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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2007 

EINLEITUNG

Thematische Einführung

 

Seit wenigen Jahren beschäftigt sich feministische Forschung in Deutschland verstärkt und ganz grundsätzlich auch mit Fragen der Ökonomie (so z.B. »femina politica mit dem Heft (1/2002) »Engendering der Makroökonomie«) und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen adressiert diese neue Forschungsrichtung, ganz im Sinne von Nancy Frasers appelativer Aufforderung, »Frauen denkt ökonomisch!« (TAZ vom 25.05.2005, siehe auch die »beiträge zur feministischentheorie und praxis« aus dem Jahr 2006 (68)) die Frauenforschung und -bewegung, vor allem in Westeuropa. Zum anderen konfrontiert sie ökonomische Theorien der Wirtschaftswissenschaften, der Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre mit gender-orientierten Fragestellungen, indem sie versucht, Erkenntnisse feministischer Forschung in die Denktraditionen dieser Fächer »einzufädeln«. Ein solches Ansinnen ist nicht utopisch, denn in mikroökonomischen Analysen zu Arbeitsmärkten, Unternehmen, privaten Haushalten u. a. haben sich Ökonominnen durchaus mit feministischen Fragestellungen befasst. Detaillierte Analysen z.B. zu geschlechtsspezifischen Aspekten von Arbeitsmärkten und zur Haushaltsökonomie liegen inzwischen vor. Eine Durchdringung ökonomischer Theorien mit feministischen Erkenntnissen scheitert bisher an dem sich hartnäckig haltenden Mythos der Neutralität und Objektivität dieses Faches, weshalb der Vorwurf des Androzentrismus immer noch aktuell ist. Gemessen an der Verankerung geschlechtsspezifischer und gender-orientierter Fragestellungen in der Soziologie und Politologie konnten sich bisher in den Wirtschaftswissenschaften, insbesondere im deutschsprachigen Raum, nur bescheidene Lehr- und Forschungsansätze entwickeln. Die vorliegenden theoretischen wie empirischen Arbeiten zu den unterschiedlichsten Teilaspekten werden jedoch kaum als zusammenhängender Beitrag »der Wirtschaftswissenschaften« zur Geschlechter- und/oder Frauenforschung rezipiert.

Feministische und ökonomische Denktraditionen haben verschiedene Erkenntnisgegenstände, und sie folgen unterschiedlichen Logiken und Methoden. Die fehlende Implementierung feministischer Theorien in der Mainstream-Ökonomie führen wir deswegen nicht nur auf den schon benannten Androzentrismus des Faches zurück, sondern auch auf die bisher nur zaghafte Öffnung feministischer Forschung gegenüber den Denktraditionen und Logiken der Wirtschaftswissenschaften.

Mit dem vorliegenden Schwerpunktheft, »Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie«, das sich der Thematik interdisziplinär nähert,wollen wir an der oben genannten doppelten Perspektive ansetzen.

Gender-Aspekte in ökonomischen Theorien – nur eine Marginale?

In der Geschichte der modernen ökonomischen Theorien finden sich viele Beispiele für die schrittweise Marginalisierung von Frauen, ihren Tätigkeiten und des Geschlechterverhältnisses. Diese Verdrängung hat mit drei zentralen Paradigmen der ökonomischen Theorien zu tun: erstens mit der ausschließlichen Konzentration der Ökonomie auf die Analyse von Marktprozessen. Die Trennung des Wirtschaftens in einen marktvermittelten Teil und in die Haus- und Familienarbeit schlägt sich in allen theoretischen Ansätzen wie auch in praktischen Erhebungen nieder, wie z.B. bei der Messung des Sozialprodukts einer Gesellschaft. Die Herausbildung zweier getrennter Sphären der Ökonomie und ihre geschlechtsspezifische Zuordnung hat die Beteiligung der Frauen an der Marktwirtschaft als Ausnahme erscheinen lassen. Zweitens lassen sich viele Ökonomen – und die wenigen Ökonominnen – von der Vorstellung leiten, ökonomisches Handeln von »Wirtschaftssubjekten« sei unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Region oder Zeit. Gefragt wird nach dem rationalen Verhalten des homo oeconomicus, der als abstrakter und stilisierter »economic man« individuelle Nutzenmaximierung bzw. Gewinnmaximierung betreibt. Dass dieser »economic man« ein Geschlecht und eine Geschichte hat, interessiert nicht weiter. Die dritte Annahme, die die Marginalisierung der Geschlechterverhältnisse zu rechtfertigen scheint, ist die Verbannung der Frauen in den Haushalt. Als primär Haushaltsführende sind sie immer nur ein Anhängsel des ökonomisch aktiven Erwerbstätigen. Sie tauchen nicht als »eigenständige Kategorie« auf, da sie als Ehefrauen oder Töchter Teil des Haushaltes sind. Die Verhältnisse innerhalb des Haushaltes waren bisher nicht Gegenstand volkswirtschaftlicher Fragestellungen. Auch in der Tradition von Marx bzw. Ricardo stehende Ansätze, die durchaus einen analytischen Blick für die »Reproduktionsseite« der Gesellschaft haben, sahen das Geschlechterverhältnis allenfalls als »Nebenwiderspruch« bzw. trugen zur »Verhausfrauung« der Frauen bei, indem sie in den Auseinandersetzungen um die Löhne einen »Ernährerlohn« als ökonomisch sinnvolle Forderung begründeten.

