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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2012 

EINLEITUNG

„Die Frau muß schön sein, denn auch sie findet ja, ähnlich dem Sportler, ausschließlich in ihrem Körper statt“ (Jelinek 1998, 45) heißt es in Ein Sportstück von Elfriede Jelinek. Wie der Text zeigt, hängen moderner Körperkult, Sport und Geschlecht unmittelbar miteinander zusammen. Sportlerinnen sind heute von Models kaum mehr zu unterscheiden, ihre Körper werden gestylt, designt, gedopt. Damit schlägt Jelinek auch einen Bogen zur Problematik künstlicher Körper, die die Geschlechterdifferenz nivellieren: „Oder hier, eine Seite weiter: Gail Pallas Athene Devers. Die wäre schon fast gar keine Frau mehr, zählte man einmal in Ruhe ihre Hormone.“ (Jelinek 1998, 25)

Ein Sportstück thematisiert auf provokante und zugleich virtuose Weise den aktuellen Sportkult als Kult der Geschlechter und arbeitet den zentralen Widerspruch des modernen Sports heraus. Dieser Widerspruch besteht in der universellen Normierung und Uniformierung des menschlichen Körpers unter dem Signum von Individualität und Selbstverwirklichung. Sport muss in diesem Zusammenhang als eine der entscheidenden Selbsttechnologien der Moderne gelten: „Heute ist vom unvollkommenen Körper zu sagen, daß jeder selber schuld ist, wenn er ihn hat.“ (Jelinek 1998, 83 )

Dass die perfekte Modellierung des eigenen Körpers keineswegs nur Frauen betrifft, macht John von Düffels Roman Ego (2001) deutlich. Mit der Figur des Athleten steht hier eine Subjektivierungsform bürgerlicher Männlichkeit bereit, die Frauen verwehrt ist bzw. die sie sich gegen Widerstände aneignen müssen. Der männliche Protagonist des Romans muss sich aber ebenso wie die von Jelinek beschriebenen Figuren einer erheblichen Selbstdisziplinierung und Sportpraxis unterwerfen, um das von ihm erstrebte Körperideal zu erreichen. Die Anforderungen an Männer und Frauen, ihren Körper den zeitgenössischen Erwartungen gemäß zu formen, sind durchaus vergleichbar. Hat moderner Sport also eine geschlechternivellierende Tendenz? Oder wird in diesem Feld mit seinen Klassifizierungen nach Geschlecht, Alter, Fähigkeiten und Disziplinen nicht vielmehr das geschlechtlich binär konzipierte Ordnungssystem der modernen Gesellschaft stets aufs Neue und überaus individuell reproduziert?

Dies ist eine der großen Fragen, die sich aus feministischer Perspektive an die Untersuchung von Sport richtet. Die Beiträge des vorliegenden Heftes unter dem Titel Kult der Geschlechter können darauf keine abschließende Antwort geben, aber doch Facetten einer feministischen Kritik am Sport aufzeigen. Eine Beantwortung dieser Fragen fällt auch deshalb schwer, weil es ‚den‘ Sport nicht gibt. Es muss nicht nur zwischen verschiedenen Sportarten, zwischen Leistungssport, Schulsport und Gesundheitssport bzw. Fitness unterschieden werden (vgl. Gramespacher 2009, 13), sondern auch zwischen verschiedenen Aspekten der Diskursivierung des Sports als integralem Bestandteil moderner Gesellschaften. Der Sport ist mit sämtlichen großen gesellschaftlichen Teilsystemen und wichtigen staatlichen Institutionen verknüpft. Er ist schon lange nicht mehr die schönste ‚Nebensache‘, sondern eine gesellschaftliche und ökonomische ‚Hauptsache‘.

