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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1998 

EINLEITUNG

Weit entfernt davon, Wechsel auf die Zukunft ausstellen zu wollen oder zu können, deuten wir mit diesem Titel an, was viele der Beiträge in diesem Heft gemeinsam haben: In der einen oder anderen Weise legen sie ein Umdenken, einen Wechsel, eine Änderung von Perspektiven nahe. In bezug auf drängende politische und gesellschaftliche Fragen ist das, wie sich in den beiden ersten Beiträgen des Hauptteils zeigt, ganz offenkundig notwendig. Einen Wechsel der Perspektive anzustreben bedeutet immer auch, tradierte Einschätzungen und den eigenen Standort zu überprüfen. Daß ein Umdenken in bezug auf die Arbeitsgesellschaft notwendig sei, war eines der wesentlichen Anliegen, die Hannah Arendt mit ihrem 1958 erschienenen Buch "Vita activa" verfolgte. Eva Senghaas-Knobloch knüpft in ihrem Beitrag "Von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft?" an dieses Anliegen an. Sie zeigt, daß und warum Erwerbsarbeit für die Lebensorientierung der Einzelnen und des Gemeinwesens insgesamt zum "Dreh- und Angelpunkt" geworden ist - woran alle Beschwörung und Aufwertung "postmaterieller" Werte bis heute nichts zu ändern vermochte. Von einer "Krise der Arbeitsgesellschaft" und der Erschöpfung arbeitsgesellschaftlicher Utopien ist seit langem die Rede. Angesichts der Tatsache, daß vor dem Hintergrund der sogenannten zweiten industriellen Revolution und einer weltweit konkurrenzlosen Ökonomie des Marktes auch in den westlichen Industriestaaten bezahlte Arbeit zu einem ständig knapper werdenden Gut wird, verstärken sich allerdings die Zwänge, über Lösungsstrategien nachzudenken. Nachdem sie vier zentrale Funktionen von Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft bestimmt hat, überprüft Senghaas-Knobloch verschiedene der gegenwärtig diskutierten Lösungsstrategien und -modelle im Hinblick auf die Rückgewinnnung politischer Dimensionen des Gemeinwesens, wie sie auch Hannah Arendt intendierte.

Ende 1998 jährt sich die Allgemeine Erklärung der Menschrechte durch die Vereinten Nationen zum fünfzigsten Mal. Dies nimmt Sonja Wölte zum Anlaß, Bilanz zu ziehen. Mit dem Titel "Keine Menschenrechte ohne Frauenrechte?" nimmt sie das Motto einer weltweiten Kampagne von Frauenmenschenrechtsaktivistinnen zu diesem Jubiläum auf. Ihr Artikel befaßt sich mit der Frage, welche Hemmnisse einer wirksamen Sicherung der Menschenrechte von Frauen immer noch im Wege stehen. Ausführlich geht Wölte auf die Arbeit der verschiedenen UN-Menschenrechtsinstitutionen ein. Sie zeigt, wie Frauenorganisationen und feministische Juristinnen mit einer Doppelstrategie des "Mainstreaming" einerseits und der Vertretung frauenspezifischer Interessen andererseits sich an der "Un-Menschenrechtsmaschinerie" abgearbeitet haben, ohne die Marginalsierung der Menschenrechte von Frauen beseitigen zu können. Schließlich muß auch die Frage gestellt werden, ob das Instrumentarium universeller Menschenrechte, das der westlichen Aufklärungstradition entstammt, überhaupt geeignet ist, Frauen aus den "globalen patriarchalen Dominanzbeziehungen" zu befreien. Diese Frage, so Wölte, führt in die politische Praxis zurück, wobei Widersprüche immer wieder aufgezeigt, diskutiert und ausgehalten werden müssen. Die Spannung zwischen dem ethisch-normativen Anspruch der Menschrechte und der historischen Kontingenz ihrer Einlösung könne allein durch die politische Einmischung von Frauen auf nationaler wie internationaler Ebene für sie selbst fruchtbar gemacht werden.

