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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2007 

EINLEITUNG

Dieses Heft der Feministischen Studien ist ein offenes Heft, dessen Beiträge verschiedene Fragen an feministische Theorien und Praktiken formulieren, die auf die Lebendigkeit des feministischen Diskurses verweisen. Aktuell gehört dazu vor allem die Debatte um einen »neuen« Feminismus, die in der medialen Öffentlichkeit breiten Raum einnimmt. Gleichzeitig möchten wir mit dem Titel - einem Bildnis von Olympe de Gouges (1748-1793) - ein Zeichen gegen die Geschichtsvergessenheit der Debatte setzen. Die französische Autorin hat nicht nur Romane oder Theaterstücke, sondern auch einen Entwurf für einen »Gesellschaftsvertrag« zwischen Eheleuten geschrieben, in dem es um die gleiche Verteilung von Aufgaben und Pflichten geht. Ihre 1791 publizierte Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin ist einer der politischen Gründungstexte des Feminismus - eines Feminismus, der inzwischen nicht selten als »alt« abgewertet wird. Wenn in den Feuilletons großer Tages- und Wochenzeitungen, aber auch in Talkshows und Diskussionsveranstaltungen seit einigen Monate der Ruf nach einem »neuen« Feminismus laut geworden ist, so steckt dahinter wahrscheinlich auch ein Unbehagen an einer Frauenpolitik, die in Deutschland zusehends mehr in den Sog demographischer Interessen gerät. Allerdings wird dieser Zusammenhang von den Frauen, denen die Frage vorgelegt wurde, ob wir einen neuen Feminismus brauchen, nur selten gesehen. Die »neuen« Feministinnen gehen davon aus, dass sie in Bezug auf ihre Rechte Gleichstellung mit den Männern erreicht haben. Dies verdanken sie nach eigenem Bekunden den feministischen Kämpfen der siebziger und achtziger Jahre. Gleichzeitig lehnen sie aber den »alten« Feminismus ab, weil er angeblich Frauen auf eine Opferposition festlege. Dieser Verzerrung ist entgegenzuhalten, dass es feministische Theoretikerinnen wie etwa Christina Thürmer-Rohr waren, die einer solchen Viktimisierungsstrategie am entschiedensten widersprochen haben. Ihre These von der Mittäterschaft der Frauen findet im Zuge der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über einen neuen Feminismus hervorragendes Anschauungsmaterial. In diesem Heft meldet sich Thürmer-Rohr mit einer Besprechung zu Sabine Harks Arbeit »Dissidente Partizipation« zu Wort, die die widersprüchlichen Erfolge feministischen Engagements in der Wissenschaft auf den Begriff zu bringen versucht.Mit einer Dämonisierung des Feminismus wird dagegen die Vielfalt sowie die Geschichte seiner Konzepte ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass im Kampf gegen strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechter und für individuelle Freiheiten von Frauen heute keineswegs von einem »Es ist erreicht« auszugehen ist. Dies weiß zum Beispiel die frühere Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth, die in einem Interview über die Bedeutung der Frauenpolitik und das 20-jährige Bestehen des bundesdeutschen »Frauenministeriums« äußerte, endgültige Fortschritte wären in der Frauenpolitik nicht zu verzeichnen: »Wir stehen noch ganz am Anfang, und ein Rückfall ist jederzeit möglich.«Diese gesellschaftspolitische Dimension scheint gerade erfolgreichen Frauen aus dem Blick zu geraten. Sie bekennen sich zu ihrer individuellen Stärke und Leistungsbereitschaft, mit der sie ihren Platz in der Gesellschaft erobern wollen. Während sie damit ihre Individualität als Ausdruck persönlicher Selbstbestimmung einerseits nachdrücklich behaupten, so zeigt sich diese andererseits vor allem als beruflicher Erfolg, der dann als Resultat individueller Anstrengung wahrgenommen wird. Strukturelle Probleme werden individualisiert; Gleichberechtigung wird zu einer Frage individueller Karrierechancen. Es ist noch nicht ausgemacht, wie weit Frauen mit dieser Strategie kommen werden, die über die bestehende Gesellschaft und die aktuelle Geschlechterpolitik nicht hinausgehen zu wollen scheint.Die Feministischen Studien wollen in einer ersten Bestandsaufnahme versuchen, das Phänomen des »neuen« Feminismus zu verstehen und kritisch zu kommentieren. Im Diskussionsteil eröffnen wir in diesem Heft eine Debatte zum Thema »Neuer Feminismus?«, die fortgesetzt werden soll. Den Anfang machen die Beiträge von Sabine Hark und Ina Kerner über den neuen »Spartenfeminismus«, von Christel Eckart über »Feminismus als Streitkultur« und Ute Gerhards Überlegungen zu Geschichte und Politikansätzen eines »Feminismus heute?