Ein Ansatzpunkt feministischer Kritik liegt in der Auseinandersetzung mit der Funktion des Sports als Technologie des Selbst, die über die Disziplinierung der Körper wirkt. Die je individuelle Sport- und Körperpraxis ist mit verschiedenen Ebenen des Sportdiskurses verschränkt, dessen Grundlagen eine breite Verwissenschaftlichung sowie eine durchgehende Rationalisierung des Körpers im Rahmen der zweigeschlechtlichen Geschlechterordnung bilden. Weitere Stichworte für die Formierung dieses Diskurses seit dem 19. Jahrhundert lauten: Gesundheit, Hygiene, Arbeit, Freizeit und Mode. Die Herausbildung der modernen Nationalstaaten trug zur Entwicklung des geschlechtlich codierten Körper- und Sportdiskurses ebenso bei wie die Medialisierung und Kommerzialisierung des Sports im Zuge seiner Professionalisierung im 20. Jahrhundert.

Schon um 1900 stand das sportliche Training für Disziplin und Leistungsbereitschaft, die den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess vorantrieben. Zugleich aber galten Sport und Bewegung in frischer Luft als Ausgleich für die Belastungen der rationalisierten Arbeitsverhältnisse in den Großstädten (vgl. Fleig 2008). Auch hier wird der Widerspruch des modernen Sports zwischen Individualisierung und Normierung deutlich. Spätestens seit den zwanziger Jahren lässt sich nicht mehr unterscheiden, wo die Sportpraxis der Rationalisierung zuarbeitet und wo sie kompensatorische Funktionen erfüllt. Das moderne Körperverständnis setzt nämlich die Verfügbarkeit des eigenen Körpers voraus. Dadurch wird die Grenze zwischen leistungsorientiertem Wettkampfsport und Fitness- bzw. Körperkultur fließend (vgl. Jensen 2010). Gerade die entstehende Konsumkultur brachte zahlreiche Produkte auf den Markt, die der Gesunderhaltung des Körpers dienen und seine ‚natürliche‘ Schönheit unterstreichen sollen (vgl. Fleig 2008a, 87 f.).

Seit den zwanziger Jahren gilt daher, dass sich jede und jeder Gesundheit und Schönheit selbst erarbeiten kann, ja sogar muss. Insbesondere das sportlich-schlanke Ideal der Neuen Frau versprach, für jede Frau erreichbar zu sein, solange sie sich aktiv dafür einsetzt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang die enge Verbindung von Schönheit, Gesundheit und Arbeit (vgl. Kessemeier 2000). Irmgard Keun hat diese Haltung in ihrem Roman Gilgi – eine von uns (1931) treffend auf den Punkt gebracht: „Ein gepflegtes Gesicht. Gepflegt ist mehr als hübsch, es ist eignes Verdienst.“ (Keun 1993, 7) Programmatisch setzt der Text mit Gilgis Morgengymnastik ein, die den Beginn eines jeden Arbeitstages markiert: „Halbsieben Uhr morgens. Das Mädchen Gilgi ist aufgestanden. Steht im winterkalten Zimmer, reckt sich, dehnt sich, reibt sich den Schlaf aus den blanken Augen. Turnt vor dem weitgeöffneten Fenster. Rumpfbeuge: auf – nieder, auf – nieder. Die Fingerspitzen berühren den Boden, die Knie bleiben gestreckt. So ist es richtig. Auf – nieder. Auf – nieder.“ (Keun 1993, 5)

Bis heute spielt das hier so anschaulich und rhythmisch beschriebene Training als körperbezogene Selbsttechnik eine zentrale Rolle für die Formierung des Subjekts. Dass sich die konkrete Ausübung am Ausgang des 20. Jahrhunderts verändert hat, neue Technologien und Messdaten, wie etwa der Body Maß Index, sowie angepasste Strategien der Disziplinierung entwickelt wurden, hängt unter anderem mit dem Wandel der Arbeitswelt zusammen. So wie im Bereich der Ökonomie des postindustriellen Zeitalters der optimale Nutzen vorhandener Rohstoffe und der effiziente Einsatz von Wissen und Fähigkeiten gefragt sind, so ist auch auf dem Feld des Sports das neoliberal gedachte „unternehmerische Selbst“ (Bröckling 2007) das zentrale Leitbild. Der moderne Arbeiter ist ein Unternehmer seiner selbst; er verkauft seine Arbeitskraft optimal entsprechend den Bedingungen des modernen Marktes, wenn er erfolgreich sein will; er bildet sich aus und fort, er hält sich gesund, er setzt sich für sein Team ein und denkt im Interesse des Betriebes stets mit. Diese Technologien des Selbst gelten auch für den Sportler; in mancher Hinsicht hat sich die historische Analogie, die zuvor zwischen dem Typus „Arbeiter“ und „Soldat“ bestand, auf die Disziplinierungstechniken moderner Arbeiter und Sportler verschoben.

