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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1994 

EINLEITUNG

Am Beginn des Jahrhunderts war es noch möglich, ein Handbuch über die »Geschichte der Frauenbewegungen in den Kulturländern« (hrsg. von Lange/Bäumer 1901) zu verfassen. Dieses Unternehmen spiegelte das Selbstbewußtsein der Frauenbewegung als bedeutende soziale Bewegung der Jahrhundertwende und lud dazu ein, Betrachtungen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Bewegungen einzelner Länder anzustellen. Ein solches Unterfangen gestaltet sich heute ungleich schwieriger. Schon die Rede von den sog. Kulturländem, womit die europäischen und nordamerikanischen Staaten gemeint waren, läßt die nötige »political correctness« vermissen - obwohl die heutige Rede von der sog. Dritten Welt nicht weit vom kolonialistischen Sprachduktus der Jahrhundertwende entfernt ist. Inzwischen sind Frauenbewegungen auch in Ländern außerhalb unseres europäisch-amerikanischen Horizontes zu einem gesellschaftlichen und politischen Faktor geworden und sie haben sich zudem innerhalb der Länder so vielschichtig entwickelt, daß es unmöglich scheint, den »Stand der Bewegung« festzuhalten. Gleichwohl gibt es vereinzelte Versuche hierzu für die neue Frauenbewegung, beispielsweise die von der autonomen Frauenredaktion der Zeitschrift »Argument« herausgegebenen drei Bände »Frauenbewegungen in der Welt« (1990) oder das 1992 erschienene Heft der »Feministischen Studien«, das einen Blick auf die neu entstehenden Frauenbewegungen in den nachkommunistischen Staaten Osteuropas wirft. Die damit verbundene Intention, Kenntnisse über andere Frauenbewegungen zu vermitteln und Material für Vergleiche bereitzustellen, ist mehr denn je angebracht in einer Zeit, in der nationalen Orientierungen eine Bedeutung zugemessen wird, die unsere Sicht zu verengen droht. Es bleibt notwendig, den Blick nach außen zu wenden, und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Frauenbewegungen zu analysieren, die durch die jeweiligen politischen und sozialen Rahmenbedingungen, historischen Kontexte und kulturellen Besonderheiten geschaffen werden.

Zwei Aufsätze dieses Heftes beziehen sich auf Frauenbewegungen in so unterschiedlichen Ländern wie Rußland und Indien, wobei der Artikel über Indien die neue Frauenbewegung behandelt, während der andere die aktuelle Situation mit einer historischen Betrachtung verknüpft. Bei Marina Malyseva, die ihrem Aufsatz sehr persönliche Worte zur derzeitigen Situation des Feminismus in Rußland vorausschickt, nimmt die Darstellung der Frauenbewegung im 19. Jahr-hundert einen breiten Raum ein. Die Wiederaneignung der eigenen Geschichte nach über 70 Jahren Bolschewismus, der den Kampf um Frauenrechte für erledigt erklärt hatte, ist, wie die Autorin darlegt, eine der Notwendigkeiten des neuen Feminismus in Rußland, um die Interessen von Frauen selbstbewußt zu formulieren und durchzusetzen. Die historische Analyse macht sichtbar, daß es eine durch persönliche Kontakte gestiftete Verbindung zu westeuropäischen Frauenorganisationen gab, die eine wechselseitige Beeinflussung der nationalen Bewegungen nahelegt.
Das von der UNO 1975 ausgerufene »Internationale Jahr der Frau« bedeutete für die indische Frauenbewegung eine neue Phase der Organisierung und Massenmobilisierung. Hiervon ausgehend, wendet sich Hildegard Scheu einer Strömung innerhalb der indischen Frauenbewegung zu, der Arbeiterinnenbewegung, und vergleicht zwei große Frauenorganisationen. Deren Ziel ist es, den Inderinnen Möglichkeiten aufzuzeigen, die Kontrolle über materielle Ressourcen zu erweitern und die ökonomischen und politischen Strukturen in ihrem Sinne zu nutzen.

