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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2012 

EINLEITUNG

Vorwort

Für dieses Heft der Feministischen Studien konnten wir mit Gabriele Dietze, Beatrice Michaelis und Elahe Haschemi Yekani drei Gastherausgeberinnen gewinnen, die die Zeitschrift als Plattform für das spannende Experiment genutzt haben, Queer Theory selbst noch einmal zu queeren. Sie verlassen die angestammten Terrains der Queer Theory: die Befragungen von Geschlecht, Heteronormativität und (sexuellen) Identitätspolitiken und richten Ihren Fokus auf Dinge im weitesten Sinne des Wortes, auf Sachverhalte, Phänomene und Angelegenheiten, die gemeinhin nicht als queer betrachtet werden. Wie eine solche weit gefasste Normalisierungskritik aussehen kann und welche Formen von Destabilisierung sie zu produzieren vermag, wird in fünf Aufsätzen von unterschiedlichster Perspektivierung und einem Überblicksartikel der Herausgeberinnen im Hauptteil entfaltet. Zudem haben die Herausgeberinnen für ihren Schwerpunkt auch Beiträge für die Rubriken „Im Gespräch“ und „Bilder und Zeichen“ eingeworben, ferner eine Reihe von einschlägigen Rezensionen. Wir danken Beatrice Michaelis, Gabriele Dietze und Elahe Haschemi Yekani für ihre Arbeit und ihr Engagement. Den geneigten Leser_innen empfehlen wir zur weiteren Orientierung in Bezug auf den Schwerpunkt und die Verbindung von feministischer Theorie mit Queer Theory die Lektüre ihres Artikels.
Neben dem sehr breit angelegten Schwerpunkt in diesem Heft gibt es wie immer auch einen allgemeinen Teil, der diesmal mit besonders vielen Rezensionen aus unterschiedlichen Fachgebieten aufwartet. Aufmerksam machen möchten wir vor allem auf den Rezensionsessay von Aline Oloff zum Buch von Laura Adamietz: „Geschlecht als Erwartung“ und auf Marlen von Bargens Sammelrezension über historiographische Arbeiten zur (internationalen) Frauenbewegung aus Österreich und den USA. Mit Karin Hausens Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte wird ferner durch Claudia Jarzebowski das Werk einer Doyenne der Geschlechtergeschichte gewürdigt, die den Feministischen Studien sehr nahe steht.
In der Rubrik „Außer der Reihe“ veröffentlichen wir einen Beitrag aus dem Kontext der US-amerikanischen Debatte über den sogenannten „Krieg gegen den Terror“. Die Autorin, die Philosophin Bonnie Mann, zeigt, welches Gewaltpotential ein nationales Männlichkeitsphantasma entfesseln kann, sofern es eine Rechtfertigungsfunktion für Kriegshandlungen und Folterpraxen übernimmt. Ihre These ist, dass eine sexualisierte Folterpraxis letztlich die „produktive“ Funktion erfüllt, das gleichsam leere Phantasma nationaler Männlichkeit in den USA mit ontologischem Gewicht aufzuladen. Dieser Text ist Teil eines work in progress der Autorin, die aktuell an einem Buch über den „Krieg gegen den Terror“ arbeitet.
Wir wünschen dem Heft viele Leser_innen und sind gespannt auf die Diskussionen, die es auslösen wird!

                                                         Friederike Kuster, Regine Othmer

EINLEITUNG

Beatrice Michaelis, Gabriele Dietze, Elahe Haschemi Yekani

The Queerness of Things not Queer:
Entgrenzungen – Affekte und Materialitäten – Interventionen

Die kritischen Instrumente von Dekonstruktion und Diskursanalyse standen lange – und stehen berechtigterweise noch immer – im Zentrum weiter Teile der Geschlechterstudien und Queer Theory. Sie ermöglichen es einerseits, über hierarchisierte Binarisierungen organisierte Machtstrukturen zu untersuchen, d. h. etwa, dass der Topos ‚Frau‘ als der abgewertete Pol kulturprägender Gegensätze wie Kultur / Natur und Verstand / Gefühl entzifferbar wird. Andererseits erlauben es Michel Foucaults Theorien zu Macht und Wissen, die Mechanik von Ausschlüssen zu analysieren und den konstitutiven Charakter ‚abweichender‘ Kategorien wie ‚Frau‘ oder ‚Homosexualität‘ als notwendig für die Konstruktion von universalisierter Männlichkeit und Heterosexualität zu dechiffrieren.

In den letzten Jahrzehnten sind jedoch Einwände gegen gewisse Privilegierungseffekte dieser Theorieansätze erhoben worden. Diese verdanken sich kritischen Gegenreden aus bis dahin marginalisierten Positionen, die das ‚Elend der Binaritäten‘ als Ausgangspunkt für neue Denkfiguren genommen haben. Hierzu zählen z. B. Ansätze der Feminist Standpoint Theory oder der Intersektionalitätsforschung.

Auch das Verhältnis von feministischer und queerer Theorieproduktion wurde von Anfang an von Abgrenzungsbemühungen verschiedener „identity knowledges“ (Wiegman 2011, 7) begleitet. So wurde der angebliche akademische Hype um Queerness und Queer Theory in den 1990er Jahren im Zuge der poststrukturalistischen Herausforderung der Kategorie Frau – in den Gender Studies maßgeblich von Judith Butlers Gender Trouble (1990, dt. 1991) befeuert – kontrovers diskutiert.[1] Die Queer-Theoretikerin Annamarie Jagose zeigt demgegenüber auf (2009), dass es wenig zielführend ist, Queer Theory und Feminismus epistemologisch zu entkoppeln, indem man eine kategoriale Aufteilung von „Geschlecht“ als Sphäre der feministischen Theorie und von „Sexualität“ als Betätigungsfeld der Queer Theory vornimmt (vgl. Butler 2006 sowie Hark 2005). Ein viel versprechender Ausweg aus diesen Auseinandersetzungen scheint uns daher in einem Abrücken von kategorialen Zugängen zu liegen.

