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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Extra-Heft 2000 

EINLEITUNG

»In einer zivilisierten Gesellschaft ist der Mensch ständig und in hohem Maße auf die Mitarbeit und Hilfe anderer angewiesen, doch reicht sein ganzes Leben gerade aus, um die Freundschaft des einen oder anderen zu gewinnen« (Smith 1978, 16). Die wechselseitige Angewiesenheit der Menschen hat Adam Smith 1759 in seiner Theorie der ethischen Gefühle hervorgehoben, siebzehn Jahre bevor er in seinem Buch über den Wohlstand der Nationen die Arbeitsteilung in den Mittelpunkt stellte. »Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein« (Smith 1977, 1 ). Die Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, war für Smith die unabdingbare und selbstverständliche Basis des Zusammenhalts einer Gesellschaft. Nur für sich allein genommen - so Smith - würde diese Fähigkeit in einer hoch differenzierten Gesellschaft allerdings nicht ausreichen, der tatsächlichen Angewiesenheit auf Hilfe und Kooperation angemessen Rechnung zu tragen. Dort, wo weder gegenseitige Liebe und Zuneigung bestehen, noch wechselseitige Verpflichtungen und Dankbarkeit »kann die Gesellschaft doch noch durch eine Art kaufmännischen Austausches guter Dienste ... aufrecht erhalten werden« (Smith 1977, 128). Der Theoretiker der Arbeitsteilung ahnte wohl nicht, welche Folgen deren Entwicklung auf jene grundlegenden Möglichkeiten, »an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen«, haben würde.

Die Konzeption eines Gesellschaftsvertrages, in dem, wie bei Hobbes, »die Gesetze der bürgerlichen Obrigkeit« als letzter Maßstab »für das, was gerecht und ungerecht« ist, gelten, war Adam Smith fremd. Er kritisierte diese neue bürgerliche Konstruktion ebenso scharf wie das dazu gehörige Bild vom Individuum und die Lehren von ausschließlicher Selbstliebe (Smith 1977, 529). Dieses Modell mit seinen spezifischen Ausblendungen hat sich jedoch durchgesetzt, mit weitreichenden Folgen für ein hierarchisches Geschlechterverhältnis. Feministische Kritikerinnen der politischen Philosophie der Aufklärung dekonstruierten das klassische Modell des Gesellschaftsvertrages als eines, in dem Bürgerrechte als Männerrechte konstruiert und existentielle Abhängigkeiten und gefühlsmäßige Bindungen im Leben jedes Menschen ausgeblendet sind. Deren Bedeutung wurde immerhin soweit bedacht, daß sie in einer vorpolitischen Sphäre angesiedelt wurde, in der Frauen ihr Wesen treiben sollten. Tatsächlich ging die Herausbildung des bürgerlichen Individuums mit einer Familialisierung der (verheirateten) Frauen einher und mit der Aufteilung gesellschaftlicher Sphären in eine mit männlich kodierter außerhäuslicher Erwerbsarbeit und eine mit weiblich kodierter häuslicher Tätigkeit. Deren Ar- beitscharakter wurde durch die Ästhetisierung kaschiert und als Liebesdienst und wesenhaft weibliche Fürsorge zum emotionalen Rohstoff der Gesellschaft definiert.

Das männliche Modell des bürgerlichen Individuums hat im »Berufsmenschen« und im »Normalarbeiter« weitere funktionstüchtige Subtypen hervorgebracht. Sie sind mitsamt der kapitalistischen Industriegesellschaft, in der sie entstanden, vielfach kritisiert worden. Die Frauenforschung faßte ihre Kritik in der Perspektive der »geschlechtlichen Arbeitsteilung«. Doch dieses Konzept reicht nicht aus, um Interdependenzen und Machtverhältnisse im Geschlechterverhältnis und zwischen gesellschaftlichen Bereichen zu erfassen und über die Problematisierung der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit hinauszutreiben. Die theoretischen Diskussionen um »care«, um Fürsorge und Fürsorglichkeit, bieten dafür Ansätze, die sowohl die feministischen Fragen nach den Voraussetzungen der Arbeitsgesellschaft weiterführen, als auch gesellschaftstheoretische Perspektiven eröffnen. Die theoretischen Diskussionen in der Fürsorgeperspektive knüpfen an gesellschaftliche Entwicklungen an, in denen die Widersprüche und uneingestandenen Abhängigkeiten im überkommenen Modell von Autonomie und Unabhängigkeit sichtbar und individuell spürbar werden. Diese Widersprüche können den Blick auf Interdependenzen im Geschlechterverhältnis öffnen, die es politisch so zu gestalten gilt, daß sie nicht in einer Hierarchie kaltgestellt und kontrolliert werden.

