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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2000 

EINLEITUNG

»In einer Zeit, wo über Natur- und Culturberuf, über physische und sittliche Bestimmung des Weibes so unendlich viel gesprochen und geschrieben, gedruckt und gelesen wird, wo Berufene und Unberufene, Ganz-, Halb-, Viertel-, und sogar Wenig-Gebildete sich mit dieser Frage beschäftigen, erscheint es auffällig und für den Uneingeweihten beinahe unverständlich, daß von der Bestimmung des Mannes gar so selten, ja eigentlich niemals die Rede ist.« Mit dieser polemisch formulierten Eingangsbemerkung rückte Marie Stritt in ihrer 1894 erschienenen Schrift über »Die Bestimmung des Mannes« einen ungewöhnlichen Gegenstand in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. War sonst >die Frau<, das problematische Geschlecht, über dessen Bestimmung wortreich verhandelt wurde, so war es für Stritt >der Mann< - mehr noch: >seine Bestimmung<. Eine solche Problematisierung war anstößig und fiel aus dem Rahmen. Für Stritt aber war die »Frauenfrage im wahren Sinne des Wortes auch eine Männerfrage«, ließ sich ihrer Ansicht nach »die besondere Frage nach der Bestimmung der Frau« nur dann behandeln, wenn die »Frage nach der Bestimmung des Mannes zugleich in Erwägung gezogen« würde. Die Frauenfrage wurde von Stritt auf diese Weise als ein Anliegen beider Geschlechter dargestellt. Das Besondere erklärte sie damit zum Allgemeinen, an das Allgemeine legte sie die Meßlatte des Besonderen an. Eine solche Umkehrung der Per- spektive gab der Auseinandersetzung über die Bestimmung des weiblichen Geschlechts eine unerwartete Wendung.

Die Debatte, von der hier die Rede ist, kreiste also auf den ersten Blick nur um die Frau, genauer gesagt: die vielzitierte »Frauenfrage«. Dieser Titel zierte zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen, populäre Schriften und Traktate, Lexikaartikel, Zeitschriftenbeiträge und sogar einige viel beachtete Zeitungsrubriken. Frauen galten hier nicht nur als das besondere, sondern vor allem als das erklärungsbedürftige Geschlecht, schienen sie doch von dem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, den wirtschaftlich-kulturellen Veränderungen im Zuge von Industrialisierung, Binnenwanderung. und Städtewachstum mehr als Männer betroffen zu sein. Die traditionelle Stellung der Frau in Haus und Familie, »die soziale Lage der Frau« sei im Vergleich zu vergangenen Zeiten ins Wanken geraten, wie die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Gnauck-Kühne 1895 formulierte. Die Veränderungen drohten in den Augen der Zeitgenossen die Gesellschaft als Ganze aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein solches Szenario beunruhigte bürgerliche Mittelschichten, aber auch die Arbeiterschaft, denn für diese Gruppen waren die fundamentalen Veränderungen besonders stark zu spüren.

In den Streit waren beide Geschlechter involviert. In den verschiedenen Stellungnahmen von Männern und Frauen, die um das weibliche Geschlecht kreisten, begann sich aber eine neue Dimension abzuzeichnen. Explizit blieb die Frau im Fokus der Debatte, implizit war aber stets von beiden Geschlechtern die Rede. Dieser aus heutiger Sicht klar erkennbare Subtext war zeitgenössisch nicht ohne weiteres dechiffrierbar. Nur in Ausnahmefällen, wie beispielsweise in Georg Simmels Essay über »Weibliche Kultur« (1902), war die männliche Seite Gegenstand der Reflexion. Der Konflikt wurde also nur stellenweise explizit als ein Streit um beide Geschlechter geführt. Außerdem entwickelte er sich zunehmend als ein Streit zwischen und auch innerhalb der Geschlechter.

All dies charakterisierte die um 1900 mit großer Anteilnahme geführten Diskussionen. Da eine Vielzahl von kulturellen Selbstverständlichkeiten tangiert war, wurde mit unübersehbarer Emotionalität gestritten. In der Regel ging es um Offensichtliches und Alltägliches, denn in vielen zentralen gesellschaftlichen Bereichen galt es, die Geschlechterbeziehungen neu zu verhandeln. Ob in der Erwerbsarbeit, in der schulischen oder der universitären Bildung, ob im Recht, in der Kunst oder Literatur, überall wurden Geschlechterbilder und vor allem die Geschlechtszuständigkeit problematisiert. So wurde von der seit Beginn der 1890er Jahre verstärkt ins öffentliche Bewußtsein tretenden Frauenbewegung der Entwurf für das Bürgerliche Gesetzbuch, das 1900 in Kraft treten sollte, vehement angegriffen. Gegenstand der Auseinandersetzung waren die im Ehe- und Familienrecht vorgesehenen Paragraphen, die die rechtliche Abhängigkeit und Unterordnung der Ehefrau von ihrem Gatten weiterhin festschrieben. Auch der Ausschluß von Frauen aus den Universitäten bot reichlich Konfliktstoff. In einer 1896 veröffentlichten Expertise äußerten sich die befragten Professoren jedoch überwiegend skeptisch bis ablehnend gegenüber dem Frauenstudium und wurden dabei von der Mehrheit der Studenten unterstützt, die an der männerbündischen Verfaßtheit der Universitäten festhalten wollten. Zu einem stellenweise dramatischen Krisenszenario entwickelte sich die männlicherseits imaginierte Konkurrenz der Geschlechter in der Arbeitswelt. Insbesondere im Dienstleistungsbereich nahm der Konflikt die Züge eines Abwehrkampfes an. Ein wichtiger Hintergrund hierfür war, daß die erwerbstätige Frau das Modell des männlichen Familienernährers in Frage stellte. Die Forderungen der Arbeiterbewegung nach höheren Männerlöhnen entsprangen nicht zuletzt auch dem Wunsch, diesem gesellschaftlichen Leitbild entsprechen zu können. Und nun schien in den bürgerlichen Mittelschichten das Zerrbild der selbständigen, unabhängigen Frau - im englischen: the odd woman - das ausbalancierte System der Abhängigkeit in Ehe und Familie zu durchbrechen.

