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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2013 

EINLEITUNG

»Feministin sein bin ich mir schuldig.« 30 Jahre feministische studien

»Den Feminismus bin ich mir schuldig« schreibt Silvia Bovenschen in ihrem Buch Älter werden (2006). Älter geworden sind auch die feministischen studien. Auf dreißig Jahrgänge blicken wir mit diesem Heft zurück. Ob die studien damit ›alt‹ sind, sei vorerst dahingestellt, vermutlich ist es abhängig vom Sehepunkt, den eine_r einnimmt. Dass ›der‹ Feminismus alt, womöglich veraltet, unserer Zeit nicht mehr angemessen ist, war insbesondere gegen Ende des vergangenen Jahrzehnts oft zu hören. Seine Themen hätten sich erledigt und seine Protagonist_innen die Zeichen der neuen Zeit ignoriert. Ebenso vehement, wie der ›alte‹ Feminismus zurückgewiesen, wurde in Mainstream-Medien vor allem von Publizist_innen, die der zweiten Frauenbewegung distanziert gegenüber standen, mit großem Nachdruck ein ›neuer‹ Feminismus gefordert; ein Feminismus, der speziell den Interessen und Wünschen ›der‹ jungen Frauen gerechter werden sollte. Dies war der Sound, der das 25-jährige Jubiläum der feministischen studien prägte und der den Anlass bildete für die damalige Konferenz in Frankfurt am Main und das daraus folgende Heft »Neuer Feminismus« (FS 2 / 2008). Die Mehrheit der Autor_innen bejahte damals die Notwendigkeit eines neuen Feminismus. Damit aber war, worauf die Herausgeber_innen des Heftes hinwiesen, noch nicht viel gesagt. Denn was ist unter ›neu‹ zu verstehen, und von welchem Feminismus die Rede? Geklärt werden müsse daher, worum genau es sich handele: um eine neue soziale Bewegung von Frauen, eine geschlechtersensible politische Praxis oder um feministische Theorie als kritische Kultur- und Gesellschaftsanalyse. Aus heutiger Sicht könnte es sich freilich auch schlicht um eine unglückliche Liaison zwischen Feminismus und Medien handeln, in der feministische wie antifeministische Volten gleichermaßen möglich sind.

Nur wenige Jahre später stellt sich die Gemengelage anders dar. Der neoliberal angeeignete gouvernementale Feminismus wurde um eine Strategie erweitert – aggressiv forcierte maternalistische Politiken – und hat nach den »Alpha-Mädchen« eine neue Figur entdeckt und ins Rampenlicht gerückt – die Figur der beruflich und reproduktiv erfolgreichen Mutter. Die Alpha-Mädchen sind unterdessen leiser, vielleicht auch feministisch nachdenklicher geworden. Feminismus sei »eine Haltung, kein Thema«, so eine der damaligen Protagonist_innen, Susanne Klingner. Es geht um nicht weniger als eine (neue) feministische Ethik. Neue, zornige, unnachgiebige Stimmen haben sich unter den Chor gemischt. Es sind junge feministische Aktivist_innen, die weltweit in die Brüche der Zeit intervenieren, die Feminismus wagen und die ›Nein‹ zu den herrschenden Verhältnissen sagen, die stören und Widerspruch artikulieren. Sich bewusst nicht-zeitgemäß verhalten. »Our God is woman, our mission is protest, our weapons are bare breasts!« ist das Credo von FEMEN, der 2008 in Kiew entstandenen feministischen Aktivist_innengruppe, die inzwischen international weit verzweigt ist, und in der sich insbesondere junge Frauen engagieren. Der bei den Slut Walks und bei OneBillionRising, von FEMEN und Pussy Riot vor allem angeschlagene Ton ist ein entschiedenes ›Nein‹ – ein ›Nein‹ zu Sexismen jeglicher Art. Darin manifestiert sich eine Weise, in der Welt zu sein, eine kritische Haltung zur Welt, die unverkennbar Affinitäten mit Protestformen des Feminismus der 1970er Jahre aufweist. Feminismus als Dissens.

