gleichzeitig immer auch um Überlegungen und Abwägungen dazu, wie die neuen durch Multimedia eröffneten Kommunikationsmöglichkeiten und -räume zu bewerten und gegebenenfalls mitzugestalten bzw. zu nutzen seien.
Wir haben in diesem Heft versucht, das Thema Multimedia von verschiedenen Seiten her zu beleuchten - ein durch die Vielschichtigkeit des Themas naheliegendes Vorgehen, zudem eines, das dem inter- bzw. multidisziplinären Charakter unserer Zeitschrift besonders entspricht. Der in den Schwerpunkt einführende Beitrag von Elisabeth Klaus versucht, unter der Fragestellung »Revolutioniert Multimedia die Geschlechterbeziehungen?« das Feld aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht abzustecken. Im Rückgriff auf historische Entwicklungen wie die Einführung von Radio, Telefon oder Fernsehen interpretiert sie die Multimedia-Zukunft nicht als »Revolution«, sondern verortet sie als eine neue Stufe innerhalb eines Entwicklungsprozesses. Unter dem Stichwort »Gendered Technologies« arbeitet der Aufsatz heraus, wie sehr die Nutzung und Wirkung neuer Technologien mit den in der Gesellschaft wirkenden sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Macht- und Dominanzverhältnissen verknüpft sind. In der Deutung der Autorin ist Technikaneignung ein kontextbezogener, ambivalenter und widersprüchlicher Prozeß, der durch die eigenständigen/eigenwilligen Aneignungspraxen der Individuen letztlich nicht prognostizierbar ist.
An einem historischen Beispiel, der Einführung des Radios, gehen Uta C. Schmidt und Monika Pater der Frage nach, welche Auswirkungen neue Technologien auf das Geschlechterverhältnis hatten (und haben können). Mit einem kulturwissenschaftlich gerichteten Blick verfolgen sie in ihrem Beitrag die Integration des Radios in die alltäglichen Lebenswelten. Bis Anfang der 30er Jahre entwickelte es sich von einem technischen Spielzeug von Bastlern, denen der Empfang um des Empfanges willen wichtig war, hin zu einem »Freund« der Familie, zu einem »Gefährten der Hausfrau«, der ihr Abwechslung, aber auch einen bestimmten Zeitrhythmus in den Alltag brachte. Diskutiert man die neuen Medien in ihrer Herausforderung für heutige Selbst- und Weltwahrnehmung, so ist dieser Exkurs in die 70jährige Geschichte des Radios und die Analyse der dadurch geschaffenen Kommunikationskulturen als Massenphänomen zweifellos ein wichtiger Beleg dafür, daß die Implementierung eines neuen Mediums »von einem vielfach verschachtelten Prozeß der genderization strukturiert« wird.
Der nächste Beitrag bewegt sich eher in der Zukunft als in der Vergangenheit: Er beschäftigt sich mit einem besonders interessanten Aspekt computervermittelter Kommunikation, den Virtuellen Realitäten. Marie-Luise Angerer versucht, Charakteristika und Möglichkeiten des Cyberspace -