Die in den beschriebenen Interventionen gegenwärtige epistemologische Skepsis bezüglich der bewährten Verfahren von Machtanalytik und Dekonstruktion lenkt die Aufmerksamkeit auf bisher übersehene oder abgewertete Positionen in identitätsbasierten Ansätzen. Damit werden neue Themen und Gegenstandsbereiche aufgerufen und bereits eingeführte kritische Konzepte anders gewichtet. So ist die Bewegung zur Dezentrierung abendländischen Denkens, die bei Jacques Derrida (1975) angelegt ist, in der postkolonialen und, radikaler noch, in der dekolonialen Theorie fortgeführt (Mignolo 2009) und auf die großen Ordnungskategorien Raum und Zeit ausgedehnt worden. Weil ferner die Politisierung der theoretischen Parameter immer auf Praktiken gerichtet war, die Positionen jedoch relativ starr gedacht wurden, schärfte sich schließlich der Blick auf Emotionen und Affekte, die das chaotische Handeln von Menschen aus anderen Blickwinkeln beleuchten und entsprechend andere Politikansätze motivieren. Nicht zuletzt ist ein gewisser Anthropozentrismus identifiziert worden, der Dinge, Tiere, Maschinen und Technologien vernachlässigt und ihnen keine wie immer geartete Handlungsmacht zubilligt (vgl. z. B. Cohen 2012). Zugespitzt werden diese beschriebenen Denkbewegungen in den Kultur- und Sozialwissenschaften spatial, affective oder material turn genannt (vgl. Bachmann-Medick 2009).

Die Zusammenstellung der Beiträge in diesem Heft ist zwar an diese intellektuellen Großbewegungen angelehnt, wir haben aber keineswegs die Absicht, uns grundsätzlich an diesen ‚Wendeerzählungen‘ der Theoriegeschichte zu beteiligen. Uns interessiert in erster Linie das kritisch-politische Potential der erwähnten Theorieansätze und Themenfelder für feministische Studien und insbesondere für die Queer Theory. Damit schließen wir uns Patricia Clough und Jasbir Puar an, die in der Einleitung zum Sonderheft des Women’s Studies Quarterly mit dem Titel „Viral“ den Ansatz eines spekulativen Denkens entwickeln, der sich jenseits der Dekonstruktion mit einem Interesse an Materialitäten verbinde: „[T]here is a move beyond deconstruction to what necessarily is a speculative philosophy, a philosophical speculation on what is beyond human perception, cognition, and consciousness“ (2012, 16).

In diesem Sinne versteht sich das vorliegende Heft nicht als Rückschau auf ‚die‘ historische Genese von Queer Theory als akademischer Denkrichtung, die politisch eng verknüpft ist mit den Kämpfen von ACT UP (AIDS Coalition to Unleash Power) und Queer Nation sowie anti-rassistischen und Transaktivismen seit der Mitte der 1980er Jahre. Es geht auch nicht darum, en détail die Kontroversen nachzuzeichnen, die in den letzten Jahren in der anglophonen Queer Theo­ry ausgetragen wurden. Für unseren Gebrauch von queer genügt es zunächst, dieses positiv umgewertete Schimpfwort für nicht heteronormative Sexualitäten und Geschlechter als theoretisches Werkzeug zu begreifen, um Normierungsprozesse kritisch zu befragen. Mit dem Schwerpunkt „The Queerness of Things not Queer“ wollen wir zu einem selbstreflexiven Prozess von Queer Theory beitragen und diese in ein produktives Spannungsverhältnis zu feministischer Wissensproduktion wie z.B. dem sogenannten New Material Feminism setzen.

Die unter dem Schwerpunkt versammelten Beiträge gehen von der wachsenden queeren (Selbst-)Kritik an langjährigen thematischen und auch politischen Verengungen aus. So haben etwa Queer of Color Critique, Queer Dias­pora Critique und Queer Disability Studies (von Robert McRuer (2006) auch als Crip Theory bezeichnet) darauf hingewiesen, dass die Beschränkung von Queer Theory auf die Kritik an binären Modellen von Geschlecht und Heterosexualität andere herrschaftsgenerierende Verhältnisse außen vor lässt.[2] Die Beiträge fordern Fixierungen heraus, die sich in der mittlerweile zwanzigjährigen Geschichte queerer Theoriebildung entwickelt haben und folgen dem vielstimmigen Plädoyer, das bisherige Hauptfeld der Beschäftigung von Queer Theory, die Kritik an binären und normativen Konstruktionen von Sexualität und Geschlecht, zu verlassen. Nach Judith Halberstam (2005) müssen nicht einmal Körper für ein queer-theoretisches Unterfangen im Spiel sein. Vielmehr regt Halberstam an, Körper als bevorzugte Repräsentanten queerer Politik zu entlas­ten, um andere Artikulationsformen für queeres Denken zu ermöglichen. Die Anthologie Queering the Non / Human (Giffney / Hird 2008) fordert zudem die Abgrenzungen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem heraus.