Die mehrdimensionale Ausklammerung des Geschlechterverhältnisses hält im »mainstream« volkswirtschaftlicher Theorie und Empirie bis heute an. Insbesondere in den makroökonomischen Feldern wie Konjunktur und Wachstum, Inflation und Geldpolitik, Außenhandel, Steuer- und Fiskalpolitik sind geschlechtsdifferenzierendeAnalysen kaum verbreitet und viele wirtschaftspolitische Analysenkommen ohne nach Geschlecht differenzierte Daten aus. Allerdings entwickeltsich im Rahmen des entwicklungspolitischen Diskurses eine lebhafte Diskussionzum Engendering der Makroökonomie (dazu Christa Wichterich in diesem Heft).

Die den »feminist economics« oder »economics of gender« zuzurechnendenBeiträge entwickeln sich langsam zu einem ernst genommenen Ansatz, der denandrozentrischen Blick der volkswirtschaftlichen Theorien nicht nur kritisch beleuchtet,sondern auch nachweisen kann, dass sich durch die Einbeziehung der Kategorie »Geschlecht« Analysen und Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik verändern.

Feministische Ansätze sind um das Thema Frauenarbeit, Frauenerwerbsarbeit, ökonomische Diskriminierung von Frauen (in der Marktsphäre) und Privathaushalt zentriert. Sie behandeln die »Frauenfrage« als Teil der ökonomischen Realität von Marktgesellschaften und Geldwirtschaften. Aspekte wie Arbeitsangebot fürFrauen, Eheschließung und Kinder, Lohndiskriminierung und individuelle und gesellschaftliche Arbeitsteilung werden ausführlich untersucht. In nahezu allen Bereichen ökonomischer Theorien, die sich mit dem Geschlechterverhältnis beschäftigen, stößt man auf die Arbeiten von Nobelpreisträger Gary S. Becker. Seine New-Home Economics, die Theorie der Zeitallokation zur systematischen Analyse des Arbeitsangebots von (verheirateten) Frauen, die Humankapitaltheorie zur Analyse von u.a. geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden und die Diskriminierungstheorien, mit denen die Persistenz von Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt erklärt werden soll, sind Ansätze, die eng mit der neoklassischen Mikroökonomik verbunden sind.

Ob und in welcher Weise es sinnvoll ist, diese neoklassischen Ansätze weiterzuentwickeln, ist umstritten. Feministische Ökonominnen bewerten die Nützlichkeit der Neoklassik ausgesprochen kontrovers. Sie kritisieren die vielfach restriktiv formulierten Modellannahmen und Nebenbedingungen und hinterfragen die Relevanz der Modelle hinsichtlich der Erklärung konkreter ökonomischer Zusammenhänge. Häufig sind die Modelle so monokausal angelegt, dass sie eine Integration der Erkenntnisse anderer Fächer nicht ermöglichen.

