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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2005 

EINLEITUNG

»Kinderlosigkeit« - dieser Titel mag manche unserer Leserinnen irritieren. Schon das Wort ist problematisch. Es nimmt eine dichotome Aufteilung vor, die zudem hierarchisch strukturiert ist: Kinderlose werden darüber definiert, dass es ihnen an Kindern mangelt. Dem können auch Formulierungen wie »Frau ohne Kind« oder »Frauenleben ohne Kinder«, wie sie derzeit in der Publizistik verwandt werden, nicht entgehen, denn auch sie konstruieren eine Verbindungslinie zwischen Frauen entlang dem Charakteristikum der Nicht-Mutterschaft.

Seit einigen Jahren wird »Kinderlosigkeit« als eine Ursache eines zu erwartenden Bevölkerungsrückgangs und einer damit einhergehenden Krise der sozialen Sicherungssysteme dargestellt. Das Thema Kinderlosigkeit wird jedoch auch in anderen Kontexten diskutiert. Es dient als Kristallisationspunkt für eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Mutterschaft und Vaterschaft in modernen Gesellschaften und mit den Zumutungen modernen Lebens im Hinblick auf Flexibilität, Autonomie und Verfügbarkeit. Insofern hat die Thematisierung von »Kinderlosigkeit« auch ein kritisches Potenzial. Hier knüpft das vorliegende Heft an. Es versammelt im Haupt- und Diskussionsteil insgesamt sechs Beiträge, die das Thema aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven beleuchten und gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit in den Blick nehmen. Dass es sich bei »Kinderlosigkeit« um ein brisantes Thema handelt, zeigten nicht zuletzt die vielen Reaktionen auf unseren call for papers. Leider konnten wir nur einen Teil der vorgeschlagenen Aufsätze für dieses Heft berücksichtigen. Neben den Beiträgen zum Schwerpunktthema sowie Tagungsberichten und Rezensionen umfasst das Heft in der Rubrik »Außer der Reihe« vier Aufsätze. Gudrun-Axeli Knapp und Rosi Braidotti plädieren in ihren Beiträgen für eine Re-Orientierung der Geschlechterforschung bzw. der feministischen Theorie. Mit dem Ansatz der Intersektionalität stellt Knapp einen in den USA zurzeit vieldiskutierten Versuch vor, verschiedene Dimensionen der Differenz (class, gender, race) in ihrem Zusammenspiel fassbar zu machen. Braidotti diskutiert in ihrem Beitrag die Angemessenheit konstruktivistischer Ansätze der Geschlechterforschung angesichts der Herausforderungen der Biotechnologien. Stärker empirisch ausgerichtet, wenden sich die Beiträge von Sandra Beaufays und Beate Krais und von Barbara Stambolis zwei männlich dominierten Institutionen zu - Forschungseinrichtungen und Service clubs - und untersuchen die in diesen Institutionen stattfindenden Konstruktionsprozesse von Geschlecht. Die Rubrik »Bilder und Zeichen« widmet sich den großformatigen Farbfotografien der 1970 geborenen Künstlerin Judith Samen.

Zum Themenschwerpunkt. Allenthalben ist in den deutschen Medien derzeit von Kinderlosigkeit die Rede. Sie ist - neben der Alterung der Bevölkerung - zu einem zweiten Fokus der demographischen Debatte geworden. Über ihr Ausmaß und ihre Ursachen wird heftig diskutiert. Bei Forsa und Allensbach wurden große Umfragen in Auftrag gegeben. Und für (mehr) Kinder werben mittlerweile nicht nur Demographen, sondern auch Parteien und die Kirchen. Ausgehend von dem Bibelwort »Seid fruchtbar und mehret euch«, fordern letzere seit einigen Monaten ihre Gemeindemitglieder dazu auf, darüber zu diskutieren, »was sich ändern muss und was getan werden kann, damit junge Paare den Mut« finden, Kinder zu bekommen (Woche für das Leben 2005, 5). Auch Journalisten fühlen sich dazu berufen, sich Gedanken zum Thema Kinderlosigkeit der Akademikerinnen ist ein beliebtes Thema, das sich für ZEIT-Artikel ebenso wie für die Harald Schmidt Show eignet (Ulrich 2005).
