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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1993 

EINLEITUNG

Auf dem Titelbild dieses Heftes, einem Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, bildet die weiße europäische Frau in überseeischer exotischer Gegend den Mittelpunkt der allegorischen Darstellung der menschlichen Hautfarben. Die Allegorie selbst stellt komplexe Hierarchien zwischen ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht und sozialem Status dar, repräsentiert durch einen Afrikaner, einen amerikanischen Indianer, eine orientalische Dienerin und eben die weiße Dame, Hierarchien, wie sie die Wissenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts konstruierte. Steht sie nicht ganz im offensichtlichen Widerspruch zum Titel des Heftes »Die nebensächliche Frau«? Wir wollten damit auf eine Spannung hinweisen, in der sich feministische Forschung eben wegen dieser Konstruktionen befindet: Im Zentrum steht die zur »Nebensache« erklärte Frau, die sich bei genauerem Hinsehen als nicht so nebensächlich erweist. In Analogie zu Titelbild und Titel machen denn auch alle Beiträge dieses Heftes auf ganz unterschiedlichen Ebenen, mit ganz unterschiedlichen Fragen und Antworten diese Spannungen der Geschlechterhierarchie zu ihrem Thema.

Gerade diese Vielfalt macht die Attraktivität feministischer Forschung aus. In diesem Heft sind Beiträge versammelt, die von der Filmtheorie bis zur Gentechnologie(-kritik) reichen und von der politischen Theorie des 17. Jahrhunderts bis zu den jüngsten politischen Entwicklungen wie deutsche Vereinigung und Fremdenhaß, die sich aber gegenseitig durchaus ergänzen und erhellen. Gelegentliche Selbstzweifel der Herausgeberinnen, die im Sommer 1992 zu einer intensiven Diskussion innerhalb der Redaktion darüber führten, ob es im Zeitalter der zunehmenden Ausdifferenzierung der Frauenforschung einerseits und der zunehmenden Fragwürdigkeit des Konzepts einer Frauenpolitik durch die »neue Weltlage« andererseits überhaupt noch wissenschaftlich produktiv und unter pragmatischen Gesichtspunkten sinnvoll sei, eine interdisziplinäre Zeitschrift zu machen, sind durch die Arbeit an diesem Heft wieder in den Hintergrund getreten. Es zeigt sich gerade hier, wie vielfältig Bezüge zwischen zunächst höchst verschieden angelegten Forschungen und Texten sein können und wie erhellend und wichtig die Vielfalt der Methoden und Fragestellungen für die Verdeutlichung komplexer Zusammenhänge ist.
So belegt Heide Schlüpmann in ihrer Betrachtung des kulturtheoretischen Werks von Siegfried Kracauer zunächst, wie weitgehend Kracauer, im Vergleich zu seinem Lehrer Simmel, auf die gegen Ende des 19. Jahrhunderts breit entfaltete Diskussion um Geschlechterdifferenz und Kulturtheorie verzichtet; bei ihm wird die Frau - auf den ersten Blick - zur Nebensache. Allerdings ist dies ein Befund, der über das Werk Kracauers hinaus ganz allgemein für die Zeit der Weimarer Republik konstatiert werden kann, in der die Frauenbewegung Einbußen und Rückschritte erleiden mußte. Andererseits beleuchtet Schlüpmanns Kracauer Studie aber auch, daß die zunächst verschwundene bzw. »nebensächliche« Frau schließlich in seinen Analysen zur Massenkultur - wenn auch in ganz anderer Weise - wiederkehrt: nicht in der denunziatorischen Projektion des Weiblichen, sondern als selbstverständlich vorhandenes Bild auf der Außenseite der Phänomene, die von Kracauer zur Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit herangezogen wird.

Greift der radikale Kulturtheoretiker und -kritiker der zwanziger Jahre der These von der Auflösung der Geschlechterdiskurse in der postmodernen Debatte in gewisser Weise vor, so haben die Mediziner und Anatomen des 18. Jahrhunderts geschlechtliche und ethnische Differenzen im Gegenteil konstruiert, um ihre Selbstdefinition als weiße europäische Männer zu ermöglichen und Diskriminierungs- und Kolonisierungspraktiken zu legitimieren, wie Londa Schiebinger zeigt. Die Wissenschaftler drangen sukzessive von der Außenseite - von der Beobachtung der Haut(-farbe) und dem Erscheinungsbild von Männern und Frauen, von AfrikanerInnen und IndianerInnen - mit Skalpell und Meßinstrumenten ins Innere vor, bis auf die Knochen, um die menschliche Gattung in »Rassen« und »Ge-schlechter« zu unterteilen und zu klassifizieren. Wie »liberal« auch viele der beteiligten Forscher sich immer gebärdeten, in der Überzeugung, daß der weiße europäische Mann das Maß aller Dinge sei und die Abweichung von diesem »Urbild« als »Degeneration« verstanden werden müßte, waren sie sich einig und ließen andere Meinungen, nicht zuletzt durch den Ausschluß von Frauen und farbigen Männern aus den Universitäten und Akademien, auch gar nicht erst aufkommen.

