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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2004 

EINLEITUNG

Ist Komplexität immer zu reduzieren, wenn man sie verstehen will? Oder sollte man nicht vielmehr versuchen, sie in ihren unterschiedlichen Facetten zu beleuchten? Das haben sich die Feministischen Studien mit diesem Heft einmal mehr zugemutet: eine Betrachtung der Geschlechterverhältnisse aus verschiedenen Blickwinkeln.

Will man die Beziehungen der Geschlechter wahrnehmen, bleibt das Auge zunächst in deren Inszenierungen gefangen. In »Ganz schön inszeniert. Überlegungen zu Heteronormativität und Schönheitshandeln« bietet Nina Degele eine Phänomenologie der schönen Inszenierungen der Geschlechter an, die sich als eine Pragmatik sozialer Verhältnisse interpretieren lässt. Schöheit sei von Anfang an inszenierte Schönheit. Ihre Zeichen werden kontextuell gedeutet und strategisch artikuliert. Schönheit sei eine Maske, die man performativ zur Verfolgung bestimmter Ziele trage. In diesem Sinn spricht die Verfasserin von Schönheitshandeln als Medium der Konstruktion der Geschlechter. anhand von empirischem Material verifiziert sie die Tragfähigkeit ihrer These in drei verschiedenen Bereichen: männliche Attraktivitätserwartungen, Frauen in Anzügen und lesbische Inszenierungen. Der Schluss, den Nina Degele aus der vergleichenden Analyse zieht, ist, daß trotz der unterschiedlichen Inszenierungen eine heteronormative Matrix das ästhetische Handeln der Geschlechter reguliert.

Aber Geschlecht wird nicht nur heteronom inszeniert. Es wird auch wissenschaftlich konstruiert bzw. >genetisiert<. In dem Beitrag »Die Gene der Frau - Humangenetik als Arena der Geschlechterpolitik« führt Thomas Lemke eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Diskussion um die Genetik und ihre Folgen für die soziale Konstruktion von Geschlechterhierarchien. Genetische Erklärungen werden vom Verfasser als Teil einer politischen Strategie erörtert, die auf die Individualisierung von Krankheit (am Beispiel von Brustkrebs), von Devianz und Heilungschancen setzt, anstatt die sozialen Ursachen der Pathologien zu problematisieren. Mit Bezug auf Foucaults These der Gouvernementalität, die die wechselseitige Konstitution von Wissensformen, Machttechniken und Subjektivitätsprozessen herausstellt, sieht Lemke in der aktuellen Funktion der Gene eine Schnittstelle zwischen individueller Disziplinierung und sozialer Regulierung, die sowohl eine Naturalisierung der kodifzierten Geschlechterhierarchien, als auch eine asymetrische Moralisierung bei Krankheiten produziert.

Der Anfang der 1950er Jahre geschriebene und 1974 erstmals in englischer Sprache veröffentlichte Roman »The Hearing Trumpet« (Das Hörrohr) der Malerin und zeitweisen Wegbegleiterin von Max Ernst, Leonora Carrington, ist ein Meisterwerk surrealistisch-prophetischer Imaginationskraft. Marianne Flassbeck spürt der verblüffenden »Hellhörigkeit« des Romans nach, indem sie sowohl seine uns heute postmodern anmutenden ästhetischen Konstruktionsprinzipien untersucht, als auch die im Roman inszenierte politische Apokalypse. Letztere interpretiert sie überzeugend als Antizipation einer globalen Bedrohung durch machtstrategische Frontenbildungen. Durch seine bizarre und kapriziöse Komik geht Carringtons Erzählwerk in seiner gesellschaftsverändernden Radikalität weit über formalästhetische innovative Ansätze der literarischen Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert hinaus.

