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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1995 

EINLEITUNG

»Einspruch, Euer Ehren« ist uns aus (synchronisierten) filmischen Darstellungen juristischer Prozesse in England und Amerika geläufig. Eine etablierte sprachliche Geste, für die wir in unseren Prozeßverfahren kein Äquivalent haben. Ein Einspruch richtet sich gegen unzulässige Methoden, Fragen und Beweismittel, er ist Widerspruch und Veto. Einsprüche sind nicht nur in Gerichtsverfahren Unterbrechungen einer sich nach den Regeln der Macht entfaltenden diskursiven Ordnung, ihr gegenüber fordern sie zur Grenzsetzung und Distanznahme auf. Dieser Gestus verbindet alle in diesem offenen Heft versammelten Beiträge, auch wenn die Interventionen sich im einzelnen auf unterschiedliche historische und soziale Prozesse beziehen.

Mit zwei Beiträgen setzen wir in diesem Heft die in Heft 1/95 begonnene Diskussion zur Bevölkerungspolitik fort. Der Artikel von Ines Smyth gibt einen Überblick über verschiedene Formen feministischer Kritik an den Instrumenten der Bevölkerungskontrolle. Smyth diskutiert, inwieweit diese Kritik tatsächlich ein Umdenken innerhalb des, wie sie es nennt, bevölkerungspolitischen Establishments in Gang gesetzt hat. Brigitte Jessen und Petra Dannecker gehen ähnlichen Fragen nach, allerdings bildet bei ihnen eine organisationssoziologische Analyse der verschiedenen Nichtregierungs-Organisationen den Ausgangspunkt. Beide Texte sind im zeitlichen Umfeld der letztjährigen Kairoer Bevölkerungskonferenz entstanden. Beide betonen, daß bisher noch in keinem der internationalen Konferenzdokumente soviel Gewicht auf die Stärkung des sozialen Status von Frauen gelegt wurde, wie in dem von Kairo. Beide Beiträge warnen aber auch vor der Transformation ursprünglich emanzipatorisch-feministischer Begriffe in Allgememplätze der internationalen Konferenzsprache. Wie berechtigt diese Warnungen sind, haben wir schon im Vorfeld der Weltfrauenkonferenz von Peking erkennen können. Hatte die Kairoer Konferenz die regierungsunabhängigen Organisationen scheinbar gestärkt und ihnen auch im nationalen Bereich neue Partizipationschancen eröffnet (vgl. den Beitrag von Aida Seif El-Dawla und Somaya Ibrahim im letzten Heft), so wurden sie lange vor Peking schon wieder marginalisiert. Ihre Partizipationschancen wurden bereits durch Ausgrenzung von Vorkonferenzen eingeschränkt, nicht erst durch die von der chinesischen Regierung verfügte Abschiebung des NRO-Forums vor die Tore Pekings, die Nichtzulassung zahlreicher Gruppierungen zur Konferenz und die Verweigerung von Einreise-Visa. Mit den Ergebnissen der vierten Weltfrauenkonferenz werden wir uns im nächsten Heft befassen.

Verena Krieger fordert mit ihrem Text um »Kosmos-Fötus« zu einen Bilder-streit auf. Sie setzt sich mit einer neuen Schwangerschaftsästhetik auseinander, die den Fötus ins Zentrum stellt. Diese Ästhetik gehört zum Repertoire sublimerer Strategien der Reproduktionspolitik, die bisher besonders in Europa und Nordamerika zum Einsatz kommen. Vor allem bei den Abtreibungsgegnern und ihren Kampagnen zur »Rettung ungeborenen Lebens« wird deutlich, wie Ästhetik und Moral sich in der Repräsentation von Föten verschränken. Krieger untersucht neuere Fötendarstellungen durch Medizin und Massenmedien unter Bezugnahme auf ältere ikonographische Traditionen. Sie kommt unter anderem zu dem Ergebnis, daß mit diesen Darstellungen ein neuer Schöpfungsmythos entstanden sei, »der Mythos von der Parthogenese der menschlichen Frucht«. Hierbei werde der ältere Anthropozentrismus durch einen Fötozentrismus ersetzt. In diesem Vorgang wird nicht nur die Matrix von Zeugung und Reproduktion bildlich ausgeschaltet, sondern wird auch die Mutter ihres Subjektstatus' beraubt. Männliche Autonomiewünsche, die bei diesem Prozeß wohl als treibendes Motiv gelten dürfen, spielen auch in einem weiteren kunstwissenschaftlichen Beitrag eine zentrale Rolle.
Ellen Spickernagel zeigt am Fall der Vittoria Caldoni, wie dem weiblichen Künstlermodell durch eine Gruppe spätromantischer deutscher Künstler in Rom der Subjektstatus entzogen und wie es zur leeren Projektionsfläche gemacht wurde. Eine aktive Beteiligung des weiblichen Modells am künstlerischen Produktionsprozeß, die etwa im Frankreich der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausdrücklich gefördert worden war, haben die Nazarener offenbar als ausgesprochen störend empfunden. Hier mußte das Modell als »kreativer und aktiver Widerpart, der sich ins Werk einsehreibt«, gleichsam unsichtbar gemacht werden. Dies erst garantierte die Autonomie der Künstler, deren Einbildungskraft sich nun »absolut setzen und ‘freie’ Bilder des Weiblichen« hervorbringen konnte.

