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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 1999 

EINLEITUNG

Die Beiträge zum Schwerpunkt sind überwiegend aus einem Workshop mit russischen und deutschen Teilnehmerinnen hervorgegangen, der im letzten Sommer an der Universität Bochum stattfand. Sie sind vorläufige Ergebnisse einer anhaltenden Diskussion über Feminismus und Frauenforschung, über Fragen der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen in Rußland. Verständigungsprozesse zwischen Frauen aus westlich-kapitalistischen und postsowjetischen Gesellschaften über derartige Fragen sind nicht einfach, zumindest setzen sie genauere Kenntnisse über die jeweils unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte sowie über die entsprechende Gestaltung von Lebensverhältnissen voraus. So ist es für uns westeuropäische Feministinnen schwer zu verstehen, worauf eine auch bei intellektuellen osteuropäischen Frauen anzutreffende Antihaltung gegenüber dem Feminismus zurückgeht. Jirina Siklova, eine der Gründerinnen des Prager Zentrums für Gender-Studies, hat versucht zu erklären, warum der Feminismus nach der Revolution von 1989 in Osteuropa im Gegensatz zu vielen anderen Importen aus dem Westen nicht Fuß fassen konnte und warum Frauen wie Männer dort mit dem feministischen Vokabular nichts anfangen können: Osteuropäische Frauen halten Vollbeschäftigung für ein Hauptziel des Feminismus und finden diese Perspektive vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen im "real existierenden" Sozialismus nicht attraktiv. Auch von einer rechtlichen Kodifizierung ihrer Interessen versprächen sich osteuropäische Frauen nicht viel, da sie aus Erfahrung wüßten, daß dies nicht notwendigerweise zu einer verbesserten Lebenssituation führt. Probleme, wie Gewalt gegen Frauen und Sexismus in den Massenmedien, die westeuropäische Feministinnen beschäftigen, werden in Osteuropa als generelle soziale Probleme betrachtet. Die Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben werde als psychologisches und nicht als gesellschaftliches Problem diskutiert, zum Beispiel als Bedenken von Frauen, mehr Geld als der Ehemann zu verdienen.

Gerne wird in populären Zeitungsartikeln die politisch linke Orientierung westlicher Feministinnen betont und damit Ressentiment erzeugt. Es reichen wenige Zeilen aus, in denen z.B. darüber berichtet wird, daß amerikanische Feministinnen wegen des wiederholten Gebrauchs des englischen Wortes "man" statt "person" eine Überarbeitung ihrer Verfassung fordern, um osteuropäische Frauen wie Männer gleichermaßen gegen das gesamte Projekt des Feminismus aufzubringen. Diskussionen über die soziale Konstruktion der Mutterrolle würden als weltfremd in das Reich der Philosophie verbannt. Insgesamt würden auf diese Weise feministische Fragen als eigentlich psychologische oder philosophische interpretiert, während der Feminismus als extreme Ideologie dargestellt wird. Da aber auf Ideologien gegenwärtig zumindestens mit Skepsis reagiert werde, sei es nicht verwunderlich, daß der Feminismus kaum AnhängerInnen fände.1)

Der westliche Feminismus mit seinen historisch gewachsenen analytischen Kategorien und politischen Forderungen wird demnach von osteuropäischen Männern und Frauen auf dem Hintergrund ihrer eigenen - und das sind eben andere politische Erfahrungen als in westlichen Gesellschaften - betrachtet und bewertet. Schon in der Sowjetunion galt der Begriff Feminismus und galten die westlichen Frauenbewegungen als dekadente Erscheinungen der kapitalistischen Welt, während die "Frauenfrage" als weitgehend gelöst wahrgenommen wurde. Damit wurde auch weder die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Privaten noch die "quasi-natürliche" Zuschreibung von männlichen oder weiblichen Geschlechtscharakteren in sozialistischen Gesellschaften in größerem Umfang kritisch hinterfragt oder diskutiert. Dies ist vor dem Hintergrund der Zerschlagung der früheren russischen Frauenbewegung in den ersten Jahren der UdSSR zu sehen. Die erzwungene Integration unabhängiger Aktivistinnen in die parteipolitische Frauenbewegung hatte die Eliminierung frauenpolitischer Themen zur Folge. Anna Köbberling hat dargestellt, wie diese in Themen des "allgemeinen Weltfriedens" und in eine Kritik an der "kapitalistischen Aggression" aus Frauensicht umgeschmolzen wurden.2)

