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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2002 

EINLEITUNG

Dies ist das erste Heft, das beim neuenVerlag der Feministischen Studien, bei der Verlagsgesellschaft Lucius & Lucius erscheint. Wir freuen uns, einen kompetenten Partner gefunden zu haben und hoffen auf viele Jahre erfolgreicher und guter Zusammenarbeit.

Der Zugang von Frauen in die »Männerfestung Universität« erfolgte in Deutschland um die Wende zum 20. Jahrhundert; zuerst an vielen Universitäten als Gasthörerinnen, später auch als immatrikulierte Studierende. Der Beginn.des Jahrhunderts hat den Frauen die Zulassung zum Studium gebracht, ihr Einzug in die Alma Mater war ohne jeden Zweifel eine lang ersehnte und ganz wesentliche Befreiung für die Frauen. Am Ende des 20. Jahrhunderts kann jedoch von einer Gleichstellung in den Universitäten nicht immer die Rede sein. Die Ungleichheit bezieht sich heute nicht mehr auf den Zugang, sondern auf die erreichten Abschlüsse und insbesondere auf die Stellenbesetzungen. Formale Barrieren sind gefallen, doch die Benachteiligung der Frauen in den Universitäten ist dadurch nicht hinfällig geworden. Es entstanden vielmehr neue, weitgehend unsichtbare - da nicht mehr formale - Mechanismen und Barrieren, die den Aufstieg der Frauen in dieser Institution, wenn auch nicht ganz verhindert, so doch deutlich gebremst haben. Das letzte Jahrhundert ist für Frauen in den Universitäten ein Jahrhundert der verhinderten Aufstiege und der vertikalen Ungleichheit: Je höher das erreichte Qualifikationsniveau und je höher die Eingruppierung, umso geringer ist der Frauenanteil. Das ist für uns der Anlass, in diesem Heft einen Schwerpunkt auf den Zugang zu dieser geschüzten Bastion »Professor« zu legen. Die unsichtbaren Mechanismen und Barrieren, die den Aufstieg von Frauen bremsen und erschweren, werden in diesem Heft untersucht und an Einzelbeispielen verdeutlicht.

In den ersten drei - historischen - Beiträgen geht es um die Chancen und Behinderungen von Wissenschaftlerinnen vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Christine von Oertzen untersucht am Beispiel der Altgermanistin Luise Berthold (1892-1983) die wissenschaftliche Karriere einer Frau der ersten Generation von Hochschullehrerinnen in Deutschland. An ihrem Fall werden »all diejenigen Verhinderungen, Erschwernisse und Frustrationen deutlich, welche diese erste Generation von Professorinnen erwartete, wenn sie sich auf das Wagnis einließ, einen Platz unter Deutschlands Professorenschaft zu beanspruchen«. Unter diesen Bedingungen konnte die erste Generation, so die These v. Oertzens, schwerlich für die nächste Generation von Studentinnen in den 1950er Jahren die so wichtige Vorbildfunktion darstellen.

Ilse Costas und Bettina Roß befassen sich in ihrem Beitrag mit der Universität Göttingen, die als Beispiel für die »besonders hinderlichen professionspolitischen« Bedingungen in Deutschland ausgewählt wurde. Sie präsentieren Zahlenmaterial über die ersten weiblichen Gasthörerinnen (ab 1896), die Studierenden (ab 1908/9), sowie die ersten weiblichen Beschäftigten. Diese weibliche Studentenschaft war international. Die ersten Hörerinnen waren Russinnen, Amerikanerinnen, Engländerinnen und Deutsche. Die Autorinnen zeigen, dass die Frauen in beeindruckender Zahl mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer studierten und darin auch promovierten und habilitierten. Erst nach 1933 nahm die Wahl der weiblich konnotierten Fächer stetig zu.

Die Habilitationschancen von Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus sind das Thema des Beitrags von Stefanie Marggraf: An den Universitäten Berlin und Jena waren sie extrem unterschiedlich. Marggraf untersucht die Gründe hierfur. Die Chancen wurden weniger durch die Disziplinen bestimmt, so ihre These, als durch die inneruniversitären Haltungen und die Politik der Kultusministerien. In der Weimarer Zeit lassen sich die guten Chancen für Frauen in Berlin und die schlechten in Jena im Wesentlichen auf inneruniversitäre Faktoren zurückführen. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten war zweifellos eine Zäsur, doch Marggraf zeigt auch die Kontinuitäten. Trotz aller im Nationalsozialismus vermehrten staatlichen Reglementierung bleiben die Chancen für Frauen in Berlin durchgehend besser als in Jena.