Einige der Veränderungen, die im Zusammenhang mit der »Krise der Arbeitsgesellschaft« diskutiert werden, seien kurz skizziert: In den aktuellen Debatten über die Zukunftsentwicklung der alten Industriegesellschaften sind die sozialen Tatsachen einer ausgedehnten Kindheitsphase, einer eigenen Altersphase und die Wechselfälle im Leben von Menschen, die ihre Angewiesenheit auf Pflege und Zuwendung sinnfällig machen, zum gesellschaftspolitischen Thema geworden. Im starken Wandel der Relationen zwischen den Generationen werden die Grenzen der Individualisierung und die Eingebundenheit des eigenen Lebens in den sozialen Zusammenhang zwischen Jungen und Alten deutlich. Die affektgeladenen Diskussionen um einen »Generationenkonflikt« lassen sich nicht auf aushandelbare Interessengegensätze reduzieren und nach dem Modell eines »Generationenvernags« lösen. Sie verweisen vielmehr auf subjektive Ansprüche nach Respekt vor Verletzlichkeit und Bedürftigkeit und auf Ängste, den steigenden Anforderungen der Arbeitsmarkt-Individualisierung nicht gewachsen zu sein, oder um die Früchte dieser Anstrengungen betrogen zu werden.

Die traditionelle Stütze dieses Individualisierungsprozesses ist durch die veränderte Lebensführung von Frauen erschüttert. Viel mehr Frauen als noch vor fünfzig Jahren haben ein höheres Ausbildungsniveau, mehr Frauen, insbesondere Mütter, sind berufstätig. Waren 1975 in den 15 Mitgliedsländern der Europäischen Union durchschnittlich 35% aller Beschäftigten Frauen, waren es 1995 schon 42%. Wenn sich sowohl der Lebenslauf von Männern als auch der von Frauen am Arbeitsmarkt orientiert, erodieren kulturelle Institutionen im Bereich der Reproduktion, die in der Tradition der bürgerlich-industriellen Geschlechterordnung stehen und werden Interdependenzen im eigenen Leben - vor allem für Männer - wieder erfahrbar.

Zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen sind heute in der Bundesrepublik Deutschland in Dienstleistungen tätig. Die personennahen Dienstleistungen reichen weit in das Alltagsleben und die Art des Zusammenlebens von Menschen hinein. Wirtschaftspolitisch wird die Zunahme von Dienstleistungen als Reservoir ökonomischen Wachstums betrachtet. Doch die Frage, wie weit Aufgaben, die sich aus der existentiellen und alltäglichen Angewiesenheit von Menschen ergeben, überhaupt ökonomisiert werden können und sollen, wurde - nach den Diskussionen um die Hausarbeit und Kindererziehung in den siebziger Jahren - erneut gründlich gestellt.

Auf dem Arbeitsmarkt wird gegenwärtig die Bereitschaft zu individueller Flexibilität, Mobilität und Eigenverantwortung zur sozialen Tugend stilisiert. Formen der Beschäftigung in freier Mitarbeit und in befristeter, projektspezifischer Kooperation nehmen insbesondere in qualifizierten Berufen zu. Unter den Tendenzen ökonomischer Kurzfristigkeit wird es zur individuellen Aufgabe der Einzelnen, die fragmentierten Zeiten zu koordinieren. Die geforderte permanente Beweglichkeit läßt gleichsam im Gegenlicht die bisherigen Vor- aussetzungen für verläßliche, vertrauensvolle Beziehungen erkennen, die zuallererst ein stabiles Selbstgefühl vermitteln. Sie sind von Frauen und Männern unter Bedingungen biographischer Unsicherheit jenseits der traditionellen Arbeitsteilung in neuen Formen herzustellen.