Im Gegensatz zum westlichen Feminismus, bei dem die Geschlechterverhältnisse als hierarchische zuungunsten der Frauen diskutiert werden, hören wir in der aktuellen Diskussion der Geschlechterverhältnisse in Rußland Stimmen, die genau vom Gegenteil sprechen: Das Verhältnis von Männern und Frauen in Rußland wird oft als Verhältnis zwischen schwachen Männern und starken Frauen thematisiert, die das Alltagsleben aufrechterhalten. Es wird jedoch nicht als Widerspruch gesehen, daß Macht- und Führungspositionen auch in Osteuropa fast ausschließlich von Männern besetzt sind.

Die Lage der russischen Frauen wird gegenwärtig von den bedrohlichen und katastrophalen ökonomischen Verhältnissen, von politischen Zerfallsprozessen und der Befürchtung eines weiteren sozialen und moralischen Niedergangs bestimmt. In Rußland verlaufen die gesellschaftlichen Umstrukturierungsprozesse seit dem Zerfall der Sowjetunion für weite Teile der Bevölkerung sozial und politisch mehr als krisenhaft. Berichtet wird in den Medien über ein Absinken der Lebenserwartung, eine Kältekatastrophe, Mißernten und Hungersnot, Massenentlassungen, ausstehende Lohnzahlungen und Korruption und ein Absinken großer Bevölkerungsteile unter die Armutsgrenze.3) Es ist schwer, sich hierzulande ein genaues Bild zu machen. Auf die alte Frage "Was tun?" fehlen allenthalben Antworten, und es breitet sich Ratlosigkeit aus. Angesichts der pessimistischen Prognosen und Szenarien für die Zukunft scheint die wahre Katastrophe darin zu bestehen, daß es immer noch irgendwie weitergeht.

Daß die Probleme von Frauen, die Geschlechterverhältnisse und die Gestaltung des Privaten angesichts der krisenhaften Situation als nebensächlich und nicht als gesellschaftliche Probleme wahrgenommen werden, ist verständlich, hat aber möglicherweise nachhaltige Konsequenzen für die zukünftige Situation von Frauen. Noch ist nicht entschieden, wie die Geschlechterverhältnisse sich weiterentwickeln werden und was sich aus der aktuellen anomischen Situation herausschälen wird. Zum einen gibt es Stimmen, die nun endlich der "Männlichkeit" wieder zu ihrem "angestammten" Platz verhelfen wollen - es ist der Platz des Ernährers und Familienoberhaupts. Zum anderen gibt es aber auch feministische Initiativen, die versuchen, Gegenakzente zu setzen. Es werden Frauenhäuser gegründet, es gibt Organisationen für Nachbarschaftshilfe und medizinische Beratung, Berufsaus- und Fortbildungsinitiativen, soziale Dienste und Selbsterfahrungsgruppen. Außerdem werden politische Gruppierungen bzw. Parteiorganisationen aufgebaut, die die Lage der Frauen und die Geschlechterverhältnisse im Blick haben. Aktivistinnen der Frauenbewegung und Geschlechterforschung versuchen, neue Konzepte zu entwickeln, westliche Vorstellungen aufzunehmen und für russische Verhältnisse zu überdenken.