Parallel zu den heftigen Auseinandersetzungen um den Stellenwert neoklassischer Ansätze hat sich eine reiche empirische Forschung neben der mainstream-Forschung etabliert, die sich ebenfalls inhaltlich vor allem auf die Bereiche Arbeitsmarkt und Sozialpolitik bezieht. Hier gibt es viele Überschneidungen und kooperative Arbeitsbeziehungen zwischen Ökonominnen, Soziologinnen, Politologinnen und Juristinnen. Unter anderem ist der Themenbereich Haushaltsarbeit und »Care« ein Bereich, zu dem in den letzten Jahren Feministinnen aus den verschiedensten Fächern empirisch wie theoretisch gearbeitet haben.

In der Betriebswirtschaftslehre sind gender-bezogene Ansätze ebenfalls auf wenige Gebiete begrenzt: auf die Personalwirtschaft, die Organisationslehre und– nur vereinzelt – auf Marketing bzw. die Marktforschung. Während es bei letzterem vor allem um Fragen des Konsumverhaltens bzw. der Frauenbilder in derWerbung /in den Medien geht, berühren die personalwirtschaftlichen und organisationsbezogenen Arbeiten zentrale Fragen der Erwerbschancen von Frauen. Sie beschäftigten sich mit Personalauswahlprozessen, der betrieblichen Aus- und Weiterbildung, der Arbeitsbewertung und Entlohnung, der Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Umsetzung der betrieblichen Gleichstellungs- oder Frauenförderungspolitik sowie mit Fragen der geschlechtsspezifischen Effekte neuer Organisationskonzepte und -modelle, u. a. auch mit neueren Ansätzen des »Managing Diversity«.

Zum Aufbau des Heftes

Dieses Schwerpunktheft zu Geschlechterverhältnissen in der Ökonomie bezieht Beiträge zum Thema aus unterschiedlichen Fächern ein. Eröffnet wird die Reihe mit drei Artikeln, die sich jeweils aus einer anderen Perspektive mit der Care-Thematik beschäftigen. Die US-amerikanische Ökonomin Julie A. Nelson stellt mit ihrer Frage »Ist die Ökonomie Teil der Gesellschaft?« eine Verbindung ökonomischer Theorien mit den Sozialwissenschaften her. Es geht ihr darum, das dichotome Denken in den Sozialwissenschaften zwischen einer Sphäre der Ökonomie, in der lediglich rationale Gesetze des Marktes herrschten, einerseits und einer davon getrennten Sphäre des sozialen und kulturellen Lebens andererseits zu durchbrechen. Während SozialwissenschaftlerInnen Markt und Kapitalismus als ein von der Lebenswelt abgetrenntes, mechanisch funktionierendes System betrachten, ein Denken, das auf Adam Smith zurück gehe und sich auch bei Habermas finde, kritisiert sie aber auch Ökonomen und Ökonominnen, weil diese sogenannte weiche, d.h. soziale Aspekte wie Geschlecht, Herrschaftsverhältnisse,den Familienbereich, Care usw. ignorierten. Nelson argumentiert, dass in der Wirtschaft soziale, menschliche und kommunikative Aspekte ebenso wichtig seien wie ökonomische, z.B. in den Care-Tätigkeiten (weshalb im angelsächsischen Sprachgebrauch von der Care-economy gesprochen wird). In einem anderen Zusammenhang hatte Eva Senghaas ebenfalls hierauf hingewiesen (Sonderheft 2000: Fürsorge – Anerkennung – Arbeit der Feministischen Studien).

Der Beitrag von Silke Chorus »Who Cares? Kapitalismus, Geschlechterverhältnisse und Frauenarbeiten« beschäftigt sich mit dem theoretischen Ansatz der Regulationstheorie, die in der linken ökonomischen und soziologischen Diskussion eine Rolle spielt. Chorus fragt, was der Regulationsansatz bisher zum Thema Geschlecht bzw. Geschlechterverhältnisse beigetragen hat und versucht, diesen theoretischen Ansatz, bezogen auf Care-Tätigkeiten, die eine eigene spezifische ökonomische Logik aufweisen, für eine Analyse der Geschlechterverhältnisse fruchtbar zu machen.

