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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1995 

EINLEITUNG

Der Titel »Ortswechsel« hat vielfältige Bezüge zu den einzelnen, im Heft versammelten Beiträgen. Was er aber auf keinen Fall ausdrücken soll, ist ein Positionswechsel in Richtung auf einen sogenannten Postfeminismus. Eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist einem der nächsten Hefte vorbehalten. Die Beiträge von Christel Eckart und Heide Volkening in diesem Heft eröffnen jedoch bereits zwei wichtige Foren zu diesem Thema.
Christel Eckarts Beitrag setzt sich kritisch mit dem auch hierzulande vielfach beklagten Phänomen des »Backlash« auseinander. Eckart zeigt, wie über den anklagenden oder mitleidigen Beschreibungen der Zurückdrängung von Frauen die Institutionen, die es zu verändern gilt, aus dem Blick geraten. Entweder wird unterstellt, so Eckart, daß es eine Zeit gegeben habe, in der die Legitimität feministischer Kritik und feministischer Forderungen unumstritten gewesen sei, oder daß letztere über den Weg eines vemünftigen politischen Diskurses notwendig zu einer fortschreitenden Integration der Frauen in alle Bereiche des Arbeitsmarktes und der politischen Institutionen führen müßten. Gemessen am vorherigen Ausschluß von Frauen (und Themen wie Sexualität, Hausarbeit, Gewalt gegen Frauen etc.) hat die feministische Bewegung unbestreitbar Veränderungen und Erfolge bewirkt, doch gehen diese Veränderungen »mit Prozessen einher, in denen die Frauen als handelnde politische Subjekte und die Anlässe für ihr Handeln aus dem öffentlichen Bewußtsein wieder verdrängt werden«, weil »die kulturelle Symbolik des Politischen noch immer männlich konnotiert« ist. Daß vom aktuellen ökonomischen »Backlash« Frauenprojekte zuallererst und in besonderem Maße betroffen sind, wird aus der Tatsache ersichtlich, daß in letzter Zeit zunehmend die Bitte um Abdruck von Aufrufen an uns gerichtet wird, die dieser Politik entgegenzuwirken versuchen (vgl. die Appelle am Ende dieses Heftes).

Mit »Wir über uns« antwortet Heide Volkening den Herausgeberinnen von Heft 2/93 (Kritik der Kategorie Geschlecht) auf ihre Einleitung »Streit um Begriffe, Streit um Orientierungen, Streit der Generationen?« Volkening zufolge haben Hilge Landweer und Mechthild Rumpf in der Auseinandersetzung mit den Thesen Judith Butlers und deren unterschiedlicher Rezeption einen offenen Streit um bestimmte Argumente gar nicht erst aufkommen lassen, sondern sie unter Rekurs auf den Generationenkonflikt historisiert und damit »(weg-)erklärt«.
Barbara Friebertshäuser versucht einen Ortswechsel vorzunehmen, indem sie vorschlägt, den Übergang von der Kindheit zur Adoleszenz in unserer »modernen« Gesellschaft unter der Perspektive von Initiationsritualen zu betrachten, die in »archaischen« Gesellschaften Statuspassagen im menschlichen Lebenslauf markieren. Friebertshäuser untersucht hauptsächlich die Initiation in die weibliche Geschlechtsrolle. Sie fragt danach, in welches gesellschaftliche Umfeld das Ereignis der ersten Menstruation eingebettet ist. An die Stelle integrativer Rituale, die immer auch eine gemeinschaftsstiftende Funktion haben, seien »kommerzielle AnbieterInnen, anonyme RatgeberInnen und Medieneinflüsse« getreten, durch die das Geschehen individualisiert wird und die nach Friebertshäusers Befund letztlich zu einer »Verstärkung traditioneller Geschlechtsrollenbilder bei Mädchen und Jungen« führen.
Daniela Krüger vergleicht die Romane Dombey und Sohn (Charles Dickens, 1848) und Buddenbrooks (Thomas Mann, 1901), in denen jeweils der Verfall einer Kaufmannsfamilie erzählerisch gestaltet wird, unter der Fragestellung nach der destruktiven Kraft des Weiblichen. Sie zeigt, wie sich in beiden Romanen die männlichen Erben dem marktorientierten Zugriff der Vatergesellschaft im Prozeß ihres Heranwachsens durch Weltentrücktheit, Krankheit und Tod entziehen. Krüger interpretiert die Lebensverweigerung der Söhne als das Erbe der Mütter, deren Weiblichkeit in der kapitalistisch-patriarchalen, vom Verwertbarkeitsprinzip geleiteten Welt des englischen Utilitarismus bzw. der deutschen »Gründerzeit« unterdrückt und ausgegrenzt wird. Diese Lesart erlaubt es, die lebensuntüchtigen Söhne als Verkörperungen einer Wiederkehr des Verdrängten zu lesen. Sie sind »Racheengel« ihrer Mütter, die entweder zum Haushaltsgegenstand und zur Gebärmaschine verdinglicht sind (Fanny Dombey), oder als unverstandenes fremdartiges Wesen idolisiert werden (Gerda Buddenbrook). Was aber »vordergründig wie eine literarische Kritik an der patriarchalen Unterdrückung der Frau in der Familie aussieht, entlarvt sich beim zweiten Blick als erzählerisches Mittel, die Bedrohung, die von weiblicher Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ausgeht, literarisch zu bändigen«.

