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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2006 

EINLEITUNG

Warum beschäftigen sich die Feministischen Studien mit Männern, mit »neuen« oder »alten« Männern und ihren tatsächlichen und angeblichen Krisen sowie deren Bewältigungsstrategien beschäftigen? Und warum muss eine solche Auseinandersetzung gerade jetzt geführt werden? Seit Mitte der 1970er Jahre setzen sich wenige Männer mit ihren gesellschaftlichen Positionen kritisch auseinander und reflektieren Männlichkeit als Identitätsmuster, das zur Aufrechterhaltung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen beiträgt. Zu frühen Selbsterfahrungsgruppen und politischen Aktivitäten von Männern gesellte sich im deutschsprachigen Raum in den späten 1980er Jahren auch eine Männerforschung, die nicht nur das Geschlechterverhältnis, sondern vor allem auch das Verhältnis zwischen Männern einer kritischen Analyse unterzog. Das Programm hieß damals, die machtvolle Verknüpfung von Präsenz und der eigentümlichen Unsichtbarkeit aufzubrechen, die männlihce Dominanz naturlaisiert und eine Ontologie des Sozialen errichtet. Über Männer zu reden bedeutet, mit der langen Tradition zu brechen, in der Frauen zum Rätsel, zum »anderen« Geschlecht und Objekt der - wissenschaftlichen - Neugier gemacht worden waren und stattdessen den männlichen Blick auf sich selbst zu richten. Die wenigen Männer kämpften um eine Sprache und um Formen des Engagements, die ihre Verquickung mit Dominanz und Herrschaft weder leugneten noch sich durch eifrige Selbstbezichtigungen immunisierten. Den Widerspruch, dass sie als Repräsentanten eines Systems auftraten, das sie zwar theoretisch eloquent bekämpften, praktisch aber immer wieder reproduzierten, konnten sie nie ganz beseitigen, zumal der Feminismus für viele dieser Männer ein bohrender Stachel blieb: Er verletzte, tat weh, und zwar umso mehr, je mehr seine gesellschaftliche Forderungen geteilt wurden. Auch wenn die historische Entwicklung von Diskursen über Männlichkeit und des feministischen Engagements nicht linear verläuft und mit einer Reihe von Widerständen zu kämpfen hatte, setzte sich doch zumindest im akademischen Kontext die Auffassung durch, dass Männerforschung und politische Männerarbeit in der Tradition der us-amerikanischen National Organization for Men Against Sexism zu positionieren sei: »an activist organization of men and women supporting positive changes for men. NOMAS advocates a perspective that is pro-feminist, gay affirmative, anti-racist, dedicated to enhancing men's lives, and committed to justice on a broad range of social issues including class, age, religion, and physical abilities«. Seit Feuilletons großer Zeitungen über männliche Scheidungsopfer, Jungen als Schulversager, Männer als Täter häuslicher Gewalt und die Zwiespältigkeit der öffentlichen Wahrnehmung tradierter Männerrollen berichten und Debatten über Männer und Männlichkeit damit zu einem kulturellen Phänomen öffentlicher und politischer Bedeutung werden, haben sich die Gewichte innerhalb der Männerforschung, der politischen Männerarbeit und ihrem Verhältnis zum Feminismus und zur Politik des Geschlechterverhältnisses grundlegende gewandelt. Die Stimmen derjenigen Männer, die eine neue, selbstbewusste, vom Feminismus entkoppelte Geschlechterdebatte fordern, in der Männer als »gleichberechtigte« und Ansprüche formulierende Partner auftreten, ist lauter geworden. Wie die Aktivitäten der zahlenmäßig kleinen, rechtskonservativen Men's Right Movement zeigen, die über politische Lobbyingarbeit und