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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2011 

EINLEITUNG

Verletzbarkeiten  

Verletzungen und Verwundbarkeiten von Menschen begegnen uns in vielfältiger Weise: Im Zusammenhang mit Krieg und Protest, als Dimension prekärer Existenzweisen in unwägbaren ökonomischen, sozialen und rechtlichen Konstellationen, als Schattenseiten von Abhängigkeitsbeziehungen etwa in der Familie oder in Bildungsinstitutionen, als alltägliche Erfahrungen von Missachtung, Demütigung, Beleidigung. Doch lassen sich diese heterogenen Phänomene und Dimensionen wirklich alle unter einer Chiffre fassen? Angesichts der changierenden Verwendungen des Begriffs Verletzung im politischen, rechtlichen und sozialen Raum stellt sich umso drängender die Frage, wer was wie genau meint, wenn von Verletzung bzw. von Verletzbarkeiten die Rede ist. Das vorliegende Heft widmet sich diesen Fragen, in dem der Plural im Begriff bewusst aufgegriffen wird. In der Theoriebildung ist der Gebrauch eines Begriffs im Plural oft Ausdruck von Unbestimmtheit. Seine Bedeutung lässt sich nur kontextuell erschließen. In einer begriffsgeschichtlichen oder diskursanalytischen Perspektive kann allerdings die Pluralität der Verwendung des Begriffs eine andere Bedeutung bekommen. Pluralität bezeichnet dann nicht ein bestimmtes Sachverhältnis, sondern lässt sich als ein Symptom für eine gesamte Konstellation deuten, deren Elemente sowohl wissenschaftlicher bzw. theoretischer als auch gesellschaftlicher Natur sind.

Verletzbarkeit wird zum heuristischen Zugang in einer Konstellation, die vom Ende des Kalten Krieges und von der ökonomischen, politischen und militärischen Krise der USA als Großmacht bestimmt ist. Die dieser Konstellation ebenfalls zugehörige globalisierte Ökonomie schafft neue Formen von prekären Arbeitsverhältnissen, die auch die traditionell gesicherte Mittelschicht als Bedrohung erfährt. In diesem Kontext steht Verletzbarkeit für den Verlust sowohl nationaler Souveränität als auch individueller Sicherheit.

Aus dieser Perspektive lassen sich einige Fragen formulieren, die das Verhältnis der Verletzbarkeit zu dieser Konstellation zum Gegenstand machen: Wann werden im wissenschaftlichen und politischen Diskurs die unterschiedlichen Verweise auf den Begriff von Verletzbarkeit historisch signifikant? Auf welche zeithistorischen Konstellationen reagiert also die Rede von der Verletzbarkeit? In welchen Teilen des wissenschaftlichen und politischen Diskurses wird der Begriff von Verletzbarkeit womöglich im Sinne von Peter Burke zu einem Modebegriff, der zwar vielfach anschlussfähig ist – darin aber wichtige Differenzen zwischen Phänomenen (und Leidens- oder Gewalterfahrungen) einebnet? Welche theoretische Funktion hat der Begriff von Verletzbarkeit im Diskurs? Gegen welche theoretischen Vorstellungen wird der Begriff kritisch gewendet? Welche theoretischen und politischen Erwartungen sind mit der Verwendung eines solchen in gewisser Hinsicht suggestiven Begriffs verbunden? Die Beiträge dieses Heftes geben keine definitiven Antworten auf diese Fragen. Aber sie problematisieren den unterschiedlichen Gebrauch des Begriffs der Verletzbarkeit in verschiedenen Disziplinen, empirischen Feldern und politischen Auseinandersetzungen.

