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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2000 

EINLEITUNG

Mit diesem Heft werden erstmals Ergebnisse der Männerforschung zum Schwerpunktthema eines Heftes der Feministischen Studien gemacht. Daß auch Die Philosophin und die Potsdamer Studien zur Geschlechterforschung in diesem Herbst Männlichkeiten / Männerforschung, das Kursbuch im gerade vergangenen Frühjahr Väter als Heftschwerpunkte hatten, verweist nicht nur auf ein allgemeines Interesse am Thema, sonder auch auf das Bedürfnis, zwischen den einzelnen Schwerpunktsetzungen zu differenzieren. Über die Implikationen von Geschlechtszugehörigkeit nachzudenken, bedeutete in den 70er Jahren vorwiegend, über Frauen zu forschen. Andererseits machten auch diese frühen Forschungen bereits deutlich, daß Geschlecht immer schon eine relationale Kategorie ist. Sie ist bestimmt durch Geschlechterbeziehungen und Geschlechterverhältnisse. Insofern wurden Männer und die Konstruktion von Männlichkeit(en) partiell auch zum Gegenstand von Geschlechterforschung, zunächst aber aus einer feministischen Perspektive, die primär an Frauen bzw. Konstruktionen von Weiblichkeit interessiert war. Anders motiviert hingegen ist die Männerforschung, die aus der Männerbewegung - ihrerseits eine Reaktion auf die Frauenbewegung - hervorgegangen ist. Jedoch wurden diese Forschungen erst in den 90er Jahren breiter rezipiert. Die unter dem Themenschwerpunkt Männlichkeiten im vorliegenden Heft versammelten Beiträge erweitern zum einen den thematischen Fokus bisheriger Forschungsansätze, zum anderen nehmen sie aber auch Perspektivverschiebungen innerhalb des bekannten Themenspektrums vor.
Ein zentrales Thema von Männerforschung bilden Männlichkeiten / masculinities. Der Plural »masculinities« hat sich durchgesetzt, um zu markieren, daß es nicht bloß eine Männlichkeit gibt. "Männlichkeiten" umfaßt auf der Ebene der Phänomene wie des Begriffs normative und deskriptive Dimensionen, Praktiken und Bilder, reale Verhältnisse und theoretische Perspektivierungen. In unserem Heft werden unterschiedliche Dimensionen von Männlichkeiten in den thematischen Beiträgen, Literaturberichten und Rezensionen zur Diskussion gestellt. Einen zentralen Fokus bildet dabei die Auseinandersetzung mit dem Komplex Väter / Vaterschaft. - An dieser Stelle möchten wir Indira Ghose herzlich danken, die schon vor einigen Jahren den ersten Anstoß zu einem Schwerpunktheft der Feministischen Studien zum Thema Männlichkeiten gab.
Svenja Goltermann geht der Frage nach, ob und auf welche Weise Kriegserfahrungen von seiten ehemaliger Kriegsteilnehmer des zweiten Weltkriegs thematisiert und in welche Begründungszusammenhänge sie eingeordnet wurden. Anhand von Patientenakten psychiatrischer Krankenanstalten rekonstruiert und hinterfragt Goldermann die damals vorwaltende Sicht der Deutschen als Opfer, welche die politisch aufgeladene öffentliche Erzählweise über den Krieg ebenso mitprägte wie die inneren Sagbarkeitsregeln der Kriegserfahrung. Goltermann weist nach, daß das psychische und physische Leiden der Kriegsheimkehrer in hohem Maße an spezifische Vorstellungen eines soldatischen Männlichkeitsideals gekoppelt war, das auch die behandelnden Ärzte zumeist ungebrochen teilten. Gabriele Kämper untersucht die Nachrufe auf Ernst Jünger. Sie geht in ihrer Analyse von dem bemerkenswerten Umstand aus, daß diese Nachrufe, von einer Ausnahme abgesehen, alle von Männern verfaßt wurden und daß sich die männlichen Autoren über unterschiedliche politische Lager und Generationen hinweg von Jüngers Werk wie von seiner Person fasziniert zeigten. Als Zentrum dieser Faszination arbeitet Kämper ein spezifisches Männlichkeitskonstrukt heraus, das sich in einem »Kult der Kälte« verdichtet.
