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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1998 

EINLEITUNG

Nach dem die beiden letzten Hefte der Feministischen Studien unter einem thematischen Schwerpunkt standen, legen wir mit Heft 1/1998 ein offenes Heft vor. Unter der Hand ergab sich dann doch so etwas wie eine Schwer-punktsetzung: die überwiegende Mehrheit der Beiträge handeln von Frauen und Politik. Dies allerdings auf sehr verschiedenen Ebenen.
Der dauernde Kriegszustand im Nahen Osten zwischen Israel und dem palästinensischen Volk, der durch das Friedensabkommen von Oslo offenbar nur scheinbar unterbrochen wurde, wird uns durch die Tagespresse vermittelt. Die komplexen Hintergründe der innerisraelischen Situation kommen dabei nur selten zur Sprache. Der Artikel von Sarah Helman und Tamar Rapoport über die Bewegung ,,Frauen in Schwarz", einer ausschließlich von Frauen organisierten Protestbewegung gegen den Krieg im Lande, leuchtet nicht nur die innerisraelische Konfliktsituation aus, sondern beschreibt auch das spezifische einer politischen Protestbewegung, die sich als Frauenbewegung im öffentlichen Raum Gehör verschafft und sichtbar macht. Die ,,Frauen in Schwarz" sind in einer Gesellschaft entstanden, deren Geschlechterbeziehungen durch die nationale Überlebensfrage und die damit zusammenhängende extreme Militarisierung geprägt sind. Die Autorinnen haben ihre Studie als Aktivistinnen der Bewegung mit den klassischen Instrumenten empirischer Sozialforschung, ,,teilnehmender Beobachtung", Tiefen-Interviews und Fragebogen, durchgeführt. Der Untersuchungszeitraum lag zwischen 1990 und 1993. Die Frontlinien, die der Nahostkonflikt innerhalb der israelischen Gesellschaft aufgerissen hat, werden durch diese Ergebnisse unter dem Aspekt der Geschlechterordnung erhellt.

Nicht um politische Aktionen von Frauen, sondern um politische Programme für Frauen geht es im Beitrag von Sawitri Sarhaso. Ihr Thema sind die in den Niederlanden auf die gesellschaftliche Integration von Migrantinnen ausgerichteten Maßnahmen. Sie geht der Frage nach, ob dabei die kulturelle und geschlechterspezifische Verschiedenheit beachtet wird, d.h. ob die Rechte und Interessen dieser Frauen berücksichtigt werden. Ihre Erörterung, weshalb der Versuch scheiterte, Migrantinnen aus Marokko und der Türkei durch Stellen in den staatlichen Einrichtungen der Familienfürsorge Chancen auf Eigenständigkeit zu eröffnen, zeigt eindrücklich, in welche Fallstricke eine mit den besten Absichten praktizierte Minoritätenpolitik aufgrund falscher Vorannahmen über die Bewertung von Arbeit in anderen Kulturen, wie beispielsweise von Haus- und Familienarbeit, geraten kann. In welch komplexer Weise sich Geschlecht und Ethnie als Faktoren gesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses überlagern, wird an diesem Beispiel aus der politischen Praxis deutlich.
Auf die Ebene der Theorie führt uns Judith Lorber, deren Beitrag auf einen Vortrag zurückgeht, den sie als Dozentin der Marie-Jahoda-Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum gehalten hat. Lorber läßt die Vielfalt feministischer Theoriebildung seit den sechziger Jahren Revue passieren und skizziert die theoretischen Grundlagen der einzelnen Strömungen sowie die sich daraus für die politische Praxis ergebenden Konsequenzen. Die Legitimität der auf der Ungleichheit der Geschlechter beruhenden Gesellschaftsordnung muß, so Lorber, auf zwei Ebenen angefochten werden: auf der Ebene der kulturellen Produktion von Sinn und Werten wie auf der Ebene des Verhaltens und der Institutionen. Lorber plädiert dafür, die Stärken der neueren Ansätze sozialkonstruktivistischer Analyse institutioneller Strukturen, den dekonstruktiven Verfahren des postmodernen Feminismus hinsichtlich der kulturellen Reproduktion der Geschlechterordnung sowie der Queer-Theorie, die im spielerischen Umgang mit Geschlechterzuschreibungen die Grenzen verwischt, zusammenzufügen. Hierin sieht die Autorin die Möglichkeit für einen theoretisch wie politisch starken Feminismus, der die herrschende Geschlechterordnung destabilisieren und Gleichheit der Geschlechter voranbringen kann.

