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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2001 

EINLEITUNG

Dieses Heft knüpft an die Debatte an, die im Heft 2/1993 der Feministischen Studien um die »Kritik der Kategorie >Geschlecht<« angezettelt wurde. Die Debatte zielte auch darauf, so Hilge Landweer und Mechthild Rumpf in ihrer Einleitung, »empirische Forschungen zu motivieren, die ihre methodologischen Annahmen kritisch reflektieren«. Die damaligen Beiträge bezogen sich nicht nur auf eine Theorie der Geschlechterdifferenz, die durch die Infragestellung der sex/gender-Unterscheidung neue Impulse erhielt, sondern sie problematisierten auch den Gegenstandsbezug und die methodischen Umsetzungen in der empirischen Frauen- und Geschlechterforschung. Damit können zwei Akzentsetzungen der (selbst-)kritisschen Debatte in der Forschung der 1990er Jahre unterschieden werden: zum einen die Diskussion um die theoretische Konzeptualisierung der Geschlechterkategorie, die sich an die Annahme anschloß, daß die Geschlechter in sehr weitreichendem Sinne sozial konstruiert seien, zum anderen und folgerichtig die Debatte um angemessene empirische Forschungsmethoden und -methodologien in Hinblick auf die Fragestellung, wie, nach welchen Logiken und in welchen Prozessen Geschlecht »hergestellt wird«. Vor allem diese zweite Debatte greifen wir mit dem Schwerpunkt des vorliegenden Heftes auf.

Mit dem Begriff der rekonstruktiven Geschlechterforschung beziehen wir uns auf ein Konzept der qualitativen Sozialforschung, das auf eine methodologische Unterscheidung von Alfred Schütz zurückgeht. Es geht darum, jene sozialen Prozesse, in denen Geschlecht relevant gemacht wird - Schütz spricht von alltagsweltlichen Konstruktionen - mit den Mitteln qualitativer empirischer Forschung zu untersuchen und als »Konstruktionen zweiten Grades« theoretisch zu reformulieren. Mit dieser Differenzierung wird auch die Konstruktivität des Forschungsprozesses selbst zum Thema, d.h. die gewählten Methoden und Gegenstände, die alltagsweltlichen und professionellen Wahrnehmungsraster der Forschenden werden einer systematischen Reflexion zugänglich.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Frage, wie alltagswelliche Konstruktionsprozesse qua Methode zum empirischen Gegenstand gemacht werden können, als zentral erwiesen für eine kritische Geschlechterforschung. Dabei haben insbesondere empirische Studien die Sensibilität geschärft für unterschiedliche Ebenen und Modi der Herstellung von Geschlecht in sozialer Praxis. Daß das explizite Wissen von Beforschten für viele der angesprochenen Konstntktionsprozesse eine geringere Rolle spielt, als manche Forscherinnen bis dahin angenommen haben mögen, ist eine Einsicht, die besonders ethnomethodologische Ansätze lehren. Die Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Wissen wird bei der Rezeption des ethnomethodologischen »doing gender«-Ansatzes hierzulande bisweilen zu sehr vernachlässigt. Wie ist aber methodisch vorzugehen, wenn die Beforschten zu relevanten Teilen der sozialen Konstruktion von Geschlecht nicht einfach befragt werden können? Methoden der teilnehmenden Beobachtung und Audio-Nideoaufieichnungen von »natürlichen« Situationen haben in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewonnen.

Aber auch Erhebungs- und Analysemethoden von Interviewmatenalien oder schriftlich verhaßten Textdokumenten sind unter (der)konstruktivistischer Perspektive weiterentwickelt worden. Empirische Studien haben gezeigt, daß auch das reflexiv verfügbare Wissen sozialer Akteurinnen, das sich z.B. in biographischen Selbstäußerungen artikuliert, oder explizit festgeschnebene Normen und Kategorisierungen, die z.B. in Gesetzestexten oder pädagogischen Schriften formuliert sind, mehrere Konstruktionsebenen enthält. Diese Überlegungen sprechen für eine theoretische Differenzierung der Konstruktionsannahme.

