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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2013 

EINLEITUNG


Nach 13 Jahren ist wiederum ein Heft der Feministischen Studien schwerpunktmäßig dem Thema Care / fürsorgliche Praxis gewidmet. Blickt man zurück auf die im Extraheft der Feministischen Studien zu Fürsorge – Anerkennung – Arbeit im Jahre 2000 verhandelten Themen, so wird Unabgegoltenes, aber auch Weitergeführtes deutlich: Fürsorge als politisches Korrektiv war eine der Thematiken­, zu denen Christel Eckart, Joan Tronto und Margrit Brückner aus zeit-, demokratie- und sozialpolitischer Perspektive zur Jahrhundertwende Analysen und Vorschläge vorlegten, die Mechthild Veil mit einer Kritik der Arbeitspolitik in Deutschland ergänzte. Erschien das Heft nur wenige Jahre nach Einführung der Pflegeversicherung, so ist die Pflege und Betreuung alter Menschen inzwischen ein Thema geworden, das fast täglich die Presse füllt und zu immer neuen Gesetzesinitiativen führt. Aber auch die Fragen der Kinderbetreuung und der Erziehung sind auf die politische Agenda gekommen, vom Elterngeld über das Recht auf einen KITA-Platz bis hin zum Betreuungsgeld. Die Tatsache existenzieller Angewiesenheit aller Menschen auf die Fürsorge anderer wird gerade in alternden Gesellschaften, zu denen auch Deutschland zählt, unausweichlich.
Die gesellschaftlichen Debatten und auch sozialpolitische Regelungen im Bereich Care / fürsorgliche Praxis sind voran geschritten, ohne dass sich die Richtung der gesellschaftspolitischen Entwicklung grundsätzlich geändert hätte. Deutlicher sind heute die Herausforderungen durch die globale Ökonomie mit ihren Strukturen vertiefter Ungleichheit und die ökologischen Schäden durch die vorherrschende politische Ökonomie geworden, aber auch die gewachsenen Ansprüche und selbstbewussten Praktiken der Frauen und Männer, die sich Sorgetätigkeiten in verschiedener Gestalt widmen. Es sind diese stark gewachsene Aufmerksamkeit und öffentliches Engagement, zu denen folgerichtig gehört, dass wir in diesem Heft gleich zwei politische Memoranden zum Thema Care dokumentieren: die Europäischen Empfehlungen der Social Platform für eine »Caring Society« in der EU von 2011, eingeführt von Ute Gerhard, und das Manifest einer Gruppe besorgter Forscher_innen für eine neue Care-Politik in Deutschland. Nach der Endredaktion erreichte uns ein weiteres Manifest, auf das hier noch hingewiesen sei: Der Aufruf der Initiative feministischer Wissenschaftlerinnen »Für eine soziale, geschlechtergerechte und offene Gesellschaft«, der auf den Gender-Webseiten der Humboldt-Universität zu Berlin nachzulesen ist.
Der englische Ausdruck care ist seit einigen Jahren im wissenschaftlichen Diskurs weitgehend an die Stelle von fürsorglicher Praxis, Fürsorge oder Sorgearbeit getreten. Das hat auch damit zu tun, dass die Mehrdeutigkeit des care-Begriffs in der interdisziplinären Diskussion viele Anschlussmöglichkeiten bietet. Sie reichen von philosophischen Konzepten über ein spezifisches Pflegeverständnis bis hin zu einem Verständnis von Demokratie als inklusiver Staatsbürgerschaft. Gerade deshalb haben wir uns allerdings entschieden, den Begriff zu übersetzen, so weit dies möglich war. So werden die eigenen praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Traditionsbestände der Frauenforschung und gendersensiblen Ansätze hierzulande einbezogen, ohne den internationalen Kontext auszublenden. Wir sind überzeugt, dass es der Reflexion auf die je besonderen gesellschaftlichen Kontexte bedarf, wenn es gelingen soll, die neue, an universalen Menschenrechten orientierte Kritik an den gegenwärtigen Sorgeverhältnissen konstruktiv zu beantworten. Und wir sind uns bewusst, dass wir in dem vorgelegten Heft nur einen Teil der vielschichtigen Aufgaben, die zu fürsorglicher Praxis und Sorgeverhältnissen gehören, in den Blick nehmen konnten.
Eva Senghaas-Knobloch widmet sich dem Schwerpunktthema unter dem Gesichtspunkt einer weltweiten politischen Herausforderung in der Dimension soziale­ Nachhaltigkeit. Sie begreift die gesellschaftliche Organisation von Arbeit als Schlüsselkonzept für jedwede gesellschaftliche Entwicklung und analysiert die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung auf globaler Ebene und mit besonderer Berücksichtigung der Situation in Deutschland. Als epochaler politischer Ansatz zur Überwindung der problematischsten Beschäftigungsformen im Haushalt wird das von Deutschland im Juni dieses Jahres ratifizierte Übereinkommen 189 der Internationalen Arbeitsorganisation über menschenwürdige Arbeit von Hausangestellten vorgestellt und zugleich werden Barrieren gegen seine faktische Umsetzung hierzulande aufgezeigt. Der Schutz dieses völkerrechtsverbindlichen ILO-Übereinkommens richtet sich allerdings ausschließlich auf abhängig Beschäftigte. Im Ausblick des Artikels werden daher die erwähnten und in diesem Heft dokumentierten Empfehlungen der Social Platform in der EU in den Blick genommen, deren Leitbild eine »caring society« ist.
