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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2003 

EINLEITUNG

Es gibt Traditionen, an die zu erinnern für das Gedächtnis einer Zeitschrift und ihrer LeserInnen hilfreich sein kann. Die Feministischen Studien haben mit ihrer immer wieder neu begründeten Skepsis gegenüber jeglichem Essentialismus auch dem orientalistischen Essentialismus viele kritische Beiträge gewidmet. Der schwierige Blick in die Fremde, das Verhältnis von Fremdem und Eigenem und damit die eigene unbewusste Fremdheit wurden im Verlauf von 20 Jahren theoretisch reflektiert und in konkreten Studien problematisiert. So entstand 1991 das von Sigrid Weigel und Sabine Schilling herausgegebene Novemberheft »Kulturelle mnd sexuelle Differenzen« mit der Uberlegung,

"dass wir immer schon in einer Geschichte kolonialer und eurozentrischer Traditionen stehen, die sich in die imaginären und symbolischen Strukturen unserer Kultur, d. h. in die Sprache, in die Begrifflichkeit und die Denkfiguren, in Visualisierungs- und Wahrnehmungsweisen, in die Vorstellungen vom eigenen Körper und Geschlecht eingeschrieben haben und sich auch ohne unsere Absicht und oft hinter unserem Rücken manifestieren (ebd.: 5)."

Im Zentrum dieses Heftes standen deshalb auch die Fragen nach den Konstruktionsweisen des >Fremden< und nach den Funktionen der Imaginationen, die Bilder und Vorstellungen von kultureller Differenz und differenten Geschlechterordnungen bestimmen. Beispielhaft für diese kritischen Dekonstruktionen war damals der Beitrag von Claudia Opitz über die exotischste aller Projektionsflächen: das Geheimnis des Harems.Wie auch literaturvissenschaftliche Analysen der Reiseliteratur des 18./19. Jahrhunderts zeigen, lässt sich im Blick auf den Harem oder auf den Irlam vor allem das widersprüchliche eurozentrische Gepäck entziffern. Solche diskursanalytischen Studien tragen vor allem zur Selbstaufklärung und zum kritischen Blick auf das Eigene, weniger zum Wissen über andere Kulturen bei. Neuere Untersuchungen versuchen, eine Vielfalt von Perspektiven und empirischen Quellen zu berücksichtigen. Ein Beispiel hierfür ist der Beitrag von Elcin Kürsat-Ahlers zum Harems-Thema im letzten Heft der Feministischen Studien (1/03).

Spielte im klassischen >Orientalismus< (Said 1979) der Harem als Projektionstheater eine zentrale Rolle, so könnte gegenwärtig das Kopftuch an diese Stelle gerückt sein.Verstanden als Symbol ist es - auf den ersten Blick - scheinbar für alle Interpretationen und Projektionen offen.Weniger wahrgenommen werden dagegen die Stimmen der Musliminnen, die es tragen - der Beitrag von Sigrid Nökel in Feministische Studien 2/1997 gab dazu einen ersten Einblick. Aber auch unabhängig von den konkreten religiösen, manchmal zugleich auch politischen Motiven dieser jungen Frauen wird deutlich, wie sehr im ideologischen Streit um das Kopftuch der weibliche Körper für sehr unterschiedliche Repräsentationspolitiken eingesetzt wird: Die verhüllten oder nicht-verhüllten Körper stehen dabei für westliche Emanzipation und Modernität oder den authentischen islamischen Weg in eine modifizierte Moderne. Kopftuchzwang wie Kopftuchverbot sind die jeweils extremen Pole dieser Repräsentationspolitiken, die implizit auf einem Kontrollbedürfnis und der Missachtung des Selbstbestimmungsrechts der Frau beruhen. Wie sehr das Kopftuchthema auch im Westen für politische, ja kriegerische Zwecke medial instrumentalisiert werden kann, wird im Beitrag von Tanja Maier und Stefanie Stegmann - ebenfalls im letzten Heft der Feministischen Studien - deutlich.