Körper, die den Bedingungen der jeweiligen sportlichen Disziplin optimal angepasst sind, sowie hohe Leistungsfähigkeit und mentale Stärke zeichnen heute die perfekte Sportlerin und den perfekten Sportler aus. Die derart zugerichteten und sich selbst disziplinierenden Subjekte ‚arbeiten‘ mit ihren Körpern, sie stehen zu diesem wie zu ihrem nicht-körperlichen Selbst in einer Art Produktions­verhältnis, in dem sich die Machtverhältnisse der Gesellschaft ebenso spiegeln wie die herrschenden Wissensordnungen (vgl. Alkemeyer 2011, Kreisky 2009). Der Hang zur Perfektion hat im allgegenwärtigen Kampf um Aufmerksamkeit und Ressourcen noch zugenommen. Körper werden nun überall zu Markte getragen; ein schlanker Körper verspricht Disziplin, Gesundheitsbewusstsein und Leistungsbereitschaft. Dicksein ist dagegen endgültig zu einem gesellschaftlichen Stigma geworden, da es der geforderten Selbstregierung scheinbar widerspricht und angeblich auf Kosten der Allgemeinheit geht. Aus dieser Perspektive sind die Kampfstätten der Arbeitswelt, des Sports und des individuellen Subjektivierungsregimes auf vielfältige Weise miteinander verknüpft.

Die schon angesprochene widersprüchliche Figuration der Körper im Sport macht sich für Frauen doppelt bemerkbar. Dies betrifft zum einen das Spannungsfeld von Individualisierung und Normierung der Körper und zum anderen Differenzen zwischen neoliberaler Selbstermächtigung und Emanzipation. Beide Male geht es um die Frage, inwiefern die sportliche Praxis die herrschende Ordnung bestätigt oder inwiefern sie Möglichkeiten bietet, die zweigeschlechtliche Ordnung zu überwinden und Geschlechtergrenzen zu überschreiten. Denn Sport ist immer noch eine wichtige Möglichkeit, neue Bewegungsräume zu erschließen, die eigene Kraft zu erproben, zu messen und Grenzen auszuloten. Sportlich trainierte Frauen widersprechen auch manchem Schönheitsideal, vor allem aber der Vorstellung der körperlich schwächeren Frau. Dass gerade diese Vorstellung immer noch dominiert, zeigen die Diskussionen um den Frauenfußball. Nicht selten wird etwa argumentiert, dass Frauen langsamer liefen und ihr Fußballspiel daher weniger attraktiv sei. Auch die Bezeichnung Frauenfußball betont die Andersartigkeit – ähnlich wie der Terminus Frauenliteratur – und macht deutlich, dass es hier nicht um dieselbe Sache geht wie bei den männlichen Kollegen. Die feministische Literatur zum Sport hat deshalb stets versucht, ihr Thema aus zwei Perspektiven anzugehen: als Kritik an der Geschlechterordnung, die durch den Sport reproduziert wird einerseits, als Nachweis erfolgreicher Emanzipationsversuche von Frauen durch Sport andererseits (vgl. Gieß-Stüber 2009, beiträge 2008).

