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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 1999 

EINLEITUNG

Das Schwerpunktheft Weiblichkeit und Metropole nähert sich dem Problem des gendered space unter bestimmten zeitlichen und medialen Gesichtspunkten. Metropole steht dabei im engeren Sinn für die Großstadt der Moderne, deren Wahrzeichen sie geworden ist. Das heißt, wir möchten uns auf einen Zeitraum beziehen, der von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu den 90er Jahren reicht und so auch postmoderne Perspektiven einbezieht. Mit Weiblichkeit fassen wir die Ebene der visuellen und literarischen Repräsentation, die im Zentrum dieses Heftes stehen soll. Phantasmen, die die Großstadt verweiblichen (mechanisieren und dämonisieren bzw. naturalisieren und versöhnen), sollen hier ebenso zum Thema werden wie Phantasmen, die die Frauen in der Stadt kodieren. Zudem soll es um die modernen Wahrnehmungsmuster gehen, die als spezifisch weiblich bzw. männlich in bezug auf die Großstadt entworfen werden. Darüber hinaus nehmen wir architektonische Konzepte in den Blick, die diese Wahrnehmungsformen strukturiert haben.

So erschließen wir den Motivkreis Weiblichkeit und Metropole zunächst über städtebauliche Reformbewegungen der 20er Jahre. Ulla Terlinden diskutiert, wie Frauen bei führenden Architekten des Neuen Bauens lediglich als Planungsobjekte in Erscheinung traten, um dies mit Debatten innerhalb der damaligen Frauenbewegungen zu konterkarieren, die sich als Planungssubjekte in die Diskussion einbrachten.
Die folgenden zwei Artikel setzen sich aus der Perspektive der Kunst- und Filmwissenschaft neben dem zeitlichen auch einen medialen Schwerpunkt auf Fotografie und Film. Dies ist dem Thema insofern angemessen, als die Metropole der Moderne in diesen beiden Medien nicht nur als kongeniales Motiv intensiv aufgegriffen wurde, sondern seit Beginn ihrer Theoretisierung auch strukturell mit der fotografischen und filmischen Technik analogisiert wurde. Neben ikonografischen Untersuchungen zum Konnex von »Frau«/»Mann« und Stadt läßt sich in Fotografie und Film daher besonders gut die visuelle Konstruktion geschlechtsspezifisch unterschiedener räumlicher Positionierungen, Bewegungs- und Wahrnehmungsmuster in Bezug auf die Großstadt darlegen.
Katharina Sykora thematisiert das Schaufenster als paradigmatischen städtischen Ort, in dem Innen und Außen, männlicher Betrachter und weibliches Objekt in ein irritierendes Verhältnis gesetzt werden. Im Zentrum steht dabei der Überblendungseffekt, der entsteht, wenn Schaufenster und Kameralinse kongruent werden und damit die Blickposition des männlichen Passanten bekräftigt und gleichzeitig destabilisiert wird.
Das intrinsische Verhältnis von moderner Großstadt und den neuen visuellen Repräsentationstechnologien ist auch Gegenstand des Aufsatzes von Eva Warth. Hier wird der Zusammenhang zwischen den von der modernen Metropole generierten Wahrnehmungsmustern und dem Spezifikum des Films, der Bewegung, hergestellt. Dabei erweist sich in Rene Clairs Paris qui dort die zentrale Weiblichkeitsfigur als Dreh- und Angelpunkt der Selbstreflexion des Films über sein Vermögen, Erstarrung in Bewegung übergehen zu lassen und umgekehrt.
Mit der klassischen Figur des Flaneurs ist seit dem 19. Jahrhundert eine moderne männlich kodierte, lineare »Lesart« der Metropole installiert worden. Leyla Ercan untersucht zwei aktuelle Stadtromane, die diese Ichfigur im post- modernen Kontext nachzeichnen und tendenziell auflösen. Dabei erweist sich erneut, daß auch der dezentrierte männliche Stadtgänger der Postmoderne nur denkbar ist vor dem Hintergrund einer weiblich konnotierten Architextur des Chaos.
Unsere zeitliche wie disziplinäre Fokussierung verstehen wir auch als Basis für eine geografisch erweiterte Perspektive. Bislang ist das Verhältnis Weiblichkeit und Metropole kaum im kulturellen Vergleich betrachtet worden. Unser besonderes Interesse ist es daher, mit der geschlechtsspezifischen Thematisierung der traditionellen Metropolen Paris und Berlin die Diskussion außereuropäischer Metropolen wie New York, Istanbul und Tokyo zu verknüpfen. Dies tut Leyla Ercan aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, während Yoko Tawada in ihrem literarischen »Stadtporträt« in der Rubrik Bilder und Zeichen eine Multiperspektivität ganz eigener Art praktiziert: als Ja panerin in Europa blickt sie auf eine der modernsten Metropolen der Welt, ihre Heimatstadt Tokyo.

In der Rubrik Außer der Reihe sind zwei thematisch unterschiedliche Beiträge vereint. Im ersten beschreibt Gerlinde Volland Künstlerinnen und Auftraggeberinnen botanischer Illustrationen im 18. Jahrhundert. Sie erforscht diese Disziplin zwischen Naturwissenschaften und angewandter Kunst als eine weibliche Profession, indem sie zunächst den Einfluß der Weiblichkeitskonzeption im 18. Jahrhundert auf die Ausübung naturwissenschaftlich - botanischer Betätigung skizziert und anschließend einige Frauen vorstellt, die auf diesem Gebiet hervorgetreten sind.
Michaela Tzankoff untersucht den gegenwärtigen Journalismus in Bulgarien als eine feminisierte Profession. Dem erstaunlich hohen Anteil von Frauen im bulgarischen Mediensystem steht ein ambivalentes Erscheinungsbild dieser Profession gegenüber.

In Diskussion zeigt Karin Priem die Selektionsfunktion wissenschaftlicher Publikationen am Beispiel der »Zeitschrift für Pädagogik«. Sie untersucht, ob und wie die Frauen- und Geschlechterforschung in dieser Zeitschrift im Zeitraum von 1987 bis 1998 thematisiert wird. Mit diesem Beitrag führen wir die in den letzten Heften begonnene Reihe zur Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung fort. Die Institutionalisierungsfrage wird hier in bezug auf die Publikationspolitik eines zentralen Fachorgangs behandelt. Dem Stand von Feminismus und Frauenforschung in Frankreich widmet sich die Simon de Beauvoir-Forscherin Ingrid Galster in einem Gespräch mit der Historikerin Michelle Perrot über gegenwärtige Auseinandersetzungen im französischen Feminismus, die im deutschen Kontext bisher zu Unrecht nur wenig rezipiert worden sind. Mariola Siennicka wiederum eröffnet einen Einblick in die historische Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Warschau. Zum allgemeinen Teil des Heftes gehören Tagungsberichte und Rezensionen, die auch dieses Mal wieder umfangreich ausgefallen sind.

Katharina Sykora, Mechthild Veil, Eva Warth