Mit dem vorliegenden, interdisziplinär konzipierten Schwerpunktheft »Streitpunkte in islamischen Kontexten« soll das Kopftuchthema nicht überstrapaziert werden, stehen doch sehr viel relevantere Fragestellungen und Kontroversen zur Diskussion. Die Überlegungen für dieses Heft stehen im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt »Islam und Geschlechterverhältnisse - Menschenrechte, Migration und interkultuveller Dialog«, das im Jahr 2002 am Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien der Universität Frankfurt/M. angesiedelt war. Unsere Motive und Fragestellungen für dieses Projekt und die daraus hervorgehende internationale Konferenz »Facetten islamischer Welten« (17.-19. 10. 2002) sind wissenschaftlich und politisch akzentuiert. Unmittelbare Herausforderung waren die Terrorangriffe am 11. Seprember 2001 auf das World Trade Center in New York und die sich damit verändernde politische Weltlage. Hierdurch wurde auch in erschreckender Weise deutlich, wie wenig wir als europäische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen - trotz der verbreiteten Rede über Globalisierung - die Probleme anscheinend entfernter Regionen verstehen, wie wenig wir über islamische Strömungen, über die MuslimInnen, die unter uns leben, wissen, und wie notwendig zugleich eine kritische Reflexion über das Bild der so genannten westlichen Welt vor dem Hintergrund anderer Kulturen ist. Uns war bewusst, dass wir mit einem einjährigen Projekt und der gleichzeitig vorzubereitenden Konferenz nicht alle in Frage stehenden Probleme und Facetten islamischer Welten aufgreifen, geschweige denn beantworten können.Wir konzentrierten uns deshalb auf die vielfach gestützte Wahrnehmung, dass im Zentrum der Missverständnisse und kulturellen Konflikte immer wieder das Geschlechterverhältnis und sehr unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechterordnungen stehen und dass sich die Meinungsverschiedenheiten am heftigsten an den prekären Fragen zum Geschlechterverhältnis entzünden: an den islamischen Vorschriften, gesetzlichen Beschränkungen und Prinzipien, die Frauen betreffen und unterordnen. Umso komplexer wird das Verständigungsproblem, wenn diese Fragen je nachdem als kultureller Konflikt, religiöser Dissens oder in der Perspektive der Menschenrechte als Politikum behandelt werden.

Eine unserer zentralen Prämissen bestimmte auch die Überlegungen für diesen Islam-Schwerpunkt der Feministischen Studien: dass Beiträge zu Themen wie »Die Frau im Islam« oder »Islamische Geschlechterordnung« nicht mehr denkbar sind, da alle Versuche in dieser Richtung notwendigerweise den Islam als kontroverses Diskursfeld verfehlen würden. Der Islam ist nicht jenseits konkret gelebter Religiosität und Deutung verstehbar. Auch der Koran und die anderen »heiligen Quellen« sind Texte, die nur durch Menschen zum Sprechen gebracht werden und zwar mit unterschiedlichen außerreligiösen Interessen, Motiven,Wünschen und historisch spezifischen Erfahrungen. Die aktuellen Lesarten der islamischen Quellen zeigen ein breites, widersprüchliches Spektrum, das von fundamentalistischen oder radikal-politischen Positionen bis zu Orientierungen an Demokratie, Geschlechter-Gleichheit sowie der Begründung von Frauen- und Menschenrechten reicht. Es wird vieles begründet in diesem Rahmen: Krieg und Frieden, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Geschlechtersymmetrie sowie hegemoniale männliche Macht und Gewalt. Besonders bemerkenswert ist, dass islamische Frauenbewegungen theologische Ansätze entwickeln, um herrschende Machtverhältnisse zu kritisieren und um nicht gleich als »westlich« denunziert zu werden. Frauen-, wie Reformbewegungen argumentieren mit dem Islam gegen den >realen Islam<, wie auch in einigen der hier präsentierten Beiträge deutlich werden wird. Solche Analysen sind unverzichtbar für eine differenzierte öffentliche Wahrnehmung islamischer Strömungen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auch auf jene reformorientierten islamischen Ansätze, die wenig Berührungsängste mit nicht-religiösen Perspektiven zum Ausdruck bringen. Diese Reformer lehnen nicht jede theoretische Position aus dem Westen als mit dem Islam unvereinbar ab, noch