Das Verhältnis von öffentlichen Tugenden und individuellen Bedürfnissen wird also mit neuem Akzent wieder zur politischen Frage. Verschiedene Stränge der Diskussion zur Überwindung der Geschlechterhierarchie und um die Anerkennung von Fürsorgebeziehungen als politische Gestaltungsperspektive kommen in diesem Heft zu Wort, um Interdependenzen zwischen sozialen Bereichen auszuleuchten. In den Auseinandersetzungen um die Neugestaltung von Arbeits- und Versorgungsverhältnissen hat die feministische Kritik die unbequeme Aufgabe, die Einsicht in die Komplexität sozialer Probleme dadurch zu vergrößern, daß sie die gängigen Begriffe des Sozialen und des Politischen und die materiellen Verhältnisse auf ihre unausgesprochenen Voraussetzungen im Geschlechterverhältnis abklopft. Sowohl in den Vorstellungen von Normalität wie in der Kritik daran ist das Geschlechterverhältnis in zählebige und zugleich schwer entwirrbare Deutungsmuster eingewoben. Die hegemonialen Bewertungen und die Herrschaftsmechanismen im Geschlechterverhältnis behindern oder verhindern die politische Einsicht, daß es darauf ankommt, aus den reflektierten Erfahrungen der Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen anerkennungswürdige und erstrebenswerte allgemeine Ziele und Kriterien für die politische Lebensgestaltung zu gewinnen.

In den Diskussionen um die mögliche Kohärenz demokratischer Gesellschaften, wenn die Berufstätigkeit ihre Funktion als stabiles soziales Korsett verliert, wird die Kommunikationsfähigkeit - der Austausch über Bedürfnisse und wechselseitige Unterstützung - von Menschen wieder hervorgehoben und nicht nur die Konflikt- und Durchsetzungsfähigkeit von Interessenvertretern. Die Perspektive der Fürsorglichkeit, die in diesem Heft in den Mittelpunkt gestellt wird, führt über die sozialpolitischen Überlegungen hinaus in einen ge- sellschaftstheoretischen Kontext. Fürsorgliche Praxis ist wesentlicher Bestandteil sozialer Praxis, die im Politischen nicht aufgeht. Die theoretischen Diskussionen um Care suchen einen Begriff von weiblicher Macht zu formulieren, der aus der Alltagspraxis von Frauen entwickelt wird und der sich einer umstandslosen Funktionalisierung für bloß pragmatische Lösungen der »Krise der Arbeitsgesellschaft« widersetzt. In den hier versammelten Beiträgen werden dazu verschieden akzentuierte Positionen eingenommen.

Sie lassen sich vier Themenbereichen zuordnen. Im ersten der vier Themenbereiche wird die Perspektive von Fürsorge als politischem Korrektiv entfaltet. Christel Eckart knüpft an eine Tradition feministischer Gesellschaftskritik an, welche Fürsorglichkeit, den Blick in die Nähe, zum Fokus hat und verlängert sie in die gegenwärtigen Diskussionen um neue soziale Zeitregelungen. Sowohl biographisch wie gesellschaftlich ist Zeit zum Sorgen eine Grundlage dafür, die Fähigkeiten zur sozialen Kommunikation, für Kritik und Widerstand zu entfalten. So von den Subjekten angefüllte Zeit wird den Maßstäben von Effizienz und unbegrenzter Beweglichkeit entgegengesetzt. Joarc Tronto geht in ihrem Beitrag Demokratie als fürsorgliche Praxis dem Problem nach, wie demokratische Gesellschaften Differenzen integrieren. Wenn fürsorgliche Praxis zur Leitorientierung einer wahrhaft inklusiven Demokratie wird, sind die asymmetrischen Beziehungen in dieser Praxis von den Hierarchien und Ungerechtigkeiten zu befreien. Demokratische Beziehungen werden so bestimmt, daß die Zielsetzung der Autonomie sowohl bei denen vorhanden ist, die Fürsorge empfangen, als auch bei denen, die sie geben. Margrit Brückner setzt in ihrem Beitrag zu Carework jenseits von Caritas an den politischen Zielsetzungen der Mädchen- und Frauenprojekte an und verbindet sie mit feministischen Ansätzen der Sozialstaatsanalyse. Die Autorin versucht einen Brückenschlag zwischen den verschiedenen Fürsorgetätigkeiten von Frauen in der Sozialarbeit und der Hausarbeit. Sie unterstützt die Bemühungen um die Neuformulierung von Arbeit als einer gesellschaftlichen Kategorie, in der die Tätigkeiten von Frauen umfassend eingeschlossen sind.

