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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2009 

EINLEITUNG

Kritik üben – Übungen in Kritik

Kritik, sagt Kant, beginnt mit der Infragestellung der Forderung nach absolutem Gehorsam. Um Kritik ausüben zu können, so wiederum Nietzsche, braucht es Distanz: gegenüber dem, was ist. Und das schließt auch die eigenen Denkformen und Praxen ein. Im letzten Heft der feministischen studien hatten wir deshalb nach Inhalten und Tendenzen eines Neuen Feminismus gefragt und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwar eine neue Qualität gibt, es indes unklar ist, worin diese besteht. So sind wohl neue Bewegungsmomente zu erkennen, die auch etwas mit den Möglichkeitsbedingungen neuer Medien zu tun haben, vielleicht mit einem Generationenwechsel in feministischer Theorie und Praxis. Deutlich wurden neue Ansprüche an den Feminismus: dieser soll nun Spaß machen und vor allem die gut ausgebildeten Frauen unterstützen. Abgesehen davon, dass es uns Spaß macht, feministisch zu denken, sehen wir es als wesentliches Element feministischen Denkens an, dass auch feministische Artikulationen der kritischen Überprüfung ausgesetzt werden. Zusammengestellt hatten wir deshalb Beiträge, die jene neuen Feminismen in den Blick nehmen, dabei den gesellschaftskritischen Aspekt feministischer Theorie und Praxis betonen und eine Kritik an sozialen und politischen Ungleichheiten in globaler Perspektive einfordern.

Dieses Verständnis von kritischer feministischer Theorie und Praxis möchten wir in diesem Heft noch einmal verdeutlichen: Feminismus ist zunächst und vor allem eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Gegebenheiten, die als naturalisiert gelten und damit wie selbstverständlich daher kommen. Der Feminismus nimmt daher auch – oder sollte dies tun – Abstand zu den Denkformen und Praxen der eigenen Bewegung, um diese kontinuierlich, aktiv und radikal in Frage stellen zu können.

Das vorliegende Heft widmet sich von verschiedenen Sehepunkten (Chladenius) aus solchen kritischen Übungen. In historischer Perspektive werden zwei Ereignisse des 20. Jahrhunderts gewürdigt, die ohne Zweifel Meilensteine der Frauenemanzipation darstellen: Die 1908 erfolgte Zulassung von Mädchen und Frauen zu Abitur und Studium in Preußen und die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechtes für beide Geschlechter in Deutschland im November 1918.Am Anfang steht daher eine Festrede zu Dignitas, Auctoritas, Nobilitas. Anlässlich der Jubiläumsveranstaltung im Oktober 2008 in Berlin sprach Friederike Hassauer über schlaue Frauen und diskutierte die »Geschlechtsreife« der Wissenschaft. Im kritischen Zwiegespräch mit Cicero lotet sie die »Kultur-Falle der Antike« einer scheinbar geschlechtsneutralen Wissenschaftsfähigkeit aus. Sie stellt fest: schlaue Frauen sind ein Widersinn. Trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge in der Wissenschaftsgesellschaft bleibt die homo. academica eine homo. nova mit »gestufter Präsenz, gestufter Partizipation, gestuftem Bürgerrecht in der civitas academica«. Listig fordert Hassauer deshalb eine Migrationspolitik für Einwanderinnen in das Wissenschaftssystem.

Angelika Schaser rekonstruiert die Ereignisse im November 1918, die schließlich zur Ausweitung des Wahlrechts auf alle erwachsenen Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit führten. Wem war dieses »Geschenk« zu verdanken? So hatte die SPD die Forderung schon 1891 in ihr Wahlprogramm aufgenommen, sich aber nur wenig und nur im Kontext der Ausweitung des Männerwahlrechts dafür eingesetzt. Mit dieser Haltung befand sich die Sozialdemokratie in guter Gesellschaft, denn die Idee der politischen Gleichberechtigung von Frauen war nur Wenigen ein Anliegen. Und doch war die politische Gleichstellung der Frau 1918 alles andere als ein historischer Zufall. Sie war eine Konsequenz der beharrlichen Propaganda weniger Frauenrechtlerinnen und ihrer Vereine, bis schließlich auch der »Bund deutscher Frauenvereine« die Forderung nach dem Wahlrecht 1917 proklamierte, weil die Zeit dafür reif schien. Historischer Wandel braucht Anstoß und eine Bewegung, also Personen und Ideen, die das herkömmliche Denken in Frage stellen. Eine solche Idee war im 19. Jahrhundert die Forderung nach dem Stimmrecht für Frauen, die vor allem von der Frauenbewegung getragen wurde. Kritik an der bestehenden Ordnung mag also nicht immer sofort Wirkung zeigen, aber sie enthält den Keim für die Bedingungen der Möglichkeit historischen Wandels.