computersimulierte Scheinwelten, die dreidimensional erfahren werden können - wie z.B. die relative Offenheit, die Vielfalt und Ungebundenheit der Interessen sowie die Möglichkeit des Wechsels von Identitäten mit Körpertheorie-Ansätzen zusammenzubringen. Sie distanziert sich von Festschreibungen der Zweigeschlechtlichkeit, die Frauen als das »Andere« einer männlich strukturierten und dominierten Technik begreift und will den Cyberspace mit Hilfe postmoderner dekonstruktivistischer Ansätze weiter denken. Die Analyse von Science-Fiction-Literatur und neuen Kunst- und Medienpraxen dient der Autorin als Ausgangspunkt und Folie für Folgerungen zu einer - auf Ansätze von Elizabeth Grosz, Moira Gatens, Donna Haraway und Sadie Plant rekurrierenden - feministischen Kultur- und Techniktheorie.
Aus ganz anderer Perspektive, nämlich einer techniksoziologischen, diskutiert der Beitrag von Susan Geideck und Martina Hammel die gesellschaftlichen und sozialen Folgen neuer Kommunikations- und Informationstechnologien. Ihr Thema ist die Tele(heim)arbeit und ihre Auswirkungen auf Erwerbs- und Hausarbeit bzw. die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Die Autorinnen wählen den Weg der qualitativen Analyse, da derzeit keine gesicherten quantitativen Prognosen vorliegen und auch nicht möglich sind. Sie beschreiben zunächst den Stand und die Trends der derzeitigen Entwicklung, um dann unter dem Stichwort »Zirkularität des Geschlechterarrangements« die Frage nach dem in Telearbeit eingelassenen Geschlechterverhältnis zu diskutieren. Das im Zuge von Modernisierungstheorien neu definierte, vorgeblich geschlechtsneutrale »Normalarbeitsverhältnis« steht dabei im Mittelpunkt ihrer Reflexion.
Das Internet gilt immer noch als Männerdomäne, und das zu Recht: Nach einer auf Deutschland bezogenen Umfrage vom Sommer 1996 sind nur 18 % der Online-User weiblich. So ist es nicht besonders überraschend, daß sich in diesem so eindeutig von Männern beherrschten Medium geschlechtsspezifische Kommunikationsstile nachweisen lassen. Susan Herring, deren Aufsatz übrigens bisher nur im Netz veröffentlicht war, hat in unterschiedlichen Newsgroups nach erkennbaren Stilunterschieden gesucht und ist dabei fündig geworden. Männer und Frauen - so arbeitet sie heraus - bilden verschiedene Diskursgemeinschaften mit unterschiedlichen kommunikativen Normen und Praktiken. Nicht nur divergierende Kommunikationsstile, sondern vor allem auch eine divergierende Kommunikationsethik führe dazu, daß männliche und weibliche Netzkultur in Konflikte geraten, die die neuen Kommunikationsräume im Cyberspace für Frauen oft sehr unwirtlich machen.
Der Themenschwerpunkt des Heftes wird abgerundet durch einen Tagungsbericht im Informationsteil über »Frauen im Netz« und durch einen Service-Teil von Helga Dickel, die deutschsprachige Netze und Informationsquellen in den Computernetzen vorstellt.
Im offenen Teil des Heftes befinden sich in der Rubrik »Außer der Reihe« diesmal zwei Aufsätze, wovon der erste im Mittelpunkt aktuellen Interesses steht: Karin Priesters Artikel über »Eva Perón: Die Frau als charismatische Führerin« greift ein Thema auf, das gegenwärtig medienwirksam, auch filmisch vermarktet wird. Hier enden jedoch schon die Parallelen. Die Studie von Karin Priester beschreibt die vielseitigen Facetten der Evita Peron unter herrschaftssoziologischen Fragestellungen. Sie untersucht die Reichweite ihrer Macht in einem »Nebenstaat« mit eigenen Institutionen und eigenem Budget und ihre charismatische Aura mit kultisch-religiösen Aspekten vor und nach ihrem Tode im Kontext der Integrationskrise der argentinischen Gesellschaft in den 30er und 40er Jahren. Für Menschen aus westlichen Demokratien kaum nachvollziehbar ist der politische Einfluß einer Frau, der auf staatlich nicht-institutionalisierter Macht beruhte: auf einer von Evita »umgemodelten« Gewerkschaftsorganisation, der peronistischen Frauenpartei, der »Stiftung Eva Perón«, die sie selber ins Leben gerufen hat, auf ihrem Einfluß in den Medien und auf klientelistischen Beziehungsnetzen.

Einen anderen Zugang zu weiblicher Macht und Einfluß eröffnet Angelika Wahl mit der Frage nach »Geschlechtergleichbehandlung an amerikanischen Universitäten: Equality versus Quality?«. Die in den USA heftig geführten Diskussionen um Gleichstellung im Bildungssektor polarisieren sich: Kritiker der »Affirmative Action« und der Antidiskriminierungsgesetze sehen eine negative Korrelation zwischen vermehrter Gleichheit und der Oualität in Lehre und Forschung. Die Autorin hingegen arbeitet am Beispiel gesetzlicher Regelungen und ihrer Umsetzung sowie an juristischen Interpretationen der Gleichstellungsgesetze heraus, daß durch den wachsenden Frauenanteil an US-amerikanischen Universitäten weniger die Qualitätsansprüche als männliche Privilegien, Traditionen und Identitäten gefährdet sind.
Im Diskussionsteil sowie im »Forschungsbericht« nehmen wir bislang in den Feministischen Studien eher selten thematisierte Forschungsrichtungen auf: Andrea Günter untersucht das ambivalente Verhältnis von feministischer Theologie und Frauenbewegung im Rahmen feministischer Vernunftkritik und Erkenntnistheorie, und Ellen Kuhlmann diskutiert neuere Entwicklungen in der Gesundheitsforschung aus feministischer Perspektive. Zwei streitbare Beiträge schließen den Diskussionsteil ab: Im Zusammenhang mit einem Kolloquium zur Simone de Beauvoir-Rezeption zeigt Ingrid Galster auf, wie die Forschung durch den Nachlaß und posthum veröffentlichte Schriften Auftrieb erhalten hat und wie polarisiert gegenwärtig die Haltung vor allem französischer Feministinnen gegenüber S. de Beauvoir’s »Le Deuxième Sexe« ist. Einem aktuell-politischen Vorfall - der Verhinderung einer Diskussion mit Katharina Rutschky in Marburg - widmet sich der Beitrag von Juliane Jacobi, die die Vorgänge in ihrer persönlichen Stellungnahme unumwunden als »feministischen Terror« bezeichnet.
Hinzuweisen bleibt noch auf die Rubrik »Bilder und Zeichen« sowie auf die ausführlichen Informationen über Tagungen und den Rezensionsteil in diesem Heft, in dem wir uns bemüht haben, ein breites Spektrum jüngster Debatten und Ergebnisse präsent zu machen.

Ulla Wischermann, Mechthild Veil