Der Titel „The Queerness of Things not Queer“ verweist mit seinem Bezug­ auf Materialitäten folglich auf die durch die Life und Techno Sciences evozierten Veruneindeutigungen der Grenzen von Mensch-Maschine, Mensch-Tier und Mensch-Pflanze. „The Queerness of Things not Queer“ zu thematisieren, bedeutet, sich scheinbar nicht queeren Gegenständen, Wissensfeldern, Diskriminierungen und sozialen Bewegungen zuzuwenden. Dement­sprechend bezieht sich ‚Things‘ nicht nur auf ‚Dinge‘ im eigentlichen Sinn, sondern auch auf Angelegenheiten, Verhältnisse und Modalitäten. In diesem Zusammenhang geht es nicht nur um die Applikation eines queeren Blickwinkels auf nicht queere Gegenstände, sondern auch um die Entdeckung (und Reflexion) neuer queerer Entitäten.

Als Schlagwörter für das Heft haben wir Entgrenzungen, Affekte und Materialitäten sowie Interventionen gewählt. Die Entfaltung, Erprobung und Erweiterung des Gegenstandsbereiches und der epistemologischen, und damit auch der politischen, Potentialität queerer Interventionen finden innerhalb unterschiedlicher Disziplinen statt, die u. a. Ansätze der Visual und Cultural Studies, Medien- und Kunstwissenschaft, Techno Sciences, Disability Studies und des feministischen Materialismus einschließen. Bevor wir auf die einzelnen Beiträge und den theoretisch / politischen Einsatz des Gesamtheftes zu sprechen kommen, möchten wir eine kurze Kartierung der oben angerissenen Felder epistemologischer Skepsis vornehmen: Fragen von Raum und Zeit sowie von Affekten und Materialitäten, die zu wichtigen Ausgangspunkten für die Ausweitung queerer Epistemologien geworden sind.

Entgrenzungen

Raum und Zeit scheinen zunächst neutrale Kategorien zu sein, universelle ‚things not queer‘. Dass dem nicht so ist, hat eine inspirierende Linie neuerer Queer Theory in die Diskussion gebracht, die in der Kulturgeographie ihren Ausgang nahm. Sich auf den bereits erwähnten spatial turn beziehend (vgl. Bachmann-Medick 2009, 285 – 328), schreiben die Herausgeber_innen der Anthologie Geographies of Sexualities mit einer gewissen Euphorie: „Sexual geographers work in a diverse theoretical and political terrain, often dominated by different aspects of queer theory. Their eagerness to engage with concrete social relations and practices in their research means that their insights are materialistic, spatialized and affective“ (Browne / Lim / Brown 2009, 1). Als besonders anschlussfähig für queer-theoretische Interventionen hat sich das bewegliche und machtkritische Raumkonzept der feministischen Theoretikerin Doreen Massey erwiesen: „[S]ince social relations are inevitably and everywhere imbued with power and meaning and symbolism, this view of the spatial is an ever shifting social geometry of power and signification“ (Massey 1995, 5).

Für eine queere Existenzweise ist Unbehaustheit, Entfremdung und ablehnende Wahrnehmung sowohl im öffentlichen Raum wie in der Familie eine Alltagserfahrung. Diese sieht sich „Zone[n] der Unbewohnbarkeit“ (Butler 1997, 23) ausgesetzt und reagiert mit der Errichtung von ‚queer spaces‘, wo sich die Abgelehnten in Bars, Bädern und Parks Frei-Räume schaffen, die in Anlehnung an die Terminologie von Foucault auch als selbstverordnete „Abweichungsheterotopien“ (2005, 12; vgl. auch Hark 2004, 226) bezeichnet werden können. Die Ausweitung dieser Räume oder die Neueroberung bisher ‚unbewohnbarer‘ Räume, z. B. durch Gay Pride Paraden und Gay Games (Ingram / Bouthillette / Yolanda 1997), war lange Zeit Ziel homosexueller Anerkennungspolitiken, ist aber in der neueren Queer Theory wegen inhärenter Tendenzen zur ‚Normalisierung‘ und Ausschlüssen ethnisch ‚Anderer‘ problematisiert worden.[3]

Die Verwobenheit von Raum- und Machtstrukturen gilt insbesondere in Bezug auf Migration und Nation. Bettina Büchler etwa verbindet – sich auf Massey berufend – Raum, Migration und Nation in dem Konzept ‚TatOrt‘ (vgl. Büchler 2009, 43).[4] Sie analysiert die Situation von queeren Asylsuchenden in der Schweiz, die im Erstinterview das Wort Homosexualität artikuliert haben müssen, um sexuelle Verfolgung geltend machen zu können, was vielen bis dahin mit Scham im Verborgenen lebenden Menschen nicht möglich ist. Der ‚TatOrt‘ Asyl-Interview wird damit zu einem Ort der Machtaushandlung, in dem Nation / race, Gender und Sexualität in einem spezifischen ‚Raum‘ zu einer für queere Existenzweisen besonderen sozialen Ungleichheit zusammenwirken.

Das Beispiel macht deutlich, dass die gegenwärtige westliche Vorstellung von homosexueller Identität insofern hegemonial geworden ist, als sie daran beteiligt ist, rassisierte queere Existenzweisen auszuschließen, dies aber systematisch nicht wahrnimmt. Jasbir Puar spricht von einem „queer exceptionalism“ (Puar 2007, 173), der Queers als libertäre Modellminorität begreift, die quasi ‚von Natur‘ aus zu keinem nationalistischen Impuls fähig sind. Dass dem durchaus nicht so ist, diskutiert Puar unter dem Stichwort „Homonationalismus“. In diesem Zusammenhang können ‚queer spaces‘ zu privilegierten Territorien werden, die z. B. in Deutschland gegen vermeintlich homophobe muslimische Migranten verteidigt werden (Haritaworn 2009, 41 – 65).