Die öffentliche Diskussion in der Bundesrepublik wurde zumindest während der ersten Jahreshälfte stark vom Ende des 2. Weltkrieges vor fünfzig Jahren bestimmt. Vor diesem aktuellen Hintergrund sind auch einige Beiträge des vorliegenden Heftes zu lesen. Susanne zur Nieden untersucht literarische Darstellungen der »erotischen Fraternisierung« zwischen Besatzern und »Fräuleins« bei einigen deutschen Autoren der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Darstellungen dieser Beziehungen werden von ihr als selbstentlastende Projektionen der subjektiv empfundenen Niederlage der männlichen Autoren auf die Frauen analysiert. Der rassistische und sexistische Charakter dieser Nachkriegstexte setzt nationalsozialistische Stereotype in ungebrochener Kontinuität fort. Kirsten Poutrus hat die Debatte über die »Befreiung vom Faschismus und Nationalsozialismus zum Anlaß genommen, um sich mit dem Thema der Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee am Kriegsende auseinanderzusetzen. Dieses Thema, das lange Zeit in der Öffentlichkeit tabuisiert war, ruft immer noch ideologische Konfrontationen hervor, auch und gerade im neuen Kontext der deutschen Vereinigung, wo verschiedene politisch-historische Deutungsmuster aufeinandertreffen. Poutrus Beitrag ist aus einer Tagung über das Ende des Krieges im Erleben von Frauen hervorgegangen, über die Gabriele Kümper und Carola Sachse berichten. Die Tagung in Berlin wollte weibliche Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in all ihrer Heterogenität zur Diskussion stellen. Aber »so wenig es eine einheitliche Kriegserfahrung von Frauen gegeben hat, so wenig kann dem Ende des Krieges in Berlin, in Deutschland, im Land der Täter gedacht werden, ohne die vorausgegangene Epoche der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft über Europa ins Zentrum der Erinnerung zu rücken.« Fragen der Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses standen auf der Tagung »Frauen im Konzentrationslager« im Mittelpunkt, über die Martina Jung, Heike Krokowski und Renate Riebe berichten. In diesem Zusammenhang ging es auch um die immer noch ungeklärten Relationen zwischen TäterInnen und Opfern, die das historische Gedächtnis der nächsten Generation trüben und die Aufarbeitung erschweren. In der Frauenforschung haben später erfolgte Identifizierungen mit dem Opferstatus blinde Flecke erzeugt und eine differenzierte Analyse der Beteiligung von Frauen am Nationalsozialismus behindert. Für die vereinnahmende Identifizierung mit den tatsächlichen Opfer national-sozialistischer Gewalt hingegen prägte Ingrid Strobl auf der Tagung den treffenden Begriff des »psychischen Kannibalismus«.