Die in der Debatte angesprochenen Entwicklungen und die genannten Zahlen sind keineswegs neu. Seit Jahren ist bekannt, dass Deutschland nicht nur sehr niedrig Geburtenrate hat, sondern dass diese bei den jüngeren Jahrgängen mit einer vermehrten Kinderlosigkeit einhergeht. In der Demographie wird gerade für die Gruppe der besser gebildeten Frauen von Polarisierungstendenzen gesprochen: Danach bekommen Frauen häufig keine Kinder oder sie bekommen mehrere Kinder, meistens zwie (Lipinski/Stutzer 2004, 4; Birg 2001, 77). Nicht nur im Playmobil-Katalog, auch im wirklichen Leben dominiert in noch stärkerem Maße als früher der Zwei-Kinder-Familientyp (Schimany 2003, 198). Wie viele Frauen und Männer - zumal der jüngeren Generation - allerdings tatsächlich Zeit ihres Lebens kinderlos bleiben, ist nicht bekannt. Die in Politik und Medien referierten Ergebnisse des Mikrozensus sind nur bedingt aussagekräftig. Sie belegen zwar die sozialen Unterschiede im Reproduktionsverhalten, überschätzen aber zugleich die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen, wenn sie, wie üblich, auf einer statistischen Zusammenfassung der 35- bis 39-Jährigen beruhen (Wirth/Dümmler 2004, 4). Im Kontext der Lebenslaufforschung erhobene Daten zeigen, wie Christian Schmitt und Ulrike Winkelmann in diesem Heft darstellen, deutlich andere Ergebnisse. Schmitt/Winkelmann beziffern die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen auf lediglich 25 Prozent. Auch hat sich die Forschung bisher wenig für die Kinderlosigkeit von Männern interessiert, worauf auch Florence Vienne in ihrem medizinhistorischen Beitrag in diesem Heft verweist. Mit Blick auf die gegenwärtige Situation ist jedenfalls selbst der quantitative Umfang der Kinderlosikeit erstaunlich unklar.
Dass die Behauptung, 40 Prozent der Akademikerinnen blieben kinderlos, so bereitwillig kolportiert wird, liegt also nicht in ihrer Verlässlichkeit begründet. Vielmehr dient sie dazu, die tatsächliche Entwicklung zu dramatisieren: 40 Prozent klingt schließlich bedeutender als 25 oder 30 Prozent. An einer solchen Dramatisierung sind alle diejenigen interessiert, die familienpolitische Maßnahmen und die Verbesserung von Betreuungsangeboten für Kinder fordern. Die gesonderte Betrachtung der Akademikerinnen eignet sich außerdem dazu, soziale Unterschiede im Reproduktionsverhalten zu thematisieren. Die PISA-Studie hat die Aufmerksamkeit nicht nur auf Bildung insgesamt gelenkt, sie hat auch gezeigt, dass der schulische Erfolg des Nachwuchs stark von der sozialen Herkunft abhängt. Für den Bildungsstand der »jungen Generation« ist es entsprechend nicht gleichgültig, wer Kinder bekommt und wer kinderlos bleibt. Vor diesem Hintergrund wird in der Bundesregierung über die Einführung eines einkommensabhängigen Erziehungsgelds diskutiert.
Die Debatte zum Thema Kinderlosigkeit ist jedoch keineswegs auf die politische Spähre der Parteien und Parlamente oder auf die Leitartikelspalten beschränkt, noch wird sie lediglich abstrakt geführt oder von Experten dominiert. Vielmehr zeichnet sie sich auch dadurch aus, dass sich Kinderlos zu Wort melden und in Leserbriefen, Artikeln und Büchern ihre Sicht der Dinge, ihre Entscheidungen und ihre Erfahrungen thematisieren um so dem gesellschaftlichen Druck, der auf Kinderlosen lastet, entgegenzutreten.
Dabei fehlt es nicht an schrillen Tönen. Wütend verteidigt Susie Reinhardt in ihrem Buch »FrauenLeben ohne Kinder« das Recht auf Kinderlosigkeit. Sie unterstreicht die Freiheiten der Kinderlosen, die sie allerdings vor allem im Bereich von Konsum und Karriere sieht, und beschreibt Mutterschaft (und Vaterschaft) als eine Art Selbstbestrafung, die bei den Betroffenen nicht nur körperliche Unattraktivität, sondern auch allgemeine Verblödung nach sich zieht: »Statt sich ins Leben zu stürzen und staunend die Welt zu erkennen, ziehen Eltern sich an Heim und Herd zurück. Mit Kind und Trauschein und eventuell dem eigenen Häuschen dazu bastelt die neue Familie ihre Festung«. Entsprechend blieben weder Zeit noch Geld oder Energien für Indienreisen, Tiefseetauchen und den Besuch »subversiver Jazzclubs« (Reinhardt 2003, 140/41, 197 und 141).