Jenseits dieser alltäglich anmutenden Konfliktpunkte schimmerte zuweilen die vollständige Auflösung einer klaren Zuordnung jeglicher Geschlechtsidentität durch. Wie sexualwissenschaftliche und auch populär gehaltene Abhandlungen zu Fragen der Sexualität verdeutlichen, war die zuvor eindeutig erscheinende Geschlechtergrenze nur mithilfe eines neuen differenziert ausgearbeiteten Wahrnehmungs- und Analyserasters argumentativ aufrecht zu erhalten. Von solchen avantgardistisch anmutenden Einsichten war der Großteil der Diskussionsbeiträge freilich weit entfernt. In ihnen ging es um klare Fest- und Zuschreibungen im Alltag, mit denen man die aus dem Gleichgewicht geratene gesellschaftliche Ordnung zurück ins Lot zu bringen versuchte. Da die vielfältigen Auseinandersetzungen über Geschlechterfragen nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche betrafen und da sie durch gemeinsame Probleme, Themen und Topoi untereinander verbunden waren, lassen sie sich als ein umfassend geführter Geschlechterstreit interpretieren. Dies war der Subtext der oft unter dem irreführenden Titel »Frauenfrage« geführten Debatten der letzten Jahrhundertwende.

Den Geschlechterstreit allerdings in seiner Vollständigkeit und Breite erfassen zu wollen, scheint kaum möglich. Denn so vielschichtig, wie die Wahrnehmung der Krise ausfiel, so umstritten waren die Vorschläge, wie mit ihr umzugehen sei. Überdies zeichnet sich der Konflikt dadurch aus, daß er nicht nur im Deutschen Kaiserreich, sondern auch in anderen Ländern ausgetragen wurde, mehr noch, daß er sogar von transnationalen Bezügen geprägt war. In den hier versammelten Beiträgen werden Fragen und Probleme angesprochen, die sich auf zentrale Punkte dieses Geschlechterstreits in unterschiedlichen Ländern beziehen. Der Konflikt, der sich an der weiblichen Erwerbsarbeit im Dienstleistungssektor entzündete, wird am Beispiel der Niederlande dargestellt. In ihrem Beitrag lenkt Francisca de Haan den Blick auf die Interaktion der beiden Konfliktparteien, wobei sie resümierend, entgegen der sonst üblichen Problematisierung der weiblichen Seite, die Verunsicherung auf der männlichen Seite hervorhebt. Am Beispiel Englands zeigt Anna Maria Stuby, wie eng die Zuschreibungen im Geschlechterstreit mit den Auseinandersetzungen um die aufkommende literarische Moderne verschränkt waren. Die Abwehr gegen die Moderne war immer auch eine gegen »Verweiblichung« und »Verweichlichung«. Daß Frauen ihre Stimme erhoben, als Schriftstellerinnen eigene, neue Geschlechterbilder entwarfen, es also wagten, sich in die literarische Rede über Frauen und Männer einzumischen, erschien den Gegnern nur als ein weiteres Zeichen der Degeneration.

Eine ganz andere Facette steht im Mittelpunkt von Sabine Mehlmanns Beitrag. Die von ihr als Ausgangspunkt gewählte zeitgenössische These einer gegebenen doppelgeschlechtlichen Anlage, einer konstitutionellen Bisexualität, mithilfe derer sie die unterschiedlichen Positionen zu sogenannten geschlechtlichen Mischformen analysiert, verweist auf wissenschaftliche Versuche, die Geschlechtergrenze zu restabilisieren. Anhand ausgewählter Texte von Paul Julius Möbius, Otto Weininger und Siegmund Freud werden drei unterschiedliche, idealtypisch zu verstehende »Strategien der Codierung der Geschlechtergrenze« herausgearbeitet. Eine unerwartete Plastizität gewinnt der Streit um die Geschlechter in einem weiteren Wissenschaftsgebiet - der Thermodynamik. In ihrem Beitrag hierzu stellt Dorit Heinsohn dar, daß auch physikalischchemisches Wissen und Denken zur Konstruktion von Geschlechterbildern beitrugen und nicht nur die sogenannten weichen Naturwissenschaften wie beispielsweise die Biologie in die Geschlechterdebatte eingriffen. Für Heinsohn steht die Verflechtung von Evolutionstheorien und Thermodynamik in einem engen Wechselverhältnis zu den Geschlechterdebatten. Dabei gelingt es ihr zu zeigen, wie die zwei Hauptsätze der Thermodynamik, das Energieerhaltungsgesetz und das Entropiegesetz, die Rede von Physikern und Chemikern über die Geschlechter prägten.