Arlie Russel Hochschilds Aufsatz ist eine autobiographische Reflexion über ihre Erfahrungen als Universitätsprofessorin. Es ist die gekürzte Fassung eines Essays, der 1992 in dem Sammelband Gender and the Academic Experience erschien. Der erste Teil des Essays entstand 1973, als Hochschild die erste Professorin an der Universität Berkeley in Kalifornien war. 1991 nahm sie die Schilderung über die Tücken im beruflichen Werdegang einer Frau im Wissenschaftsbetrieb wieder auf und zog in einem ,,Postscriptum durch das Prisma von 1991" Bilanz über die Veränderungen oder die Beständigkeiten im Ablauf akademischer Karrieren. Skeptisch resümiert sie: ,,Als hartnäckig jedoch hat sich das Uhrwerk männlicher Berufskarrieren erwiesen: Es scheint einfacher, sich ihm einzufügen als es zu verändern." Der Anspruch von Frauen auf diese Berufslaufbahn wird nicht bestritten, aber da sowohl die Struktur der Arbeit als auch der erforderliche Sozialcharakter jeglicher Veränderung widerstanden, schaffen es nur wenige Frauen ,,nach oben", wenn sie sich den Bedingungen - aus welchem Grund auch immer - nicht anpassen können oder wollen. Daß die Veränderung der Strukturen und nicht die der Frauen das eigentliche Problem sind, daran hat sich auch durch das ,,Prisma von 1998" im wesentlichen nichts geändert. Das hat uns zur Übersetzung dieses Aufsatzes bewogen, der sehr anschaulich persönliche Erfahrung und frauenpolitische Überlegungen vereint.

Im Hauptteil kommen ausschließlich Beiträge aus anderen Ländern und Diskussionskontexten zum Abdruck. Der Diskussionsteil widmet sich prononciert zwei unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Phasen und Ausschnitten aus der Politik der deutschen Frauenbewegung, die sich auch durch unterschiedliche Ansätze in der Analyse unterscheiden.
Irene Stoehrs neun Thesen zur Frauenbewegung in der Gründungsdekade der Bundesrepublik schlagen Erklärungen dafür vor, warum die historische Forschung im Gefolge der Neuen Frauenbewegung der siebziger Jahre so merkwürdig blind gegenüber der Frauenbewegung zwischen 1949 und den frühen sechziger Jahren geblieben ist, ja diese als Frauenbewegung gar nicht wahrgenommen hat. Stoehr führt dies zurück auf eine in der deutschen Frauenbewegung nach 1948 einmalige politische Konstellation. Weder vorher, im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, noch in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik, hat es eine so eindeutige Verbundenheit der Frauenbewegung mit Konzepten der formalen Demokratie gegeben. Dieses Politikverständnis war das Ergebnis einer eigenen Antwort der Frauenbewegung auf die nationalsozialistische Frauenpolitik ebenso wie des Ost-West-Konfliktes und des Berlin-Mythos sowie der daraus resultierenden politischen Führungsrolle des Staatsbürgerinnenverbandes. Die Autorin hält die Analyse dieser historischen Phase aktuell für geboten, da in den jüngsten Debatten innerhalb des Feminismus häufig eine mangelnde Nähe der Neuen Frauenbewegung zum formalen Demokratieverständnis kritisch konstatiert wird. Sie fordert mit ihrem Beitrag dazu auf, diese Kritik im Lichte der Nachkriegsentwicklung zu diskutieren. Jene von Stoehr konstatierte neue Debatte innerhalb der westdeutschen Frauenbewegung, die in ihren Wurzeln und ihrer politischen Entwicklung von basisdemokratisch orientierten Konzeptionen geprägt war, ist fraglos das Ergebnis einer erneuten Verschiebung weltpolitischer Konstellationen und deren Auswirkungen auf die Politik im geteilten und vereinigten Deutschland.

Dieser epochale Umbruch ist letztlich auch der Ausgangspunkt für den zweiten Beitrag unseres Diskussionsteils, der die ostdeutsche Frauenbewegung von den achtziger Jahren bis heute zum Gegenstand hat.
Den Fokus von Eva Schäfers Beitrag bildet die Entstehung und den Zerfall des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV). Die aus ganz unterschiedlichen Motiven in kritischer Abgrenzung zum Staatssozialismus der DDR entstandenen verschiedenen Gruppierungen der ostdeutschen Frauenbewegung werden in ihrer Bündelung im UFV während der kurzen ,,Wendezeit" und in ihrem Zerfall in das parlamentarische geregelte politische Leben der, wie die Autorin es nennt, ,,Postmoderne" verfolgt. Mithilfe des theoretischen Konzepts Judith Butlers von der Performativität der Konstitution des Geschlechts als einer Theorie politischer Handlungsfähigkeit schlägt Schäfer vor, die Entstehung des UFV und seinen Zerfall zu analysieren. Ob die Ineinssetzung der Konstitution des politischen Subjektes und seiner Handlungsfähigkeit mit der Organisationsgeschichte eines politischen Verbandes eine tragfähige Analyse der ostdeutschen Frauenbewegung ist, wird die Diskussion dieses Beitrages erweisen.
Der letzte Beitrag im Hauptteil des Heftes will Denkanstöße für die Koedukationsdebatte geben. Die Ausgangsfrage von Heidemarie Kemnitz ist, wie sich der Eintritt von Frauen in den Männerbund Armee auf deren geschlechtliche Identität und auf die Konstruktion ihrer Selbstkonzepte auswirkt. An drei Beispielen zeigt die Autorin, daß sich im Diskurs über Weiblichkeit und Militär Traditionen durch das ganze 20. Jahrhundert herausgebildet haben, die ähnliche Vorstellungen über die Geschlechterordnung fortschreiben. Ihr Schlußplädoyer geht dahin, ,,am noch ungewöhnlichen Fall der Soldatin ein Nachdenken über die Geschlechterverhältnisse zu fördern, das den Blick verstärkt auf die Dialektik der Geschlechtersozialisation lenkt".

Juliane Jacobi, Christina Klausmann