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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1996 

EINLEITUNG

Mit diesem Schwerpunktheft wollen wir eine feministische Diskussion über Probleme der Sozialpolitik in internationaler Perspektive eröffnen. Bisher gibt es in der Bundesrepublik wohl eine Reihe sozialwissenschaftlicher Analysen und Ergebnisse zur sozialen Situation von Frauen, es fehlt auch nicht an sozialpolitischen Diskussionen und Interventionen. Feministische Einwände werden gerade auch in jüngster Zeit gegenüber den weitreichenden sozialpolitischen Sparmaßnahmen der Bundesregierung laut, die uns zynischerweise als »Programm für mehr Wachstum und Beschäftigung« präsentiert werden. Dieser Sozialabbau wird im Hinblick auf die Rechte von Frauen so vielfältig, aber indirekt inszeniert (z.B. die Anderung des Kündigungsschutzes in Kleinbetrieben), daß die Tragweite der Einzelregelungen für viele gewiß erst später bzw. in ihrer Gesamtwirkung zutage treten wird. Die Brisanz der gegenwärtigen sozialpolitischen Situation zeigt, wie notwendig es gerade auch für Frauen, erst recht als Feministinnen, ist, sich in die Debatten einzuklinken, informiert zu sein und auch als Expertinnen Politik zu gestalten.
Um so bemerkenswerter ist die Tatsache, daß Sozialpolitik in der feministischen bundesrepublikanischen Forschung angesichts der Problemlagen allenfalls ein Thema für Spezialistinnen geblieben ist und nicht im Zentrum feministischer Politik und Theorie steht. Übersehen wird dabei, wie differenziert die Sozialpolitikdiskussionen unter Feministinnen auf internationaler Ebene inzwischen geführt werden. Aus der Verbindung mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen zu Staatsbürgerschaft (citizenship) und Zivilgesellschaft hat die feministische Kritik am Wohlfahrtsstaat neue Perspektiven eröffnet, die sowohl im internationalen Vergleich wie mit Blick auf den eigenen Wohlfahrtsstaat tragfähig sind. Nur in wenigen Arbeiten, zu denen z.B. die von Ilona Ostner, Birgit Pfau-Effinger oder Susanne Schunter-Kleemann gehören, sind diese Anregungen bisher rezipiert worden.
Die in diesem Heft veröffentlichten Länderstudien aus Schweden, Ungarn, Großbritannien und Deutschland sollen die Vielseitigkeit der Fragestellungen und Diskurse vorstellen, vermögen aber keineswegs einen systematischen Überblick zu geben. Beabsichtigt ist, Neugier zu wecken und neue Argumente gegen eingefahrene Selbstverständlichkeiten und dogmatisierte Standpunkte in der Sozialpolitik zu entfalten.

In dem Beitrag von Ute Gerhard werden wesentliche theoretische Konzepte, die Bedeutung der »Bürgerrechte« und die Typologien unterschiedlicher »welfare regimes« vorgestellt, um in die internationale femimstische Diskussion im Ländervergleich einzuführen. Barbara Hobson entwickelt am Beispiel des schwedischen Wohlfahrtsstaates nicht nur einen theoretischen Rahmen für feministische Analysen und Handlungsstrategien, sondern unterstreicht auch die Bedeutung, die die Politik der Frauenbewegung in Schweden für die Genese des schwedischen Wohlfahrtsstaates in den 1930er Jahren hatte. Ganz neu herausgefordert sind gegenwärtig Sozialpolitiktheorien, sobald es um die Transformationsprozesse Ost- und mitteleuropäischer Gesellschaften geht. Unter den wenigen weiblichen Stimmen ist die Einschätzung von Mdria Adamik aus Ungarn deshalb so interessant, weil sie mit kritisch feministischem Blick die Erfahrungen von Frauen im Realsozialismus und in der Übergangsgesellschaft zu vermitteln versteht. Am Beispiel der Sozialpolitik zeigt sie die ambivalenten Folgen des »sozialistischen Weges zur Befreiung der Frau« auf und berichtet von der großen Enttäuschung ungarischer Frauen darüber, wie wenig der Demokratisierungsprozeß die Geschlechterverhältnisse tangiert hat. Mit einem wesentlichen Aspekt der britischen femmistischen Sozialpolitik macht uns Prue Chamberlayne bekannt, und zwar mit der nicht nur theoretischen, sondern auch sozialpolitisch einflußreichen Debatte über »care«, einem Begriff, der im Deutschen nur annähernd mit »Fürsorge« und »Pflege« zu übersetzen ist. Während in den deutschen feministischen Diskursen unter diesem Stichwort zunächst an die moraltheoretischen Ansätze von Carol Gilligan gedacht wird, belegt die Autorin anhand einer umfassenden Literaturdurchsicht die Verbindung dieses Konzepts »weiblicher Fürsorge« mit der sozialpolitischen Praxis der »Pflege«. Mechthild Veil schließt den Kreis und führt uns zurück in die durch die historische Entwicklung seit 1950 gewachsenen Besonderheiten der bundesrepublikanischen Diskussion, in der sich feministische Einwände bis heute an männlich geprägten und angeblich so bewährten sozialen Sicherungssystemen abarbeiten.
Auch der Bericht von Bettina Langenfelder, Sigrid Leitner und Elisabeth Raggam paßt zum Schwerpunkt und informiert über die aktuelle Reform zur Sozialhilfe in den USA, die vor allem auf die Disziplinierung der »Welfare Mothers« zielt.

In der Rubrik Außer der Reihe sind drei thematisch unterschiedliche Beiträge vereint. Im ersten beschreibt Gertrud Hüwelmeier auf der Grundlage eigener Feldforschungen in einem hessischen Dorf, in dem es seit über hundert Jahren zwei konkurrierende Männergesangvereine gibt, wie sich Frauen zu einem eigenen Frauengesangsverein zusammentaten, und wie sich die Geschlechterbeziehungen in diesem dörflichen Lebenszusammenhang dadurch merklich veränderten.
Silvia Lange untersucht in ihrem Beitrag die Neulandbewegung, einen protestantisch-völkischen Zusammenschluß junger Frauen und Mädchen, der sich während des Ersten Weltkrieges konstituierte. Sie analysiert die programmatischen Schriften Guida Diehls, der Gründerin und Vordenkerin dieser Bewegung. Dabei geht Lange besonders der Frage nach deren Gesellschaftskritik und den bildungs- und gesellschaftspolitischen Konzepten und Forderungen nach und schildert anschließend die Reaktionen aus der konfessionellen und der bürgerlichen Frauenbewegung.
Angelika Ebrecht behandelt die medizinischen und sozialpsychologischen Theorien über Nervosität und Neurasthenie um die Jahrhundertwende. In dieser Debatte, die sie vor allem anhand von Freud rekonstruiert, wird besonders Frauen die moderne Nervosität zugeschrieben und damit Weiblichkeit als eine kulturelle Pathologie konstruiert.
Zum allgemeinen Teil des Heftes gehören wie immer Tagungsberichte und Rezensionen, außerdem die Rubrik Bilder und Zeichen. Hier stellt Martha Caspers die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann vor, wobei die ausgewählten Fotos - Obdachlosigkeit in Frankfurt - an den Heftschwerpunkt Sozialpolitik anknüpfen.

Ute Gerhard, Pia Schmid, Mechthild Veil, Ulla Wischermann