Versteht man unter Verletzbarkeit die Endlichkeit und Zerstörbarkeit der conditio humana in ihrem ekstatischen Ausgesetztsein, wie es Judith Butler in ihren Schriften und in dem in diesem Heft enthaltenen Interview tut, dann sind wir mit einer Bedeutung des Begriffs konfrontiert, die – wenngleich unter anderen Bezeichnungen – schon in den 1920er Jahren in der deutschen Existenzphilosophie und später nach dem Zweiten Weltkrieg im französischen Existentialismus geläufig war. Die Rede war damals vom Menschen als sterblichem Wesen oder Sein zum Tode (Martin Heidegger, 1927) und als Mängelwesen (Arnold Gehlen, 1940) oder von der Kontingenz der menschlichen Existenz (Jean-Paul Sartre, 1943; Simone de Beauvoir, 1949). Wird dabei der Zusammenhang von Endlichkeit bzw. von Verletzbarkeit und Körperlichkeit akzentuiert, so liegt der Verweis auf die psychoanalytisch orientierte feministische Kritik des modernen Verständnisses (der Fetischisierung) von Autonomie und des damit verbundenen Konzepts von Subjektivität nahe. Die anerkennende und produktive Anknüpfung an Beziehungen, Fürsorge, Zugewandtheit und Abhängigkeit gehört ebenso zum feministischen (Theorie-)Erbe wie die intensive Auseinandersetzung mit Gewalt und Verletzungen. Hier setzt auch Margrit Brückner mit ihrem Beitrag an, der am empirischen Beispiel zeigt, wie Frauen und Männer in langfristigen Sorgebeziehungen Autonomie und Abhängigkeit (er)leben und gestalten. Dabei verortet Brückner ihr Thema in der internationalen care-Debatte, die ihrerseits Verwundbarkeit als soziales Geschehen thematisiert und auf deren geschlechtliche Kodierung hinweist.

Die Kritik an einem phallogozentrischen Subjekt ist – wenn auch nicht ausschließlich – vor allem von dem so genannten Differenzfeminismus in Frankreich und in Italien in den 1970er Jahren entwickelt worden. Das scheint uns für die historische Rekonstruktion der feministischen Theoriebildung sowie für eine genauere begriffsgeschichtliche Bestimmung von Verletzbarkeit relevant. Doch ist zugleich weiter zu fragen, wie und warum die aktuelle Etablierung des Begriffs in einem bestimmten politischen und akademischen Feld geschieht. Dafür scheint es uns heuristisch wichtig, sich dem geschichtlichen Kontext zu zuwenden, in dem die Rethematisierung menschlicher Abhängigkeit und Verwundbarkeit ihre Gestalt annimmt. So hat etwa Judith Butler in ihren jüngeren Schriften das Thema der Verwundbarkeit (vulnerability) in den Mittelpunkt ihres Interesses gestellt. Sie fragt, unter anderem ausgehend von 9 / 11, was es bedeuten würde, eine auch politisch inspirierte Ethik zu entwickeln, die Verwundbarkeit als Qualität des Menschlichen anerkennt. Eine solche ethische Haltung zielt nicht auf die Überwindung der menschlichen Verwundbarkeit, sondern besinnt sich vielmehr darauf, dass wir gleichermaßen in der Lage sind, einander Gewalt anzutun und dies zu unterlassen. In dem hier veröffentlichten Interview, das Sabine Hark und Paula-Irene Villa im Sommer 2011 mit ihr geführt haben, nimmt sie Stellung zu Entstehungsbedingungen, den Implikationen und Differenzierungen sowie den potenziellen Konsequenzen ihrer Begrifflichkeit. Dabei wird nicht zuletzt klar, dass das Phantasma der Unverwundbarkeit, das etwa die Regierungspolitik nach 9 / 11 in den USA beherrschte, eine maskulinistische Konstruktion ist. Und es wird auch deutlich, wie Judith Butler an Positionen anknüpft, die im deutschsprachigen Raum als differenztheoretisch rezipiert wurden (etwa Carol Gilligan).