Zu dem letztgenannten Feld zählen Arbeiten, die belegen, dass Frauen schon immer Teil der modernen Sportkultur waren, z. B. als Rennfahrerinnen, wie die Literaturwissenschaftlerin Anke Hertling in diesem Heft zeigt. So reicht die Tradition von Frauen im deutschen Rennsport bis ins Kaiserreich zurück. Auch in der Weimarer Republik waren Frauen bei Tourenfahrten und Autorennen erfolgreich; ein besonders prominentes Beispiel dafür liefert die Schriftstellerin Erika Mann. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag der Frage nach, warum die Autosportlerinnen in der Geschichte des Rennsports nahezu vergessen sind. Die Professionalisierung des Sports spielt dabei als Ausschlussgrund für Frauen eine wichtige Rolle. Die sogenannten Herrenfahrer verlieren an Bedeutung, während sich mit dem Aufkommen von Berufsfahrern die Vorstellung des männlichen Rennfahrers etabliert. Im Zuge dieser Entwicklung bilden sich geschlechtsspezifisch unterschiedene Disziplinen heraus, die Frauen in den Bereich des Amateursports abdrängen. Gleichzeitig wird im Zuge der Diskussion um die Neue Frau das Bild der modisch-eleganten Autosportlerin propagiert, das tradierte Vorstellungen weiblicher Schönheit modernisiert. Die Widersprüche des gesellschaftlichen Veränderungsprozesses schlagen sich schließlich auch in den Texten von Erika Mann nieder.

Geht dieser feministische Blick von der Geschichte weiblicher Subjekte und ihren Handlungsweisen aus, so beschreiten die Geographinnen Anke Strüver und Claudia Wucherpfennig einen anderen Weg. Sie zeigen in einer kritischen Lektüre geographischer Debatten über spielerisch-sportliche Freizeitaktivitäten von Jugendlichen, wie diese die vergeschlechtliche Codierung von Räumen schlicht reproduzieren, auch wenn der Ausgangspunkt ein kritisches Verständnis war. Selbstaussagen von Mädchen und Jungen bestätigen dann die Vermutung der Autorinnen, dass in alltäglichen sportlichen Spielen wie Skateboarding die Geschlechtszuordnung über bestimmte Bewegungsmuster oder Auftreten herausgefordert wird. Es muss allerdings zunächst offen bleiben, inwieweit eine Aussage wie „Die fährt wie ein Junge“ mehr bedeutet als eine Anerkennung von Leistung bei gleichzeitiger Eindeutigkeit des Geschlechts. Der kritische Blick der beiden Geographinnen auf wissenschaftliche Beiträge und Selbstaussagen über Raumaneignungspraktiken zeigt allerdings das brisante und uneindeutige Spannungsverhältnis zwischen Ordnungsideen und individueller Erfahrung auf. Zugleich wird in ihrem Beitrag auch deutlich, dass Sport Teil einer distinkten Raumaneignungspraxis geworden ist, die sich nicht mehr allein auf Stadien oder Hallen bezieht. Der öffentliche Raum wird mehr und mehr zum Ort sportlicher Aktivitäten, was sich insbesondere an der zunehmenden Zahl laufender oder radelnder Menschen in bunter Sportbekleidung rund um Parks, Seen oder grüne Wiesen in den Städten zeigt. Diese Erscheinung in Europa und den USA ist ein Produkt des ausgehenden 20. Jahrhunderts und verweist auf allgemeine Liberalisierungsprozesse seit den siebziger Jahren, in deren Folge eben auch das Zeigen von männlichen wie weiblichen Körpern in Schweiß und Anstrengung auf Straßen und Flaniermeilen zum modernen, bürgerlichen Lebensstil gehört.