Aus den Beiträgen in diesem Heft erfahren wir etwas über Perspektiven, aus denen die Probleme zwischen Frauenforscherinnen in Ost und West diskutiert werden. Die Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Erfahrungen in West- und Osteuropa, darauf haben Ute Gerhard und Eva Senghaas-Knobloch in Heft 2/92 der Feministischen Studien hingewiesen, schlägt sich unter anderem in der unterschiedlichen Besetzung des Begriffs der "civil society" nieder: "Der in den osteuropäischen Bürgerrechtsbewegungen als Bezugspunkt gewählte Begriff der 'civil society' soll die Unabhängigkeit einer öffentlichen Sphäre und ihrer rechtlichen Institutionen vom Staat begründen. Die feministische Kritik an bürgerlicher Öffentlichkeit im Westen richtet sich demgegenüber gegen einen Begriff des Politischen, der zu Lasten der Reproduktionssphäre verkürzt ist, die trotz staatsbürgerlicher Gleichheit den Frauen allein zugewiesen bleibt." In diesem Feld der Auseinandersetzung situieren sich die Beiträge von Elena Zdravomyslova und Martina Ritter in diesem Heft. Für beide gibt die Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit den Bezugsrahmen ab.

Martina Ritter analysiert zentrale Aspekte der sowjetischen Modernisierungstrategien und die damit verknüpften Identitätskonzeptionen des homo sovieticus. Diese Konzeption, deren Durchsetzung eines der zentralen pädagogischen Ziele der Sowjetunion war, hat im Kern das Modell des männlichen Helden. Die Darstellung, wie dieses Konzept des "sowjetischen Helden-Mannes" im gelebten Leben variiert, konterkariert, erfüllt oder mißachtet wurde und welche Folgen dies für den heutigen Demokratisierungsprozeß und das Geschlechterverhältnis hat, steht im Zentrum der vorliegenden Untersuchung.

Elena Zdravomyslova betrachtet in ihrem Aufsatz die Dynamik der Geschlechterverhältnisse anhand des vorherrschenden Identitätskonstrukts der "arbeitenden Mutter" und der Schwächung der Männerrolle in der sowjetischen Gesellschaft. Die Begriffe 'Öffentlichkeit' und 'Privatheit' nutzt sie, um zu zeigen, wie in den quasi-öffentlichen Milieus der Dissidenten und gegenkulturellen Gruppierungen die Kritik am sowjetischen System mit der Forderung nach einer neuen Rolle der Männer verknüpft wird. Die starke Stellung der Frauen als gleichzeitig erwerbstätig und Familiengestalterinnen gab ihnen die Chance zu einer gewissen Unabhängigkeit vom autoritären Staat, während die Männer sich als in jeder Hinsicht entrechtete vorkamen. Die systemkritische Forderung nach Freiheitsrechten und politischer Partizipation wurde mit der Forderung verknüpft, die Männer in ihre scheinbar angestammten Rechte als Familienoberhaupt und Gestalter der politischen und ökonomischen Welt zu setzen.

Die Bedeutung der literarischen Phantasie, Frauen seien als Mütter mächtige Monster und Vertreterinnen der staatlichen Ordnung gegenüber den schwachen, ausgelieferten und lebensuntüchtigen Männern und Söhnen analysiert Larissa L. Lissjutkina in ihrem Beitrag über russische Schriftstellerinnen, die mit Geschichten in die Öffentlichkeit getreten sind, deren zentrale Figuren übermächtige Mütter und schwache Söhne und Töchter sind. Die Autorin versteht diese Literatur als eine Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Lebenserfahrungen im totalitären Staat.

Elena Y. Meshcherkina untersucht in ihrem Beitrag anhand umfangreicher statistischer Angaben die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Rußland. Sie zeigt die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern am russischen Arbeitsmarkt und diskutiert mögliche Einflußfaktoren dafür. Der Vorteil, den russische Frauen gegenüber Männern haben, ihr höheres Bildungsniveau, können sie auf dem Arbeitsmarkt nicht in entsprechende Positionen geschweige denn Einkommen umsetzen. Als Gründe für den Trend zur Ungleichheit von Frauen nennt Meshcherkina den wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozeß, die Unterbewertung von Frauenberufen, Einstellungspraxen, gesetzliche Regelungen von Frauenarbeit und Geschlechtsstereotype.

In Bilder und Zeichen stellen wir Arbeiten der russischen Künstlerin Marina Lioubaskina vor. Sie stellt Frauen und erotische Beziehungen zwischen Frauen in den Mittelpunkt ihrer Malerei. Für sie haben die Frauen eine Nähe zur Natur, zum "Fühlen und Empfinden".