Claudia Gather und Lena Schürmann befassen sich mit Unternehmensgründerinnen und Selbständigen in der Pflegebranche, deren Zahl seit der politischen Neuordnung des Sozial- und Gesundheitswesens in Richtung Privatisierung und Vermarktlichung stark angestiegen ist. Sie analysieren aus ihrem empirischen Material heraus vier typische Motivationen für die Selbständigkeit. Dabei werden heterogene Effekte der politisch gewollten Vermarktlichung der Pflege sichtbar. Verschlechterte Arbeitsbedingungen führen zu Gründungen durch Berufsangehörige. Es kommt so zur Schließung von Versorgungsengpässen. Die Kostendeckelung erzeugt Prekarisierungsrisiken auch für Selbständige.
Für Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister ist fürsorgliche Praxis nur ein Teil dessen, was sie als die Produktivität des Reproduktiven beschreiben, die im Rahmen der herrschenden Ökonomie aber ausgeblendet wird. Sie argumentieren, dass fürsorgliche Praxis als Element einer neuen Ökonomie der Vorsorge zu begreifen ist. Während die lebensnotwendige fürsorgliche Praxis auf unabweisbare Bedürfnisse rekurriert, die in der menschlichen Natur liegen, und anerkannt werden müssen, bedarf auch die außermenschliche Natur neuer Umgangsformen, damit sie ihre Produktivität erhalten kann, die in der herrschenden Ökonomie genutzt, aber nicht anerkannt ist. Die Autorinnen plädieren für eine Einbeziehung der gesamten Natur in den Betrachtungshorizont einer ökonomischen Theorie und Praxis, die auf Nachhaltigkeit aus ist.
Käte von Bose und Pat Treusch beschreiben ihren Beitrag als Denkexperiment ihrer gemeinsamen Forschungswerkstatt. Als Schnittstelle ihrer beiden Forschungsfelder dient ihnen eine Denkfigur der ›helfenden Hand‹, anhand derer sie das Sprechen über Pflegearbeiten in verschiedenen Kontexten untersuchen. Sie thematisieren in ihrem Beitrag den Wunsch nach »helfenden Händen« und die ambivalenten Folgen versuchter Automatisierung und Roboterisierung im Gesundheits- und Pflegebereich. Arbeitserleichterung wird als ein Grundmotiv aufgezeigt: sowohl bei Pflegekräften im Krankenhaus wie auch bei Ingenieuren, die sich in Forschungszentren für einen Robotereinsatz im häuslichen Bereich bemühen. Dabei wird deutlich, dass die Ausgrenzung elementarer Handgriffe und Arbeitstätigkeiten aus dem professionellen Handeln keineswegs unter allen Umständen positiv bewertet wird, und – dem korrespondierend – dass gerade die kinderleicht erscheinenden Handgriffe im häuslichen Bereich für die Robotik als höchste Herausforderung erscheinen. So entdecken sie aus einer queer-feministischen Perspektive Zwischenräume der Wahrnehmung.
In der Rubrik Im Gespräch klären die politische Soziologin Ute Gerhard und die Philosophin Cornelia Klinger ihre eigenen grundlegenden Zugänge zu fürsorglicher Praxis / Care. Cornelia Klinger erläutert ihren weiten Begriff der Lebenssorge, während Ute Gerhard an dem Begriff Care festhält und sich besonders auch mit verschiedenen Wohlfahrtsregimen in Europa auseinandersetzt. Die Gesprächspartnerinnen breiten zusammen die verschiedenen Bedeutungsebenen, Hintergründe und Gestaltungschancen für die Anerkennung von Care / fürsorglicher Praxis in unserer Gesellschaft aus.
Bilder und Zeichen stammen diesmal aus einer Ausstellung der neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin aus dem Sommer 2013 mit dem Titel »Domestic Utopias«. Diese Ausstellung stellt künstlerischere Positionen vor, die sich mit utopischen Konzepten des Wohnens, der Häuslichkeit und Organisation von Reproduktionsarbeit befassen. Der Text von Christiane Ketteler kann als Ausstellungsbericht gelesen werden. Auch das Titelbild dieses Heftes – ein Objekt von Moira Zoitl – stammt aus dieser Ausstellung. Es verweist auf »Vorsorge« und die Arbeit der Herstellung von Nahrungsmitteln (ein wichtiges Thema, das leider im Heft nicht behandelt werden konnte).
Auch in der Rubrik Diskussion sind Texte zum thematischen Schwerpunkt versammelt. Neben den schon erwähnten zwei Memoranden der europäischen Social Platform und der deutschen Autorinnengruppe findet sich eine Analyse von Simone Ehm und Jürgen Rinderspacher zu den Erfahrungen, die ein Jahr nach Einführung des neuen Familienpflegezeitgesetzes gemacht werden konnten. Die Autor_innen können sich dabei auf erfahrungsgesättigte Diskussionsbeiträge einer von ihnen organisierten Tagung in der evangelischen Akademie Berlin stützen und plädieren für pflegesensible Arbeitszeiten.