Sport kann also der Emanzipation von gesellschaftlichen Erwartungen an geschlechtskonformes Verhalten dienen oder auch der Bestätigung dieser Erwartungen. In allen Fällen aber ist die Eindeutigkeit des Geschlechts, die über den Körper hergestellt wird, gefordert. Der Historiker Stefan Wiederkehr erläutert in seinem Beitrag zu intersexuellen und transsexuellen Menschen im Spitzensport, welche Wirkung diese Forderung nach Eindeutigkeit entfaltet. Zu den Grundprinzipien des modernen Sports gehört der Leistungsvergleich, der gleiche Startbedingungen für alle ebenso voraussetzt wie ein überprüfbares Regelwerk. Fairness und Wettkampf sind daher zentrale Begriffe im Sport. Um Fairness und „Ebenbürtigkeit“ herzustellen, werden Unterscheidungen zum Beispiel nach Geschlecht, Gewicht oder auch Alter getroffen. Auf diese Weise ist die Differenzierung nach Geschlecht eines der konstitutiven Merkmale von Sport. Sport reproduziert damit die zweigeschlechtliche Ordnung und schreibt den Geschlechterunterschied als ‚fair‘ fest. Denkbar wären durchaus andere Bedingungen, die tatsächlich am Leistungsprinzip und etwa Größen- und Gewichtsklassen orientiert wären. Auch die von nationalen und internationalen Sportverbänden benutzten „Sextests“ dienen der Herstellung von Eindeutigkeit und damit im Sinne des Sports von Fairness. Wie Stefan Wiederkehr in seiner Untersuchung zeigt, sind intersexuelle Menschen durch diese Kategorisierungen eindeutig benachteiligt, während Transsexuelle wiederum das bipolare Geschlechtersystem und die Eindeutigkeit überaus stärken. Der Beitrag macht deutlich, wie eng verbunden Sport und das System der Zweigeschlechtlichkeit sind – sie begründen sich stets gegenseitig, sodass die emanzipative Kraft des Sports aus dieser Perspektive merklich abgeschwächt wird.

Neben Sport als Subjektivierungsregime und konstitutives Moment der Geschlechterordnung dient dieses Feld auch der Selbstvergewisserung von Nationen, wie die Kulturwissenschaftlerin Henriette Gunkel in ihrem Beitrag zu den Reaktionen Südafrikas auf die Konflikte um die geschlechtliche Zuordnung der Läuferin Caster Semenya aufzeigt. Die Autorin fragt, wie die publizistische Verteidigung der sexuellen Identität der Läuferin mit postkolonialem Selbstbewusstsein verschränkt wurde und ob sich in diesem Fall eine Öffnung rigider Sex- und Gender-Ordnungsvorstellungen ausdrücke. Das Ergebnis lautet, die Verteidigung der sexuellen Identität Semenyas habe zwar einen antirassistischen Hintergrund und darin zeige sich eine postkoloniale, selbstbewusste Haltung der südafrikanischen Nation, zugleich aber werden die heterosexuellen Normen der südafrikanischen Gesellschaft als eindeutig und unhinterfragbar reproduziert. Am Beispiel von gewalttätigen Übergriffen auf Frauen, die diese Normen durch Verhalten oder Kleidung verletzen, wird diese restriktive Geschlechterordnung sichtbar gemacht. Schließlich musste sich auch Caster Semenya deutlicher als zuvor als eindeutige Vertreterin des weiblichen Geschlechts präsentieren – zum Wohle der stolzen Nation.

Die Bedeutung der Nationalstaaten für die Entwicklung des Sports hat insbesondere die historische und postkoloniale Forschung in den letzten Jahren beschäftigt. Sie spielt für die Inszenierung und Wahrnehmung nationaler Sportarten wie etwa Fußball bzw. Soccer eine besondere Rolle. Dem Thema Fußball kommt in der Forschung auch aufgrund der Frauenfußball-WM des vergangenen Sommers besondere Aufmerksamkeit zu. So liegen verschiedene neue Studien vor, die sich mit den Widersprüchen der Körper-Inszenierung und dem Leistungsprinzip (Müller 2009) oder mit der Fankultur im Fußball und den Möglichkeiten gleichberechtigter Teilhabe auseinandersetzen (Sülzle 2011). Beide Arbeiten zeigen, dass Fußball in besonderer Weise geschlechtsspezifisch segregiert ist; darüber hinaus wird der Sportkult hier besonders markant als Geschlechter-Kult in Szene gesetzt. Fußball gilt als Männersport, und zwar nicht nur, weil er hauptsächlich von Männern betrieben wird, sondern weil sowohl seine Körperpraxis als auch seine Fankultur als Ausdruck hegemonialer Männlichkeit gedeutet werden. Dieser Deutung folgte auch die Vermarktung der Frauenfußball-WM, die durch attraktive Spielerinnen unmissverständlich dem heterosexuellen Kult der Geschlechter zuarbeitete und das Jelineksche Diktum von der Schönheit der Frau einmal mehr reproduzierte.

