deutsch
|
english
Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1997 

EINLEITUNG

Ursprünglich sollte dies Heft den Titel »Mädchen: gestern - heute - morgen« tragen, dies auch, weil es in den 50er Jahren ein gleichnamiges Mädchenjahrbuch gab. Nachdem wir aber zum einen keine Beiträge zu »Mädchen - morgen« oder zu Zukunftsvisionen erhielten und obendrein ein bekannter Postadoleszenter deutscher Schlagersänger seine diesjährige Tournee unter unser Motto stellte (allerdings ohne das Suffix Mädchen), entschieden wir uns für den scheinbar unspezifischen Titel »Mädchen«. Eine weitere inhaltliche Präzisierung des Titels verbot sich uns aus guten Gründen. Denn eines machen die Beiträge dieses Heftes deutlich: Weibliche Kindheit und Jugend läßt sich nur unter vielfältigen Facetten abbilden. Sigrid Nökel stellt mit den in Deutschland geborenen bzw. aufgewachsenen und weitgehend nicht-religiös sozialisierten Neo-Muslima eine Gruppe von jungen Frauen vor, die die islamische Frömmigkeit für sich entdecken, was für Nichtmuslime am augenfälligsten im Tragen eines Kopftuches dokumentiert wird. Anhand von biographischen Erzählungen zeigt die Autorin, wie diese jungen Frauen das Konzept einer modernen muslimischen Frau für sich entwerfen, in dem Kopftuch und Karriere durchaus nebeneinander stehen können. Doris Lemmermöhle beschäftigt sich mit dem ganz unterschiedlichen Über-gang zweier junger Frauen in die Arbeitswelt. Dabei geht es ihr darum zu zeigen, daß im Verlauf der Berufsfindung und der Übergänge in das Beschäftigungssystem ein Prozeß der Vergeschlechtlichung, des »doing gender« stattfindet. Diesen Prozeß rekonstruiert sie auf der Grundlage von biographischen Interviews, die zwischen dem 8. Schuljahr und den vier Jahren nach dem Schulabschluß gemacht wurden.

In dem Beitrag von Maya Götz geht es um Mediennutzung in der weiblichen Adoleszenz. Anhand von Interviews stellt sie dar, wie ein eher scheues Mädchen Wrestling, inszenierte Ringkampfe zwischen »guten« und »bösen« Männern, für ganz Unterschiedliches nutzt, vor allem aber zur parasozialen Kommunikation mit einem Medienstar. Als Fan nämlich imaginiert sie sich in einer Beziehung zu einem Wrestling-Moderator und ganz besonders zu einem Wrestling-Star. Monika Thiele fragt danach, was die Rhythmische Sportgymnastik, die ja nur von (vor)adoleszenten Mädchen betrieben wird, symbolisch enthält, das besonders Mädchen und sehr junge Frauen anzieht. Sie macht deutlich, daß die Attraktivität dieser »weiblichsten aller Sportarten« darin besteht, eine »beherrschte Selbstinszenierung« präsentieren zu können, die nur auf der Grundlage der Beherrschung und Unterwerfung des eigenen Körpers möglich ist. Als Motor hinter diesem permanenten Willensakt macht die Autorin die Angst vor dem unbeherrschten Körper, vor Triebhaftigkeit und Entgrenzung kenntlich. Anhand von Mädchentagebüchern, die zwischen 1860 und 1875 geschrieben wurden, geht Sigrun Putjenter der Frage nach, wie sich für Pioniermädchen der Aufbruch in den nordamerikanischen Westen darstellte. Sie zeigt, daß sie dabei keineswegs »das größte aller Abenteuer«, als das der Treck in den Westen sonst gilt, erlebten. In ihren Tagebüchern halten die Mädchen fest, wie sich für sie neue Formen des Alltags darstellten. Einen eindrucksvollen Beitrag zum Themenschwerpunkt bilden die schwarz-weißen Momentaufnahmen aus dem Leben von Mädchen aus vergangenen Frankfurter Tagen, die Ursula Kern zusammengestellt und kommentiert hat.

In der Rubrik »Außer der Reihe« veröffentlichen wir eine Rede von Pierre Bourdieu, die er anläßlich der Verleihung des Goffman-Preises durch die Universität Berkeley im vergangenen Jahr hielt. In der Übersetzung von Regine Othrner wird sie hier erstmals einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Bourdieu demonstriert, wie über den »ethnologischen Umweg« Erkenntnisse über die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit gewonnen werden können, die keineswegs eine Neuentdeckung oder gar ein Monopol der sogenannten Postmoderne sind. Ulla Bock fragt nach der Bedeutung von persönlichen Vorbildern in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses an unseren Universitäten und nach den spezifischen Bedingungen, unter denen Frauen in dieser Institution arbeiten. Sie zieht das Fazit, daß einer Mentorin in der Beziehung zu einer jüngeren Wissenschaftlerin vor allem aufgrund ihrer Spiegelfunktion im Hinblick auf das Selbstverständnis als »Fremde am eignen Ort« eine besondere Bedeutung zukommt. In ihrer Person und ihrer Position verkörpert die Mentorin die Möglichkeit, daß Frauen einen »angemessenen« Platz in der Welt der Wissenschaft finden. Im Diskussionsteil greift Jutta Weber die in den Feministischen Studien bereits seit langem geführte Debatte über feministische Subjekttheorie auf, um sie auf eine in den einschlägigen Diskursen oftmals vernachlässigte Fragestellung zu zentrieren: das Problem des Naturbegriffs in postmoderner Theorie, deren Verständnis von Materialität und Körperlichkeit. Reinhild Schäfer untersucht das Verhältnis der neuen Frauenbewegung zum Staat. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß bei aller Radikalität im Denken und Handeln die feministische Politik der Autonomie keine antistaatliche Protestform darstellt. Handlungsspielräume und Kompromißmöglichkeiten werden von der Autorin an konkreten Beispielen problematisiert. Auf der Grundlage zweier neuerer amerikanischer Studien zur Sozialisationsforschung diskutiert Helga Kelle gegenwärtige ethnographische Methoden und Gegenstände, die sich - grob gesprochen - in zwei Lager einteilen lassen: Das eine betreibt die Überwindung geschlechtertrennender Spezifika, das andere eher traditionell orientierte plädiert für eine getrennte Fokusierung in der Geschlechterforschung. Helga Kelle demonstriert am Beispiel der von ihr besprochenen Forschungsansätze, welchen zentralen Stellenwert die Methodologiediskussion in der Geschlechterforschung einnimmt. Kirsten Heinsohn informiert über die erste German-Nordic Conference on Gender History, die im Spätherbst letzten Jahres in Stockholm stattfand. Abschließend sei noch auf unseren umfangreichen Rezensionsteil hingewiesen, in dem ein breites Spektrum von Neuerscheinungen zum Themenschwerpunkt, aber auch zu anderen relevanten Fragestellungen der historischen, politischen, kulturanthropologischen und literaturwissenschaftlichen Frauenforschung vorgestellt werden. In ihrer Sammelrezension bietet Anna Maria Stuby einen Überblick über literaturgeschichtliche, historische und sozialanthropologische Forschung zu dem Phänomen von Geschlechterwechsel, Verkleidung und Rollentausch.

Pia Schmid, Anna Maria Stuby