Der Geschlechterstreit um 1900 geht nicht in einem Streit zwischen Feminismus und Antifeminismus auf. Allerdings brachte die Frauenbewegung durch ihre Forderungen und Ansprüche auf gleichberechtigte Teilhabe zentrale Konfliktpunkte zur Sprache, was den Streit verschärfte und dessen Reichweite zusätzlich ausdehnte. Diese Dynamik zeichnet Ute Planert in ihrem Beitrag über »die Frauenbewegung und ihre Gegner« nach. Den im »Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation« organisierten Antifeministen scheint es, trotz ihrer geringen Zahl, an einigen Punkten gelungen zu sein, die bürgerliche Frauenbewegung in eine Verteidigungsposition zu drängen und Einfluß auf die Frauenpolitik in Kirchen, Parteien und im Staat zu gewinnen. Ein Beitrag, der sich nicht unmittelbar auf den hier vorgestellten Schwerpunkt bezieht, aber durchaus einige Aspekte aufgreift, ist der von Jutta Schwarzkopf verfaßte Aufsatz über »die paradoxe Figur der Rednerin«. Mit ihrer Analyse ausgewählter Redesituationen aus dem 17., aus der Mitte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts in England verweist Schwarzkopf auf die sich verändernde Spezifik historischer Rahmenbedingungen für weibliches Reden und damit auch Handeln generell. Indirekt läßt dies die Beiträge zum Geschlechterstreit der letzten Jahrhundertwende deutlicher in ihrer historischen Eingebundenheit hervortreten. Auch der Beitrag von Theresa Kulawik zur Mutterschaftsversicherung in Deutschland und Schweden bereichtert diesen Fragehorizont, verfolgt jedoch eine andere Problematik, indem sie die Frage sozialer Rechte von Frauen in den sich konstituierenden Wohlfahrtsstaaten ins Zentrum stellt.

Die übrigen Beiträge dieses Heftes nähern sich dem Geschlechterstreit aus einer aktuellen Perspektive, doch soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, als ließen sich die um 1900 geführten Debatten kontinuierlich fortschreiben bis in unsere Zeit. Sowohl die Ausdrucksformen als auch die Orte des Geschlechterstreits haben sich geändert. Der Eintritt der Frauen in die meisten ge- sellschaftlichen Bereiche ist kaum mehr umstritten, wohl aber die darin für sie vorgesehenen Positionen und der ihnen zugewiesene Status. Statt des offensichtlichen Ausschlusses herrschen die oft feinnuancierten Diskriminierungen, was die Situation komplexer und weniger durchschaubar werden läßt. Inzwischen steht die Tauglichkeit der Kategorie Geschlecht selbst auf dem Prüfstand. »Gibt es überhaupt Frauen?« fragt Käthe Trettin in Anlehnung an Simone de Beauvoirs 1949 in ihrem Buch »Le deuxi'eme sexe« gestellten Frage und entwickelt eine philosophische Antwort in Rückgriff auf die »Tropenontologie«. Dabei widerlegt sie alle in der feministischen Philosophie ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorbehalte, daß ontologisches Denken in essentialistisches, ja biologistisches Denken münde. Jegliche auf einem Identitätskonzept beruhende Universalität durch eine »Ontologie individueller Qualitäten« (=Tropen) umgehend, beantwortet Trettin aus dieser philosophischen Perspektive am Ende die eingangs gestellte Frage.

Johannes Dingler, Regina Frey et al. setzen sich mit postmodernen Theorien der Dekonstruktion von Geschlecht und deren Rezeption im deutschsprachigen Raum auseinander. Das entschiedene Plädoyer des Autorenteams gilt einer Mehrstimmigkeit im Theoriekanon an Stelle der oft geführten Entweder- Oder-Kontroverse um die Relevanz der Kategorie Geschlecht in Theorie und politischer Praxis.

Abschließend sei noch auf den Beitrag von Katja von der Bey in »Bilder und Zeichen« hingewiesen. Sie stellt aktuelle künstlerische Positionen vor, die die Herstellung und Präsentation von Geschlecht bzw. der Geschlechter beleuchten. Das Titelbild ist ein Ausschnitt aus einer der vorgestellten Arbeiten.

Christina Klausmann und Iris Schröder