Die feministischen studien haben sich immer auch als Forum der kritischen Reflexion feministischer Bewegungen und Artikulationen begriffen, als Forum für »lebendige Zeitdiagnosen« ebenso als eine Plattform »fröhlicher Gelehrsamkeit«, wie es im Editorial des ersten Heftes 1982 heißt. Mit Lust auf Komplexität suchten und suchen sie den Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, und dies nicht zuletzt, weil an der notwendig umkämpften Nahtstelle zwischen Feminismus und Politik entschieden wird, wie mit dem feministischen Erbe umzugehen ist. In dieser Tradition, die auch einschließt, sich »im Hier und Jetzt klar darüber zu werden, wozu es feministische Studien gibt, warum sie gerade auf der Basis neuer Erkenntnisse, erweiterter Perspektiven und angesichts der Vielfalt und Unübersichtlichkeit der Geschlechterverhältnisse und -differenzen nach wie vor unverzichtbar sind«, wie Ute Gerhard in ihrem Beitrag schreibt, wollten wir es daher nach dreißig Jahrgängen noch einmal genau wissen. Sind wir uns ›den‹ Feminismus heute noch schuldig? Ist ›Feministin sein‹ das Mindeste, was wir tun können, wie Rita Süssmuth einst erklärte? Zu klären wäre freilich erneut, von welchem Feminismus jeweils die Rede ist. Ist er ein unabgeschlossenes Projekt? Ein Luftschloss? Orientiert an den Herausforderungen, die der globalisierte Kapitalismus stellt? Oder haben Feminist_innen sich längst in den Fall­stricken der Kontingenz verfangen und ihre eigenen Anliegen abgewickelt? Und wie halten wir es mit der feministischen Theorie? Wozu taugt sie heute noch? Welche Haupt- und Nebenwirkungen entfaltet sie? Worin besteht ihre Qualifikation? Darin, das Mögliche zu denken? Die Kunst des Fragens zu zelebrieren? Zwischen Kritik und Utopie zu navigieren? Oder ist feministische Theorie mit ihrem Gegenstand verschwunden? Zu klären wäre überdies, ob es das überhaupt gibt: feministische Theorie(n).

Zur Bearbeitung dieser und noch ganz anderer Fragen hatte die Redaktion der feministischen studien eingeladen. Wir fanden es an der Zeit, ein anderes, ein solches Heft zu machen, weil wir der Meinung waren und sind, dass wir noch immer in einer Welt leben, in der feministische Kernthemen global gesehen so aktuell und ungelöst sind wie je und insofern einer Theoretisierung bedürfen. Weil wir in Zeiten der gleichzeitigen Des- wie Reartikulation von Feminismus wissen wollen, von welchem Regime der Verständlich­keit Feminismus sich in Zukunft wird regieren lassen und welche Raster des Lebbaren er selbst generieren wird. Weil wir (uns) fragen, welches Wissen und welche Praxen, welche Erfahrungen und welche Horizonte sich (zukünftig) unter dem Namen Feminismus wiederfinden können und sollen. An welchen Werten, welchen Stimmen und Erfahrungen sich feministischer Aktivismus und feministische Wissensproduktion orientieren sollten. Schlicht gesagt: Weil wir wissen wollten, von welchen ›Frauen‹ und welchen Bedürfnissen Feminismus spricht und sprechen will.

Wissen wollten wir auch, was Feminismus – im heute nur noch global zu denkenden Sinne – unter einer solidarischen Gesellschaft versteht und wo er im Wirklichen Momente und Potenziale für eine neue Gestaltung von Gesellschaft ortet. Wir wollten wissen, wie und was Feminismus dazu beiträgt, die Bedingungen zu verändern, unter denen uns die Dinge gegeben sind. Wie wir Feminismus von der Überheblichkeit und Borniertheit der Ersten Welt lösen und wie wir die Ressourcen feministischer Theorie und des feministischen Aktivismus nutzen können, um zu überdenken, wie Feminismus im Horizont eines »antiimperialistischen Egalitarismus« (Judith Butler) neu gedacht und gelebt werden kann.

Unserer Einladung gefolgt sind am Ende 31 Autor_innen. Darunter welche, die die feministischen studien gegründet oder sie eher von den befreundeten Rändern her begleitet haben. Die ihnen als (ehemalige) Redakteur_innen und Heraus­geber_innen, als Beirät_innen und als Autor_innen, als Leser_innen und Kritiker_innen seit dreißig Jahren verbunden sind oder auch erst seit Kurzem. Gebeten hatten wir um pointierte Texte, die nicht um den heißen Brei reden sollten, die Fragen stellen und neue Antworten suchen, die (uns) provozieren und verunsichern sollten. Die sich aber auch verunsichert zeigen und Zweifel wagen, die hinterher und voraus denken sollten. Wir hatten uns Texte gewünscht, die sich zwischen den Zeiten niederlassen und eine kritische Distanz zur Gegenwart schaffen; Texte, die Feminismus, feministischer Theorie – und den feministischen studien – eine Zukunft geben oder die uns sagen, warum diese ihre Zeit gehabt haben.