Kontrovers und erregt ging es zu, als EMMA im Frühjahr 2004 neben einem Artikel von Reinhardt einen Text veröffentlichte, in dem selbstbewusste Mütter der alternativen Szene als übergriffige »Kampfmütter« charakterisiert wurden (Anton 2004). »So hoch schlugen die Wellen selten in der Geschichte von EMMA,« konstatierte die Redaktion und veröffentlichte vier Seiten mit Leserinnenbriefen und einen weiteren Artikel zum Thema (EMMA, Mai/Juni 2004, 80-83).
Auch wenn es durchaus polarisierende Texte gibt, in denen Kinderlosen Egoismus und Zukunftsangst vorgeworfen werden (Peitz 2004; Greiner 2005) oder in denen genüßlich über die vielen Fehler von Eltern hergezogen wird (Lebert 2005), so mangelt es doch nicht an Beispielen für eine differenziertere Beschäftigung mit dem Thema Kinderlosigkeit. Viola Roggenkamps Buch »Frau ohne Kind« (2004), das literarisch gestaltete Berichte von 12 kinderlosen Frauen umfasst, Zeitungs- bzw. Zeitschriftenartikel von Christiane Grefe (2004) und Hans-Ulrich Treichel (2004) zeigen, dass es sich lohnt, Ambivalenzen im Umgang mit Kinderlosigkeit zuzulassen. Sie verweisen darauf, dass auch eine gewählte Kinderlosigkeit nicht notwendigerweise gewollt sein muss. Oder dass eine gewollte Kinderlosigkeit auch mit Bedauern einhergehen kann. Schließlich ist Kinderlosigkeit, wie die Studie der Psychologin Christine Carl (2002) belegt, nur selten das Resultat einer bereits in jungen Jahren getroffenen Entscheidung gegen ein Leben mit eigenen Kindern. Häufig ergibt sie sich eher, weil Paare auf den richtigen Zeitpunkt oder Singles auf den richtigen Partner warten.
Gerade weil Kinderlosigkeit keine Seltenheit mehr ist, weil sie anders als vor wenigen Jahrzehnten nicht mehr mit Unglück assoziiert wird und weil sie selbst im konservativen Milieu keinen Makel mehr darstellt - eine kinderlose Frau könnte die erste Bundeskanzlerin der BRD werden -, kann über Kinderlosigkeit heute in anderen Termini als denen des Gebärstreiks oder des Versagens diskutiert werden. Nach meinem Dafürhalten ist hier ein diskursiver Raum entstanden, den es zu nutzen gilt.
Aus feministischer Sicht ist die Diskussion über die Bedeutung von Mutterschaft / Vaterschaft und von Kinderlosigkeit in mehrfahcer Hinsicht interessant und kommentierungsbedürftig. Angesichts der medialen Inszenierung der Schwangerschaften von Prominenten und angesichts der Vehemenz, mit der u.a. von der SPD das Leitbild der berufstätigen Mutter propagiert wird, bleibt es wichtig darauf hinzuweisen, dass die gesellschaftliche Anerkennung von gewollter Kinderlosigkeit historisch jung ist. Kinderlos zu bleiben ohne dabei auf sexuelle Beziehungen verzichten zu müssen, ist eine Option, die für Frauen der kulturellen Avantgarde um 1900 enstand - und beispielsweise von Anais Nin, wie Stefanie Hohn in ihrem Beitrag zeigt, in einer extremen Form gelebt und stilisiert wurde. Zum Massenphänomen wurde die gewollte Kinderlosigkeit erst in den letzten Jahrzehnten. Dass Kinderwünsche heute mit anderen Lebensperspektiven konkurrieren, ist ein deutlicher Ausweis für die gewachsenen Handlungsspielräume und Erwartungen von Frauen, sowohl im Bezug auf Bildung und Beruf wie hinsichtlich der Qualität von Paarbeziehungen. Angesichts der allfälligen Forderung, es solle wieder selbstverständlich werden, Kinder zu haben, bleibt es notwendig, die Berechtigung anderer Lebensentwürfe zu betonen. Dass ein gelungenes Leben ohne Kinder im Übrigen auch in nicht-westlichen Gesellschaften möglich ist, zeigt der ethnologische Beitrag von Elsbeth Kneuper in diesem Heft.