Gegen diese Art von ‚Identifizierung‘ von Otherness, die nicht zuletzt ein Effekt von grundsätzlich positiv besetzter Identitätspolitik ist, nämlich aus einer Position spezifischer Diskriminierung die Anerkennung politisch-sozialer Rechte erwirken zu wollen, wird eine Politik der Unwahrnehmbarkeit (politics of imperceptibility) (Papadopoulos / Tsianos 2008)[5] gesetzt, die ein Recht auf Nicht­erkennbarkeit („right to opacity“, Glissant 1997, 62, 111 f.) proklamiert. Künstler_innen und Kurator_innen diskutieren diese Strategien unter queeren Gesichtspunkten und haben diese auch in Verbindung mit dem Stichwort post-black art fruchtbar gemacht (siehe das Interview mit Renate Lorenz, Johanna Schaffer und Andrea Thal sowie den Artikel von Nana Adusei-Poku in diesem Heft).

In den Niederungen alltäglicher Sichtbarkeitsregime und Klassenfragen sind rassisierende Raumpolitiken jedoch weiterhin wirksam. Martin Manalansan zeigt in seinem Artikel „Race, Violence, and Spatial Politics in the Global City“ (2005) unter Bezugnahme auf das von Lisa Duggan geprägte Stichwort „Homonormativität“[6] (Duggan 2002, 2003), wie Queers of Color unter dem doppelten Druck, nämlich der neoliberalen Vereinnahmung ‚normaler‘ Queers in Konsumkultur und Politiken der Privatisierung einerseits und der Verfeinerung der Straßenvideoüberwachungen im Zuge von 9 / 11 andererseits, sowohl problematisch sichtbar gemacht wie auch über Gentrifizierungen aus ihren Stadtvierteln in New York verdrängt wurden (Manalansan 2005).

Die angeführten Beispiele zeigen, dass die Frage des Raumes für eine selbstreflexive Neuverortung von Queer Theory unabdingbar ist. Gerade weil queere Politik im Spannungsverhältnis von zu erobernden Freiräumen und Normalisierung, Homonormativität und Homonationalismus anzusiedeln ist, ist die Diskussion um den machtdurchzogenen Raum potentiell repressiver Verortungen und als Bühne von Sicht- und Identifizierbarkeit von großer Bedeutung.

Raumperspektiven sind allerdings nicht von der ebenfalls hierarchisierenden Funktion von Zeitachsen zu trennen, wie Anne McClintock mit dem Begriff „anachronistic space“ in Bezug auf kolonialistische Vorstellungen deutlich macht. Danach stellten sich die Kolonialisten vor, mit der Reise in entfernte Welten gleichzeitig auch eine Zeitreise in die Frühgeschichte der Menschheit anzutreten (McClintock 1995, 30).[7] Ähnliches deuten Ella Shohat mit dem Begriff „multichronotopisch“ (Shohat 2006, 3) oder Nana Adusei-Poku (siehe Beitrag in diesem Heft) mit „Heterotemporalität“ an und zeigen, dass für marginalisierte und hegemoniale Existenzweisen gleichzeitig unterschiedliche Zeitachsen und Raumvorstellungen gelten. So verstanden löste die Wende zur Raumwahrnehmung nur die alleinige Dominanz von Zeit als Ordnungskategorie ab, zugunsten einer, wie Doreen Massey entwickelt, neuen „space-time“ (Massey 1995, 249 – 269), mit der Herrschaftscharakter und Universalisierungsmacht beider Kategorien in Richtung einer relationalen und machtkritischen Betrachtung aufgelöst werden.

Queer Theory schließt an diese Kritik an, indem sie normative Vorstellungen von Zeit, z. B. im Hinblick auf biografische Abläufe, und deren Effekte für die Hervorbringung von queeren Positionalitäten untersucht. Dieser starke Fokus auf Temporalität und damit verbunden Geschichte und Geschichtsschreibung verdankt sich zunächst jener dekonstruktiven Bewegung, die als Critical Temporality Studies zu bezeichnen ist. Zentral für diese Denkrichtung ist eine Kritik an hegemonialen Periodisierungen, die wiederum die Konstruktions- und Abhängigkeitsverhältnisse der westlichen Moderne gegenüber dem abgewerteten zeitlich Anderen (Stillstand, Entwicklungshemmung) freilegt. Insofern steht dieses Denken der Zeit den dekolonialen und postkolonialen Theorien nahe bzw. erfolgt direkt aus ihnen heraus (z. B. Chakrabarty 1992; Cohen 2000). Critical Temporality Studies eröffnen entgegen den prädominanten Zeitformen wie Linearität, Gerichtetheit, Progression, Teleologie, Segmentierung, Hierarchisierung und Serialität den Blick für die „time wrinkles and folds“ (Freeman 2007, 163), in welchen Momente bzw. Formen der Koinzidenz, Überlappung und des Exzesses sichtbar werden.