"sehen sie im Islam einen Entwurf mit eingebautem Handlungsprogramm für die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme der muslimischen Welt. Sie stellen somit nicht nur eine ernst zu nehrnende Herausforderung für die totalitären Ausprägungen des Islam dar, sondern ermöglichen auch einen Ort, an dem eine am Konzept der Gleichheit orientierte Auslegung des islamischen Rechts in Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse möglich ist (Mir-Hosseini 2003). "

So deuten mehrere AutorInnen darauf hin, dass viele Unrechtserfahrungen in autoritär-islamischen Regimen dazu führen, dass in intellektuellen islamischen Kreisen die alten Vorbehalte gegenüber Demokratie und Menschenrechten - wegen ihres >westlichen Ursprungs< - tendenziell an Bedeutung verlieren und die Frage der Vereinbarkeit mit dem >Islam< nicht mehr allein theologisch, sondern politisch beantwortet wird (vgl. Hamzawy 2003). Für Nasr Hamid Abu Zaid ist im Koran selbst die Spur gelegt, die einen Bereich außerhalb des Rahmens der Offenbarung bezeichnet: »Es ist der Bereich der menschlichen Erfahrung, der Bereich der menschlichen Vernunft« (1996,199). Abdolkarim Soroush, der bedeutende iranische Philosoph und Reformer, übergeht die Frage, ob die Menschenrechte mit dem Islam vereinbar oder gar an sich islamisch seien.Wie Katajun Amipur zeigt, ist dieser Zugang für ihn irrelevant: für Soroush »sind die Menschenrechte ein Gebot der menschlichen Vernunft. Somit könnten sie auch der Religion nicht widersprechen, denn prinzipiell könne nichts Unvernünftiges Gottes Wille sein« (Amirpur 2003).

Eine offene und hier nicht weiter zu verfolgende Frage wäre, weshalb sich in Deutschland das in der Öffentlichkeit wahrnehmbare islamische Diskursfeld weitgehend gegenüber solchen Reformdiskussionen abschottet. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass auch hier MuslimInnen zunehmend islamische Identitätspolitiken mit patriarchatskritischen hermeneutisch-theologischen Ansätzen durchkreuzen. So erhält folgende These von Margot Badran, die sich teilweise auf den angelsächsischen Kontext bezieht, auch für Deutschland zunehmende Relevanz. Für sie ist der islamische Feminismus weder ein Produkt des Ostens noch des Westens, vielmehr überschreite er solche Dichotomien. Sie verveist auf die vielfältigen Produktionsorte in muslimischen Ländern und solchen der muslimischen Diaspora sowie deren Vernetzungen und wechselseitigen Kommunikationsbeziehungen im Cyberspace. Durch diese Zirkulation, in dessen Prozess sich der islamische Feminismus auch unablässig verändert, wird er zum globalen Phänomen (Badran 2002).

Ein weiterer Ausgangspunkt für die Konzeption des vorliegenden Heftes ist der innerislamische Perspektivenwechsel innerhalb der Forschung zur politischen Natur des Islam:Vor allem islamische Sozialwissenschaftler gehen nicht mehr von der Frage nach dem idealen islamischen Gemeinwesen aus, sondern untersuchen, wie sich die politischen Verhältnisse real entwickeln. Neuere Gesellschaftsanalysen sind somit nicht mehr ideologisch orientiert an einem islamischen Ideal und vermitteln die eher nüchterne Erkenntnis, dass die Religion kein Schlüssel zumVerständnis der Gesellschaft sei, sondern umgekehrt, »die, >Gesellschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der Religion<, wie es der libanesische Soziologe Halim Barakat ausdrückte« (Metzger 2002).