Rassistische und sexistische Stereotype sind in diesem Heft auch außerhalb des Kontextes einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus Gegenstand. - Weite Kreise der US-amerikanischen Bevölkerung wurden 1991 via Bildschirm zu Beobachtern eines spektakulären Prozesses. Es ging um die öffentliche Anhörung des damaligen republikanischen Kandidaten Clarence Thomas für das Amt eines Verfassungsrichters. Thomas sollte mit dieser Anhörung Gelegenheit bekommen, sich von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz »reinzuwaschen«. Statt dessen, so zeigt Bärbel Tischleder, wurde aber durch die Art der Verhandlungsführung und der Medienberichterstattung sowohl seine als auch die Hautfarbe der Gegenspielerin Anita Hill, immer mehr ins Schwarze rassistischer Stereotype gezogen. Tischleder stellt dar, wie sich im Diskurs der Anhörung selbst sexistische Vorurteile mit der Reproduktion traditionell sexualisierter rassistischer Stereotype verquickten. An der Pathologisierung schwarzer Körper zeigt sich die Macht stereotyper Repräsentationen, die durch die Verhandlung erneut reproduziert wurden.
Andere Überschneidungen von Rassismus und Sexismus spielen in dem Aufsatz von Indira Ghose eine Rolle. Sie nimmt sich eines Themas aus der britischen Kolonialgeschichte an, und fragt - in angedeuteter Analogie zu Untersuchungen der Geschichte des Nationalsozialismus - nach dem Anteil von Frauen am imperialistischen Denken und Handeln. Der »Mythos« der weißen Kolonialfrau wird auf seine Konstruktion aus den Diskursen der Geschlechterdifferenz Ethnizität und Klassenzugehörigkeit und den daraus resultierenden unterschiedlichen (und widersprüchlichen) Machthierarchien befragt. Die Einbindung der Frauen in die imperialen Herrschaftsstrukturen verschaffte ihnen einen Zuwachs an sozialer Bedeutung bei gleichzeitiger Einordnung ihrer Lebensansprüche in das patriarchale System des Empires und der Teilhabe an kolonialer Ausbeutung. In dieser Verschränkung gerieten selbst aufklärerische feministische Diskurse über die »Zurückgebliebenheit« der einheimischen Frauen zur Rechtfertigung kolonialer Politik. - Bei den beiden letztgenannten Beiträgen handelt es sich um aktualisierte und für die Feministischen Studien überarbeitete deutsche Fassungen zweier von der Zeitschrift Gulliver (Argument-Verlag, Berlin) preisgekrönter englischsprachiger Aufsätze zum Thema Rassismus. Sie sind in Gulliver Bd. 37, 1995 veröffentlicht. Wir danken der Redaktion der Zeitschrift Gulliver und besonders Anna Maria Stuby für Vermittlung und Überlassung.
Der Einschreibung westlicher, weißer Stereotype einschließlich vorgefaßter Erwartungshaltungen auf die »Anderen« ist dadurch zu begegnen, daß Andere in der Eigenständigkeit ihres Lebenszusammenhanges begriffen und respektiert werden. Der Beitrag von Susanne Enderwitz über Frauen und Politik in Agypten versteht sich als eine Analyse der politischen, soziokulturellen und historischen Bedingungen, die das traditionalistische islamische Frauenbild neuerlich attraktiv machen. Damit ist nach Enderwitz jedoch keineswegs entschieden, daß sämtliche emanzipatorischen Ansprüche aufgegeben werden.
Die jüngsten Debatten zur Kritik der Kategorie Geschlecht waren stets begleitet von Warnungen vor einer Entpolitisierung des Feminismus. Das politische Subjekt, auf das der Feminismus bis dato gesetzt habe, werde durch die Relativierung von »Geschlecht« als einer Spielform des Diskurses, wie etwa Judith Butler sie vornimmt, gänzlich aufgelöst. Kathrin Braun tritt in ihrem Beitrag solchen Einwänden entgegen. Sie gibt einen Überblick über theoretische Entwicklungen und politische Orientierungen in der sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung seit den siebziger Jahren. Aus kritischer Distanz setzt sie sich mit Leitbegriffen wie »Patriarchat«, »Geschlechterverhältnisse«, »geschlechtliche Arbeitsteilung« etc. auseinander, um zu zeigen, welche Potentiale (immer noch) feministischer Politik nach wie vor freizusetzen bleiben.
Für die zukünftige Gestaltung der Feministischen Studien würden wir gern mehr über unsere LeserInnen und ihre Interessen wissen. Deshalb ist diesem Heft ein Fragebogen beigegeben. Über möglichst zahlreiche Rücksendungen würden wir uns freuen. Der Deutsche Studien Verlag hat sich bereit erklärt, für jede Antwort ein Buchgeschenk auszusetzen. Da die Anonymität der Zuschriften gewahrt werden soll, bitten wir darum, auf dem Fragebogen keine Absenderadresse anzugeben. Der Versand der Bücher erfolgt unter Zuhilfenahme der Absender auf den Briefumschlägen.

Nicht theoretisch fundiert sind die Einsprüche, die aus den Bilderrätseln auf dem Titel entziffert werden können. Immerhin handelt es sich um vielleicht etwas einfältige, aber doch wohlgemeinte Ratschläge. Wir haben die Auflösung der Rätsel irgendwo im Heft versteckt. Vielleicht lassen sich LeserInnen anregen, ihrerseits Bilderrätsel zu entwerfen, die feministische Inhalte auf präzisere Weise illustrieren können! Die Redaktion freut sich auf Einsendungen.

Ingrid Kuczynski, Regine Othmer