Das allmähliche Verschwinden des Geschlechterdiskurses im frühen 20. Jahrhundert bedeutet allerdings nicht, daß die realen Ausgrenzungsprozesse aus Institutionen der Herrschaft - und namentlich aus den Universitäten - am Ende des 20. Jahrhunderts ebenfalls im Schwinden begriffen sind. Sie scheinen sich, so legt der Artikel von Brigitte Young nahe, in vieler Hinsicht eher noch zu verstärken. Die Autorin, US-amerikanische Professorin der Politikwissenschaften, hat mit »fremdem« Blick eine Bestandsaufnahme des Umstrukturierungsprozesses der ehemaligen DDR und ihrer Hochschulen vorgenommen. Frauenfeindliche Altlasten aus beiden deutschen Universitäts- und Gesellschaftssystemen verstärkten sich gegenseitig mit dem Effekt, daß Frauen an den Hochschulen der neuen Bundesländer ihren Anteil am wissenschaftlichen Personal, wie er in DDR-Zeiten bestanden hatte, bei weitem nicht erreichen werden. Schlimmer noch, sie werden hier noch weit weniger vertreten sein, als Frauen an den Universitäten der alten Bundesländer präsent sind. Es ist, neben dem grundsätzlich konservativen politischen Rahmen, in dem die Politik der Vereinigung und der »Abwicklung« angesiedelt ist, vor allem die »homosoziale Welt« der deutschen Hochschulen - gemeinhin auch als »Männerbund« bezeichnet -, die nach Ansicht der Autorin zu diesem für die jahrzehntelang mit viel Energie von Frauen betriebene Gleichstellungs- und Frauenpolitik desaströsen Ergebnis führen konnte. Da stellen sich bei der Lektüre ganz unwillkürlich höchst unangenehme Ohnmachtsgefühle ein!

Ebenfalls ein Dauerbrenner in der feministischen Diskussion und Politik ist der medizinisch-wissenschaftliche Umgang mit dem Frauenkörper und seinen »Potenzen«. Gerade hier gibt es etliche unerledigte politische und ethische Fragen, angefangen von dem anstehenden Verfassungsgerichtsurteil zum § 218, über den »Erlanger Versuch«, die künstlich aufrechterhaltene Schwangerschaft einer Toten zum Akt des Lebensschutzes umzudefinieren, bis hin zur »pränatalen Diagnostik«, der sich Claudia Schulze in einem ebenso informativen wie kritischen Artikel zuwendet. Sie zeigt nicht nur, daß viele der Analyseverfahren nur begrenzt zuverlässig und aussagekräftig sind oder hohe Risiken für Schwangere und Föten bergen, sondern auch, wie stark der Druck auf schwangeren Frauen (insbesondere auf den sog. »Spätgebärenden«) lastet, die sich diesen »Vorsorgemaßnahmen« nicht unterwerfen wollen oder denen die Konsequenzen bei »positivem« Befund allzu bedrohlich erscheinen. Nicht zuletzt problematisiert sie die diskriminierenden Folgen für Behinderte und Eltern mit genetisch kranken bzw. behinderten Kindern. In letzter Konsequenz gehen hier männliche Allmachtsphantasien der Humangenetiker mit ärztlichem Gewinnstreben und der schwierigen Lage und den Ängsten von Frauen als (werdenden) Müttern in einer wenig unterstützenden Umgebung eine höchst unheilige Allianz ein.

Daß sich auch andernorts Erfolge und Rückschläge in der Frauenpolitik abwechseln, zeigt der Bericht Sieglinde Rosenbergers über eine Tagung in den USA, auf der aus Anlaß der 500 Jahr-Feier unter dem Titel »Politik, Geschlecht und Verschiedenheit« die dortige frauenpolitische Entwicklung erörtert wurde. Nach den Rückschlägen in der konservativen Ara Reagan/Bush hinsichtlich der Abtreibungsfreiheit, der sozialen Absicherung und der politischen Integration von Frauen erwarten viele Feministinnen nun, nach den Präsidentschaftswahlen, in denen sich die »feminist machine« erfolgreich durchgesetzt hat, daß es für viele frauenpolitische Initiativen und Programme wieder bessere Erfolgsaussichten gibt.