Diese Prämissen werden implizit bestätigt und entfaltet im Beitrag von Renate Kreile über das Verhältnis von politischem Islam, Geschlechterverhältnis und Stadt im Vorderen Orient. Ihre Analysen folgen der Frage, wie und warum mit dem Aufstieg des politischen Islam seit den 1970er Jahren die Geschlechterfrage besonders nachdrücklich ins Zentrum gerückt wurde. Dabei grenzt sie sich explizit ab von allen kulturalistischen und statischenverengungen des Blicks auf den Orient oder den Islam - und erinnert noch einmal an die eingangs erwähnte Problematik des essentialistischen Orientalismus. In ihrer Untersuchung wird vielmehr deutlich, welche außerreligiösen Themen in der Auseinandersetzung um die >wahre islamische Geschlechterordnung< verhandelt werden. Die Analyse der jeweiligen Geschlechterpolitiken (»Kampf um die Frauen«) wird entfaltet vor dem Hintergrund dramatischer gesellschaftlicher Krisenentwicklungen, unter Berücksichtigung der Interessenlagen des jeweiligen Staates, der antistaatlichen islamistischen Bewegungen und der Strategien der Frauenbewegungen in der jeweiligen Region im Kampf um Empowerment. Insgesamt thematisiert die Autorin die »Perspektiven der geschlechterpolitischen Dynamik imVorderen Orient« als »widersprüchliche Entwicklung«, die in sich »gegenläufige und sozial unterschiedlich akzentuierte Tendenzen« enthielte. So sei die weitere Perspektive davon abhängig, ob es gelänge, »Geschlechtergerechtigkeit mit derjenigen nach sozialer Gerechtigkeit zu verknüpfen« .

Katajun Amirpur konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die verschiedenen Facetten der Diskussion um Frauenrechte und Emanzipationsvorstellungen in der Islamischen Republik Iran. Vor dem Hintergrund ihrer wechselvollen Geschichte werden die jeweils unterschiedlichen Geschlechterpolitiken skizziert sowie gegenwärtige Konfliktlinien und Machtstrukturen dargestellt. Gegen ein staatlich verordnetes Islamverständnis haben sich in Iran - wie die Autorin zeigt - nicht nur die schon angesprochenen, anspruchsvollsten islamisch-theologischen Reformdiskurse entwickelt, sondern auch eine öffentlich wahrnehmbare und tendenziell einflussreiche Frauenbewegung, deren dominante Strömung mit dem Islam gegen den Islam argumentiert und somit Machtpositionen nicht nur im theologischen Diskurs behauptet oder denkbar werden lässt. Angedeutet wird eine Dialektik der islamischen Revolution: Frauen sind in öffentlichen Räumen präsent und in ihrerVielstimmigkeit unüberhörbar. Durch ihre Unrechts-Erfahrungen (auch im Hinblick auf den Kopftuchzwang) treiben sie die islamische Revolution über ihre ursprünglichen Ziele hinaus und verändern damit ihre Situation und die der Gesellschaft.Wie klein und schwierig die Schritte oftmals sind, ist zwischen den Zeilen des Beitrags zu lesen. Der Autorin gelingt eine Balance, indem sie die unterschiedlichen Ansätze zu Wort kommen lässt ohne >Bewertung< oder ideologisches Gefecht und trotzdem den Blick öffnet für eine Einschätzung, die ihre Kriterien nicht aus der Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichte« westlicher Frauenbewegungen bezieht.Während der studentischen Protestdemonstrationen in der Zeit um den 9. Juli dieses Jahres haben einige Frauen auch ihre Kopftücher verbrannt. Für sie ist es ein Symbol der Unterdrückung, ein Zeichen für die nicht-legitime Einrmschung der Religion in ihr Privatleben. »Schon munkeln viele Iraner, die Regierung sei >mit Hilfe der Kopftücher gekommen und werde auch mit deren Hilfe gehen<« (Hillauer 2003).