«Den Hauptteil des offenen Heftes eröffnet ein Beitrag von Tristiana Dini, die in ihrem Aufsatz »Ist das Persönliche (bio-)politisch? Demokratie, Biopolitik und Geschlechterdifferenz« an Olympe de Gouges anschließt, indem sie der gleichzeitigen Entstehung von Biopolitik und feministischen Bewegungen nachgeht. Sie lässt sich dabei von Problemen der Demokratie und der Menschenrechte leiten, als deren »Urszene« sie die Französische Revolution betrachtet. Die Autorin arbeitet jene Konstellation zwischen Biopolitik und Demokratie heraus, durch die weibliche Körper und gesellschaftlich bestimmte Rollen von Frauen in den historischen Prozess eingeschrieben werden, und konfrontiert diese Rollenerwartungen und -zuschreibungen mit den Kämpfen von Frauen um politische Gleichkeit und ihrem Anspruch auf Differenz. Die Kritik an der politischen Gleichheit, die in nuce schon bei Olympe de Gouges zu finden ist, verfolgt sie innerhalb des Feminismus der 1970er und 1980er Jahre weiter. Dabei zeigt sich die radikale Kritik am Gleichheitspostulat insbesondere an Tendenzen des italienischen Feminsmus. Dini zufolge sind feministische Bewegungen und Theorien heute für eine radikale Kritik des traditionellen Demokratiebegriffs vorbildlich, weil sie auf eine Neugestaltung von Demokratie drängen, in der Freiheit und Singularität weder dem Universalismus noch einem Relativismus geopfert werden dürfen. Wir stimmen Tristana Dini darin zu, dass wir neue feministische Theorien und Praktiken brauchen, die imstande sind, das politische Erbe des Feminsmus anzunehmen, um gesellschaftliche Teilhabe von Frauen und politische Kritik zu verbinden.Wie die Erfüllung geschlechtsspezifischer Rollenerwartungen gleichzeitig für ein Überschreiten der Geschlechtergrenzen genutzt werden kann, zeigt Isabelle Stauffer in ihrem Beitrag über die »Querelle im galanten Gewand«. Im Zentrum ihrer Argumentation stehen Chancen und Grenzen von weiblicher Bildung und Autorschaft im 17. Jahrhundert. Am Beispiel von Maria Katharina Stockfleths Roman Die Kunst- und tugendgezierte Macarie kann sie zeigen, wie die Verführung des Lesepublikums zur Lektüre und die Forderung nach gelehrter Bildung von Frauen als galantes Spiel in Szene gesetzt werden, das eine geschlechtsspezifisch codierte Mischung aus Bildungs- und Liebesfragen bezeichnet. Gerade diese Rollenverteilung bietet Autorinnen die Chance zur Teilhabe an der Debatte über weibliche Gelehrsamkeit, die im Gewand der Galanterie mit Tugend und Liebe verknüpft erscheint. Die performative Qualität der Sprache des Körpers und der Gefühle kommt einem Versprechen gleich, das Frauen im Unterschied zur barocken Universalgelehrtheit ein gewisses Maß an Gelehrsamkeit zugesteht.Anja Tervooren greift in ihrem Beitrag »Einüben von Geschlecht und Begehren. Plädoyer für eine rekonstruktive Sozialisationstheorie« die Debatte um die geschlechtsspezifische Sozialisation, die in den 1970er und 1980er Jahren geführt wurde unter veränderten Vorzeichen wieder auf. Durch die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht in den 1990er Jahren waren Sozialisationstheorien unter Essentialismusverdacht geraten und wurden für längere Zeit ad acta gelegt. Die Autorin fasst nun die Theoretischen Erträge der Kritik an der Kategorie Geschlecht zusammen, um mit ihrer Hilfe sozialisationstheoretischen Ansätze reformulieren zu können. Dabei rückt sie das mit dem Konzept des doing gender verbundene Interesse an Mikroanalysen, die besonderer Materialität des Körpers und die Verschränkung von Geschlecht und Sexualität in den Mittelpunkt. Die Autorin plädiert dafür, Sozialisationstheorie auf konkrete Untersuchungen zu gründen, die eine Rekonstruktion körperlicher Praktiken und Inszenierungen von Geschlecht erlauben. Anhand einer ethnographischen Studie über zehn- bis dreizehnjährige Kinder an einer Berliner Schule kann sie zeigen, wie Jugendliche die Performanz von Geschlecht und Heteronormativität erproben und sich körperlich aneignen.Der Beitrag von Regina Mühlhäuser geht in diskursgeschichtlicher Perspektive den widersprüchlichen Maßnahme der Nationalsozialisten zur Kontrolle sexueller Kontakte im besetzten Osteuropa an der Schnittstelle von militärischen, rassen- und sexualpolitischen Interessen nach. Im Zuge der deutschen Politik der Kolonisierung, Vernichtung und »Germanisierung« wurde »rassische Auslese« zum zentralen Prinzip, um die einheimischen Bevölkerungen zu kontrollieren. Bei der Umsetzung dieser Politik überlagerten sich