Auch in unserem Heft darf der Fußball nicht fehlen. Er ist durch einen Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze vertreten, der intersektionale Schlaglichter auf den Fußball als deutschen Nationalsport wirft. Fußball wird von ihr als Mannschaftssport verstanden, der die deutsche Nation symbolisch darstellt und verkörpert. Aus dieser Sicht wird verständlich, warum vor kurzem beispielsweise nicht-weiße Deutsche keine vollgültigen Mitglieder der Nationalmannschaft werden konnten. Unverständlich bleibt aber zunächst, warum die Nation nur durch männliche Spieler verkörpert werden kann. Denn während Diversität im Team langsam an Akzeptanz gewinnen konnte und damit rassistische Slogans an Legitimität verloren, blieben Sexismus und Homophobie praktisch unangefochten. Der Beitrag entwickelt unter dem Leitmotiv „Soccer is a queer game in a straight jacket“ die These, dass der Fußball einem performativen Selbstwiderspruch unterliegt, der an die Verschränkung von Race, Gender und Sex gebunden ist. Der ‚Männerbund‘ Fußball erscheint als symbolisch aufgeladene Bühne zur Konstruktion von nationaler und heteronormativer Männlichkeit, die queere Praktiken unsichtbar macht und gleichzeitig das Begehren nach einer körperbezogenen männlichen Gemeinschaft erfüllt.

Bei aller Kritik an der Inszenierung und Vermarktung des (Frauen)fußballs ist festzuhalten, dass die Frauenfußball-WM viele Impulse für die Ausübung des Sports durch Mädchen und junge Frauen gegeben hat, und zwar weltweit. Einige engagierte und fußballbegeisterte Frauen aus Berlin haben im vergangenen Sommer ein internationales Fußballfestival veranstaltet, das Spielerinnen u. a. aus Frankreich, Israel / Jordanien, Kamerun, Brasilien und Indien zusammengeführt hat. Gemeinsam ist diesen Frauen, dass der Einsatz für ihren Sport mit dem Kampf für ihre Rechte einher geht. Unter der Überschrift „Mit Fußball für Gleichberechtigung und Solidarität“ veröffentlichen wir in unserer Rubrik „Bilder und Zeichen“ einen Bericht über das Berliner Projekt DISCOVER FOOTBALL von Eva Sperschneider, Annika Schauer und Marlene Schauer. Fotografische Impressionen und Momentaufnahmen des Fußballfestivals 2011 runden den Bericht ab. Wir danken den Fotografinnen Valerie Assmann und Dana Rösiger für die großzügige Bereitstellung des Bildmaterials.

Aufgrund der Verschränkung der verschiedenen, den Sport konstituierenden Diskurse und der immer auch geschlechtsspezifischen Verflechtung von körperlicher Praxis, Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichem Kontext lässt sich das Thema Sport nicht auf einige wenige Aspekte reduzieren. Der Singular in der deutschen Rede vom Sport verkennt die Pluralität der Perspektiven, die den Sport konstituieren. Diese Pluralität ist Teil der widersprüchlichen Komplexität des Sports selbst, die wir hier zumindest skizzieren wollten und die auch der Untertitel unseres Heftes andeuten soll. In der Gesamtschau der hier versammelten Beiträge zum Kult der Geschlechter im Sport ist für uns die Frage nach der emanzipativen Kraft in diesem Feld in den Hintergrund getreten. Für die Akteurinnen allerdings, und zwar gerade für Frauen aus nicht-europäischen Ländern, stellt sich diese Frage offenbar anders dar.

Abgerundet wird unser Heftschwerpunkt mit einer Auswahlbibliographie zu Arbeiten der letzten fünf Jahre über Sport und Geschlecht mit feministischen, postkolonialen und anderen gesellschaftskritischen Perspektiven, die Carmen Prüfer zusammengestellt hat.

