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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1994 

EINLEITUNG

In diesem offenen Heft sind aktuelle und historische, literaturwissenschaftliche und philosophische Beiträge zu unterschiedlichen Fragen feministischer Forschung und Politik versammelt. Der Titel soll darauf verweisen, daß es auch um die Frage nach dem Verhältnis zentraler feministischer Debatten - Geschlechterverhältnis und dessen Kontextualisierung, Gleichheit und Andersheit - zum »altfeministischen« Postulat der sisterhood geht.

Diese Frage steht im Zentrum von Ruth-Ellen Boetcher Joeres' Beitrag. Sie analysiert die neueren Entwicklungen und Schwerpunktsetzungen innerhalb der feministischen Diskussion in den U.S.A. Während zu Beginn des Feminismus in den siebziger Jahren von »sisterhood« mit einem gemeinsamen wir, einer gemeinsamen Identität ausgegangen wurde, setzte spätestens Mitte der achtziger Jahre die Differenzierung nach widersprüchlichen Identitäten, Standpunkten, Eigenschaften und Herkunften der Frauen ein. Hierbei wurde die »Politik des Ortes, des Standpunktes - identity politics - ins Zentrum des feministischen Projektes gesetzt«. Aus den derzeitigen Frage- und Problemstellungen des amerikanischen Feminismus greift Boetcher Joeres die Kontroverse um Essentialismus und Identitätspolitik heraus und diskutiert sie als Theorie-Praxis-Problem, wobei sie die Frage nach sisterhood, den gemeinsamen politischen Zielen und dem gemeinsamen politischen Handeln von Frauen im Blick behält.
Daß die empirische Sozialforschung ihre Entstehung auch und nicht zuletzt gemeinsamem politischen und sozialen Handeln von Frauen verdankt, zeigt Elisabeth Meyer-Renschhausen. Sie macht deutlich, daß die Soziologie als empirische Wissenschaft keineswegs so neu ist, wie es die einschlägigen Einführungen ins Fach nahelegen. Vielmehr entstand die empirische Sozialforschung schon im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik, wie auch zeitgleich in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Ihren Kontext bildeten zum einen die Auseinandersetzung um die »soziale Frage« bzw. um Sozialpolitik, zum anderen die Entstehung von sozialer Arbeit. Dabei, so ihre These, war die Frauenbewegung in ihrem Engagement für Sozialreform und soziale Arbeit wie auch in frühen empirischen Studien eine »Muse« der Soziologie, ein Entstehungszusammenhang, von dem die heutige Soziologie wenig weiß oder wissen will.

Um einen ganz anderen Entstehungskontext geht es Kathrin Braun in ihrem Beitrag über »politische Interaktion und Reorganisation des Geschlechterverhältnisses in der früheren Arbeitsschutzgesetzgebung«. Sie stellt dar, daß Frauen aus dieser Debatte so gut wie ausgeschlossen waren, und belegt anhand der entsprechenden Reichstagsprotokolle, daß und wie klassenübergreifende politische Interaktionen, männliche Allianzen, dabei zum Tragen kamen. Sie kommt zu dem Schluß, daß die gesellschaftliche Reproduktion durch stärkere Einbindung der proletarischen Frauen in die sekundär-patriarchale Familie abgesichert wurde und daß dies nur auf der Grundlage dieser Interaktionen zwischen Männern möglich war.
In ihrem Beitrag über den 1897 gegründeten »Reichsverband landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine« zeigt Renate Bridenthal im Diskussionsteil, daß Frauenpolitik keineswegs immun gegen Vereinnahmungsversuche von rechts war. Sie schildert die Aktivitäten dieser mitgliedstarken ständisch geprägten Berufsorganisation von Landfrauen, die durch ihren Beitritt zum »Bund deutscher Frauenvereine« ihre Zugehörigkeit zur Frauenbewegung demonstrierte, sich aber gleichzeitig den Verbänden der männlichen Agrarier anschloß und mit ihnen während der Weimarer Republik eine konservative und schließlich nationalsozialistische Mobilmachung betrieben.