Um eine spezifische Form weiblicher Emanzipation geht es im Beitrag von Ingrid Kuczynski über reisende Frauen des 18. Jahrhunderts und ihre Berichte. Hier fungieren Ortswechsel nicht in erster Linie als Metaphern für weibliche Ver-Stellungen des gewohnten Blicks, sondern ganz konkret als Möglichkeiten, ungewohnte Räume zu besetzen und als emanzipatorisches Potential zu nutzen. Vor dem Hintergrund der intensiven Diskussion über weibliche Reiseliteratur, die in den letzten Jahren besonders auch in der anglo-amerikanischen Forschung geführt wurde, zeigt Kuczynski, wie widerspruchsvoll sich der emanzipatorische Prozeß vollzog. Am überschaubaren Textkorpus der englischen weiblichen Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts wird unter kultur- und literaturgeschichtlicher Perspektive die Frage nach der Möglichkeit einer besonderen weiblichen Wirklichkeitswahrnehmung und -vermittlung gestellt, und es wird nachgewiesen, daß die untersuchten weiblichen Reisebeschreibungen der zweiten Jahrhunderthälfte zunehmend von einer komplizierten Ambivalenz gekennzeichnet sind, einem unbehaglichen Lavieren zwischen Transgression und Konformität im Hinblick auf das von Rousseau und anderen geprägte Weiblichkeitsbild der Epoche. Dies kommt vor allem auch in der sprachlichen Gestaltung der Texte zum Ausdruck.