Neben unserem Themenschwerpunkt zum Sport beinhaltet das Heft weitere Diskussionsanregungen für die feministische Theorie. Zum einen präsentieren wir hier einen Text der amerikanischen Philosophin Megan Burke, die sich einer Klassikerin der feministischen Literatur zuwendet, nämlich Simone de Beauvoir und ihrem Werk „Le deuxième sexe“. 2010 erschien eine neue und erstmals vollständige englische Übersetzung von Constance Borde und Sheila Malovany-Chevallier (New York), die auch eine neue Debatte über Beauvoir in den USA angestoßen hat. Der Beitrag ist sowohl eine Re-Lektüre des Kapitels „The Lesbian“ als auch eine Auseinandersetzung mit den bestehenden Lektüren amerikanischer Philosophinnen, insbesondere von Claudia Card und Ann Ferguson, deren Beauvoir-kritische Deutungen er zurückweist. Burkes Argumentation zeigt vielmehr, dass es Beauvoir im Anschluss an das phänomenologische Konzept des Leibes von Maurice Merleau-Ponty gelingt, die Ambiguitäten und die Freiheiten der lesbischen Existenz herauszuarbeiten und lädt damit zu einer Wiederent­deckung Beauvoirs ein.

Zum anderen dokumentieren wir einen Vortrag der amerikanischen Historikerin Joan Scott, in dem sie eine pointierte Position zur französischen (feministischen) Debatte aus Anlass der „Affäre Strauss-Kahn“ bezieht. Damit wird ein zweites Schwerpunktthema im Heft eingeleitet: Berichte und ein Interview zur aktuellen feministischen Diskussion in Frankreich. Scott präsentiert in ihrem an der Universität Konstanz gehaltenen Vortrag Thesen aus ihrem neuen Buch The Fantasy of Feminist History (2011). Ihr Text mit dem Titel Eine französische Verführungstheorie ist eine Auseinandersetzung mit verschiedenen französischen Intellektuellen, zumal Historikerinnen und Historikern, die eine besondere „Nationaleigenschaft“ der Franzosen sehr hoch schätzen, nämlich die Kunst der Verführung im Spiel der Geschlechter. Scott behauptet, dass diese Intellektuellen als Distinktionsmerkmal für die französische Nation die Ideologie eines „aristokratischen Republikanismus“ entwickelt hätten. In dieser Ideologie werde erstens die sexuelle Differenz der Geschlechter als natürlich akzeptiert, zweitens im höfischen Ideal der Galanterie ein Modell für den Ausgleich dieser Differenz durch Spiel propagiert und drittens würden alle Menschen und Gruppen aus dem nationalen Selbstbild ausgeschlossen, die dieses Spiel aus verschiedenen Gründen (Gleichheitsidee, Kleidervorschriften der Muslime, Hautfarbe) nicht betreiben könnten (oder wollten). Die Attraktivität der „Theorie der Verführung“ bzw. des aristokratischen Republikanismus liege in einer demokratisch verfassten Gesellschaft darin, dass diese ein affektives Modell für den Umgang mit Differenzen vorschlage; ein Modell, in dem nicht auf Rechte gepocht werden muss, um Gerechtigkeit herzustellen, sondern im Sinne einer heterosexuellen Paarphantasie jede / r seinen / ihren Platz im Spiel einhalten muss. Mit dieser Position hat Scott im letzten Jahr eine intensive publizistische Diskussion in Frankreich ausgelöst, die wir weiter verfolgen möchten. Damit greifen wir auch eine Initiative aus dem Beirat der Feministischen Studien auf. Jutta Hergenhan stellt in ihrem Überblick zum Feminismus in Frankreich fest, dass unter anderem die Strauss-Kahn-Affäre zu einer Wiederbelebung der feministischen Bewegung geführt habe und stellt uns verschiedene Aktionsgruppen und Themen vor. Ute Gerhard und Mechthild Veil haben ein längeres Interview mit der französischen Wissenschaftlerin und Feministin Francoise Picq geführt, die durchaus kritisch zu Scott Stellung nimmt. Einmal mehr zeigt sich in diesem Interview, dass das feministische Projekt mit der ‚Gretchenfrage‘ nach Gleichheit oder Differenz noch lange nicht an ein Ende gekommen ist – im Gegenteil: die aktuellen Debatten in Frankreich zeugen von einer lebendigen und kämpferischen Kultur.