Queer Theory nun, oder Ansätze, die mittlerweile auch als Queer Temporality Studies bezeichnet werden können, übersetzen diese gegenläufigen Konzep­tualisierungen von Zeit für Fragen von sexuellem Begehren und dessen Archivierung.[8] So findet sich auch innerhalb der in der Queer Theory hitzig geführten Debatte um die sogenannte „anti-social thesis“ eine vielfältig ausbuchstabierte queere Kritik an Archiven und ihrer Temporalität.[9] Ein zentraler Strang dieser Debatte folgt Edelmans Plädoyer für eine radikale Zukunftslosigkeit queerer Existenzweisen. In der Ablehnung der eigenen Fortpflanzung und damit eines familialen Egoismus, der sich in der hoffnungsgetränkten Figuration des KINDES zeigt, fordert Edelman zur radikalen Annahme des stets gegen Queers erhobenen Vorwurfs auf, sie seien die Verhinderung der gesellschaftlichen Zukunft. Damit wendet er sich gegen einen „reproductive futurism“ und einen schwullesbischen Normalismus, der Queerness zugunsten seiner Komplizenschaft mit dem Konservativismus und der politischen Rechten im Kampf um Ehe, Adoption und Militärdienst aufgibt (Edelman 2004, 19). Edelman affirmiert den Todestrieb und die ultimative jouissance, indem er beider Wirken in einem Archiv aufzeigt, das z. B. Romane von Charles Dickens und Filme von Alfred Hitchcock umfasst. Wenngleich gerade der Charakter dieses Archivs – neben der Negation jeglicher Zukunftsorientierung – für Widerspruch gesorgt hat, so ist doch festzuhalten, dass Edelman eine machtvolle Bejahung des Verharrens im Jetzt anbietet.[10] Halberstam (2005) kritisiert an Edelmans Buch den Ausschluss von Lesben und People of Color. Gemeinsam mit Freeman (2007) und anderen setzt sie daher auf andere Archive, queere Archive, die z. B. über Formen des „reparative reading“ (vgl. Sedgwick 1997, 1 – 37) erst aus einem ‚feindlichen‘ Material geschaffen werden, um das eigene Überleben zu sichern, oder die aus dem absichtsvollen Vergessen geholt werden müssen.

Wie sehr heteronormative Strukturen in das ‚normale‘ Zeitverständnis eingeschrieben sind, demonstriert Halberstam an der Gegenüberstellung von „queer time“ mit all jenem, was als ‚straight time‘ bezeichnet werden kann: „I try to use the concept of queer time to make clear how respectability, and notions of the normal on which it depends, may be upheld by a middle-class logic of reproductive temporality“ (Halberstam 2005, 4).[11] „Queer time“ kann auch heißen, gegen normative Vorstellungen dezidiert als irrational abgewertete Zeitmodelle wie Anachronizität, Asynchronität, Atemporalität zu setzen oder in Frage zu stellen, wann etwas oder jemand zur Unzeit kommt. Elizabeth Grosz formuliert: „[W]hat history gives us is the possibility of being untimely, of placing ourselves outside the constraints, the limitations, and blinkers of the present. This is precisely what it means to write for a future that the present cannot recognize; to develop, to cultivate the untimely, the out-of-place and the out-of-step. This access to the out-of-step can come only from the past and a certain uncomfortableness, a dis-ease, in the present“ (Grosz 2004, 117).

Auffällig ist, dass auch in diesen Herausforderungen machtvoller Zeitkonzepte die Negativität von zentraler Bedeutung ist. Sie wird aber gegenüber der Edelman’schen Auffassung entscheidend erweitert und mit einem politischen Impetus ausgestattet. Insbesondere sogenannte ‚schlechte‘ Gefühle spielen, wie im Folgenden erläutert wird, eine wichtige Rolle für einen neuen queeren Aktivismus. Dabei ist der Blick in problematische Vergangenheiten ebenso von Bedeutung (vgl. etwa Freccero 2006, 102). Eine konsequent in die unrühmliche Vergangenheit queerer Existenzweisen gewendete Perspektive findet sich in Heather Loves Konzept eines „feeling backward“: „I am more interested in the turn to the past than I am in the refusal of the future itself, and this concern puts me in a closer dialogue with critics working on shame, melancholia, depression, and pathos – the experience of failure rather than negativity itself“ (Love 2007, 23).[12]

Die Verwobenheit von Queerness und Temporalität verweist auch auf die Materialität von Körpern. Laut Freeman ist „temporality […] a mode of implantation through which institutional forces come to seem like somatic facts“ (Freeman 2010, 161). Diese Somatisierungen bzw. Materialisierungen diskursiver Formatio­nen haben, so wird an Arbeiten wie jener Loves sichtbar, zugleich eine affektive Dimension, die das Verhältnis zur Geschichte und ihren Objekten organisiert.