allerdings ideologische Grundlagen, politische Interessen und Alltagspraxen vor Ort. NS-Konzepte zur »Rassenmischung« und herrschende Vorstellungen von soldatischer Sexualität gingen dadurch höchst ambivalente Verbindungen ein. Die Verfasserin zeigt, dass die Rede vom virilen kampfkräftigen Soldaten die Umsetzung der NS-Vision von der »Reinheit der Rasse« unterminierte. Die nationalsozialistischen Vorstellungen von Rasse erwiesen sich im Zusammenspiel mit Bildern soldatischer Sexualität und Kampfkraft als durchlässig und brüchig.»Szenen einer Freundschaft« nimmt Regine Othmer in ihrem Beitrag über Hannah Arendt und Mary McCarthy in den Blick. Die biographische Forschung zu Hannah Arendt hat sich in den letzten Jahren vorwiegend mit Arendts Verhältnis zu Martin Heidegger als dem großen Lehrer und geheimnisumwitterten ehemaligen Geliebten befasst. Die Bedeutung ihrer Beziehung zu guten Freundinnen, von denen es eine ganze Reihe gab, wurde demgegenüber weitgehend ausgeblendet. Die »amerikanische Freundin« Arends, Mary McCarthy, ist vermutlich die einzige dieser Frauen, mit der sie auch einen ausgeprägten intellektuellen Austausch pflegte, weil McCarthy nicht nachließ, Arendt »zu denken« zu geben. Im Text von Regine Othmer werden einige der politischen und intellektuellen Schauplätze dieser Freundschaft in den 1940er und 1950er Jahren neu besichtigt.In der Rubrik »Bilder und Zeichen« ist ausgehend von den Ausstellungen zu »Sexwork. Kunst Mythos Realität« in Berlin und zu »Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern« in der Gedenkstätte Ravensbrück ein eigeneer Schwerpunkt entstanden. Die Beiträge reflektieren die aktuelle und kontroverse Diskussion über Prostitution, Zwangsprostitution und sexuelle Gewalt im Kontext von staatlichen Schutzvorkehrungen auf der einen, von Kriegen und Völkermorden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert auf der anderen Seite.Wie Gabriele Kämper in ihrem Ausstellungsbericht über »Sexwork« deutlich macht, bewegen sich die künstlerischen Arbeiten zur Prostitution im Spannungsfeld zwischen Anerkennung für die individuelle Selbstbehauptung der Prostitutierten und kritischer Auseinandersetzung mit dem von Gewalt und Profitgier gezeichneten Geschäft der Prostitution. Demgegenüber verschleiert der Begriff der »Arbeit«, der sich durch die Begleittexte und Diskussionen zur Ausstellung zieht, die Gewalterfahrungen der Prostitutierten. Nur diese Ausblendung ermöglicht es, den »Job« der Fraeun als sexuelle Dienstleistung anzuerkennnen. Zu dieser Anerkennung trägt wesentlich ein individualisierter Opferbegriff bei - und hier schein eine Parallel zur Debatte um den »neuen« Feminismus zu liegen -, der die individuelle Stärke der Prostitutierten als Einwand gegen deren Position als Opfer von Gewalt ins Feld führt.Die Ausstellung in Ravensbrück beleuchtet die Geschichte der Bordelle in Konzentrationslagern, in denen weibliche Häftlinge, vor allem aus dem KZ Ravensbrück, zwangsarbeiten mussten. Die Feministischen Studien dokumentieren die Ansprache zur Ausstellungseröffnung von Carola Sachse sowie einen Beitrag von Insa Eschebach, der Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, der in Zusammenarbeit mit Katja Jedermann entstanden ist.Neben den Tagungsberichten und anderen Informationen sei auf die diesmal besonders zahlreichen und wichtigen Rezensionen hingewiesen.Und zum guten Schluss nun noch einige kleine HInweise auf Veränderungen im Heft und in der Redaktion. In einer neuen Rubrik »Im Gespräch mit... « sollen künftig in offener Form Stellungnahmen zu politischen und wissenschaftlichen Fragen vorgestellt werden. Den Auftakt macht Wiebke Kolbe im Gespräch mit Mechthild Veil zu der Frage »Schweden - ein idealisiertes Vorbild für Gleichstellungspolitik und familienpolitische Reformen in Deutschland?« Das Interview beschäftigt sich mit der schwedischen Geschlechterpolitik im Kontext aktueller bundesdeutscher Familienpolitik, gilt doch die schwedische Elternversicherung als Vorbild für das Anfang des Jahres eingeführte und heftig umstrittene Elterngeld (siehe dazu auch den Diskussionsbeitrag von Mechthild Veil zur Familienpolitik in Heft 2/2006).Nach 18 langen Jahren ist Anna Maria Stuby aus dem Kreis der Herausgeberinnen in den Beirat der Feministischen Studien gewechselt. Wir danken ihr sehr für ihre engagierte Redaktionsarbeit und ihren Einsatz als Geschäftsführerin der Zeitschrift. Neue Geschäftsführerin der Feministischen Studien ist Mechthild Veil.

Anne Fleig und Regine Othmer