Unter den zahlreichen Berichten von Konferenzen, die wir in diesem Heft präsentieren können, möchten wir besonders auf den Beitrag von Eva Senghaas-Knobloch zum „Arbeitsstandard für menschenwürdige Arbeit von Hausangestellten“ hinweisen. Senghaas-Knobloch zeigt am Beispiel der Diskussion über diesen Arbeitsstandard kritisch die Verknüpfung von Globalisierung, internationalen Arbeitsmärkten und privaten Haushalten auf. Eine Reihe von Rezensionen rundet das Heft wie immer ab. Wir hoffen, alle Beiträge regen zum kritischen Nach- und Weiterdenken an.

Zum Schluss möchten wir Annabelle Lienhart für ihre umsichtige Herstellung des satzfertigen Manuskriptes danken.

Anne Fleig und Kirsten Heinsohn

Literatur

Alkemeyer, Thomas (2011): Vom Aufrechten zum Flexiblen. Praktiken und (politische) Symbolik des Sportkörpers. In: Wernsing, Susanne / Matiasek, Katarina / Vogel, Klaus (Hrsg.): Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft. Göttingen, 61 – 72.

beiträge zur feministischen theorie und praxis 69 (2008): Arenen der Weiblichkeit. Frauen, Körper, Sport.

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a. M.

Düffel, John von (2001): Ego. Köln.

Fleig, Anne (2008): Körperkultur und Moderne. Robert Musils Ästhetik des Sports. Berlin u. New York.

Fleig, Anne (2008a): Nabelschau – Fitness als Selbstmanagement in John von Düffels Romansatire EGO. In: Villa, Paula-Irene (Hrsg.): Schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst. Bielefeld, 85 – 98.

Gieß-Stüber, Petra (2009): Frauen- und Geschlechterforschung im Sport. Forschungsfelder, Entwicklungen und Perspektiven. In: Freiburger GeschlechterStudien 23, 33 – 44.

Gramespacher, Elke (2009): Sport – Bewegungen – Geschlechter. In: Freiburger GeschlechterStudien 23, 13 – 30.

Jelinek, Elfriede (1998): Ein Sportstück. Reinbek bei Hamburg.

Jensen, Erik N. (2010): Body by Weimar. Athletes, Gender, and German Modernity. Oxford.

Keun, Irmgard (1993): Gilgi – eine von uns [1931]. Hildesheim.

Kessemeier, Gesa (2000): Sportlich, sachlich, männlich. Das Bild der ‚Neuen Frau‘ in den Zwanziger Jahren. Zur Konstruktion geschlechtsspezifischer Körperbilder in der Mode der Jahre 1920 bis 1929. Dortmund.

Kreisky, Eva (2009): Geschlecht und Sport. Arbeits-, Sport- und Geschlechterkörper. Einflüsse des Geschlechts auf moderne Sportkulturen. In: Marschik, Matthias / Müllner, Rudolf / Penz, Otto / Spitaler, Georg (Hrsg.): Sport Studies. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung. Wien, 72 – 84.

Müller, Marion (2009): Fußball als Paradoxon der Moderne. Zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball. Wiesbaden.

Scott, Joan Wallach (2011): The Fantasy of Feminist History. Durham and London.

Sülze, Almut (2011): Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock. Frankfurt a. M.

Wernsing, Susanne / Matiasek, Katarina / Vogel, Klaus (Hrsg.) (2011): Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft. Begleitbuch zur Ausstellung in Dresden vom 16. April 2011 bis zum 26. Februar 2012. Göttingen.