Die Aufforderung Kritik zu üben wird in drei Beiträgen auch theoretisch gewendet. Sabine Hark analysiert feministisches Denken als kritische Praxis. Dabei zeigt sie den produktiven Charakter eines Krisendiskurses an einem ganz anderen Beispiel, nämlich an der Trope vom Tod des Feminismus. Diese Figur ist ein wesentliches Element in der Strukturierung des Sagbaren im gesellschaftlichen Diskurs: Was ist zeitgemäß für den Feminismus, was nicht? Was für tot und erledigt erklärt wird, ist vergangenes Wissen, das für die Zukunft nicht mehr brauchbar erscheint – so scheint es. Ist es aber so? Sabine Hark verneint dies und weist darauf hin, dass der akademisch gewordene Feminismus zwei Aufgaben habe: sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kritisch auseinander zu setzen, dabei zugleich die Institution Wissenschaft selbst kritisch zu denken und damit auch die eigenen Produktionsweisen von Wissen stets zu hinterfragen. Das ist ein anspruchsvolles Programm, das die Frage nach den Machtverhältnissen und Sagbarkeitsregeln neu stellt – auch im feministischen Diskurs selbst.

Ina Kerner nimmt dieses Thema auf, indem sie die Verflechtung von Rassismus und Sexismus problematisiert und in einer kritischen Wendung vorliegender Arbeiten für ein anderes Verständnis der gegenseitigen Durchdringung dieser beiden ismen plädiert. Ein einzelner Begriff, wie etwa Intersektionalität, ist nach ihrer Meinung nicht ausreichend für die komplexen Verhältnisse, die hier untersucht werden sollen. Sie schlägt daher ein heuristisches Modell vor, das Ähnlichkeiten, Unterschiede, Kopplungen und Intersektionen von Sexismus und Rassismus umfasst. Dabei fordert sie eine »multidimensionale Konzeptualisierung des Verhältnisses der beiden Problemkomplexe«, ohne dass damit ältere Konzeptualisierungen einfach ad acta gelegt werden sollen. Auch Nira Yuval-Davis nimmt die viel geforderte Intersektionalität ins Visier, betont allerdings stärker die Abschwächungen und Missdeutungen, die entstehen, wenn ein theoretisch entwickelter Begriff für die politische und juristische Praxis konzeptualisiert werden soll.

Fragen zur Intersektionalität behandelt auch Tina Spies in ihrer kritischen Übung. Sie untersucht den Einfluss, den gesellschaftliche Diskurse über Gewalt, Geschlecht und Ethnizität auf die Subjektpositionierungen von jugendlichen Straftätern mit Migrationshintergrund haben. Mit Hilfe der Überlegungen von Stuart Hall zur (kulturellen) Identität und Artikulation analysiert Spies, wie sich auf der theoretischen und auch auf der persönlichen Ebene das Verhältnis zwischen Diskurs und Subjekt entfaltet. Ihr Ergebnis: Trotz des populärwissenschaftlichen Diskurses, der einen Zusammenhang von kulturell und ethnisch geprägten Männlichkeitskonzepten und Gewaltanwendung postuliert, können sich Einzelne auch abweichend zu diesen Diskursen ins Verhältnis setzen. Felix Krämer nimmt die Qualität von gesellschaftlichen Diskursen aus einem anderen Sehepunkt und mit einem anderen historischen Thema in den Blick. Er stellt die Rede über eine Krise der Männlichkeit in den USA in den 1970er Jahren vor, und zwar exemplarisch an Beispielen aus der Zeitschrift Playboy, die von ihm als ein »kulturelles Barometer« gelesen werden. Seine Analyse der performativen Herstellung von Krisensymptomen zeigt, dass die Rede von einer Krise nicht als Reaktion verstanden werden darf, sondern als Aktion – als eine diskursive Figur, die neue Handlungsermächtigungen hervorbringt. Aus dieser Perspektive ist die Rede von der Krise der Männlichkeit überaus produktiv und zugleich repressiv gegenüber jenen, die gesellschaftlich als Andere markiert werden: Frauen, Schwarze, Arbeiter. Mögliche Kritiken an einer solchen diskursiven Strategie werden durchaus formuliert; das Besondere des Krisendiskurses liegt indes darin, dass diese Kritik vor allem als eine Bestätigung gelesen wird. Was die feministischen studien schon in einem früheren Heft thematisiert hatten (Heft 2/2006: Wie Phönix aus der Asche: Die Wiedergeburt des Mannes), wird hier noch einmal ausdrücklich bestätigt: die Rede über eine Krise ist vor allem eine Stabilisierungsstrategie eben dieser Männlichkeit.