Die Beiträge im zweiten Themenbereich befassen sich mit Anerkehnungskämpfen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Kari Waerness verbindet im Rückblick auf ihre 20jährige Forschungspraxis in Norwegen theoretische und praktische Perspektiven in ihren Überlegungen zur Fürsorgerationalität. Sie versteht diesen Begriff als Ansatz zur theoretischen und politischen Sensibilisierung für die Kontexte von Fürsorge und zur präzisen Kritik an einer zunehmend an Effizienz und Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Pflegepraxis. Eva Senghaas-Knobloch weist in ihrem Beitrag Fairness und Fürsorglichkeit in Familie und Betrieb darauf hin, daß auch in den Hochbur- gen effizienten Wirtschaftens, den Industriebetrieben, das Handeln keineswegs allein an Nutzenmaximierung oder Effizienzsteigerung ausgerichtet ist. Am Beispiel von Frauen und Männern, die in der industriellen Automobilproduktion tätig sind, wird deutlich, daß sich die Auffassungen über das, was in Familie und Betrieb als guter Umgang gilt, nicht etwa diametral voneinander unterscheiden. Vielmehr wird gezeigt, daß es in der Familie als Sphäre der Fürsorglichkeit auch auf partizipativ entwickelte Fairnessregeln ankommt und im Betrieb bei aller Effizienzzielsetzung auch auf ein ausreichendes Maß von fürsorglicher Praxis. Susanne Stolt beschreibt in Grenzen der Emanzipation durch Arbeit die Anerkennungskämpfe ostdeutscher Frauen, die sich vor und nach dem gesellschaftspolitischen Umbruch von 1989 in ihrer Partnerschaft mit dem Problem auseinandersetzen, ihre Bedürfnisse und Wünsche nach fürsorglichen Beziehungen und Praktiken mit beruflicher Arbeit in Einklang zu bringen. Die Autorin interpretiert das Geschlechterarrangement dreier Ehepaare, die sich unter den neuen Verhältnissen in der Bundesrepublik neu orientieren müssen. Diese Neuorientierungen werden nicht als Verlustgeschichte, sondern als Konfliktgeschichte beschrieben, in der es um die Anerkennung von Fürsorgebedürfnissen geht.

Das Verhältnis von Tradition und Lebensentwürfen wird im dritten Themenbereich in zwei Beiträgen behandelt, in denen vermeintlich traditionelle Bindungsorientierungen von Frauen als Movens für deren eigensinnige und selbstbewußte Lebensgestaltung dargestellt werden. In der Form eines soziologischen Porträts aus einer Schweizer Studie schildert Caroline Bühler die Emanzipati onsgeschichte der Luise Kern, einer Frau bäuerlicher Herkunft, und welche Rolle darin ihre Deutungsmuster: »Man profitiert, wenn die Leute dankbar sind« und ihre Orientierungen an gegenseitigen Verpflichtungsverhältnissen spielen. Ursula Apitzsch entwickelt in Auseinandersetzung mit Ansätzen der soziologischen Biographieforschung das Konzept der »reflexiven Traditionalität«. In ihrem Beitrag Biographische »Unordnung« und »Caring Work« untersucht sie in den Erzählungen von drei Migrantinnen die Dynamik, die familiale Einbindung und die Orientierung an Fürsorgearbeit in den Motiven dieser Frauen zur Migration.

Im letzten Teil zur Arbeit in der Zukunftskommission untersucht Mechthild Veil, wie im Bericht der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission zur »Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland« der Geschlechterkonflikt in der Arbeit nur einseitig analysiert wird. Die durch ein gewandeltes Erwerbsverhalten von Frauen, insbesondere von Müttern, implizierten soziokulturellen Veränderungen werden in den Konzepten der Kommission nicht als Herausforderung für eine neue Geschlechterordnung aufgegriffen oder gar weiterentwickelt.

Wir wollen mit diesem Heft diese Herausforderungen beschreiben und zu kreativen Lösungen beitragen. Einige der Beiträge entstanden im Zusammenhang des Symposions »Fürsorglichkeit und Autonomie. Soziale Praxis von Frauen und der Kitt demokrati-scher Gesellschaften«, das im November 1998 an der Universität Gesamthochschule Kassel stattgefunden hat. Es wurde im Rahmen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Frauenforschung von Christel Eckart und Birgit Jansen organisiert, in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, vertreten durch Mechtild M. Jansen.

Christel Eckart und Eva Senghaas-Knobloch

Literatur Adam Smith (1977): Theorie der ethischen Gefühle. Hamburg. Adam Smith (1978): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München.