spektakulären öffentlichen Aktionen politischen Einfluss insbesondere auf nationale Gesetzgebungen wie das Scheidungs- und Sorgerecht nehmen, sind Medien zunehmend aktive Akteure der kulturellen Produktion des Geschlechterverhältnisses. Das zentrale politische Charakteristikum dieser wechselseitigen »Wirkkraft« von Erfahrung und medialer Artikulation besteht darin, dass sich Erfahrungen von Männern und Frauen mit einem bestimmten theoretischen und politischen Begriffsrepertoire verknüpfen. Das schafft eine neue politische Konstellation. Dieser Prozess verdankt sich der radikalen Transformation des Begriffs der Kultur als Prozess ihrer Entsakralisierung und der damit verbundenen Veränderung ihrer Produzenten. Eine wichtige Konsequenz der immer stärkeren Annäherung der Kultur an den Alltag bzw. der Identifikation der kulturellen Praktiken mit Ritualen des Alltagslebens ist die Neutralisierung des Charakters von Alterität, welches als Merkmal einer Kultur diente, die als ästhetische Manifestation in ihren verschiedenen Formen und Gattungen dem Alltag als Akt der Verfremdung gegenüberstand. Mit der Annäherung der kulturellen Produktion an den Alltag, entsteht eine neue Sprache der Unmittelbarkeit, durch die der Alltag scheinbar natürlich kodiert und kodifiziert wird, indem Erfahrungen mit der materiellen Organisation des Alltags verknüpft werden. Dadurch werden Deutungsmuster strukturiert und Machtverhältnisse (re)produziert. Dieses System von kulturellen Produktionen bildet als Repertoire von Verhaltenscodes den orientierungsstiftenden Bedeutungshorizont für die Wahrnehmung des eigenen Alltags und den unumgänglichen Bezugspunkt für die so genannten politischen Akteure, die auf diese Weise eine Art »Grammatik des Möglichen« bezüglich der Spielräume ihrer politischen Handlung zur Verfügung haben. Diese Naturalisierung einer auf Männer fokussierten Geschlechterdebatte fordert eine feministische Intervention heraus. Das Interesse des vorliegenden Heftes liegt darin, den besonderen Charakter dieser publizistisch geführten Diskussion um die Männlichkeitskrise zu entziffern und zu verstehen, wie Männlichkeit heute theoretisch konzipiert und politisch positioniert wird. Ungeachtet dessen, ob eine Männlichkeitskrise diagnostiziert oder ein neues männliches Selbstbewußtsein proklamiert wird, darf die Popularisierung des Männlichkeitsdiskurses politisch nicht ignoriert werden, weil sie, mehr oder weniger verschämt, die »Wiederkehr des Mannes« feiert. Zum anderen zeigt dieses Heft auch, dass das Reden über Männlichkeit und ihre Krisen auch an andere Traditionen anknüpfen könnte, mit anderen theoretischen Zugängen, inhaltlichen Gewichten und politischen Perspektiven. Will man hier kurz und exemplarisch die Kodierung des aktuellen Stands der Männlichkeit betrachten, die zuletzt von einem Presseorgan wie der Wochenschrift Die Zeit publiziert worden ist, sollte man den besonderen Typ von Leserinnen und Lesern im Blick haben, an den sich Die Zeit wendet, damit eine solche Kodierung an Spezifität gewinnt. Ihr Publikum (AkademikerInnen, Lehrkräfte etc.) ist aus historischen und sozialen Gründen für die Problematisierung der Männlichkeit und ihrer Krise besonders sensibel. Als Angehörige von politisch aufmerksamen Bildungsschichten waren viele der AdressatInnen solcher publizistischer Debatten in unterschiedlichem Ausmaß in Prozesse sozialer und kultureller Transformation involviert, die im Gefolge der politischen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre (StudentInnen- und Frauenbewegungen) zur Krise und Infragestellung des