»Im Gespräch mit …« und »Bilder und Zeichen« sind in diesem Heft – ganz comic-like – zusammengeführt. In einem Interview mit Ulli Lust, Verena Braun und Barbara Yelin, Autorinnen der ersten Anthologie von Comic-Zeichnerinnen in Deutschland, lassen sich diese nicht einfach für den Feminismus einnehmen, grenzen sich aber auch nicht von ihm ab. Ihre individuellen Geschichten über die Liebe – nicht zugleich auch »erfolgreiche« Liebesgeschichten – weichen von den in der männlichen Comic-Szene vorherrschenden stereotypen Frauenbildern ab. Die Autorinnen erzeichnen sich eigene Bilder und wollen keine message verbreiten. Ihre Geschichten sollen vor allem Spaß machen – Frauen und Männern. Im Anschluss daran zeigt Christine Kopf in ihrem Abriss der Comic-Historie den Platz der Frauen in diesem Genre auf: nicht nur als Heldinnen in den aus Japan kommenden Mangas, wodurch Mädchen und weibliche Jugendliche als Comic-Leserinnen gewonnen wurden, sondern auch auf der Seite der Kreativen, zunächst in Frankreich, dann zeitversetzt auch in Deutschland.

In der Rubrik Informationen stellt Rita Schäfer die Arbeit der Frauenrechtsschutzorganisation Medica Mondiale vor. Diese Organisation befasst sich mit der speziellen Gewalt, die sich in Kriegsgebieten gegen Frauen richtet, sowie deren Folgen in Nachkriegsgesellschaften. Rita Schäfer thematisiert an einzelnen Länderbeispielen, wie wichtig es ist, nach den kriegerischen Auseinandersetzungen die Gewalt gegen Frauen als solche anzuerkennen und gesellschaftlich zu behandeln. Denn »Behandlung« heißt hier, dass eine Politik der Anerkennung von erlittenem Leid notwendiger Teil der individuellen Verarbeitung ist. Wo immer diese Anerkennung verweigert wird, haben es Frauen sehr viel schwerer, ihre Leiden hinter sich zu lassen.

»In eigener Sache« nehmen wir Abschied von Christina Klausmann, Historikerin und langjähriges Mitglied der Redaktion der feministischen studien, die im Oktober letzten Jahres nach schwerer Krankheit gestorben ist. Wir drucken einen frühen Text von ihr aus dem Jahre 1995 ab, zum Thema »Aspekte weiblicher Handelstätigkeit in Frankfurt am Main zwischen 1700 und 1900«.

Die Tagungsberichte in diesem Heft spiegeln noch einmal die kritisch gewendeten Themen des Hauptteils: die Zulassung von Frauen zur akademischen Wissenschaft (Heidi Degethoff de Campos und Marianne Kriszio), die Auseinandersetzung mit dem Thema Intersektionalität (Eva Tolasch) und schließlich die Folgen von Kriegen und deren mediale Repräsentation (Viktorija Ratković). Den Abschluss bilden wie immer die Rezensionen – auch diese eine Übung in Kritik.

Sabine Hark, Kirsten Heinsohn und Mechthild Veil