Nancy Folbre befasst sich in ihrem Beitrag »Märkte; Ungleichheit und Care in den USA« mit drei wichtigen Aspekten der Diskussion um Märkte und Care: erstens mit der Frage in wie weit Unterschiede bei den Care Arbeiten mit unterschiedlichenLebensstandards verknüpft sind und diese beeinflussen, zweitens mit den Veränderungen von Care-Arbeiten durch die Erwerbstätigkeit von Frauen (Kommodifizierung von care) und ihren Konsequenzen für die Frauenbewegung und für politisches Handeln (Zunahme der Ungleichheiten zwischen Frauen), und drittens damit, ob und wie Ungleichheiten bei den Care Aktivitäten weitere soziale Ungleichheiten nach sich ziehen, nicht nur für die Mütter und Väter, sondern auch für deren Kinder. Folbre greift Aspekte der Diskussion zur Care Ökonomie auf, die unseres Erachtens in dieser Form im deutschsprachigen Raum noch nicht diskutiert worden sind.

Politische Erfahrungen, die Frauen in transnationalen Frauennetzwerken und in internationalen Frauenbewegungen mit der neoliberalen globalisierten Ökonomie machen konnten, diskutiert Christa Wichterich. Seit der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking im Jahr 1995 intervenieren organisierte Frauen, unterstützt von feministischen Wissenschaftlerinnen, auf der makroökonomischen Ebene, um die geschlechterpolitischen Wirkungen neoliberaler Programme und Strategien z.B. der WTO aufzuzeigen bzw. zu durchkreuzen. Eine der »bewegungspolitischen Lektionen« der Frauen im Umgang mit der WTO war, dass Strategien, die bei der UN durchaus erfolgreich waren, wie z.B. eine Moralisierung der Politik durch Verankerung von Menschenrechten und Gleichheitsnormen, nicht mit gleichem Erfolg auf andere Global Governance Regime übertragbar sind. Frauen lernten, dass es notwendig ist, sich auf die andere Logik der Makroökonomie einzulassen, um diese zu »engendern«, d.h. mit geschlechtsspezifischen Implikationen anzureichern. Es ist Frauen mit ihren kritischen Interventionen jedoch gelungen, mit einem zweifachen Mythos zu brechen: dem der Geschlechtsneutralität und dem eines exklusiven Expertenterrains der Makroökonomie.

Die feministische ökonomische Forschung profitiert auch von ihrer Interdisziplinarität. So gibt es beispielsweise vor allem in der Soziologie mittlerweile einige überwiegend empirische Arbeiten zu selbstständigen Frauen und Existenzgründungen. Wir präsentieren hier zwei historische Beiträge zum Thema. Christiane Eifert untersucht die Unternehmensnachfolge  in Familienbetrieben in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Beispiel des Verbandes deutscher Unternehmerinnen, der 1954 gegründet wurde, zeigt sie, mit welchen Strategien der Verband die weibliche Unternehmensnachfolge fördern wollte, in den Familienbetrieben allgemein sowie in den Unternehmen der Mitglieder des Verbandes selbst. Die Autorin zeigt, dass der Verband von Anfang an versuchte, Strategien zu entwickeln, um die Chancen für eine weibliche Nachfolge zu erhöhen. Im Gegensatz hierzu standen konkrete Nachfolgeregelungen einzelner Mitglieder des Verbandes, die wie männliche Unternehmer auch, nur dann an Töchter übergeben haben,wenn keine Söhne zur Verfügung standen. Erst in den letzten 10–20 Jahren ändert sich dieses Übergabemuster. Die Althistorikerin Sabine Müller untersucht die Handlungsspielräume und Aktionsmöglichkeiten makedonischer Königinnen im oikos (erweitertes Haus). Am Beispiel zweier makedonischer Königinnen zeigt sie, dass sich den Königinnen wirtschaftliche, militärische und politische Handlungsspielräume eröffneten, wenn sie im Namen ihres oikos auftraten. Die »persönliche Herrschaft des oikos« bot für die Königinnen mehr Möglichkeiten als z.B. die formal geregelte Herrschaft der Polis im alten Griechenland. Dies ist interessant, weil dieses Beispiel ein historisches Gegenbeispiel zu der heute häufig vertretenen These darstellt, die davon ausgeht, dass die Teilhabechancen von Frauen bei formelleren Verfahren steigen (z.B. Andrea Rothe in diesem Band)

Unserer »neuen« Tradition folgend haben wir in der Rubrik »Im Gespräch mit...« ein Interview mit Ulla Knapp, der einzigen Inhaberin eines Lehrstuhls für Ökonomie und Geschlechterverhältnisse in Deutschland (an der Hochschule fürWirtschaft und Politik in Hamburg), geführt, und zwar über die marginale Stellung von Frauen in der Volkswirtschaftslehre und deren Gründe, über den schwachen Transfer feministischer ökonomischer Forschung in die klassische Ökonomie und darüber, ob das Konzept des Gender Mainstreaming und das Gender Budgeting hier Abhilfe schaffen könnte.