Alexandra Kaventzos stellt in diesem Heft unter der Rubrik Bilder &· Zeichen die Künstlerin Parastou Forouhar und ihr Werk vor. »Tausendundein Tag« ist der Titel der jüngsten Ausstellung der in Teheran geborenen und seit 1991 in Deutschland lebenden Künstlerin Parastou Forouhar - und eine fast >hoffnungslose< Anspielung auf das bekannte Märchen, das so sehr das Bild vom Orient prägte. Anders als im Märchen kennt das konkrete Kunstwerk »Tausendundein Tag« - eine überdimensionale Tapete mit sich wiederholenden Szenen der Gewalt - keine erzählende, listenreiche Scheherazade. Alexandra Karentzos interpretiert im Ausstellungskatalog die Arbeiten von Forouhar »im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Dokulmentation, Kunst und Politik«: »Darin, dass die Grausamkeit auf einer Tapete dargestellt ist, liegt nur scheinbar ein Widerspruch: Es zeigt sich, dass man sich in der Gewalt einrichtet, in ihr, >heimisch< wird.« (Karentzos 2003, 40)

Menschen- und Frauenrechtsverletzungen in muslimischen Ländern sind vielfältig dokumentiert. Häufig wird der Islam als Ursache angesehen und Argumente aus dem Steinbruch des Orientalismus oder dem Koran und der Überlieferung bemüht, um unüberwindbare »kulturelle Differenzen« zu markieren. Erst der genaue Blick zeigt jedoch, dass das so genannte islamische Recht in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ausgelegt und praktiziert wird. Diese verschiedenen Lesarten haben historische, kulturelle, gesellschaftliche und politische Wurzeln und ergeben sich nicht aus dem Islam als Religion >an sich<. Wie schon einleitend formuliert wurde und auch durch den Beitrag von Renate Kreile gestützt wird, liefert die Gesellschaftsanalyse auch den Schlüssel zumVerständnis unterschiedlicher, religiös begründeter rechtlicher Praxen. Eindrucksvoll wird dies dokumentiert durch das internationale Frauen-Netzwerk mit Internetportal Women Living Under Muslim Laws: Ausgangspunkt der Kritik ist hier eben nicht ein islamisches Gesetz im Singular. In den Tagungsberichten von Tanja Scheiterbauer und Ulrike Lingen-Ali & Mona Motakef werden weitere Aspekte des hier skizzierten Zusammenhangs angesprochen und interessante Ansätze referiert.

Im Diskussionsteil zeigt Ann Elizabeth Mayer mit ihrem Beitrag Islam, Menschenrechte und Geschlecht - Tradition und Politik, wie problematisch und politisch verhängnisvoll es ist, bei der Analyse der islamisch begründeten Vorbehalte gegen CEDAW (UN-Konvention über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau) von unüberwindbaren Gegensätzen in Menschenrechtsfragen zwischen dem Westen und dem Orient auszugehen. Auch im Westen sei die Anerkennung von Menschenrechten als Frauenrechten nicht vorbehaltlos gegeben. In ihrer Analyse des politischen Charakters religiös definierter Vorbehalte gegenüber CEDAW stehen somit nicht nur muslimische Länder im Zentrum, sondern auch einige westliche Staaten, die ihre Vorbehalte gegenüber den Menschenrechten fur Frauen christlich-fundamentalistisch begründen und ironischenveise bei einigen Entscheidungsprozessen auf internationalen Foren in muslimischen Regierungen ihre Bündnispartner finden. Ann E. Meyer kritisiert hier als langlährige Expertin besonders kenntnisreich die janusköpfige Menschenrechtspolitik der US-Regierung. Diese politisch engagierte, politikwissenschaftliche Analyse sollte nicht als weiterer Baustein eines Antiamerikanismus missverstanden werden. Die inzwischen verbreitete Vorwurfskultur operiert mit einem pauschalen Begriff ohne Nuancen, der sich zudem eines polarisierten Denkschemas bedient - unbestimmt bleibt jedoch die Präzisierung des Gegenpols. Staatliches Handeln im Hinblick auf den selbstgestellten Anspruch - Garant der Menschenrechte zu sein - zu analysieren und zu kritisieren, ist nicht gleichbedeutend mit einem Ressentiment gegenüber der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Zivilisation, wie das Wort Antiamerikanismus suggeriert. Ann E. Mayer argumentiert als US-Bürgerin im Kontext der amerikanischen Bürger- und Menschenrechtsbewegungen, die für das >andere< Amerika und seine demokratischen Traditionen einstehen. Zum Verständnis der gegenwärtigen US-Politik und ihrer zivilreligiösen, ja christlich-fundamentalistischen oder gnostischen Erlosungsgewissheit, sind weitere Analysen unverzichtbar, auf die hier nur verwiesen werden kann. Gerade aus einer feministischen Perspektive wären - nicht nur im Kontext islamischer Debatten - gegen jede politisierte Theologie und jeden theologischen Kern von Politik, die Freiheit, die Menschen- und Frauenrechte konsequent zu verteidigen.