Affekte und Materialitäten

Sowohl in der feministischen als auch in der queeren Debatte lässt sich im Zuge des sogenannten affective turn (vgl. Clough / O’Malley 2007; Gregg / Seigworth 2010) eine Hinwendung zu Objekten und den mit ihnen verbundenen Gefühlsregimen beobachten. Entscheidenden Einfluss in der Auseinandersetzung um die Bedeutung von Affekt hatte der von Deleuze inspirierte Affekttheoretiker Brian Massumi. Er
plädiert angesichts des Bedeutungsüberschusses von Kulturalisierungen für eine „Autonomie des Affekts“ (Massumi 2002, 23 – 45). Affekt wird dabei als Organisationsprinzip zwischen der Materialität von Körpern und Dingen begriffen. Massumi, der auch mit dem Ansatz der Object Oriented Ontology in Verbindung gebracht wird, sieht in diesem Augenmerk auf Materialitäten von Körpern einen Weg, die starren Raster von Identitätsfestschreibungen zu unterlaufen (siehe dazu Lena Eckerts und Maja Linkes Beitrag zu „Bilder und Zeichen“ in diesem Heft, in dem sie sich mittels eines Abdrucks einer Mundhöhle Fragen nach verletzendem Sprechen, Kritik und Materialität annähern). Damit wird der affective turn auch für eine queere Kritik interessant. Jason Lim erläutert die Produktivität eines solchen Denkens: „[T]hinking about affect can help one to step outside of moral economies that specify what bodies are and are not supposed to be able to do, and that repudiate the bodies that affect each other in supposedly improper ways“ (Lim 2009, 55). Der moralischen Ökonomie ‚erkennungsdienstlicher‘ Körperwahrnehmung und -erfassung wird das Projekt des „Minoritär-Werdens“ (Deleuze / Guattari 2002, 397) entgegengesetzt, welches das hegemonie(selbst)kritische Gegenstück zur bereits erwähnten Politik des Unwahrnehmbar-Werdens darstellt. Das Konzept basiert auf der Vorstellung, dass auch (herrschende) Mehrheiten ihre sozialen Praktiken so verhandeln, als wären sie eine Minderheit. Diese durchaus utopischen Vorstellungen von der Möglichkeit nicht-identitätspolitischer Aushandlungsstrategien sind nach der feministischen Theoretikerin Clare Hemmings allerdings nicht machtneutral zu betrachten, denn „Minoritär-Werden“ impliziere einen privilegierten Ausgangspunkt. Kritisch wendet sie sich gegen das „neue“ Zelebrieren der Autonomie der Affekte. Sie schreibt: „Against this teleology of old power versus new freedom of choice I want to continue by suggesting that only for certain subjects can affect be thought of as attaching in an open way; others are so over-associated with affect that they themselves are the object of affective transfer“ (Hemmings 2005, 561). Sara Ahmed kritisiert zudem Massumis klare Trennung des körperlichen Affektiven und seiner kulturellen Bedeutung. Diese sei nicht differenziert durchzuhalten, denn man könne zwar eine affektive Reaktion von einem Gefühl, das ihr kulturell zugeschrieben wird (das körperliche Zittern im Gegensatz zum Gefühl der Angst), unterscheiden, das heiße aber nicht, dass diese voneinander abzukoppeln seien (vgl. Ahmed 2010b, 32), insbesondere in ihren vergeschlechtlichenden und rassisierenden Dimensionen. Viele Queer-Theoretiker_innen unterstreichen daher auch dezidiert eine Politik der Gefühle in der Interaktion mit Materialitäten und Körpern (vgl. Staiger / Cvetkovich / Reynolds 2010).[13]

Der Rückgriff auf Gefühl wird somit immer wieder Teil politischer Mobilisierungen. Allerdings sollten dabei negative Gefühle in ähnlicher Weise ernst genommen werden wie motivierende Modi des Enthusiasmus und der Gemein­schaft. Negative Gefühle müssen nicht notwendig Handlungsmacht beschränken. Sie können auch zu einer machtvollen Ablehnung führen, also einer Zurückweisung vom Einschluss in Dominanzverhältnisse, die andere benachteiligen. Dafür braucht es, wie die Theoretiker_innen von „schlechten Gefühlen“ (Ngai 2005) entwickeln, produktive Formen des Nein-Sagens. Ann Cvetkovich z. B. erläutert, dass negative Affekte depathologisiert werden müssen, „so that they can be seen as a possible resource for political action rather than its antithesis“ (2007, 460) und Heather Love fordert ebenso: „We need to develop a vision of political agency that incorporates the damage that we hope to repair“ (2007, 151). Negative Verhaltensweisen wie Anti-Sozialität, Stupidität, Versagen und „Backwardness“ (Love 2007) werden in diesem Feld der Queer Theory verstanden als Formen und Modi, die einerseits als lähmend und deprimierend erfahren werden, andererseits aber insbesondere in der Interpretation von Halberstam (2011 – siehe hierzu auch die Rezension von Henriette Gunkel im Heft) auch als politisch mobilisierend begriffen werden sollten, im Sinne eines Gegenprojekts zum staatlich sanktionierten neoliberalen Fortschrittsmodell.

„Fortschritt“, als Zeit- und Entwicklungsachse gedacht, wird besonders in der postkolonialen Theorie hinterfragt. Damit gerät auch ein affektives Glücksversprechen, das an Fortschritt gekoppelt ist, in die Kritik. Dies wird evident in den Verheißungen des American Dream, der mit dem in der US-Verfassung verankerten individuellen Freiheitsrecht des pursuit of happiness zum kollektiven Maßstab von Erfolg wird. Theoretiker_innen wie Lauren Berlant haben daher darauf hingewiesen, dass solche nationalen Erzählungen immer wieder instrumentalisiert werden, um Identitäten zu regulieren und Eigenverantwortlichkeit als eine Form des „cruel optimism“ (2011) auf das Individuum zurückzuspiegeln, dabei aber strukturelle Mechanismen der Unterdrückung auszublenden. Auch Ahmed versteht „happiness“ ähnlich wie Berlant als einen Normierungsmechanismus, den „Feminist Killjoys“ (2010) ablehnen sollten.

To be involved in political activism is thus to be involved in a struggle against happi­ness. Even if we are struggling for different things, even if we have different worlds we want to create, we might share what we come up against. Our activist archives are thus unhappy archives. Just think of the labor of critique that is behind us: feminist critiques of the figure of ‘the happy housewife’; Black critiques of the myth of ‘the happy slave’; queer critiques of the sentimentalisation of heterosexuality as ‘domestic bliss.’ The struggle over happiness provides the horizon in which political claims are made. We inherit this horizon. (2010a, n. p.)