patriarchalischen Modells von Männlichkeit und des damit verbundenen Familienmodells geführt haben. Sozial gesehen handelt es sich um diejenigen Gruppen der Bevölkerung, bei denen die Krise der Männlichkeit heute oft in Zusammenhang mit der Krise des traditionellen Familienmodells und der so genannten Kinderlosigkeit diskutiert wird. Die Männlichkeitskrise zeigt sich als Schwierigkeit von Männern, diejenigen Funktionen zu erfüllen, die ihnen traditionell als Herrschaftslegitimation gegenüber Frauen dienten: die des Ernährers und die des Vaters. In der medialen Kodierung werden diese beiden Funktionen eng miteinander verbunden: Wer nicht Ernährer sein kann oder will, trägt zur Erhöhung der Kinderlosigkeit bei. Selbstverständlich wird der Zusammenhang nicht immer so linear hergestellt. Es fehlen nicht diejenigen, welche die Gründe der Männlichkeitskrise und Kinderlosigkeit bei den emanzipierten Frauen suchen, die sich ihren »natürlichen Pflichten« entzogen hätten: der Pflicht der Fürsorgerin und der Mutter. Die »weltverbesserische« Kritik des patriarchal strukturierten Alltags in den siebziger Jahren sei für die aktuelle Zerstörung jener moralischen und ökonomischen Säulen verantwortlich, die das Überleben menschlicher Gemeinschaften zu gefährden scheinen. Mit einer in ihrer Falschheit und in ihrem normativen Anspruch bestürzenden Geste behauptet Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Arbeit ist vor allem Arbeit des Gehirns. Der Grad der Ausbildung einer Frau ist mittlerweile eine feste Größe für Kinderlosigkeit und die Verschiebung stabiler Partnerschaften. Arbeit vergrößert das Risiko von Kinderlosigkeit - sogar in stabilen Partnerschaften«. Schirrmachers Lösung, um die drohende Katastrophe des Untergangs menschlicher Gemeinschaften abzuwenden, ist ein minimaler Verhaltenskode, dessen Erfüllung angesichts seiner & raquo;natürlichen« Einfachheit Niemandem ein Problem bereiten sollte. Ein solches Minimum bestehe in einer schlichten Rückkehr zur Natur, die den Mann als Vater und Ernährer, die Frau aber als Mutter und moralische Fürsorgerin eingesetzt habe. Die Rückbesinnung auf eine als natürlich vorgestellte Ordnung würde mit einem Schlage Männlichkeitskrisen und Kinderlosigkeit beenden. Differenzierter wird in der bereits erwähnten Sommerreihe »Was ist männlich?« der Wochenzeitung Die Zeit argumentiert. Angesichts der Diagnose der Krise von Männlichkeit und der Ungewissheit des wünschbaren und authentischen »Wesens« zukünftiger Männlichkeit sei es an der Zeit, Männlichkeit neu zu kodieren, proklamiert Susanne Gaschke zum Auftakt. Dazu werden paradoxerweise die traditionellen Anhaltspunkte von Männlichkeit unter die Lupe genommen und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen aktualisiert. Uns interessiert hier nicht in erster Linie die inhaltliche Argumentation der Beiträge, denn es gehört in Zeitungen wie Die Zeit zum guten Ton, über Themen kontroverse Standpunkte zu publizieren. Bedeutsamer ifür die Kodifizierung eines neuen Männlichkeitsverständnisses ist die »Grammatik« der Männlichkeitskrise, die Struktur, die Männlichkeit als Krisenphänomen erscheinen lässt und damit Männlichkeit und Männer als Wert produziert, indem sie in eine Ökonomie der Aufmerksamkeit eingetragen werden, die sie zu einem naheliegenden und selbstverständlichen Referenzpunkt erhebt. Wenn also die »Grammatik« der Problematisierung von Männlichkeit bestimmt wird, dann fällt auf, dass bei der Festlegung der Felder, auf denen der Diskurs geführt wird, zwei Kriterien hilfreich gewesen sind: Klarheit und Selbstverständlichkeit. Unter