Zu einem dezidierten Kriegsschauplatz wird die Sprache bei zwei frühen Kämpferinnen für feministische Ziele in Frankreich gemacht. Ulrike Sparr zeigt in ihrem Beitrag, daß Marie de Gournay und Marguerite Buffet, heute fast vergessene Autorinnen des späten 16. und des 17. Jahrhunderts, den - in Frankreich besonders maßgeblichen - Zusammenhang zwischen Sprachpolitik und Machtpolitik erkannten und versuchten, Sprache als strategische Waffe im feministischen Kampf einzusetzen. Marie de Gournays Einspruch gegen das Sprachgebaren des Hofes, gegen modische politesse und »richtiges« Sprechen als Mittel sozialer Distinktion verbindet die feministischen Interessen bereits mit denen der vom Absolutismus unterdrückten Klasse(n). Weil sie aber in der starren Verteidigung althergebrachten Sprachgebarens keine Flexibilität beweist, verliert sie schließlich den Kampf gegen die unendlich geschmeidigeren Befürworter der sogenannten Sprachreform (die Malherbiens). Marguerite Buffet verhält sich strategischer. Sie problematisiert nicht den symbolischen Gehalt der von Marie de Gournay bekämpften Sprachreform, sondern unterwirft sich - scheinbar? - der gesellschaftlichen Ächtung des Pedantischen und rät ihren Leserinnen, sich »im Theater des zivilen Lebens (zu) bewegen wie die Schauspieler, die ihre Rede den Personen anpassen müssen, die sie darstellen wollen«.
Waltraud Gölter versucht einige Fragestellungen im Zusammenhang der Autobiographietheone zu reformulieren. Dabei werden die Kategorien des Genus, der Gattung und der Adresse in ihren je verschiedenen textuellen Bezügen schließlich mit Gertrude Stein und Michel Leiris dargestellt. Autobiographie und ihre Theorie sind immer auch ein Spiel mit dem Genre in seiner doppelten Bedeutung, situieren sich im Hinblick auf dieses. Die Autorin geht mit Cixous von einer Problematisierung des Genres der Autobiographie in der Moderne aus, um im Rückblick auf einige »Klassiker« den Rahmen der Fragestellung zu verdeutlichen. Das Telos der (männlichen) Autobiographie ist nicht Selbstvergewisserung, sondern Selbstverlust, Selbstübersteigung, die durch eine Transzendenz verbürgt werden. Diese Transzendenz ist Gott oder ein mütterlicher Grund, eine Matrix des Weiblichen. In dem Maße, in dem diese Matrix als Garant einer Transzendenz des Ich verschwindet, wird die Autobiographie (mit einem Begriff von de Man, Derrida u. a.) zur Thanatographie. Wird, anders gesagt, im Namen der literarischen Gattung bei männlichen Autoren, das Leben, bios, durch den Tod, thanatos, ersetzt, so richtet sich die Reflexion der Autobiographie zumindest bei manchen Frauen doch auf etwas anderes.
Käthe Trettin umschreibt in ihrem Beitrag die problematische Situation einer feministischen Erkenntnistheorie. Womit hat es diese zu tun, nachdem der Status von Erkenntnistheorie innerhalb der disziplinären Philosophie schon seit längerem ungewiß ist? Allerdings geht es nicht um das gesamte Spektrum der in diesem Bereich vertretenen Arbeiten, mit gewissen Fragen zu Postmodeme und Poststrukturalismus etwa befaßt sich Trettin nicht, sondern sie fragt in der Auseinandersetzung mit Lorraine Code danach, wie »Geschlecht« in die Erkenntnistheorie hineinkommt und ob es da wirklich hingehört. Ihre zweite Frage richtet sich auf eine spezifische Form der Naturalisierung von Erkenntnistheorie, wie sie von Lynn Nelson und Jane Duran vertreten wird.