In unserer Rubrik Außer der Reihe finden sich diesmal zwei Aufsätze, die sich kritisch mit Fragen der Fremd- und Selbstzuschreibung oder Identitätszuschreibungen auseinandersetzen: Ina Kerner befasst sich in »Critical Whiteness Studies« mit »Potentialen und Grenzen eines wissenspolitischen Projekts«. Als eine Begründerin der Critical Whiteness Studies gilt die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison mit ihrem Buch »Im Dunkeln spielen« von 1993, das in der Forschung zu Rassismus und Diskriminierung einen Wandel herbeiführen sollte. Morrison verlangte, dass nicht die Objekte des Rassismus untersucht werden sollten, sondern die Subjekte des Rassismus, jene »unmarkierten« Weißen, die in ihrer unthematisierten Dominanz für rassistische Strukturen sorgen. Autor_innen, die sich hauptsächlich in den USA in diesem Forschungsfeld engagiert haben, von denen es mittlerweile aber auch eine ganze Reihe im deutschsprachigen Raum gibt, sind überzeugt davon, dass »farbenblinde« Argumentationsmuster, in denen die Bedeutung des Weißseins nicht berücksichtigt wird, sowohl in der Wissenschaft wie in der Politik Rassismus befördern und dass umgekehrt die Adressierung von »Rasse« insbesondere von »Weißsein« ein geeignetes antirassistisches Mittel ist. Ina Kerner geht in ihrem Aufsatz auf die Stärken dieser Argumentation für die Kritik des Rassismus in Deutschland ein, lotet aber auch die Grenzen des Ansatzes aus.
In Phil C. Langers Aufsatz »›im Grunde genommen hab ich die Seele eines kleinen Mädchens‹ – Männlichkeitsbilder, internalisierter Heterosexismus und gesundheitliches Risikoverhalten bei schwulen Männern in Deutschland« geht es um die Bedeutung der internalisierten Heterosexualität für das Gesundheitsverhalten von HIV-infizierten schwulen Männern in Deutschland. Auf der Grundlage mehrerer Interviews mit schwulen Männern aus der qualitativen Studie »Positives Begehren«, in der Langer psychosoziale Dynamiken von HIV-Infektionen in Deutschland untersucht hat, werden drei Aspekte herausgearbeitet, in denen sich eine Verbindung zwischen der Internalisierung von heteronormativen Männlichkeitsvorstellungen mit dem Risikoverhalten in dieser Gruppe zeigen lässt: In heteronormativen Gesellschaften, in denen Homosexualität mit Unmännlichlichkeit gleichgesetzt wird, wird Männlichkeit zum wesentlichen Bestandteil der Konstruktion einer kohärenten schwulen Identität. Internalisierte Vorstellungen von heteronormativer Männlichkeit können zur Selbstabwertung führen, wenn das Selbstbild dem Männlichkeitsideal nicht entspricht. Darüber hinaus werden Strategien zur Aneignung von Männlichkeitsbildern erörtert, in denen heterosexistische Einschreibungen überwunden werden können.
Im Februar dieses Jahres ist Annemarie Tröger im Alter 73 Jahren gestorben. Sie war eine Mitbegründerin der feministischen studien, die die Zeitschrift zuerst als Herausgeberin und später als Beirätin lange Jahre mitgestaltet hat. Sie war eine – vor allem in den 1970er und 1980er Jahren – auf nationaler und internationaler Ebene aktive Feministin und Sozialistin, die vielen jüngere Frauen ein Vorbild war. Wir gedenken ihrer mit einem Nachruf.
Auch im Rezensionsteil geht es u. a. um Probleme von Pflege und fürsorglicher Praxis: Die Zeitschrift Das Argument hat vor zwei Jahren ein Schwerpunktheft zum Thema Care herausgebracht, das die interdisziplinäre Diskussion befruchtet und hier von Marianne Schmidbaur besprochen wird; ein weiteres hier rezensiertes Buch befasst sich mit der Pflege von Demenzkranken. Im Übrigen wird in den Rezensionen ein breites Spektrum feministischer Forschungen gewürdigt – angefangen von der Philosophie in ihrem Verhältnis zu den Gender Studies über heteronormativitätskritische Perspektiven auf den Staat, Geschlechterinterferenzen, Paare mit sogenannten Doppelkarrieren, bis zu Geschlechterbildern in der Oper und Netzwerken von Akademikerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wir hoffen mit diesem Heft 13 Jahre nach Erscheinen des Extrahefts zu Anerkennung, Fürsorge und Arbeit, Anregungen für neue Sichtweisen auf Care-fürsorgliche Praxis geben zu können, aber auch Anstöße für eine veränderte Praxis: Den politischen Initiativen für eine care-sensible Politik wünschen wir viele Unterstützer_innen.

Claudia Gather, Regine Othmer, Eva Senghaas-Knobloch