Für Ahmed eröffnet der Fokus auf negative Gefühle den Horizont, ein anderes Leben vorstellbar zu machen, das nicht den linearen Fortschrittserzählungen des Westens gehorcht, sondern „unhappy archives“ der oktroyierten neoliberalen Eigenverantwortlichkeit und aberkannten Autonomie von Frauen / Sklav_innen umfasst.[14]

Die hier beschriebenen auf Materialitäten und Gefühle ausgerichteten Formen des feministisch-queeren Denkens finden sich auch im New Material Femi­nism, der die Grenzen des Nicht / Humanen hinterfragt und in der kritischen Naturwissenschaftsforschung prominent mit Donna Haraway (2008) und Karen Barad (2012) in Verbindung gebracht wird. Myra J. Hird und Celia Roberts schreiben:

[F]eminists working in this field demand that we take ‘things’ seriously: not that we give up on concerns about women, power, sexuality, racialisation, etc., but rather that we come to recognise more fully how these come to be constituted and thought in and through particular worlds in which ‘we humans’ are but one nominated set of players. (Hird / Roberts 2008, 115)

Die Queerness der nicht queeren Dinge gilt es entsprechend im Kontext einer politisierten Debatte um queere Interventionen zu positionieren.

Interventionen

Dieses Heft der Feministischen Studien wendet sich daher den Dingen / Materia­litäten und den politisierten Gefühlregistern, in denen sie verortet sind, zu. Ein affektsensibler Zugriff auf Materialitäten und Dinge kann damit viel zu einem identitätskritischen queeren Herangehen beitragen. Das alleine erzeugt allerdings keine macht- und hierarchiefreien Räume oder Zeitzonen: Weder die in diesem Heft diskutierten reproduktionsmedizinischen Innovationen (Ute Kalender) noch die identitätskritische künstlerische Praxis der post-black art (Nana Adusei-Poku), das iPhone (Simon Strick), die AIDS-Virus-Visualisierungen (Lukas Engelmann) oder die massenhafte Verbreitung von Nanotechnologien (Christiane König) stehen in einem Machtvakuum. Eine queere Analyse dieser Objekte ermöglicht allerdings, sie in ihrer Hervorbringung von Identitätslogiken ernst zu nehmen und dabei zugleich zu irritieren.

Die Autor_innen dieses Heftes positionieren sich dabei gegenläufig zu manchem „Queer Optimism“ (Snediker 2009), den man z. B. bei einigen Vertreter_innen des New Material Feminism findet. Rosi Braidotti etwa meint in vielen technologischen und materiellen Entitäten „queering devices“ zu entdecken (Braidotti 2009, 249). Strick konterkariert in seinem Artikel Braidottis Technikeuphorie und liest das iPhone dagegen als hermetisch vibrierendes „straightening device“, das trotz blühendem App-Service für heterodoxe Sexua­litäten auch diese in einem gnadenlosen Default-Modus ‚begradigt‘. Engelmann geht einen ähnlichen Weg, wenn er hinter dem technischen Bild eines modellierten und dann visualisierten AIDS-Virus die suggestive ‚Verdinglichung‘ und das Verschwinden einer kollektiven Erinnerung an queeren AIDS-Aktivismus konstatiert. Mit ihrem Zugang zu den ‚Dingen‘, oder besser zu den ‚Verdinglichungen‘ identifizieren diese Autor_innen je unterschiedliche ‚Begradigungen‘. Adusei-Poku zeigt in ihrer Lektüre von Mark Bradfords Kunstwerk Enter and Exit the New Negro den Versuch, diesen ‚Begradigungen‘ auszuweichen und sich kategorialen race-Zuschreibungen zu entziehen.

Einen anderen queeren Optimismus ‚dekonstruiert‘ Kalender, nämlich die Hoffnung, dass Reproduktionstechnologie und die mit ihr einhergehende Entkopplung von biologischer Elternschaft zu neuen, nicht biologisch determinierten Verwandtschaftssystemen führen könnten. Mit der kapitalismuskritischen Denkfigur der „Rohstoffarbeit“ fordert sie queere Theoretiker_innen auf, die ökonomisch / politischen Produktionsbedingungen dieser Praktiken und damit ihre Verankerung im binären Kapitalverhältnis kritischer in den Blick zu nehmen. Und König schließlich macht an der Existenz von Nanobots, also introjizierter autarker Akteure im menschlichen Körper, nicht etwa den unendlichen Horizont neuer Heilverfahren geltend, sondern vielmehr die Tatsache, dass diese Entitäten bereits eine grundlegende Veränderung unseres Denkens über Sexualität und Geschlecht herbeigeführt haben. Mit ihrer epistemologischen Intervention verortet sie queeres verkörperlichtes Denken konsequent im Bereich des Nicht-Queeren.[15]

Das Projekt „The Queerness of Things not Queer“ positioniert sich damit in einem ‚Zwischenraum‘. Es plädiert für ein Ausgreifen queerer Denkformen auf nicht queere Praxis- und Dingwelten. Zugleich arbeitet es aber auch einem Optimismus entgegen, dass ein auf Materialität und Affekt gerichtetes Queering neuer Gegenstandsfelder stets machtdestabilisierende Effekte haben würde. Mit den möglichen Erweiterungen und De-Sexualisierungen von „Queer“ sollte vielmehr eine größere Wachsamkeit gegenüber einer Vereinnahmung und Kooptation queerer Potentiale einhergehen.

 


[1]     Unter anderem in den Feministischen Studien (1993) 11, Nr. 2, „Kritik der Kategorie Geschlecht“.

[2]     Das Verhältnis von Queer Theory und Intersektionalität haben wir zuletzt in Haschemi Yekani / Michaelis / Dietze 2010 diskutiert. Eine komprimierte Fassung findet sich in Dietze / Haschemi Yekani / Michaelis 2012.

[3]     Siehe die Kontroverse um Judith Butlers Ablehnung eines Preises für Zivilcourage durch ein Komitee des Berliner Christopher Street Day 2010, bei dem sie auf Kommerzialisierung und Normalisierung dieser Veranstaltung hinweist und den Ausschluss von Queers of Color kritisiert. Vgl.: www.egs.edu/faculty/judith-butler/articles/ich-muss-mich-distanzieren/ (03. 09. 2012).