Mit einem anderen tiefgreifenden Problem der Moderne beschäftigt sich der Beitrag von Vanessa Künnemann und Inga Lindemann. Er interpretiert die in englischen Gedichten aus dem ersten Weltkrieg vielfach beschworene blutsbrüderliche Beziehung der Soldaten untereinander, d.h. die offenen und versteckten homoerotischen Untertöne dieser poetischen Kriegszeugnisse werden als Reflex einer tiefen Männlichkeitskrise gedeutet, die durch spezifische politische und kulturelle Bedingungen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunders angelegt ist, aber erst durch die traumatischen Erfahrungen in den Schützengrüben des Stellungskrieges 1914-1918 virulent wird. Jedoch können, wie die Verfasserinnen zeigen, diese Gedichte nicht nur als Ausdruck der oben beschriebenen Männlichkeitskrise gelesen werden, sondern in ihrem Ringen um dichterische Ausdruckskraft auch als ein Mittel zu deren Überwindung.

Mit postmodernen Inszenierungen des Geschlechterverhältnisses beschäftigt sich Jutta Zaremba in ihrem Beitrag über Computerheldinnen und ihre weiblichen Fankulturen. Um die Mechanismen, Ambivalenzen, aber auch Potenziale von Frauenfiguren in Computerspielen herauszuarbeiten, geht die Verfasserin am Beispiel Lara Crofts deren virtuellen und realen Verkörperungen nach. Sie verfolgt die mediale Inszenierung von Computerheldinnen zunächst aus einer kulturkritischen Perspektive, in der die komplexe Vermarktung durch die Medienindustrie thematisiert wird. Nach diesem Blick auf die Produktionsseite der Medien wendet sich der Beitrag der Rezeptionsseite zu. Hier wird deutlich, dass trotz vielfältiger ökonomischer Interessen und Manipulationen die Fankulturen nicht eindimensional reagieren. Im Gegenteil, die Verfasserin beschreibt vielfältige Aneignungspraxen, die sowohl affirmativ-spielerische als auch widerständige Formen beinhalten.

Die Rubrik Diskussion wird mit einem Beitrag von Mechthild Rumpf und Eva Senghaas-Knobloch eröffnet, die unter dem Motto »Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen« (Louise Otto) das umfangreiche Schaffen Ute Gerhards, einer der Mitbegründerinnen der Feministischen Studien, zu deren 65. Geburtstag würdigen.

Der Diskussionsbeitrag von Marianne Schmidbaur präsentiert die Ergebnisse eines Forschungsprojektes über Studentinnen und Absolventinnen von Frauen- und Geschlechterstudien in neun europäischen Ländern. Die Verfasserin kontextuiert diese soeben beendete Studie in europäischen Initiativen zu »Women's Studies« und schildert die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Institutionalisierungsgrade in Europa. Die quantitative und qualitative Erhebung zeigt: Frauen- und Geschlechterstudien sind ein Identitätsprojekt und qualifizieren gleichzeitig für berufliche Tätigkeiten. Die befragten Studentinnen und Absolventinnen verfügen zumeist über eine hohe, oft persönliche, Studienmotivation, sie kalkulieren nicht unbedingt auf Karriere- und Berufschancen sondern orientieren sich stark an Lebensqualität (»quality of life«). Obwohl sie die Relevanz ihres Studiums für den späteren Beruf eher gering einschätzen, haben sie aber Schlüsselqualifikationen erworben, die sich sowohl bei der Arbeitssuche als auch in der Berufstätigkeit als nützlich erwiesen.

In der Rubrik »Bilder und Zeichen« stellen wir Arbeiten der Fotografin Annelise Kretschmer vor. Mechthild Veil skizziert den Werdegang der Künstlerin und hebt charakteristische Besonderheiten ihres Schaffens am Beispiel ihrer Portraitfotografie hervor.

Rezensionen nehmen in diesem Heft einen besonders großen Raum ein: Ihr thematischer Focus erstreckt sich von sozialpolitischen Analysen über kulturkritische Auseinandersetzungen bis hin zu Neuerscheinungen aus der Geschichtswissenschaft und Pädagogik.

Rita Casale, Anna Maria Stuby, Ulla Wischermann