In der Rubrik Diskussion behandeln wir zwei Themen: Im ersten Beitrag ein neues theoretisches Konzept des/der ArbeitskraftmanagerIn, welches von Gabriele Winker und Tanja Carstensen aus einer kritischen feministischen Auseinandersetzung mit dem von Voß und Pongratz entwickelten Typus des Arbeitskraftunternehmers konzipiert worden ist. Die Autorinnen zeigen auf, dass Eigenverantwortung und Selbststeuerung im Neoliberalismus nicht nur in der Erwerbsarbeit vom Arbeitskraftunternehmer verlangt wird, sondern auch in reproduktiver Arbeit. Aus dieser Erkenntnis entwickeln sie das Konzept der ArbeitskraftmanagerIn mit neuen Koordinierungsleistungen und Geschlechterarrangements, die sie abschließend an drei idealtypischen Familienformen diskutieren. Im zweiten Diskussionsbeitrag geht es um das Gender Budgeting als ein wichtiges Gleichstellungsinstrument bei der Mittelverteilung verschiedenster Finanzhaushalte. Deutschland ist bei der Umsetzung sicherlich kein Vorreiter. Umso mehr zu begrüßen ist deswegen ein Forschungsprojekt, das sich dem Gender Budgeting im Wissenschaftsbereich widmet. Andrea Rothe präsentiert in »Gender Budgeting an Universitäten« den Zwischenstand dieses europäischen Forschungsprojektes, das beispielhaft an den Universitäten Wien, Augsburg und Danzig untersucht, wie die Teilhabechancen von Frauen und die Mittelverteilung aussehen. Eine These, die Rothe in diesem Zusammenhang verfolgt, ist, dass Frauen bei informellen Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen eher benachteiligt werden als bei formal geregelten. Ziel ist es, auf der Grundlage dieser Untersuchung konkrete Indikatoren und Instrumente zu entwickeln, mit denen Gender Budgeting an Universitäten zukünftig verankert werden kann. In der Rubrik Außer der Reihe beschäftigt sich Susanne Lummerding in ihrem Text mit den Herstellungsprozessen von Identität. Sie analysiert aus kulturwissenschaftlicher Perspektive die Notwendigkeit eines »Anderen« für die Konstruktion eines »Selbst«. Lummerding beschreibt Geschlecht als exemplarischen Begriff, der zunächst ein »Anderes« behauptet, um dadurch ein scheinbar konsistentes »Selbst«zu kreieren. Diese Subjektposition wird erst durch den Differenzierungsprozess möglich:«Nur über die Konstruktion der Andersheit eines ›Anderen‹ kann ›Etwas‹ als existent argumentiert werden.« (S. 6) All das beschreibt Susanne Lummerding ausgehend von der These der grundsätzlichen Unmöglichkeit, Bedeutung und kohärente Identität auf der Ebene des Realen abschließend zu fixieren. In einem politischen Sinne von Verantwortung sind die Subjekte deshalb verpflichtet, ihre Möglichkeitsbedingungen verantwortungsvoll als das zu begreifen, was sie sind – Verhandlungspositionen.

Bilder der Fotografin Sibylle Bergemann werden von Helen Barr in Bilder undZeichen vorgestellt.

Die Rubrik Informationen beinhaltet neben mehreren Tagungsberichten diesmal auch eine Vorstellung der französischen Zeitschrift Travail, Genre et Sociétés, mit der die Feministischen Studien ein Austauschabo haben und – darauf möchten wir besonders hinweisen – eine kurze Darstellung des Harriet Taylor Mill-Instituts der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, das den Namen einer britischen Ökonomin aus dem 19. Jahrhundert trägt, die auch das Titelblatt dieser Ausgabe schmückt.Rezensionen runden, wie immer, das Heft ab.

                                         Claudia Gather, Friederike Maier, Mechthild Veil