[4]     Das Konzept ‚TatOrte‘ ist bereits diskutiert bei Bieri (2007).

[5]     Die Autoren des viel zitierten und diskutierten Manifestes „Autonomie der Migration“ beziehen sich auf Deleuzes und Guattaris Vorstellung vom Unwahrnehmbaren als dem „immanenten Ziel des Werdens“ (Deleuze / Guattari 2002, 380) und propagieren neue migrantische Widerstandsformen: „Unwahrnehmbar-Werden ist ein immanenter Widerstandsakt, da es die Identifizierung der Migration als einen aus festgelegten kollektiven Subjekten bestehenden Prozess unmöglich macht“ (Papadopoulos / Tsianos 2008, n.p.). Es gibt aber auch eine feministische Linie einer politics of imperceptibility, die auf Elizabeth Grosz zurückgeht (Grosz 2002). Sie begründet damit ebenfalls eine Kritik an einer identitätspolitischen Ausrichtung von Gender- und race Gerechtigkeitsdiskursen, die sie gegen das Paradigma der Anerkennung stellt (vgl. dazu Sharp 2009).

[6]     Homonormativität ist zu begreifen als eine machtvolle Formation, „das Begehren des Staates zu begehren“ (vgl. Butler 2004b, 111), und dabei andere Formen queeren Lebens abzuwerten. Duggan definiert Homonormativität als „a politics that does not contest dominant heteronormative assumptions and institutions but upholds and sustains them while promising the possibility of a demobilized gay constituency and a privatized, depoliticized gay culture anchored in domesticity and consumption“ (2002, 179). Dabei ist der Begriff aber von Heteronormativität zu unterscheiden, denn diese beruht auf dem naturalisierenden Gestus der Heterosexualität, den Homosexualität strukturell nicht einnehmen kann (vgl. Berlant / Warner 1998).

[7]     Vgl. dazu auch Fabians grundlegendes Werk Time and the Other (1983) sowie für eine frühere Verwebung von Raum-Zeit-Perspektiven Chronotopos (2008) von Michail Bachtin.

[8]     Carolyn Dinshaw macht denn auch in ihrem Versuch, Berührungen über die Zeitdifferenz hinweg zu konzeptualisieren, einen generellen „queer historical impulse“ aus (1999, 1).

[9]     Ausgelöst maßgeblich durch Lee Edelmans 2004 erschienenes Buch No Future verlaufen die Verwerfungslinien der als „anti-social thesis“ bzw. als „anti-social turn“ in der Queer Theory bezeichneten Debatte entlang einer Bejahung der Negativität, Zukunftslosigkeit und Antisozialität queerer Existenzweisen und einer grundsätzlichen Zukunftsorientierung, wie sie etwa in der Queer of Color Critique durch José Muñoz’ an Ernst Bloch angelehntes Verständnis von „Queerness als Horizont“ (Muñoz 2009, 19 – 32) formuliert wurde. Weitere Kritik erfuhr Edelmans Ansatz z. B. auch durch Halberstam (2008), die ein politisiertes Verständnis von Negativität fordert. Siehe hierzu die Debatte in der PMLA (Caserio / Dean / Edelman u. a. 2006; vgl. auch O’Rourke 2011; Haschemi Yekani / Kilian / Michaelis 2013 (im Erscheinen)).

[10]    Vgl. dazu auch Halberstam zu den „stretched-out adolescences of queer culture“ (2005, 153) sowie Freeman zum Konzept des „temporal drag“ (2010, xxiii).

[11]    Eine ähnliche Kritik von ‚straight time‘ bietet Freeman mit dem Konzept der „homonormative time line“ (Freeman 2007, 165).

[12]    Gegen diese Fokussierung auf Negativität bzw. negative Affekte setzt Freeman die Vorstellung, dass „performance, affect, and even sex itself, through the work they do with time and history, might be knowledge practices“ (2010, 173), die einen ebenso affekt- wie lustvollen Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft suchen und sich gegen hegemoniale Zeitachsen wenden.

[13]    Für eine feministische Auseinandersetzung mit Gefühlen vgl. Feministische Studien „Gefühle“ (2008) 26, Nr. 1 und zuletzt das Sonderheft der Feminist Theory (2012) 13, Nr. 2 zu „Affecting Feminism“.

[14]    Im krassen Gegensatz dazu gilt es nach dem Kulturtheoretiker Paul Gilroy aber auch auszuloten, was diese Betonung des Negativen für die Erfahrung des Zusammenlebens bedeutet. Sein psychoanalytisch inspirierter Ansatz setzt auf das Durcharbeiten von negativen Gefühlen, die er als „postcolonial melancholia“ (2005) bezeichnet, um ein „convivial“ Zusammenleben vorstellbar zu machen.

[15]    Die in Königs Beitrag beschriebenen Nanotechnologien lieferten auch die Vorlage für das Titelbild des Heftes. Es zeigt eine Zentrifugenröhre, in deren Flüssigkeit Kohlenstoffnanoröhren nach ihrer Dichte und ihrem Durchmesser sortiert sind. Sogenannte CNTs (carbon nanotubes) sind leitend bzw. halbleitend und können z. B. in der Krebstherapie eingesetzt werden, wobei sie mit Radiowellen erregt werden und durch ihre Erhitzung Krebszellen abtöten können.

Literatur

Alle Verweise, die an dieser Stelle nicht aufgeführt sind, finden sich in der Auswahlbibliographie zu Queer Theory und New Material Feminism in diesem Heft ab S. 296.

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