Eine Charakteristik von Frauenbewegungen, die sich aus den Beiträgen herauslesen läßt, ist, daß die nationalen Frauenbewegungen keine isolierten Gruppierungen sind. Fast immer war ihre jeweilige Entwicklung auch durch übernationale Kontakte und Verbindungen, intellektuelle Einflüsse von außen und Wechselwirkungen geprägt. Die internationale Organisierung der alten Frauenbewegungen im europäisch-amerikanischen Raum machen Leila J. Rupp und Ute Gerhard zum Thema. Während Leila J. Rupp die organisatorische Struktur der internationalen Frauenbewegung zwischen den Weltkriegen nachvollzieht und dadurch ein weitverzweigtes Netz bisher kaum bekannter Zusammenschlüsse sichtbar macht, versucht Ute Gerhard in ihrem Aufsatz, aus der deutschen Perspektive ein Bild der persönlichen und politischen Beziehungen zwischen einigen Vertreterinnen dieser Organisationen zu zeichnen. Sie beginnt mit der Hochphase der internationalen (bürgerlichen) Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg und verfolgt das Engagement deutscher Frauen in unterschiedlichen Organisationen über 1933 hinaus. Deutlich wird das Spannungsverhältnis zwischen nationaler und internationaler Orientierung, geprägt durch die jeweiligen politischen Bedingungen, und die Brüchigkeit der postulierten »internationalen Schwesternschaft«.
Sowohl die vergleichende Analyse nationaler Einzelbewegungen als auch internationaler Beziehungen der alten und neuen Frauenbewegungen steckt bisher in den Anfängen. Die Dokumentation zu Internationalen Kongressen zwischen 1904 und 1980 enthält bisher kaum bekannte und aufgearbeitete Text- und Bildquellen, die einerseits die Selbstverständlichkeit internationaler Begegnungen dokumentieren, andererseits aber auch deren Scheitern.
Wie schwierig es ist, der Frauenfrage im Rahmen der KSZE Geltung zu verschaffen, zeigt der Diskussionsbeitrag von Ingrid Lottenburger-Bazin. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß nur eine international vernetzte Frauenbewegung, die mit klaren Forderungen zur Durchsetzung des Menschenrechts der Frauen den Regierungen gegenübertritt, diese auch zum Handeln bringen und damit die Frauenfrage aus dem Status der Sonderproblematik herausbringen könnte.
Zwei Rezensionsessays und ein Diskussionsbeitrag ergänzen das Thema unseres Schwerpunktes und vermitteln einen Eindruck über Frauenbewegung und Frauenbewegungskultur in Großbritannien, Frankreich und Italien. Linda Walker skizziert die Geschichte der britischen Frauenbewegung indirekt über die Besprechung der wichtigsten Forschungsliteratur. Regine Othmer-Vetter nimmt die erste umfangreiche Darstellung der neuen Frauenbewegung in Frankreich zum Anlaß, über die manchmal befremdlich anmutenden Besonderheiten des französischen Feminismus zu reflektieren. Luisa Muraro hat für unseren Diskussionsteil einen Kommentar zur aktuellen politischen Situation in Italien geschrieben, mit dem sie in gewisser Weise auf die »Gender«-Debatte reagiert und den sie als Aufforderung zur weiteren Auseinandersetzung versteht. Sie argumentiert als Vertreterin des italienischen Differenzfeminismus, dessen politische Konsequenzen durchaus kontrovers zu diskutieren sind.
Ein weiterer Aufsatz im Diskussionsteil stellt, ausgehend von den Ergebnissen einer historischen Regionalstudie, methodische und theoretische Uberlegungen zur Erforschung der Geschichte der Frauen und des Geschlechterverhältnisses an. Die Autorinnen Elisabeth Joris und Heidi Witzig haben in einem kulturellen Querschnitt und einem chronologischen Längsschnitt den Alltag von Frauen verschiedener Schichten im Zeitraum von 1820 bis 1940 rekonstruiert und kommen zu dem Ergebnis, daß sich »neben Elementen des Wandels über verschiedene Epochen hinweg Elemente der Kontinuität als geradezu konstitutiv für Alltagsbewältigung und Lebenszusammenhänge von Frauen« erweisen. Der diese Rubrik abschließende Beitrag von Andrea Rödig nimmt das Thema unseres letztjährigen Schwerpunktheftes auf und führt als Replik auf die dort publizierten Aufsätze die Diskussion über die »Kritik der Kategorie ‘Geschlecht’« weiter.
Dieses Heft will eine Anregung sein, über die Bedeutung internationaler Kooperationen für die Stärke und Mobilisierungskraft der Frauenbewegungen nachzudenken. Notwendig sind dazu vergleichende Analysen, in denen die historischen Gegebenheiten, kulturellen Differenzen und aktuellen Bedingungen nationaler Frauenbewegungen herausgearbeitet werden, um die Grenzen und Möglichkeiten der Internationalität auszuloten.

Christina Klausmann,, Ulla Wischermann