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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1996 

EINLEITUNG

Wir beginnen »in eigener Sache« und danken den Leserinnen und Lesern, die sich die Zeit genommen haben, den im letzten Heft abgedruckten Fragebogen zu beantworten. Aus den bislang (d.h. bis zur Endredaktion dieses Heftes) eingegangenen Fragebögen wird sich, gemessen an der Gesamtzahl der Abonnements, kein repräsentatives Bild unserer Leserschaft gewinnen lassen. Jedoch haben zumindest so viele auf unser Anliegen reagiert, daß wir etwas deutlicher das Leseinteresse an den Feministischen Studien einschätzen können. Vor allem bieten die Antworten einige Anregungen, die uns Herausgeberinnen bei der inhaltlichen Planung der Feministischen Studien helfen. So ist ein wichtiges Ergebnis, daß gerade die Vielfalt der Themen und Fachgebiete ein Grund ist, die Feministischen Studien zu lesen. Die Fachdiskurse haben sich im Laufe der Jahre in einer Weise spezialisiert, daß man sich fragen muß, ob deren Anspruch auf Interdisziplinarität noch einzulösen ist. Es wird schwieriger, in den Beiträgen die Balance zwischen dem spezialisierten und dem allgemeinen Interesse an einem Thema zu finden. Weder sollten die Artikel für Fachfrauen oberflächlich werden noch aber das Verständnis der Nichtfachfrauen verfehlen. Daher ist es für uns um so interessanter zu erfahren, daß das Interesse unserer Leserinnen gerade darin besteht, über das eigene Fach hinaus Einblick in andere Fächer zu bekommen. Das sollte uns darin bestärken, den Balanceakt weiter zu versuchen. Jedoch sind die Äußerungen darüber, welche Themen und Fachgebiete individuell bevorzugt werden, sehr unterschiedlich und kaum auf einen Nenner zu bekommen. So werden jene Leserinnen, die an Kunst und Kunstgeschichte interessiert sind und diesen Bereich bei uns unterrepräsentiert finden, in diesem Heft mehr Anregungen finden als sonst. Eine ausführliche Auswertung der Fragebögen und Erörterung der Ergebnisse können wir erst in Heft 2196 veröffentlichen, da die Frist für die Einsendung von Fragebögen bei Redaktionsschluß dieses Heftes noch läuft.

Das vorliegende Heft hat zwei inhaltliche Schwerpunkte: die kulturelle und künstlerische Produktion von Frauen und weibliche Adoleszenz. Unter dem Titel »Patchworkpolitik« stellt Jolande Withuis eine Kampagne vor, die die holländische Feministin Mies Boissevain 1946 in den Niederlanden inituerte und die große Resonanz fand: Bei öffentlichen und privaten Feierlichkeiten sollten Frauen den »Nationale Feestrok« tragen, einen aus Stücken gebrauchten Stoffes kunstvoll zusammengefügten Patchworkrock. Die Einzelteile sollten mit den wichtigsten nationalen als auch privaten Ereignissen beschriftet werden und diese beiden Erfahrungsbereiche der Frauen zu einer harmonischen Einheit fügen. Withuis interpretiert diesen »Nationale Feestrok« als eine weibliche Form politischen Ausdrucks und historischen Gedenkens, die sie im Kontext des nationalen und politischen Wiederaufbaus sowie der Neuordnung des Geschlechterverhältnisses in der Nachkriegszeit analysiert. Diese Röcke selbst herzustellen, so die Hoffnung der Initiatorinnen, sollte Frauen helfen, ihre individuellen und kollektiven Kriegserfahrungen in den Patchworkstücken sichtbar zu machen und bewältigen. Künstlerische Kreativität als Überlebenshilfe ist das Thema des zweiten Beitrages in diesem Heft. Daß in Auschwitz musiziert wurde, scheint schwer vorstellbar. Gabriele Knapp beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem Musikkommando des Konzentrationslagers Auschwitz, euphemistisch Frauenorchester genannt. Diese Musikkommandos waren Teil des militärischen Drills in den Konzentrationslagern. Sie mußten der SS aufspielen, aber auch, wenn die weiblichen Häftlinge zur Zwangsarbeit aus dem Lager marschierten oder deportierte Menschen zu den Gaskammern geleitet wurden. Knapp geht der Frage nach, wie die Frauen es ertragen haben, angesichts der permanenten existentiellen Bedrohung zu musizieren. Die Autorin führte mit sieben der überlebenden Frauen Gespräche. Deutlich wird, daß die musikalische Zwangsarbeit den Frauen einen herausgehobenen Status unter den Lagerinsassinnen verschaffte, der ihre Überlebenschancen erhöhte, auch weil das Musizieren es ihnen ermöglichte, Reste von Selbstachtung zu bewahren. Doch bleibt vieles, was in den Frauen vorgegangen sein mag, unausgesprochen und unausgedeutet, vielleicht weil es sich der Formulierung und Deutung letztendlich entzieht.