Klarheit verstehen wir syntaktische und semantische Klarheit. Was üblicherweise als Grundregel des journalistischen Handwerkzeugs gilt, wird hier Teil der »Männlichkeitsgrammatik«: Die in den Beiträgen benützte Sprache bewegt sich nahe an der Umgangssprache. Intellektuelle Spekulationen und Analysen werden vermieden. Auf diese Weise entsteht über die Identifikation mit dem alltäglichen Sprachgebrauch eine scheinbar zwingende, »selbstverständliche« Logik, wie über Männlichkeit und ihre Krise gesprochen werden kann. Diese Logik bereitet die inhaltliche Identifikation vor und stützt sie ab. Obwohl die konstatierte Männlichkeitskrise gerade darin besteht, dass man nicht mehr weiß, was Männlichkeit ausmacht und worin sie sich zeigt, scheinen sich die Themen, in denen Männlichkeit entfaltet wird, von selbst zu verstehen: Vaterschaft, Bett, Krieg. Dies ist der Kern der doppelten Logik, die der Männlichkeitsdiskurs transportiert: Während sich an der Oberfläche eine Vervielfältigung von Bedeutungen zeigt, wird unterhalb, auf der Ebene dessen, was wir »Grammatik« genannt haben, die Natur des Mannes re(produziert): Unterhalb des flotten Spiels mit hybriden Identitäten erleben wir Die Wiedergeburt des Mannes - wie ein Phönix aus der Asche. Wenn Edgar Forster in seinem Beitrag Aspekte männlicher Resouveränisierungen in den Vordergrund rückt, so wird damit auf diese strukturelle Ebene verwiesen. Forster zeigt, dass die Rede von der Krise des Mannes zwar auf der Ebene konkreter Themen und Debatten tatsächlich als Prozess der Auflösung von Bedeutungen durch ihre Vervielfältigung gelesen werden kann. Sie kann die gesellschaftliche Stellung von Männern in Frage stellen, vor allem aber bei Männern selbst die subjektive Erfahrung der Krisenhaftigkeit ihrer Identität hervorrufen, zumal dann, wenn diese Erfahrung medial gespiegelt, artikuliert und mit scheinbar zwingenden Argumenten versehen wird. Aber zugleich kann die Rede von der männlichen Krise eben diese Männlichkeit stabilisieren. Am Beispiel der Zeit-Serie lässt sich diese doppelte Logik veranschaulichen. Während Gaschke in ihrem Eröffnungsbeitrag Symptome der Krise zusammenträgt, darunter so bekannte Befunde wie der häufige Misserfolg von Jungen in der Schule, Frustrationen von Männern auf dem Arbeitsmarkt, häusliche Gewalt, Krisen durch Scheidung usw. und als Folge davon Männern zu Verlierern stempelt, entwirft der Journalist Patrick Schwarz in seiner Replik ein konträres Bild. Malgré lui bietet er einen wertvollen Schlüssel, um die »Grammatik« der alltäglichen Krise der Männlichkeit zu entziffern. Aus der Not sei der neue Mann geboren - freier denn je. Männer mussten viel aufgeben, so Schwarz, und seien dadurch stärker geworden. Als echte Gewinner verhelfe ihnen die Krise zu einer neuen Souveränität. Zwar haben sich die Formen der Dominanz verändert, aber die Dominanz selbst sei deswegen nicht verschwunden. Die journalistische Debatte, die in der Zeit geführt wird, scheint dies Einsicht zu bestätigen. Auf der Titelseite der Ausgabe vom 24. August 2006 fordern fünfzehn Frauen: »Wir brauchen einen neuen Feminismus«. Sie haben die Bereitschaft der Männer, tatsächlich etwas von ihrer Macht abzugeben, überschätzt, schreiben sie. Es hat den Anschein, als ob die Veränderung von Souveränitätsverhältnissen zwar neue, »weichere« Formen männlicher Macht, Herrschaft und Gewalt hervorbringt, die Geschlechterordnung aber strukturell unangetastet lässt. In diesem Heft zeigt Carmen Baumeler in einer Untersuchung über Interaktionen im wissenschaftlichen Alltag, wie auf der Mikroebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens Die Etablierung der Geschlechterhierarchie im Computerlabor trotz der Durchsetzung der Gleichberechtigungsnorm reproduziert wird und zusammen mit sozioökonomischen Ungleichheiten und das Verhalten regulierenden kulturellen Feldern von Organisationen ein mehrschichtiges System sozialer Ungleichheiten produziert, das die die Karriere von Wissenschaftlerinnen behindert. Ganz anders ist die Situation in nordeuropäischen Staaten wie Schweden, das den Feminismus als politische Kraft weitgehend akzeptiert hat, so dass heute von einem »Staatsfeminismus« die Rede ist. Hier sind Männer auf ganz andere Weise als im deutschsprachigen Raum herausgefordert, zur Gleichstellung der Geschlechter und zum Feminismus Position zu beziehen und als »feministischer Mann« durchzugehen, gilt bei politisch engagierten Männern, wie der Beitrag Männliche Positionierungen zur Gleichstellung der Geschlechter und zum Feminismus: Theoretische Bezüge und praktische Passings von Jeff Hearn und Linn E. Holmgren zeigt, als positive Zuschreibung. Wenn man heute zurückblickt, dann war die »Krise der Männlichkeit« zuerst ein akademisches Thema, das sich mit der Wiederentdeckung der nun allerdings hybriden Identität als zentralses Konzept der Humanwissenschaften verknüpfte und Männlichkeit gewissermaßen spaltete: Männer scheitern mit ihrer tagtäglich gelebten Männlichkeit an hegemonialer Männlichkeit, die als negative Folie funktioniert, als eine Form von Idealisierung, die Männer notgedrungen verfehlen, weil sie heterosexuelle, weiße, starke Mittelschichtsmännlichkeit niemals perfekt repräsentieren. Dieser Spalt müsse gewaltsam verdeckt und geschlossen werden, weshalb die Gewalt als eine entscheidende Praktik für die Konstitutierung von Männlichkeit gesehen wird. Zwei Beiträge in diesem Heft nehmen diesen Aspekt auf: Mechthild Bereswill untersucht in Männlichkeit und Gewalt. Empirische Einsichten und theoretische Reflexionen über Gewalt zwischen Männern im Gefängnis Gewalt zwischen Männern im Gefängnis. Männer identifizieren das Ideal hegemonialer Männlichkeit mit Gewalt, während Angst und Schmerz nicht gezeigt werden dürfen und Schwäche mit Weiblichkeit assoziiert wird. Marc Thielen analysiert im Beitrag Trügerische Sicherheit - Homophobie als Quelle problematischer Lebenssituationen schwuler Flüchtlinge aus dem Iran im deutschen Asyl Gewalterfahrungen schwuler Flüchtlinge und zeigt, dass Homophobie, namentlich die Angst, kein richtiger Mann zu sein, hegemoniale Männlichkeit stützt und durch institutionelle Kontexte wie Asyleinrichtungen reproduziert wird. Dieses Konzept, dass Mann niemals ganz Mann ist und kein Mann Männlichkeit völlig repräsentiert, war allerdings nicht die Grundlage für eine sozialkonstruktivistische Erklärung männlicher Gewalt und für ein in Männern angelegtes Veränderungspotential, sondern auch eine perfekte Ergänzung der poststrukturalistisch motivierten Dekonstruktion des Patriarchats und der Frau und ermöglichte Männern zunächst, ihren Platz in den Gender Studies zu erobern. Später, als kulturelles Phänomen mit entscheidenden Folgen für die Arbeitsmarkt- und Familienpolitik, hat das Thema Männlichkeit, so behaupten wir, zur Resouveränisierung von Männern und zur Neutralisierung der politischen Kritik des Patriarchats beigetragen. Freilich, auch diese Geschichte ist weder so linear noch so unbeweglich, wie sie hier skizziert ist, aber es ist notwendig, angesichts der individualisierungstheoretisch gefütterten Stimmung des »Alles-ist-Möglich« auf die beharrenden Kräfte