Kerstin Michalik untersucht in ihrem rechtshistorischen Beitrag zum § 217 des Strafgesetzbuchs, wie es dazu kam, daß Frauen, die ihr Neugeborenes getötet haben, höchst unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, ob sie verheiratet sind oder ledig: während das Delikt bei Ledigen als Kindstötung gefaßt und wesentlich milder bestraft wird, wird es bei Verheirateten als Totschlag oder Mord definiert und entsprechend härter bestraft. Sie stellt die Geschichte dieses Paragraphen sowie die Debatte um Kindsmörderinnen im Zeitalter der Aufklärung dar und zeigt, daß die Sonderbehandlung lediger Kindsmörderinnen nicht als Beispiel eines fortschrittlichen Rechtsverständnisses zu deuten ist, sondem im Kontext des bürgerlichen Ehe- und Familienrechts gesehen werden muß, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand.
Im literaturwissenschaftlichen Beitrag dieses Heftes beschäftigt sich Astrid Riemann mit dem Werk der DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner, die, wie die Autorin meint, zunehmend und zu Unrecht vergessen sei. Sie konzentriert sich besonders auf die Gestalt der schönen Melusine, die der Trobadora Beatriz als tatkräftige Gefährtin zur Seite gestellt wird. Melusine gilt Riemann als »eine der eindrucksvollsten Gestalten der Morgnerschen Phantastik«, die bisher in der literaturwissenschaftlichen Forschung zuwenig Beachtung fand.
Einem Philosophen, der bisher in der Frauenforschung wenig rezipiert wurde, gilt Sabine Gürtlers Beitrag. Sie setzt Levinas' Denken der Alterität (der »Andersheit«) ins Verhältnis zur feministischen Diskussion um Egalität und Differenz, insbesondere auch zu der Frage, wovon eine Ethik auszugehen hätte, die weder die Geschlechterdifferenz ontologisiert, noch als inexistent behandelt. Levinas bestreitet, daß Reziprozität und mit ihr politische Gleichheit sinnvoll zu verwirklichen sind, wenn man nicht die unhintergehbar asymmetrische Beziehung des Ich zum Anderen berücksichtigt: ist der Mitmensch als »alter ego« konzipiert, als ein anderer »Wie-ich-selbst«, wird die Dimension der Fremdheit verfehlt.

Im Diskussionsteil geht es wie immer um Probleme der Frauenpolitik und Frauenbewegung. Farideh Akashe-Böhme geht der Frage nach, was angesichts der Situation, daß Frauen in geteilten Welten leben und daß internationale Frauensolidarität keineswegs selbstverständlich ist, Solidarität und Selbstbestimmung heißen können. Sie kritisiert westliche Feministinnen in ihrer Sicht auf Frauen der dritten Welt, die überall dort nur Unterdrückung, Rückständigkeit und kulturelle Abhängigkeit zu sehen meinen, wo sie nicht ihr eigenes - westliches - Konzept von Emanzipation vorfinden. Nach einer Bilanz der Gegenwartsprobleme von Frauen skizziert die Autorin Handlungsperspektiven für hiesige Probleme, die den kulturellen Differenzen unter Frauen gerecht werden, und plädiert für die Notwendigkeit wie auch Möglichkeit von Solidarität zwischen Frauen der geteilten Welten.
Einem ganz anderen Thema wenden sich Ulla Bock und Hilge Landweer zu, indem sie das Pro und Contra von Frauenforschungsprofessuren diskutieren. Sie fragen, ob mit dieser Institutionalisierung feministische Fragen in Forschung und Lehre eher marginalisiert oder wirklich integriert werden bzw. welche Art von Institutionalisierung wünschenswert sei: ausschließlich der Frauenforschung gewidmete Professuren oder solche, die stärker in die »Normalwissenschaft« integriert sind. In diesem Zusammenhang stellen sie auch zwei »altfeministische« Selbstverständlichkeiten zur Diskussion, nämlich ob der Terminus »Frauenforschung« sinnvollerweise durch »Geschlechterforschung« zu ersetzen ist und ob der Anspruch auf Interdisziplinarität weiterhin aufrechterhalten werden kann und soll.

In Bilder und Zeichen stellt Sabina Leßmann das Buch »La lune rebelle« von Rebecca Horn vor, dem die Illustrationen dieses Heftes entnommen sind.

Hinzuweisen bleibt noch auf den ausführlichen Rezensionsteil in diesem Heft, in dem wir uns bemüht haben, ein breites Spektrum von Debatten und Ergebnissen der Frauenforschung präsent zu machen.

Pia Schmid und Ulla Wischermann