Anne Witz greift in ihrem Aufsatz die Frage auf, wie unterschiedliche feministische Epistemologien den Beitrag von Frauen zur Soziologie rekonstruieren. Witz' Reflexion markiert in ihrem wissenschaftsprogrammatischen Anliegen eine für den Rezeptionskontext der Feministischen Studien etwas ungewöhnliche Textsorte, die aber im englischsprachigen akademischen Feminismus durchaus verbreitet ist. Witz setzt sich insbesondere mit der ihres Erachtens von Sandra Harding fehleingeschätzten Bedeutung des feministischen Empirismus auseinander. Sie weist darauf hin, daß feministische Ziele auf die empirischen Methoden und Begründungszusammenhänge der Soziologie eingewirkt und diese in Frage gestellt haben. Ihr Projekt für die Zukunft ist ein "reflexiver feministischer Post-Empirismus", der die empirischen Ansprüche der Soziologie beerbt.

Christina Kurz und Andrea Hettlage-Varjas beschäftigen sich mit dem Thema "Weiblichkeit in den Wechseljahren". Vor dem Hintergrund der psychoanalytischen Theorie und Praxis setzen sich die Autorinnen mit den Wechseljahren als einer wichtigen Entwicklungskrise im Lebenszyklus von Frauen auseinander. Ihr Beitrag bereichert die psychoanalytische Diskussion vor allem durch eine Besinnung auf das konfliktpsychologische Potential der Psychoanalyse und eine triebtheoretische Reinterpretation der Übergangsphase Klimakterium. Diese Phase sei nicht nur durch "biologische Verluste", sondern auch durch eine Wiederbelebung kindlicher und adoleszenter Konflikte, durch reale Trennungen und Objektverluste sowie Veränderungen des sozialen Ortes und der sozialen Rolle gekennzeichnet. Der Beitrag enthält einen Exkurs zu lesbischen Frauen in den Wechseljahren und eine Reihe von Fallbeispielen aus der psychoanalytischen Praxis. Am Ende rücken Kurz und Hettlage-Varjas die Entwicklungschancen für Frauen in den Wechseljahren in den Blickpunkt.

In "Bilder und Zeichen" stellen wir Installationen und Objekte von Marion Gülzow vor. Ein thematischer Focus wird dabei durch "Wald" und "Bäume" gesetzt und immer wieder verschoben, wie um das Sprichwort Lügen zu strafen: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wird, wie die Künstlerin empfiehlt, in Wald und Bäume genauer hineingesehen, so eröffnen sich neue Perspektiven: auf Waschbretter, Sägen und andere im Alltag ersetzte und nutzlos gewordene Gegenstände, lange Aufbewahrtes und Gesammeltes.

Im Diskussionsteil trägt Ruth Fühner mit ihrem Essay zur Leidenschaft des Sammelns allerhand kulturanthropolgische und psychoanalytische Spekulationen und Befunde zusammen, die sich zu einem Teil auch als Kommentar zu Gülzows Sammeltätigkeit lesen lassen. Für beide Geschlechter gleichermaßen gilt, daß der "Luxus der Sammlung, dieses Reich jenseits des puren Nutzens" Raum läßt "für eine schöpferische Freiheit, in der eine neue Ordnung der Dinge entsteht". Fühner macht allerdings von der Sammelbereitschaft Besessene in der Geschichte zahlreicher unter Männern als unter Frauen aus, weil und sofern "geschichtsnotorische" Sammlungen der Repräsentation und Steigerung männlicher Macht dienten.

In Adriane Feustels Beitrag geht es um Alice Salomon, eine der Begründerinnen von sozialer Arbeit als qualifizierter Erwerbstätigkeit für Frauen in Deutschland. Anhand einer Rede zum Thema "Ideal und Wirklichkeit" aus dem Jahre 1910 beschreibt die Autorin das Faszinierende und das Fremde an Alice Salomons Schriften aus heutiger Sicht. Das Fremde macht Feustel in Salomons Idealismus, ihrer Forderung nach weitgehender Hingabe an die soziale Tätigkeit aus, ihren Realismus in der Diskussion der Probleme, die sich aus dieser Forderung ergeben.