Maria Schmid stellt mit Helene Czapski-Holzman eine Malerin vor, deren Lebensweg auch durch die Vernichtung der europäischen Juden gezeichnet ist. Ihre Arbeit ist nahezu unbekannt geblieben. Bekannter wurde Suzanne Valadon, vor allem durch ihre Darstellung des männlichen Aktes, mit der sie, so Corinna Tomherger, die Konventionen des für Künstlerinnen Erlaubten überschritt. Czapski-Holzman und Valadon gehören zu der seit Ende des 19. Jahrhunderts größer werdenden Zahl bildender Künstlerinnen. Über Weiblichkeit und künstlerische Schöpferkraft wird um die Jahrhundertwende heftig debattiert. Diese Debatte, so die These von Caro/a Muysers, ist keineswegs Ausdruck der Unterdrückung von Frauen in der Kunst, sondern vielmehr ein Reflex auf die zunehmende Teilhabe von Künstlerinnen am Kunstbetrieb. In ihrem Aufsatz verknüpft die Autorin zwei Themen: Zum einen stellt sie die kollektiven und individuellen Strategien der Künstlerinnen dar, sich im Kunstbetrieb Anerkennung zu verschaffen; so schildert sie die selbstorganisierte Ausbildung im Berliner Künstlerinnenverein (als Antwort auf den Ausschluß aus den Akademien) sowie die berufspolitische Interessenvertretung von Verbänden, um Einfluß auf den Kunstmarkt zu bekommen. Zum anderen umreißt sie die in der Öffentlichkeit geführte Debatte um das Pro und Contra der künstlerischen Schöpferkraft der Frau. Martina Ritter und Christina Benninghaus thematisieren weibliche Jugend. Martina Ritter verfolgt Identitätsbildungsprozesse bei Mädchen in der Adoleszenz. Sie fragt nach der Bedeutung, die die Auseinandersetzung mit Computern, also mit Objekten - im Gegensatz zu zwischenmenschlichen Beziehungen - in dieser Lebensphase hat. In zwei Fallstudien zeigt die Autorin, wie sich computerbegeisterte Mädchen schwer damit tun, ihre Sachkompetenz und ihre Begeisterung für den Computer in ihr Selbstbild als Frauen zu integrieren. Im Beitrag von Christina Benninghaus steht eine historische und auch historiographische Frage im Mittelpunkt. An Hand von Darstellungen der Hausarbeit von Mädchen in der Weimarer Republik weist Benninghaus nach, wie mit dem Topos der Arbeitertochter als »Lasttier der proletarischen Familie« Frauengeschichte als Opfergeschichte tradiert wird, obgleich die Autorinnen für sich beanspruchen, Frauen als Subjekte der Geschichte behandeln zu wollen. Benninghaus rekonstruiert, daß dieser Topos aus einer Studie von 1932 ungeachtet jeglicher Quellenkritik bis heute zur Charakterisierung der Lebensumstände von Arbeitermädchen übernommen wird. Daß die Hausarbeit diesen Mädchen keineswegs nur Last war, sondern auch andere Aspekte aufwies, haben Benninghaus' eigene Forschungen ergeben. Auf den ersten Blick mag der Beitrag von Liselotte Glage aus dem Rahmen fallen: Ihr Thema ist die Markierung von Schwarz und Weiß als ethnische Kategorien in den Romanen der südafrikanischen Schriftsteller La Guma, Gordimer und Coetzee, genau gesagt, deren literarische Verfahren, die mit Macht verbundene »Hautfarbenordnung« in der afrikanischen Gesellschaft kritisch zu brechen. Auf den zweiten Blick wird klar, daß auch dieser ethnokritische Beitrag dem Geschlechterverhältnis analoge Machtkonstellationen analysiert: Das Verhältnis von Weiß und Schwarz funktioniert in wesentlichen Aspekten wie das von Mann zu Frau. Macht und Dominanz bleiben unsichtbar. Sichtbar gemacht, d.h. markiert, werden die anderen - als ethnische Gruppe die Schwarzen, als Geschlecht die Frauen. Farbe und Geschlecht sind Merkmale der Diskriminierung; damit haben feministische und postkoloniale Kritik einiges gemeinsam. Zum Abschluß sei noch auf die Rubrik »Archiv« hingewiesen, die wir nach langer Zeit wieder aufnehmen: Inge Hansen-Schahberg stellt Artikel der Pädagogin Lydia Stöcker zur Koedukation vor. Die Aufsätze stammen aus den zwanziger Jahren, aber das erneute Aufnehmen der Debatte um das Für und Wider einer gemeinsamen Schulausbildung beider Geschlechter in den achtziger Jahren zeigt, daß sich das Thema noch nicht erledigt hat.

Christina Klausmann, Pia Schmid