Selbstdarstellungen bürgerlicher Männer um 1800 sind das Thema von Pia Schmids Beitrag. An Beobachtungstagebüchern von Vätern über ihre Kleinkinder, die im Kontext einer wissenschaftlichen Preisfrage entstanden waren, zeigt sie, wie die Beobachter-Väter ganz verschieden mit dem Problem von Nähe und Distanz umgingen, das der Beobachtungsgegenstand eigenes Kind mit sich brachte. Deutlich werden dabei unterschiedliche Selbstdarstellungsstrategien bürgerlicher Männer als Väter und als Forscher im Spannungsfeld von Wissenschaft, Familie und Öffentlichkeit.
Der Beitrag von Wiebke Kolbe untersucht Konzepte von Vaterschaft in Schweden und Deutschland nach ihren Übereinstimmungen und Unterschieden. Unter systematischer und historischer Perspektive wendet Kolbe sich der Frage zu, mit welchen unterschiedlichen Inhalten in beiden Ländern die Vorstellung von Vätern als juristischen Familienoberhäptern (seit Beginn des 20. Jahrhunderts), als Familienernährer (seit den 20er Jahren) und als emotionale Bezugsperson für Kinder (seit den 60er Jahren) gefüllt wurden. Die Autorin arbeitet nicht nur diese Unterschiede heraus, sondern fragt auch nach der Bedeutung des jeweiligen Wohlfahrts- bzw. Geschlechterregimes für die Konstruktionen von Vaterschaft und ihre historische Entwicklung.
Cornelia Behnke und Renate Liebold untersuchen anhand von biographischen Interviews mit männlichen Führungskräften deren Blick auf Partnerschaft und Familie. Für diese Manager müssen modernisierungstheoretische Annahmen modifiziert werden: Ihre Familie ist für sie keinesfalls zu einem Ort des Aushandelns von Geschlechterarrangements geworden. Während die älteren Manager eher Verständnis für die Unzufriedenheit ihrer ihrer Ehefrauen mit der traditionellen Aufgabenverteilung zu haben scheinen, entwickeln die jüngeren Männer eine Gleichheitsrhetorik, welche die bestehenden Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis zu verwischen sucht.
Neben den thematischen Beiträgen enthält der Schwerpunkt drei Literaturberichte. Robert W. Connell einer der international renommiertesten Männlichkeitsforscher, erweitert das Spektrum seiner bereits vorliegenden Arbeiten in seinem Beitrag für die Feministischen Studien um den Aspekt des Zusammenhangs von Globalisierung und verkörperter Männlichkeit. Daß die Materialität des männlichen Körpers nicht als Schablone für soziale Männlichkeiten eine Rolle spielt, sondern auf die Konfiguration sozialer Praxen verweist, die als Männlichkeit definiert werden, veranschaulicht er am Beispiel von vier maßgeblichen Strukturen von gender (Produktion und Arbeitsteilung, Macht, libidinöse Besetzung, Symbolisierung), zu denen die gesellschaftliche Verkörperung von Männlichkeit in Beziehung gesetzt wird.
Peter Döges Literaturbericht über politikwissenschaftliche Männer- und Männlichkeitsforschung zeigt, daß Connell in diesem Forschungsfeld ein zentraler Referenzautor ist. Der Autor stellt Forschungen, die mit dessen Konzept hegemonialer Männlichkeit arbeiten, vor und solche, die Institutionen unter der Perspektive untersuchen, daß ihnen Männlichkeit inhärent ist und von ihnen reproduziert wird. Die Implikationen geschlechtsspezifischer Machtverteilung durch Institutionen zu analysieren und dabei im politischen Prozess die Durchsetzung und Generalisierung bestimmter Wertvorstellungen bestimmter Männer zu rekonstruieren, beschreibt Döge als eines unter mehreren Feldern weiterer politikwissenschaftlicher Männerforschung.