Der Diskussionsteil enthält einen Schwerpunkt zum Stand der Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterstudien in verschiedenen Ländern: in Deutschland, Slowenien und Kanada. - Diesen Schwerpunkt wollen wir in kommenden Heften fortsetzen. - Ulla Bock liefert einen umfassenden Überblick über die Situation in Deutschland, indem sie Wege und Situationen der Institutionalisierung im Kontext verschiedener Entwicklungsphasen der akademischen Frauenbewegung beschreibt und über dezentrale Verankerungen von Frauenstudien in den Fächern sowie spezielle Studiengänge für Frauen- und Geschlechterforschung informiert. Sie setzt sich außerdem mit dem Anspruch der Interdisziplinarität auseinander, trägt Informationen über Frauenstudien in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern zusammen und weist auf wissenschaftliche Weiterbildungsprogramme hin. (Im Anmerkungsteil finden sich eine Reihe von Hinweisen und Adressen zu den genannten Institutionen.) Bock begrüßt ausdrücklich die verschiedenen organisatorischen Konzepte der Institutionalisierung von Frauenstudien als pluralistische politische Strategie.

Maca Jogan stellt die Entwicklung von Frauenstudien und Frauenforschung in Slowenien vor dem Hintergrund der wechselhaften Geschichte von Frauenbewegungen auf diesem Territorium dar, das erst 1990 zu einem autonomem Staat geworden ist. Welche Inhalte von Frauenforschung und Frauenstudien im sozialistischen Jugoslawien zugelassen und durchsetzbar waren und welches Ansehen diese Art der Forschung im akademischen Betrieb genoß, beschreibt sie im Kontext ihrer eigenen Erfahrungen an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Univeristät Ljubljana. Der Ubergang zur Marktwirtschaft und die seitdem eingeleitete Modernisierung und Demokratisierung bringen - wie schon früher in den Feministischen Studien aus anderen ehemals sozialistischen Staaten berichtet -, für Frauen neue Formen der Diskriminierung mit sich. Unweigerlich geraten Frauenstudien und Frauenforschung beim Versuch ihrer Ausweitung und stärkeren Institutionalisierung zwischen die Fronten politischer Machtkämpfe. Anerkennung, Zuspruch, Unterstützung und sogar gelegentlich eine Einlösung alter, "hausgemachter" Desiderate sind dagegen, wie Jogan schildert, eher durch eine Öffnung auf internationale Netzwerke und Forschungsdiskussionen zu erwarten.

Anna-Katharina Pelkner bietet Einblicke in den Stand der Institutionalisierung von Frauenstudien und feministischer Wissenschaft im kanadischen Hochschulsystem. Sie zeichnet kurz deren Entwicklung seit Anfang der 70er Jahre nach und stellt dann besonders drei, in mancher Hinsicht konkurrierende Modelle der Institutionalisierung von Women's bzw. Gender studies vor: das Studienmodell der University of Toronto, das ähnlich wie die Geschlechterstudien an der Humboldt Universität eine Kooperation verschiedener Fachbereiche und Disziplinen vorsieht, das Modell der Spezialisierung auf feministische Wissenschaft am Ontario Institute for Studies in Education, also Institutionalisierung im Rahmen einer bestehenden Disziplin, hier der Erziehungswissenschaft, und das Women's Studies Programm der York University, das Pelkner als "interdisziplinäre Disziplin" vorstellt. Unter der Frage, wie Frauen- und Geschlechterstudien zu "disziplinieren" seien, diskutiert die Autorin in ihrem Schlußteil noch einmal die kanadischen Erfahrungen im Hinblick auf ihre Relevanz für die hiesige Debatte um Disziplinarität und Interdisziplinarität.

Der letzte Beitrag im Diskussionsteil beschäftigt sich nicht explizit mit der Frage der institutionellen Verankerung von feministischer Lehre, paßt aber insofern in den Schwerpunkt, als er auf Probleme der Kategorisierung und Etikettierung aufmerksam macht, die gerade auch im Prozeß der Institutionalisierung nicht unbedeutend sein dürften. Ulrike Hänsch reflektiert in "Lesbische Perspektiven und feministische Theoriebildung" eigene Erfahrungen bei einer Tagung zu Feminismus im Wandel. Mit ihrem Beitrag zu lesbischer Theoriebildung fand sie sich nämlich einer Arbeitsgruppe "Other Groups" zugeordnet. Wer sind aber, so die Frage der Autorin, in der feministischen Theoriebildung die einen, wer die anderen? Nach ihrer Kritik an der Heteronormativität, die in einer derartigen Positionierung lesbischer Forschung zum Ausdruck kommt, plädiert Hänsch dafür, dominante Kategorien des Feminismus zu verabschieden und statt dessen Butlersche Queer Theory und Feminismus zu verbinden.