Mit knapp zehn Jahren Abstand wollen wir mit den Schwerpunktbeiträgen dieses Heftes der Anregung von Hilge Landweer und Mechthild Rumpf folgen und methodologische Reflexionen über empirische Forschungen anstellen, die sich der Rekonstruktion von kulturellen Praktiken, in denen »Geschlecht« soziale Bedeutung erlangt, aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen und Forschungszugänge widmen. Silke Schlichtmann wendet sich in ihrem Beitrag gegen die in der histonschen Leseforschung populäre These, daß Frauen um 1800 anders lasen als Manner. Sie vermutet, daß die Forschung mit dieser These die zeitgenössische Sichtweise der Geschlechterpolarität unkritisch reproduziert. Die Autorin untersucht Lektürezeugnisse in Briefen, und zwar solche, die sich auf Romane Goethes beziehen. Sie kritisiert eine die Geschlechter polarisierende Forschung in mehrfacher Hinsicht: in methodischer und methodologischer - es gebe kaum wirklich geschlechtervergleichende und ergebnisoffene Untersuchungen zur Lesepraxis; und in quellenkritischer - es gebe kaum eine Reflexion auf die Tragfähigkeit der gewählten Quellen, die bisher v.a. aus theoretischen Texten der Lesesuchtdebatte und aus solchen Dokumenten bestanden haben, die einseitig Lektüreerlebnisse von Frauen belegen. In ihrer eigenen exemplanschen Analyse zeigt sie, daß sich mit der Wahl einer neuen Quellengattung (Selbstzeugnisse in Briefen) und durch Einbeziehung beider Geschlechter die vormals plakativ behaupteten Geschlechterpolantäten auflosen.

Claudia Scheid, Regine Gildemeister Kai-Olaf Maiwald und Elisabeth Seyfarth-Konau stellen in ihrem Beitrag am Beispiel professioneller Praxis im Familienrecht die Frage, wie »doing gender«Prozesse praktisch ablaufen und empirisch untersucht werden können. Die Autorinnen und der Autor betrachten die Familienrechtsprechung als einen »herausgehobenen Ort der Formulierung und Reformulierung geltender Standards der Geschlechterverhältnisse«. Sie fragen, wie die Akteurinnen und Akteure in diesem Feld - als empirisches Beispiel wird eine Fallbearbeitung einer Familienrichterin, die sie im Interview rekonstruiert, ausgewählt - explizit und implizit Geschlechterkonzeptionen in ihre Interpretationen und Handlungen einfließen lassen. Die Sequenzanalyse kann eine von der Interviewpartnerin nicht bemerkte Diskrepanz zwischen dem professionellen Anspruch auf eine geschlechtsindifferente, fallspezifisch-argumentative Begründung des Urteils und den vorreflexiv in Anschlag gebrachten Geschlechterdifferenzierungen aufieigen.

Auch Helga Kelle bezieht sich in ihrem Beitrag auf das Konzept des »doing gender« und fragt nach den Möglichkeiten seiner empirischen Umsetzung. Am Transkript einer komplexen Interaktionsszene (also einer Datensorte, die für ethnographische Interaktionsanalysen als prädestiniert gelten kann), in der es um ein Rollenspiel einer Gruppe von Schülerinnen geht, zeigt sie exemplarisch methodische Schwierigkeiten des Ansatzes auf. Diese liegen vor allem darin, daß sich die alltagsweltlichen Akteurinnen selbst in der gegenseitigen Interpretation ihrer Handlungen in schnellem Wechsel auf mehrere Rahmen (im Sinne Goffmans) beziehen. Wie wäre etwa zu entscheiden, ob die Schülerinnen in ihrem Spiel Geschlechterstereotype reproduzieren oder karikieren oder beides tun? In der Analyse treten so eher die Mehrbödigkeit und verschachtelte Rahmung der Interaktionen zutage; als daß »doing gender«-Prozesse eindeutig identifiziert werden könnten. Die theoretische Suggestion des »doing gender«-Ansatzes, Geschlecht als fortlaufende interaktionale Leistung empirisch rekonstruieren zu können, wirft also mehr methodische Probleme auf, als gemeinhin angenommen. Diese Einsicht regt auch zu einer Differenzierung und Präzisierung des theoretischen Konzepts der »Geschlechterkonstruktion« an.

Bettina Dausien stellt in ihrem Beitrag eine narrationstheoretisch fundiert und sozialkonstruktivistisch orientierte Biographieforschung vor. Sie fragt nach der Verkettung und Aufschichtung von zuriächst situativen »doing gender«-Prozessen im Zeithonzont lebensgeschichtlicher Erfahrungszusammenhänge reflexiver Subjekte, die aus biographischen Erzählungen in narrativen Interviews rekonstruiert werden können, so das methodologische Postulat. An empirischen Beispielen zeigt die Autorin, wie sich »Geschlecht« wie ein »roter Faden« durch die Konstruktion des Biographie einer Erzählerin zieht, ohne daß direkt über das Geschlecht erzählt würde, und wie lebensweltlich verankerte Strukturmuster und Symbolisierungen in die individuelle Biographie »eingebaut« und mit der Zeit »eingespielt« werden. Die Frage nach der Geschlechtstypik erzählter Lebensgeschichten erweist sich in diesem Forschungszusammenhang nicht so sehr als Frage nach inhaltlichen Ähnlichkeiten, sondern vielmehr ais Frage nach typischen narrativen Strukturen und damit typischen Konstruktionsweisen.