Einige Beiträge im Heft setzten sich in unterschiedlicher und kritischer Weise mit den Ausführungen Judith Butlers auseinander. Der Analyse der theoretischen und politischen Geschichtlichkeit des Begriffs der Verletzbarkeit widmen sich in diesem Heft insbesondere die Beiträge von Volker Woltersdorff und Magdalena Freudenschuß. Beide Autor_innen bringen den Begriff der Verletzbarkeit in Zusammenhang mit dem der Prekarisierung und erhoffen sich dadurch eine stärkere historische Präzisierung der Gegenwartsanalyse als Butler sie in ihren Überlegungen erreicht. Der Begriff der Verletzbarkeit sei in Butlers Texten, so Woltersdorff wie auch Freudenschuß, zu sehr einer Ontologie verhaftet. Der Zusammenhang etwa mit konkreten, neoliberalen, kapitalistischen Arbeits- und Prekarisierungsverhältnissen sei unterbeleuchtet. Die Analyse unterschiedlicher Formen der Verletzbarkeiten wird in den Beiträgen von Freudenschuß und Woltersdorff vor allem unter Berücksichtigung postfordistischer Arbeitsbedingungen geleistet. Sie liefern sowohl eine präzise epistemologische Kontextualisierung des Begriffs der Verletzbarkeit wie eine Kritik des eher soziologisch geprägten Diskurses der Prekarisierung. Für Woltersdorff stellt ein gesellschaftstheoretisch konturierter Begriff der Verletzbarkeit eine mögliche Chiffre für anti-essentialistische politische Bündnisse dar. Freudenschuß zeigt in ihrer Untersuchung zum printmedialen Diskurs und zur aktuellen Debatte zur Prekarisierung im soziologischen Feld, inwiefern die reine Betrachtung der Veränderung der Produktionsweise zur Immunisierung gegenüber Formen menschlicher Verwundbarkeit und zur normativen Codierung tayloristisch-fordistischer Arbeitsverhältnisse führen kann.

Sylvia Pritsch geht in ihrem Beitrag in die Tiefen des Internet und setzt sich mit dem Phänomen des Trollens auseinander. Anhand von empirischem Material (einem Blog) zeichnet sie nach, wie Trollen funktioniert. In ihren sprachtheoretischen Überlegungen zur Analyse des Phänomens wird deutlich, dass das Trollen spezifische Formen sprachlicher Gewalt ausübt, indem es Räume und Menschen enteignet. Diese zerstörerische Strategie kann dezidiert sexistisch sein. Mit komplexen Prozessen der Enteignung als Verletzung beschäftigt sich auch der Beitrag von Kathrin Zehnder. Dabei geht es um im engeren Sinne körperliche, biographisch relevante Erfahrungen von transsexuellen Menschen. Das empirische Material, das Zehnder analysiert, belegt, wie traumatisch die Verletzungen für Menschen sind, deren ‚uneindeutige‘ Genitalia von der Medizin als Quelle der Verwundbarkeit definiert werden. Hier wird deutlich, was in vielen Beiträgen immer wieder pointiert heraus gearbeitet wird: Verletzbarkeiten werden gesellschaftlich normiert; sie sind immer vorläufige Ergebnisse anhaltender politischer Auseinandersetzungen, die ihrerseits vermachtet sind und sich in herrschaftsförmigen institutionellen Rahmen vollziehen (hier z. B. durch ‚Experten‘ gegenüber Laien, die zudem aufgrund ihres Alters ‚noch-nicht-Bürger_innen‘ sind). Im medizinischen Kontext angesiedelt ist auch der Beitrag von Merve Winter und Brigitte Boothe. Die Autorinnen gehen der Frage nach, wie sich das geschlechtliche Ungleichgewicht zwischen Spender_innen und Empfänger_innen von Organen deuten lässt. Sie verweisen dabei auf geschlechtlich markierte Fürsorge- und Schutzimperative, die nicht so sehr Frauen an sich adressieren, sondern weibliche Positionen im Verwandtschaftsgefüge. Margrit Brückner setzt, wie erwähnt, ebenfalls an diesem Punkt an, wenn sie Sorgebeziehungen analysiert.

Das Verhältnis von Verletzbarkeit(en) und Körperlichkeit ist auch eines der Themen des Gesprächs, das Anne Fleig mit der freien Kuratorin Bettina Knaup zur Performance-Kunst und feministischer Kritik geführt hat. Auch das Bild auf dem Cover der aktuellen Ausgabe thematisiert, wie bei den feministischen studien üblich, das inhaltliche Thema künstlerisch und stellt ebenfalls die somatische Dimension von Verletzbarkeit in den Mittelpunkt. Nora Frohmann, freie Künstlerin in München / Leipzig, ist hier in einem still aus ihrer performance „handle with care!“ (6minütige Videoperformance; 2009) zu sehen.