Zwischen Kairo und Peking, nach der Weltbevölkerungskonferenz und vor der Weltfrauenkonferenz, versammeln wir in unserem Schwerpunkt im Diskussionsteil Beiträge, die sich in unterschiedlicher Weise mit den Bestrebungen, eine »Neue Weltordnung der Fortpflanzung« (Christa Wichterich) aufzustellen, beschäftigen. Wie Anja Ruf in ihrem Bericht über die Weltbevölkerungskonferenz von Kairo deutlich macht, geht es dabei nicht zuletzt um die Entwicklung eines Vokabulars, das von allen geteilt werden kann. Ein solches Vokabular muß kulturelle Unterschiede überbrücken können und bei der Aufstellung eines Aktionsplanes politische Interessengegensätze zumindest tendenziell aufheben können. Begriffe wie »reproductive health« und »reproductive rights« zirkulierten, wie Ruf zeigt, aber nicht nur bei der Konferenz und vorangehenden Foren stets in anderen Bedeutungen, sondern wurden schließlich mit dem Abschlußdokument in ein Programm eingebettet, in dem wesentliche Kontexte ausgeblendet waren. Deshalb muß die Frage gestellt werden, ob das »Vokabular von Kairo« nicht am Ende nur eine »neue Stufe von Bevölkerungspolitik gegen die Frauen und die Armen« legitimieren wird.
Aida Seif El Dawla und Somaya Ibrahim stellen in ihrem Beitrag dar, welche Chancen der Verständigung die internationale Konferenz in Kairo für die Ägypterinnen untereinander eröffnete. Aufgrund der historischen Entwicklung der letzten vierzig Jahre und bedingt durch besondere staatliche Auflagen für die Anerkennung von Non Govemment Organisations, hatten in Ägypten bis kurz vor der Konferenz die verschiedensten Organisationen beziehungslos nebeneinander bestanden. Von einem gemeinsamen Forum für Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Orientierungen und Zielen war man weit entfernt. Dieses entstand erst auf den Druck der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem ägyptischen Staat, NGOs an der Konferenz direkt zu beteiligen. - Westliche Feministinnen sollten, so meinen die Autorinnen, die Erfahrung der Konferenz in einem Land, »in dem der politische Aufruhr groß ist und die Fundamentalisten oftmals die einzige organisierte Gruppe sind«, sehr genau analysieren, um bei der Aufstellung globaler Frauenforderungskataloge demokratischer zu werden. Aida SeijEl Dawla und Somaya Ibrahim, die auch den kläglichen Abgesang der Konferenz darstellen - die Zurücknahme von Versprechen, neue Restriktionen und Repressionen gegenüber NGOs auf dem Wege nach Peking -, lassen allerdings keinen Zweifel daran, daß es mehr denn je auf internationale Communities von Frauen ankomme.
Der Appell französischer Feministinnen, sie in ihrem Protest gegen den Ausschluß von einer Vorbereitungskonferenz zur Weltfrauenkonferenz zu unterstützen, den wir abdrucken, obwohl die fragliche Konferenz bei Erscheinen dieses Heftes schon stattgefunden haben wird, macht übrigens deutlich, daß die Beschneidung demokratischer Rechte für Frauen nach Kairo sich keineswegs auf die »Peripherie« beschränkt, sondern gegen alle Beschlüsse der Europäischen Gemeinschaft zur Frauenförderung auch mitten im »Zentrum« stattfindet.

Um welche komplexe Empine es bei der Aufstellung und Durchsetzung von Bevölkerungsprogrammen geht, zeigt Shalini Randeria am Beispiel Indiens. Programme, die dort zwischen nationalen staatlichen bevölkernngspolitischen Kontrollorganen und internationalen Entwicklungshilfeorganisationen ausgehandelt werden, sehen oft brutale Durchsetzungsmethoden vor, die der geläufigen Rede von einem »Empowerment« der Frauen ins Gesicht schlagen.  Zahlengläubige Demographen könnten die indische Provinz Kerala als Modell dafür ansehen, wie erfolgreiche Programme zur Senkung der Fertilitätsrate auszusehen haben. Aber mit monokausalen Argumentationslmien kommt man dem demographischen »Wunder von Kerala« nicht bei, warnt Randeria, die diesen Fall exemplarisch untersucht und konstatiert, daß Patentrezepte für bevölkerungspolitische Maßnahmen generell nicht zu haben sind.
Und doch werden immer neue Instrumente kreiert, um einen Rückgang des Bevölkerungswachstums zu erreichen. Wie einem Artikel von Dagmar Borchard (»Wenn die Gebildeten keine Kinder kriegen«) in der Frankfurter Rundschau vom 6.2.95 zu entnehmen war, beabsichtigt man in China eugenische Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle zu kodifizieren, die Analphabeten und Halbalphabeten das Kinderkriegen untersagen, dafür intellektuellen Paaren mehr als ein Kind zugestehen wollen. Hätte es Aldous Huxley für möglich gehalten, daß wir uns am Ende des 20. Jahrhunderts realiter mit seiner Vision einer »Brave New World« auseinanderzusetzen haben?

Regine Othmer, Anna Maria Stuby