Gibt es damit einerseits alte Forderungen der Frauenbewegung nach Selbstbestimmung im Bereich der Reproduktion aufrecht zu werden, so darf dies doch andererseits nicht dazu führen, Kinderwünsche von Frauen per se zu diskreditieren. Eine Tendenz dazu besteht in der feministischen Kritik an der Reproduktionsmedizin (Berg 1995). Dass letztere mit erheblichen ethischen und medizinischen Problemen einhergeht und eine gesundheitsschädigende, ja traumatisierende Wirkung für die Behandelten haben kann, ist unbezweifelbar. Doch mischt sich in die Kritik an den Verfahren häufig eine unterschwellige Kritik der Motive ihrer Nutzerinnen, etwa wenn unterstellt wird, dass diese Reproduktionsmedizin in Anspruch nähmen, weil sie zu einer aktiven Auseinandersetzung mit ihrem Kinderwunsch bzw. mit ihrer Kinderlosigkeit nicht bereit seien (vgl. etwa Berg 2003, 23). Nach meinem Dafürhalten schlägt sich hier eine kulturelle Distanz zwischen den Kritikerinnen und den Nutzerinnen der Reproduktionsmdizin nieder. Erstere zeichnen sich als Wissenschaftlerinnen notwendigerweise durch ein hohes Maß an Berufsorientierung aus. Und auch wenn sie einen individuellen Kinderwunsch haben oder Mütter sind, bewegen sie sich in einem sozialen Umfeld, in dem Elternschaft keineswegs als per se erstrebenswert, sondern eher als nachteilig gilt. Die daraus resultierende kulturell vermittelte Ambivalenz gegenüber Mutterschaft kann in die normative Anforderung umschlagen, ungewollte Kinderlosigkeit als Schicksal zu akzeptieren. Den Interessen der Nutzerinnen der Reproduktionsmedizin wird auf diesem Wege aber nicht entsprochen. Diese zeichnen sich, wie empirische Studien zeigen, durch eine traditionelle Familienorientierung aus (Nave-Herz/Onnen-Isemann/Oßwald 1996, 78). Sie entschließen sich zu reproduktionsmedizinischen Maßnahmen, weil es aus ihrer Perspektive attraktiv ist, leibliche Kinder zu haben. Eine Kritik der Reproduktionsmedizin sollte diesem Kinderwunsch die Legitimität nicht absprechen. In diese Richtung argumentiert auch der provokante Beitrag von Tanja Krones in diesem Heft, der sich kritisch mit vertrauten feministischen Positionen zur Reproduktionsmedizin auseinandersetzt.
Das politische Interesse daran, Kinderlosigkeit als eine legitime Lebensentscheidung darzustellen, hat wenig Raum dafür gelassen, sie auch als gesellschaftliche Zumutzung zu betrachten. So wichtig es in den 1970er und 80er Jahren war, Kinderwünschen und Mutterliebe den Status der »Natürlichkeit« zu nehmen und sie als Ergebnisse kultureller Zuschreibungsprozesse zu analysieren, so wurde dabei leicht verdeckt, dass auch die Entscheidung gegen Kinder gesellschaftlich geprägt wird. Am deutlichsten ist dies bei Lesben und Schwulen, denen Kinderwünsche bis in die jüngste Vergangenheit nicht zugestanden wurden, wie Angela Wegener in ihrem Beitrag in diesem Heft zeigt. Aber auch anderen Frauen (und Männern) wird Kinderlosigkeit geradezu abverlangt. Mit dem Bild des immer verfügbaren Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin, das Sandra Beaufays und Beate Krais in ihrem Beitrag in diesem Heft nachzeichnen, lassen sich die Sorge für Kinder und andere Formen der Fürsorge nur schwer vereinbaren.
Die Diskussion um »Kinderlosigkeit« ist auf den ersten Blick irritierend: sie ruft das gewohnte Misstrauen gegenüber demographischen Argumenten und bevölkerungspolitischen Maßnahmen hervor. Sie birgt die Gefahr, die Selbstverständlichkeit, mit der sich Menschen heute dafür entscheiden können, ohne Kinder zu leben, zu unterminieren. Sie stellt aber auch eine Chance und Herausforderung dar. Sie bietet Anknüpfungspunkte für im Feminismus geführte Debatten über die Bedeutung von Autonomie und von Mutterschaft. Sie lässt sich mit der Frage nach dem Stellenwert von Fürsorge ebenso verknüpfen, wie mit der Sorge um innergesellschaftliche wie um globale Gerechtigkeit. Und sie fordert dazu auf, die feministische Kritik an der Reproduktionsmedizin daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie die Interessen kinderloser Paare berücksichtigt. Auch wenn es unbequem sein kann, es lohnt sich, über das Thema Kinderlosigkeit zu sprechen.

Christina Benninghaus