Bettina Fritzsche verknüpft in ihrem Beitrag Butlersche Argumente mit dem sozialphilosophischen Begriff der Anerkennung (Axel Honneth). Sie stellt dar, wie Verwundbarkeit als soziale Dimension im konkreten Geschehen einer Schulklasse performativ hergestellt wird. Dabei zeigt sich plastisch, wie geschlechtliche und andere Normierungen Verwundbarkeiten konstituieren. Zunächst irritierend ist dabei, wie ‚gut gemeinte‘ pädagogischen Praxen – der ‚Klassenkreis‘ – zu höchst problematischen, ausgesprochen subtilen Selbst- und Fremddisziplinierungen führen.

Mit internationalen politischen Entwicklungen befassen sich zwei Beiträge: Sara Farris diskutiert in ihrem Beitrag die aktuellen Auseinandersetzungen im Spannungsfeld von Migration, Islamophobie und Feminismus in Europa. Sie kritisiert die Kulturalisierung von Gesellschaftsanalysen und plädiert anknüpfend an eine zurzeit international geführte feministische Diskussion für eine Kritik der politischen Ökonomie der Geschlechterverhältnisse. Unter dieser Perspektive thematisiert sie, welche Funktion die neuerdings so vehement wie überraschend prominent vorgetragene Forderung einer Emanzipation der Frauen in Bezug auf ‚den Islam‘ spielen: Eine der Kommodifizierung von Frauen und ihren Körpern als kapitalistische ‚Ware‘ bzw. als Konsumentinnen. Rita Schäfer betont in ihrem Beitrag, der Kriege, gewaltsame Konflikte und (geschlechtsspezifische) Verletzbarkeiten an den Beispielen Republik Kongo und Liberia diskutiert, die Kluft zwischen Rechtsnormen einerseits und der gewaltgeprägten Lebensrealität von Frauen und Mädchen andererseits. Sie verweist zugleich darauf, dass und inwiefern UNO-Resolutionen einen (geschlechtlich markierten) Opferdiskurs implizieren, einen female bias. 

Es dürfte deutlich geworden sein, dass wir ein in sich heterogenes Heft vorlegen. Wir hoffen, damit zur Intensivierung und Differenzierung der (feministischen) Diskussion um Verletzbarkeiten beizutragen. Einen ersten Impuls hat die geschlechterwissenschaftliche Debatte im deutschsprachigen Raum im Januar 2011 erhalten, als die im Januar 2010 gegründete wissenschaftliche Fachgesellschaft Geschlechter Studien e. V. ihre erste Jahrestagung an der LMU München durchführte und dafür die thematische Klammer ‚Verletzbarkeit‘ wählte. Einige der hier veröffentlichten Beiträge gehen auf dort gehaltene Vorträge zurück. Zur Fachgesellschaft und ihrem Selbstverständnis schreibt in diesem Heft Regina Frey.

Eine Art Kontrapunkt zu einer Entwicklung der feministischen Theorie aus der Perspektive der Verletzbarkeit bildet in diesem Heft der Beitrag von Rossana Rossanda zum Verhältnis von Feminismus und Politik in der Rubrik Außer der Reihe. Ähnlich wie Sara Farris macht sich Rossanda für eine Kritik der politischen Ökonomie der Geschlechterverhältnisse stark, deren Vernachlässigung die Entwicklung der politischen Theorie und Praxis des Feminismus geschwächt habe. Sie geht von der Betrachtung der Familie und deren Transformationen aus. Die Familie wird als eine Institution betrachtet, die vom Zusammenhang von Gefühlen, Sexualität, Macht und Eigentum geprägt ist. Die theoretische Aufgabe des Feminismus sieht Rossanda in der Infragestellung des Zusammenhangs von Sexus und Eigentum. Das würde dem Feminismus helfen, neue politische Relevanz zu gewinnen.

Die Rubrik Berichte beinhaltet neben zwei Berichten über Tagungen zu aktuellen und historischen Formen von Fundamentalismus und der schon erwähnten Darstellung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien, eine Vorstellung der französischen Zeitschrift Travail, Genre et Sociétés, mit der die feministischen studien einen regelmäßigen Austausch unterhalten. Rezensionen runden das Heft ab.

Rita Casale, Paula-Irene Villa