Um die Frage, inwieweit es sich nicht nur bei Universitäten und Parlamenten, sondern beim bürgerlichen Staat ganz generell um einen »Männerbund« handelt, dreht sich der Beitrag von Brigitte Hansen zur politischen Philosophie von Thomas Hobbes. Im Gegensatz zur konventionellen politikgeschichtlichen Deutung, aber auch in kritischer Revision feministischer Interpretation, kommt sie zu dem Schluß, daß die Ursache für die männliche Dominanz in Familie und Staat bei Hobbes weder in einem »Zirkelschluß« noch in einem Arrangement von männlichen Familienoberhäuptern begründet liegt. Vielmehr entdeckt B. Hansen zwischen dem Naturzustand, den Hobbes als Ausgangssituation und als »Krieg aller gegen alle« versteht, und dem Staats- bzw. Gesellschaftsvertrag eine (implizite) Zwischenstufe, in welcher die Männer den Frauen - die ihnen im Naturzustand an Kraft, Geist und Interessen gleichgestellt sind und denen Hobbes als Mütter durchaus die Fähigkeit zu Herrschaft zugesteht - jegliche Machtansprüche erst hätten entreißen müssen: Der bürgerliche Staat entsteht also als Folge des Geschlechterkrieges und als Effekt weiblicher Niederlage.

Männliche Gewalt sieht auch Maya Nadig in ihrem Beitrag als Grundlage von rassistischen Ausschreitungen und als Effekt von ethnisch-kultureller Diskriminierung in modernen Industriegesellschaften. In ihren ethnopsychoanalytischen Überlegungen reflektiert sie den Zusammenhang von kulturellen Mustern im Umgang mit Fremden und den Problemen der Adoleszens. Insbesondere männliche Jugendliche sind in einer sich rapide wandelnden Gesellschaft, die für den Umgang mit Fremden keine orientierenden und regulierenden Rituale bereitstellt, aus Mangel an Identifikationsmustern gefährdet und suchen einen Ausweg in der Ritualisierung von Gewalt als Mittel zur »Normalisierung«. Die Rostocker Ereignisse dienen M. Nadig als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, in denen sie auch den Versuch unternimmt, allgemeine kulturanthropologische Erkenntnisse mit den spezifisch historischen Bedingungen von Rassismus in Deutschland zu vermitteln. Ihre Studie zeigt unserer Meinung nach sehr deutlich, wie wichtig die Diskussion um die Geschlechterdimension des Rassismus ist und wie dringend sie gerade jetzt zu führen ist, um so mehr, als Forschungen zur politischen Sozialisation, wie der Forschungsbericht von Helga Kelle zeigt, Fragen nach geschlechtstypischen oder gar geschlechtsspezifischen Aspekten bislang kaum gestellt, geschweige denn beantwortet haben.

Ahnliches gilt ja für das politische Verhalten von Frauen und die politischen Ziele der (alten und neuen) Frauenbewegung generell, worauf Ute Gerhard, Christina Klausmann und Ulla Wischermann in ihrem Artikel einleitend hinweisen. Allerdings hat ihrer Ansicht nach auch die Frauenbewegungsforschung selbst die Unterschiede zwischen der »alten« und der »neuen« Frauenbewegung überbetont. Demgegenüber wollen die Autorinnen auch die »alte« Frauenbewegung als soziale Bewegung betrachten, und zwar aus der Perspektive der Beteiligten. Ausgehend von der Analyse von Frauenbeziehungen, lassen sich nicht nur unerledigte Anliegen, gesellschaftliche Widerstände sowie Kontinuitäten und Brüche in der Politik mit und von Frauen besser erkennen und deuten, sondern, bei aller Vielfalt der Beziehungsformen und unter Berücksichtigung der jeweiligen gesellschaftlichen Um- und Widerstände, läßt sich, auch für die »alte« Frauenbewegung, eine regelrechte »Bewegungskultur« rekonstruieren.

Einen anderen Zugang zur Frauengeschichte wählt Katharina Sykora, die in »Bilder und Zeichen« Aspekte des fotografischen OEuvre von Annemarie Schwarzenbach präsentiert. Ohne die Bedeutung von Frauenbeziehungen in Schwarzenbachs Leben (und insbesondere in ihren professionellen Bezügen) zu vernachlässigen, plädiert sie doch für eine Blickrichtung, die mehr dem OEuvre als der Person gilt. Als »Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen«, ist A. Schwarzenbach bereits durch ihre Schriften bekannt; in ihrem weniger bekannten journalistischen wie fotografischen Schaffen zeichnet sie sich auch als sensible Beobachterin sozialer Probleme und kultureller Bedingtheit »fremder« weiblicher Existenz und Lebensweise aus.

Die Tagungsberichte zeigen, daß die nebensächliche Frau in der deutschen Soziologie immer noch das gängige Modell ist (und Gebhardts Porträts der Gründerväter haben insofern eine überraschende Aktualität), während es in der internationalen Sozialisations- und Jugendforschung vielleicht doch ausläuft und die Wollstonecraft -Tagung beweisen mag, daß es dafür schon seit langem gute Gründe gibt.
Wenn die Beiträge dieses Heftes also einmal mehr belegen, daß die feministische Forschung produktive und vielfältige Fragen stellt, so wird doch der Themenschwerpunkt des nächsten Heftes ganz grundsätzlich der Frage gewidmet sein, inwieweit die Kategorie Geschlecht überhaupt (noch) brauchbar ist.

Juliane Jacobi, Claudia Opitz