Der literaturvissenschaftliche Beitrag von Priska Furrer über islamische Frauenromane in der Türkei führt uns in einen anderen politischen Kontext. Die türkisch-islami(sti)sche Bewegung wird von den kemalistischen Eliten wegen ihres politischen Anspruchs mit Misstrauen betrachtet und kontrolliert, exemplarisch sichtbar durch das in vielen öffentlichen Bereichen durchgesetzte Kopftuchverbot. Die islamischen Frauenromane, die Priska Furrer vorstellt und untersucht, lassen sich als fiktiver Schauplatz dieser Spannungen und Auseinandersetzungen verstehen. Sie vermitteln zudem Vorstellungen vom >richtigen< islamischen Leben bis in die kleinsten Verästelungen des Alltags hinein. Solche Suche nach den korrekten islamischen Regeln ist auch in der Bundesrepublik unter jungen MuslimInnen wahrzunehmen, als Prozess der >Traditionsfindung< und Ausdruck individualisierter Selbstkonzepte. Priska Furrer präsentiert die facettenreichen Bedeutungsschichten und Konstruktionselemente der vorgestellten Literatur. Ein wichtiges Ergebnis ihrer Analyse liegt darin, auf die allmählichen Veränderungen innerhalb dieser Gattung >islamische Frauenromane< aufmerksam zu machen. Vermittelten die ersten, frühen Romane ein idealisiertes, fast utopisches Bild vom wahren islamischen Leben, zeigen die neueren Veröffentlichungen Brüche, Widersprüche und Ambivalenzen in dem Versuch, den Islam auszuleben. Stehen die ersten Romane im Kontext der islami(sti)schen Erneuerungsbewegungen, indem sie den Weg zum Islam und den Kampf ihrer Heldinnen gegen den national-religiösen Einheitsanspruch des laizistischen Staates erzählen, tauchen jetzt andere Konflikterfahrungen von Frauen auf, die das Bild vom idealen Islam ver-rücken und einer neuen, fiktiven Reflexion zugänglich machen. Die Autorin verweist auf parallele Entwicklungen innerhalb der islamischen Bewegungen: Von Musliminnen würde zunehmend - auch öffentlich - deutlich artikuliert, welche Entmündigungen und Gewaltverhältnisse durch islamische Glaubenslehren verdeckt werden. Selbstansprüche, die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Interessen, geraten in Konfikt mit Vorstellungen harmonischer islamischer Gemeinschaft. »Islam heißt nicht Frieden, sondern Frieden machen« wird beispielsweise auch in kritischen Lektüren der islamischen Quellen hierzulande betont - damit ist auch ein Geschlechterfrieden jenseits patriarchaler Interessen gemeint.

In ihrem Beitrag Islam zwischen Integrationismus und Community? gibt Tanja Scheiterbauer einen Überblick über den Stand der Forschung zum Thema »Islam in der Migration« in Frankreich und Großbritannien. Sie zeigt anhand dieses Ländervergleichs, dass das national spezifische Verständnis von Multikulturalismus sowie multikulturelle Politiken Rückwirkungen auf Forschungen und insbesondere auf die Arbeiten der Frauen- und Geschlechterforschung haben. So steht in Frankreich die Frage nach dem integrativen bzw. assimilatorischen Potenzial eines sich säkularisierenden Islams imVordergrund. Um die Deutung des Kopftuchs als Symbol der sozio-kulturellen Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bzw. als legitimes Instrument des Ausdrucks religiöser Identitätsbildung wird kontrovers gestritten. In der britischen Forschung werden dagegen Vergesellschaftungsprozesse entlang der Kategorien Geschlecht, Ethnizität und Klasse fokussiert. Dieser Überblick kann dazu beitragen, kritische Fragen zu stellen und neue Akzente für Forschungsperspektiven und Debatten um die so genannte »islamisch-kulturelle Differenz« in Deutschland zu setzen.