hinzuweisen, die in unterschiedlicher Form Machtverhältnisse stabilisieren. Monika Mayrhofer beschreibt in ihrem Diskussionsbeitrag Was Männer bewegt - Neokonservative Männlichkeitspolitik in Österreich im Kontext der Einrichtung der Männerpolitischen Grundsatzabteilung wie durch eine Reihe von symbolischen, diskursiven und materiellen Strategien der Feminismus diskreditiert, feministische Politik »ausgehungert« und an dessen Stellen eine konservative Männlichkeits- und Familienpolitik etabliert wird. Wie in journalistischen Debatten wird auch hier eine Ontologisierung des Sozialen über die Verknüpfung unterschiedlicher Elemente hergestellt, die dem Diskurs eine scheinbar zwanglose Natürlichkeit aufdrücken. Die Ideologie des Männlichkeitsdiskurses wird über die Behauptung von notwendigen Zusammenhängen gestiftet, die tatsächlich politisch motiviert sind. Ein Beispiel dafür sind Arbeiten über männliche Opfererfahrungen. Unsere Kritik bezieht sich nicht auf den Umstand, dass Jungen und Männer als Opfer geschlechtsspezifisch motivierter Gewalt anerkannt oder problematische Seiten von Täter-Opfer-Logiken beleuchtet werden - im übrigen verdanken diese Diskurse ihre frühen und wichtigsten Einsichten der feministischen Forschung -, sondern darauf, dass der Hinweis auf männliche Opfererfahrungen mit politischen Positionierungen gegenüber dem Feminismus verknüpft wird, so als gäbe es einen inneren Zusammenhang zwischen beiden Feldern. Mit welchem Anspruch formulieren die Feministischen Studien ihr Unbehagen über die neuerdings bemerkbare Wiedergeburt des Mannes? Es geht um die Konstruktion eines Feldes durch die Behauptung von Zusammenhängen, um die damit verbundene Produktion von Kontexten, um eine Ontologisierung des Sozialen. Die Studie Erhöhter Körpereinsatz. Zur filmischen Repräsentation des (männlichen) Körpers - zwischen Resouveränisierung und Aufsprengung von Robin Celikates und Simon Rothöhler führt mit Bezug auf das Hollywood-Kino exemplarisch Strategien der männlichen Resouveränisierung von Männlichkeit vor, die weiterhin auf dei »Naturalisierung und Ontologisierung des Sozialen [zielen], auf die Festschreibung eines Prozesses, auf die Stillstellung eines Geschehens, auf die Schließung eines umkämpften Möglichkeitenraums - und damit auf Entpolitisierung«. Ihr Beitrag zeigt aber auch, dass durch die Re-Artikulation von Elementen, wie sie Claire Denis in ihren Filmen vornimmt, tradierte Männlichkeiten aufgesprengt werden. Neben den Hauptartikeln und Diskussionsbeiträgen beziehen sich auch einige Rezensionen auf den in diesem Schwerpunktheft analysierten Zusammenhang zwischen Naturalisierung sozialer Verhältnisse, Krise und Resouveränisierung von Männlichkeit: der von Stefan Dudink, Karen Hagemann und John Tosh herausgegebene Sammelband Masculinities in Politics and War. Gendering Modern History, der Band Männliche Adoleszenz. Sozialisation und Bildungsprozesse zwischen Kindheit und Erwachsensein, herausgegeben von Vera King und Karin Flaake, und schließlich ein Buch mit Studien über Mascolinità italiane. Männlichkeiten im 20. Jahrhundert. Wie gewöhnlich finden sich im offenen Teil des Hefts Beiträge, die sich mit neuen Ansätzen der Geschlechterforschung - wie der Beitrag Hosen mit Bedeutung von Silvia Ruschak über die Hybridisierung von Weiblichkeitsvorstellungen -, mit alten und neuen Formen hierarchischer Geschlechterverhältnisse und nicht zuletzt mit aktuellen Fragen zur Familienpolitik - wie bei dem Beitrag Familienpolitische Debatten im Aufwind von Mechthild Veil - auseinandersetzen.

Rita Casale und Edgar Forster