Herausgekommen ist eine weder hinsichtlich der Themen noch der Autor_in-
nen repräsentative, freilich äußerst vielstimmige Sammlung von Aufsätzen, kürzeren oder längeren Essays, kritischen, aber solidarischen Einwürfen, nachdenklichen Zwiegesprächen, subjektiven Schlaglichtern und ganz und gar nicht-nostalgischen Reminiszenzen an mehr als vierzig Jahre neue feministische Bewegung und dreißig Jahre feministische studien. Herausgekommen sind Texte, die sich durchaus eingedenk theoretischer Versäumnisse im feministischen Denken den gegenwärtigen Herausforderungen stellen, gleich ob es um die biowissenschaftliche Transformation des Humanen geht oder die gewalttätigen Verwerfungen des Spätkapitalismus. Herausgekommen sind Texte, die »zwischen widersprüchlichen, global verketteten Gegenwarten, sich öffnenden, bedrohlichen und lockenden Zukünften und der Erbschaft der Vergangenheit«, so Ilse Lenz in ihrem Beitrag, feministische Theorie zukunftsfähig machen. Herausgekommen sind Texte, die nicht nur zu bestimmen suchen, was feministische Theorie ist, sondern mit einem entschiedenen und leidenschaftlichem ›feministische Theorie heute!‹ auf unsere skeptische Frage nach deren ›wozu‹ geantwortet haben. »Der Feminismus«, so beispielsweise Friederike Kuster, »der bewegte, der theoretische, der politische hat immer den Mehltau des Konformismus bekämpft, Schweigegebote gebrochen, Tabus enthext, die Traditions- und Gegenwartskirchen vorgeführt und sich gegen die Arroganz und Borniertheit des Establishments gewendet. Dabei wurden Erfahrungen zur Sprache gebracht, Evidenzen in Urteile gefasst und Gefühle mobilisiert, und kleinmütig waren die Feministinnen dabei selten. − Warum also heute noch feministische Theorie? – Eben deshalb.«

Gefreut hat uns, wie viel Zustimmung zu den studien sich in den Texten findet. Vielleicht überraschend ist, dass angesichts einer Situation, in der das symbolische und soziale Kapital von Feminismus gemeinhin als nicht so beträchtlich gewertet wird, keiner der Texte am Namen zweifelt. Ermutigt fühlen wir uns hinsichtlich eigener Überlegungen, die feministischen studien wieder stärker an nicht-akademische feministische Öffentlichkeiten heranzuführen und sie für andere Textgattungen als den wissenschaftlichen Aufsatz zu öffnen.

Unserer Einladung, die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der feministischen studien zu bedenken, ist zu unserer großen Freude auch die Berliner Künstlerin Angela Dwyer gefolgt. Sie hat die Fragen des Heftes in einer eigens für dieses Heft erstellten Serie (Conté / Pastelle auf Papier) mit dem (ironischen?) Titel »Was wollen sie noch?« bearbeitet. Das Titelblatt der Serie ist zugleich der Titel unseres Jubiläumsheftes.

Was also wollen wir noch? Dazu zwei vorläufig letzte Antworten: In Christa Wolfs Erzählung Kassandra aus dem Jahr 1983, nur wenige Monate nach dem ersten Heft der feministischen studien erschienen, lässt diese, daran erinnert Christina Thürmer-Rohr, Kassandra das Folgende sagen: »Oft aber, eigentlich am meisten, redeten wir über die, die nach uns kämen. Wie sie wären. Ob sie uns noch kennten. Ob sie, was wir versäumt, nachholen würden, was wir falsch gemacht, verbessern. Wir zerbrachen uns die Köpfe, wie wir ihnen eine Botschaft hinterlassen könnten […]. Da unsere Zeit begrenzt war, konnten wir sie nicht vergeuden mit Nebensachen. Also gingen wir, spielerisch, als wär uns alle Zeit der Welt gegeben, auf die Hauptsache zu, auf uns.« Und Silvia Bovenschen ergänzt: »›Bist du eine Feministin‹ werde ich von einer jungen Frau […] gefragt. ›Ja, bin ich‹ [und] füge hinzu, dass ich das für eine Frage der Intelligenz halte.«

Sabine Hark