Der Beitrag von Rose Marie Beck als Versuch der Deutung einer uns fremden Alltagswelt hat erst auf den zweiten Blick etwas mit unserem >Islamschwerpunkt< zu tun. Er konzentriert sich geografisch auf die swahili-muttersprachigen, islamisch geprägten Gesellschaften der ostafrikanischen Küstenregion. Disziplinär ist er angesiedelt im Dreieck von Linguistik, Afrikanistik und sozialwissenschaftlich orientierter Kommunikationswissenschaft. Die Untersuchung entfaltet die vielschichtigen Aspekte des Stoffes kanga (bedruckte und beschriftete Tücher, mit denen Frauen sich kleiden und verhüllen) und zeigt auf, welche Rolle der Stoff historisch, gesellschaftlich und individuell spielt, »als Instrument und Ausdruck von Anpassung und Eigenentwicklung ostafrikanischer Frauen«. Die kanga wird als Medium der Kommunikation vorgestellt und zugleich als Zeichen für das Gegenteil. In der Kommunikation mit der kanga sei es unmöglich, aus den bestehenden Machtverhältnissen heraus eine metakommunikative Ebene zu betreten. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die kanga ein Ausdruck für die Schwierigkeiten einer Gesellschaft sein könnte, zwischen Macht und Machtlosigkeit zu vermitteln.

In der Rubrik »Außer der Reihe« und im Diskussionsteil sind, wie bei den »Feministischen Studien« üblich, auch Aufsätze versammelt, die sich nicht auf den jeweiligen Heft-Schwerpunkt beziehen. Diesmal haben wir drei Beiträge aufgenommen, die alle im Kontext von Frauen- und Geschlechtergeschichte angesiedelt sind. Christa Kersting geht in ihrem Aufsatz den pädagogischen Ambitionen von Frauen auf dem Weltkongress 1893 in Chicago nach und stellt deren Utopie einer humaneren Gesellschaft vor. Dabei zeigt die Autorin, wie sehr das dort vertretene Gegen-Konzept einer moralischen und sozialen Reform durch Frauen sowohl von Klassen- als auch von ethnischen Fragen unterlegt war. Im Diskussionsteil nimmt Dietlind Hüchtker die jüngere Debatte um Erfahrungskonzepte in der Geschichtswissenschaft zum Anlass für ihre Überlegungen. Sie fragt nach dem Gebrauch des Begriffs Erfahrung in den polnischen und ukrainischen Frauenbewegungen um die letzte Jahrhundertwende und analysiert dafür Beispiele aus der Bewegungspublizistik. Der Rekurs auf Erfahrung, so ihre Folgerung, war für soziale Bewegungen konsensstiftend. Deshalb wurde Erfahrung auch als rhetorische Figur eingesetzt, die durchaus im Sinne eines politischen Zukunftsentwurfs >erfunden< sein konnte. Im letzten Beitrag dieser Rubrik würdigt Angelika Schaser die wissenschaftlichen und forschungspolitischen Verdienste der Historikerin Karin Hausen anlässlich ihres 65. Geburtstages und zeichnet anhand ihrer vielfältigen Aktivitäten das Bild einer Wissenschaftlerin, der es immer wieder gelungen ist, Fragen der Frauen- und Geschlechtergeschichte zu akzentuieren und dabei »das Gewohnte in Frage zu stellen«.

Den Schluss des Heftes bilden wieder eine Reihe von »Informationen« über wissenschaftliche Tagungen und Konferenzen sowie die »Rezensionen«, in denen Neuerscheinungen zur Frauen- und Geschlechterforschung einer kritischen Durchsicht unterzogen werden.
Wir danken Isabelle Zloch fur die redaktionelle Mitarbeit bei der Druckvorbereitung dieses Heftes.

Ute Gerhard, Mechthild Rumpf