Wie sich einige amerikanische Idealistinnen Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit der Hegelschen Philosophie, unter anderem mit der den Frauen zugeschriebenen Nähe zur Empfindung, auseinandergesetzt haben, ist Thema des Beitrags von Dorothy Rogers in Außer der Reihe. Rogers stellt dar, wie diese ersten namhaft gewordenen Hegel-Rezipientinnen in den USA sich dessen System kritisch aneigneten und für ihre eigenen Zwecke transformierten. Immer ging es ihnen dabei um die Überschreitung von Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, aber auch zwischen Disziplinen wie Pädagogik und Philosophie, um den Tätigkeiten von Frauen zu größerer Geltung zu verhelfen.

Im Diskussionsteil wird die Debatte um die Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterforschung, die im letzten Heft begonnen wurde, fortgeführt. Die geplante Einrichtung eines transdisziplinär gestalteten Magister-Nebenfaches "Frauen- und Geschlechterstudien" an der Universität Potsdam ist Anlaß zu der hier abgedruckten Diskussion um Transdisziplinarität. Sabine Hark leitet die Debatte ein, indem sie ein Plädoyer für eine transdisziplinäre Perspektive entwickelt. In ihrem Kommentar kritisiert Meike Baader Transdisziplinarität als Konzept für die Ausbildung von Studierenden. Der Beitrag von Evelyn Annuß ist in einem anderen Kontext entstanden. Annuß beleuchtet die zum Teil heftig geführten theoretischen Debatten in der Frauen- und Geschlechterforschung aus einer, wie sie es nennt, "theoriepolitischen" Perspektive und thematisiert sie in Zusammenhang mit der Institutionalisierung der Frauenforschung im Wissenschaftsbetrieb in Deutschland.

Im Informationsteil stellen wir ein russisches Frauenmagazin vor. In diesem Magazin, das von russischen Feministinnen herausgegeben wird, können sich Frauen auch außerhalb Rußlands über russische Alltagsprobleme und Fraueninitiativen informieren. Christine Bradatsch informiert über den Stand der Vorbereitungen und Studieninhalte für die im Jahr 2000 während der Expo geplante internationale Frauenuniversität in Hannover. Über eine historische Tagung zum Thema "Emanzipationswege und -hemmnisse in den Geschichten polnischer, russischer und jüdischer Frauen" schreibt Elke Beyer. Silvia Kontos und Katharina Pühl berichten über ein Symposion an der Gesamthochschule Kassel, das verschiedenen Aspekten der Care-Thematik gewidmet war. Hierüber ist für das Frühjahr 2000 ein Sonderheft der Feministischen Studien geplant.

Erfreulich ist, daß es trotz gegenwärtiger Sparzwänge und drohender Schließungen feministischer Einrichtungen auch Neugründungen gibt. Das neugegründete Feministische Institut in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin wird von Claudia Neusüß vorgestellt, die neue Deutsche Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung in Heidelberg von Waltraud Dumont du Voitel.

Wir verzichten an dieser Stelle auf die Darstellung des umfangreichen Rezensionsteils, möchten unsere Leserinnen aber zum Schluß ausdrücklich noch einmal auf die Initiative des Fördervereins für die Feministischen Studien hinweisen (vgl. dazu: "In eigener Sache" am Ende des Heftes).

Claudia Gather, Regine Othmer, Martina Ritter

Anmerkungen

1) Vgl. Jirina Siklova: Why We Resist Western-Style Feminism. In: Transitions, Januar 1998 (im Internet: www.omri.cz/transitions/archjanl.html)

2) Anna Köbberling: Zwischen Liquidation und Wiedergeburt. Frauenbewegung in Rußland von 1917 bis heute. Frankfurt a.M. 1993.

3) Vgl. etwa: Frederic F. C lairmont: Die Internationale der Plünderer, Sektion Rußland. In: Le Monde diplomatique, 4. März 1999; Claude Frioux: Das Schweigen der Intellektuellen. In: Le Monde diplomatique, 13. November 1998; Moshe Lewin: Staatskrankes Rußland zwischen Etatismus und neoliberaler Orientierungslosigkeit. In: Le Monde diplomatique, 13. November 1998.