Die Beiträge Außer der Reihe nehmen den Faden des Schwerpunkts gewissermaßen am anderen Ende (als bei Methodenfragen) auf, nämlich bei der Diskussion des Erfahrungsbegriffs. Joan W. Scott fragt danach, wie in der historischen Forschung bestimmte Erfahrungen (z.B. Ausschluß von Frauen) als Ursprung von Identität und politischem Handeln verstanden werden konnten und können. Wie ist der Prozeß beschaffen, der Individuen dazu bringt zu glauben, sie teilten Erfahrungen und diese Erfahrungen bestimmten ihre Zugehörigkeit zu einem Kollektiv? Wie wurden die Bande zwischen Identität, Geschichte und Erfahrung geschmiedet? In Auseinandersetzung mit diesen Fragen führt Scott in Anlehnung an die Psychoanalyse ein zweites Konzept ein, das der Phantasie, das für die Rekonstruktion von Prozessen der Erfahrungsorganisation in sozialen Bewegungen bedeutsam ist. Die Phantasie, so Scott, beeinnußt über die Selbst- und Fremdwahrnehmung die Erfahrungsprozesse historischer Akteurinnen und muß deshalb in die Analyse einbezogen werden.

Ute Gerhard kommentiert den Beitrag von Scott und bezieht auch frühere Texte in ihren Kommentar ein. Sie setzt den Akzent auf die Diskussion des Erfahrungsbegriffs und den Zusammenhang zwischen Erfahrung und Identität. In kritischer Absetzung von Scotts Interpretation identitätspolitischer Prozesse spricht sie unterschiedliche gesellschaftspolitische Kontexte US-amerikanischer und deutscher Feminismen sowie den engen Zusammenhang von feministischer Theoriebildung und spezifischen sozialen Problemen an.

Der Diskussionsteil schließt mit zwei sehr unterschiedlichen Beiträgen an diese feministischen Fragen an. In historischer Perspektive rekapituliert Patricia Vieira die Geschichte des Feminismus in Portugal von der Gründung der ersten unabhängigen feministischen Gruppierung 1907 über die Erste Republik, die langen Jahre der Diktatur des Salazar-Regimes, die Nelkenrevolution 1974 und den Aufbau der Demokratie bis zur Gegenwart. Die Autorin vertritt dabei die These, daß der organisierte Feminismus in Portugal bis zum heutigen Tag eine Elitebewegung (gewesen) ist, auch wenn sich die gesellschaftlichen Hintergründe dafür gewandelt haben. Uberlegungen zur Notwendigkeit einer breiteren Verankerung des Feminismus in der (weiblichen) Bevölkerung stehen am Ende des Beitrags.

Andrea Roedig beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit Phänomenen des »Cyberfeminismus«. Sie fragt in Auseinandersetzung mit Donna Haraway und Sadie Plant nach dem Zusammenhang zwischen Entgrenzungen von Mensch und Maschine, die sich durch Internetpraktiken ergeben, einerseits und der Verunsichenxng der Geschlechterdifferenz andererseits. Welches Potential bietet der Cyberspace in feministischer Hinsicht? Allerdings zieht die Autorin eine Differenz ein zwischen programmatisch-utopischen Entwürfen und der Praxis im »Netz«. Wie nahe wir Haraways Cyborg-Utopie, die einen »postgender-lrraum« darstellt, so Roedig, bereits gekommen sind, steht dahin,idie Autorin informiert uns jedenfalls über eine Reihe von feministischen Internetaktivitäten und diskutiert diese kritisch.

In der Rubrik Bilder und Zeichen stellt Mechthild VeiL die tschechische Malerin Toyen (1902-1980) vor, deren künstlerisches Schaffen durch Konstruktivismus und Surrealismus beeinflußt war.

Der Literaturbericht von Rebecca Branner beschäftigt sich mit Mädchenbildern in der ethnographischen Gesprächsforschung. Vor dem Hintergrund, daß Mädchen überhaupt erst seit den 80er Jahren zum eigenständigen Thema der Kommunikationsforschung geworden sind, trägt die Autorin einschlägige Befunde zusammen und stellt zentrale Studien vor. Dabei kann sie insbesondere dualistische Geschlechtertypisierungen entkräften, die sich im Anschluß an Forschungen zum »kooperativen Gesprächsstil« in Mädchengruppen entwickelt und diesen einer »konkurrierenden«, konfliktorientierten Kommunikation von Jungen gegenübergestellt hatten. Mittlerweile liegen differenzierte empirische Analysen vor, so auch von der Autorin selbst, die ein breites Spektrum an Kommunikationspraktiken im Anzetteln und Austragen von Konflikten und in der hurmorvollen Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit bei Mädchen belegen.

Wir freuen uns, daß auch in diesem Heft der Rezensionsteil wieder umfangreich ausfällt. Neben einigen Arbeiten mit Bezug auf den Heftschwerpunkt werden vor allem eine ganze Reihe von Veröffentlichungen aus dem Bereich der historischen Frauen- und Geschlechterforschung besprochen.

Bettina Dausien und Helga Kelle