Im Informationsteil berichten Helga Lukoschat und Barbara Schaeffer-Hegel über den Aufbau einer "Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft - Berlin". Hedwig Rudolph informiert über ein sozialwissenschaftliches Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Titel "Professionalisierung, Organisation, Geschlecht. Zur Reproduktion und Veränderung von Geschlechterverhältnissen in Prozessen sozialen Wandels"; das seit diesem Frühjahr angelaufen ist. Zum einen werden Thematik und Arbeitsweise dieses Schwerpunktprogramms vorgestellt, zum anderen die Prozedur zur Einrichtung eines solchen Schwerpunktes skizziert. Regine Othmer berichtet über einen workshop "Geschlechterkultur und Frauenbewegung im russischen Tranformationsprozeß", der diesen Sommer im Rahmen der Marie-Jahoda-Professur an der Ruhr-Universität Bochum organisiert wurde.

Der Rezensionsteil ist dieses Mal besonders umfangreich: Neben Veröffentlichungen, die im Kontext ihrer jeweiligen Disziplinen auf großes Interesse stoßen dürften, da sie systematische Zugänge oder Überblicksdarstellungen anbieten - Ina Schaberts "Englische Literaturgeschichte" aus der Sicht der Geschlechterforschung und Elisabeth Klaus' Buch zur "Kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung" -, werden eine Reihe von Büchern besprochen, zwischen denen sich jeweils thematische Zusammenhänge herstellen lassen. Einen Themenschwerpunkt bilden "Frauen in der Geschichte des Rechts", einen weiteren zwei Besprechungen von Veröffentlichungen, die zum Teil in biographischer Perspektive auf die Bedeutung von Frauen für die Geschichte der Soziologie aufmerksam machen. Schließlich werden zwei Arbeiten besprochen, die sich mit der Rolle von Frauen im Nationalsozialismus beschäftigen.

Wir möchten nicht abschließen, ohne an dieser Stelle noch einmal auf die neue Initiative eines Fördervereins für die Feministischen Studien hinzuweisen (vgl. In eigener Sache). Wir bitten unsere Leserinnnen und Leser dringend, uns in dieser Angelegenheit zu unterstützen und auch darum, dafür zu werben.

Helga Kelle, Regine Othmer, Pia Schmid

In eigener Sache

Der Förderverein "Feministische Studien"

Die Herausgeberinnen der Feministischen Studien arbeiten seit der Gründung der Zeitschrift im Jahr 1982 ehrenamtlich und weitgehend ohne institutionelle Anbindung. Um die notwendigen Ressourcen für die redaktionelle Arbeit zu erweitern, möchten wir den 1988 gegründeten Verein "Feministische Studien" als Förderverein aktivieren. Dadurch soll die Arbeit der Zeitschrift wirkungsvoll unterstützt werden.

Der Mitgliederbeitrag beträgt jährlich 120 DM. Die Gemeinnützigkeit des Vereins wird angestrebt, d.h. Spenden und Mitgliederbeiträge können von der Steuer abgesetzt werden. Mit dem Mitgliederbeitrag, der ein Jahresabonnement enthalten wird, kann die Arbeit - und die Weiterexistenz - der Feministischen Studien wirkungsvoll gefördert werden.

Über Mitgliederversammlungen und Aktivitäten des Vereins wird künftig in den Heften informiert. Wir laden alle Leserinnen und Leser herzlich dazu ein, dem Verein beizutreten und dadurch die Feministischen Studien zu unterstützen. Weitere Informationen (Vereinssatzung etc.) können bei der angegebenen Kontaktadresse angefordert werden.

Wir hoffen sehr, daß dieser Weg den Beifall unserer Leser/innen findet und lebhaft genutzt wird.

Die Herausgeberinnen der Feministischen Studien Helga Kelle, Christina Klausmann, Regine Othmer, Pia Schmid, Anna Maria Stuby, Mechthild Veil, Ulla Wischermann

Anspechpartnerin: Dr. Mechthild Rumpf, Blumenhagenstr. 5, D 30167 Hannover.

Kontonummer: Postbank Hannover, Kto. Nr. 122430309, BLZ 25010030