Meike Sophia Baader diskutiert die Frage, was Väter aktuell zu einem derart attraktiven Thema macht, und arbeitet als zentrale Themen und als Motor der aktuellen Debatte Vaterkrise, Vatersuche und Vatersehnsucht heraus. In psychologischen Forschungen findet der Vater zunehmend als Teil der Vater-Mutter- Kind-Trias Beachtung, während die Geschichte der Vaterschaft als Verfallsgeschichte analysiert wird, an deren Ende der rechtlose Freizeitvater steht oder, noch bedrohlicher, der aufgrund der Reproduktionstechnologie als Vater überflüssig gewordene Mann. Dieses Verschwinden der Väter müsse, so Baader, dazu führen, über verschiedene Konzepte von Autorität nachzudenken.
Im offenen Teil dieses Heftes zeigt Sidonia Blättler,daß "Nation" und "Geschlecht" für die bürgerliche Moderne Leitdifferenzen sind, die sich nicht unabhängig voneinander analysieren lassen, wenn man ihre Funktion umfassend verstehen will. Denn die bürgerlichen Geschlechtscharaktere sind national geprägt, und umgekehrt bestimmen die Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit das Denken über die Nation und den Nationalstaat. Dies wird bei Rousseau, Herder, Kant, Fichte und Hegel deutlich. Möglicherweise, so die Autorin in ihrem Ausblick, sichern gerade die traditionellen Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit dem Nationalismus weiterhin seine Wirksamkeit.
Lieselotte Steinbrügge untersucht am Beispiel von La Princesse de Cléves (1678), wie sich die Theorie des Romans im Spannungsfeld von Genus und Genre entwickelte. Dieser Roman provozierte bei zeitgenössischen Lesern umfangreiche Kommentare. Zentral dabei ist die Frage nach der Legitimtität des Geständnisses, das eine Ehefrau ihrem Gatten über die Liebe zu einem anderen macht, ohne daß sie untreu geworden wäre. Diskutiert wird, ob dieses Geständnis glaubwürdig ist, gesellschaftlich wahrscheinlich und sittlich-moralisch wünschenswert ist. Mit der vraisemblance (Wahrscheinlichkeit) wird eine für den modernen Roman zentrale ästhetische Kategorie entwickelt, die über ihre normativen Implikationen, die aus den bestehenden Geschlechterverhältnissen abgeleitet werden und gleichzeitig auf sie rückwirken, eng an Genus gebunden ist.
In unserer Rubrik Bilder und Zeichen stellen wir einige Arbeiten der Bildhauerin Konscha Schostak vor, die selbst in ihrer fotografischen Übermittlungsform, wie Gabriele Werner in ihrer Auseinandersetzung mit den künstlerischen Arbeiten von Schostak betont, noch den Reiz der Schönheit des Materials und der Konzentration seiner künstlerischen Gestaltung erkennen lassen.
Unsere Rubrik Informationen enthält einen Bericht Silke Bothfelds über eine Tagung, die sich mit den Chancen und Risiken eines Niedriglohnsektors befaßte, und Elisebha F.Platzer stellt ein Innsbrucker Ausstellungsexperiment vor, das unter dem Titel "Die verletzte Diva" unterschiedliche Formen der Repräsentation von Weiblichkeit thematisiert und kritisch hinterfragt.
In der Rubrik Rezensionen werden Neuerscheinungen zum Heftschwerpunkt und zu weiteren Themen der Frauen- und Geschlechterforschung besprochen.

Hilge Landweer, Pia Schmid, Anna Maria Stuby