Gegen die Unterrepräsentanz von Frauen in den Universitäten wurden in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts auf Basis des Bundesgleichbehandlungsgesetzes in den Universitäten und Hochschulen u.a. Frauenförderpläne entwickelt, institutionalisiert und Stellen für Frauenbeauftragte geschaffen sowie Hochschulsonderprogramme eingerichtet. Diese erheblichen Anstrengungen haben nur wenig verändert. Die Instrumente scheinen in Bezug auf die Stellenbesetzungen in den höchsten Positionen stumpf zu sein. An den Verfahren und der Zusammensetzung von Entscheidungsgremien hat sich überwiegend nichts geändert. Auch die so wichtige Einrichtung der Frauenbeauftragten (die häufig Anwesenheits-, kein Stimm- aber ein aufschiebendes Vetorecht in Berufungskommissionen haben) hat die Situation noch nicht grundsätzlich ändern können. Ohne noch weitere, tiefergreifende Maßnahmen können Frauen die potenziellen Chancen, die durch den anstehenden Generationenwechsel und die sich daraus ergebenden Neubesetzungen von Professuren an den Universitäten ergeben, möglicherveise nicht in größerem Umfang als bisher nutzen (1999 betrug der Frauenanteil an den Berufungen 14,4%, 1997 waren es 15,7%).

Früher als im Westen entwickelte sich eine von »oben« verordnete Frauenförderpolitik in der DDR. Bärbel Maul befasst sich in ihrem Beitrag mit dieser Frauenförderpolitik an den Hochschulen der DDR in den 1960er Jahren. Die Autorin zeigt, dass die Umwandlung der Vorgaben des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen in Frauenförderungspläne an den Hochschulen nur halbherzig verfolgt wird. DieseVerweigerung ruft dann wiederum die Entwicklung weiterer »Pläne« (dies macht den Beitrag auch zu einem interessanten Einblick in die »Plan«-Wirtschaft des DDR Systems) und auch Kontrollen, jedoch wenig tatsächliche Veränderungen hervor.

Frauenforschung, die im Zuge der Frauenbewegung zuerst außerhalb der Universitäten begann, zog in den 1980er Jahren in Großbritannien und Deutschland in die Alma Mater ein. Sie wurde in beiden Ländern jedoch in höchst unterschiedlichen Phasen und Formen institutionalisiert.

Gabriele Griffin zeichnet die Entwicklung und Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung in Großbritannien nach. »Women´s Studies« wurden dort als eigenständiges Studienfach schnell und vielerorts ab Ende der 1970er Jahre an den Hochschulen eingerichtet. In den 1990erJahren läutete die Schließung vieler Studiengänge zwar den Niedergang von Women´s Studies ein, jedoch konnte sich die Frauenforschung nun innerhalb einzelner Fächer etablieren. Gabriele Griffin beschreibt die Strukturentwicklungen und Formalisierungsverfahren und diskutiert die verschiedenen Gründe und Hintergründe für die Marginalisierung von Women's' Studies in der britischen Wissenschaftslandschaft. Sie nennt als einen wichtigen Grund, dass feministische Wissenschaftlerinnen aufgrund der geringen personalen Kapazitäten imVerhältnis zur enormen Expansion der Women´s Studies-Kurse überfordert waren und es versäumt haben, sich fur eine Institutionalisierung als Disziplin stark zu machen.

In der Rubrik Diskussionen thematisiert Karin Hausen den ·neuen Jugendlichkeitskult« in der Wissenschaft, der durch die Hochschulreform der Ministerin Bulmahn und die Einführung der sogenannten »Juniorprofessuren« Einzug hält.

Im Berichtsteil gibt Ulla Bock für Deutschland einen systematischen Überblick über die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung an Universitäten und Gesamthochschulen. Sie benennt die verschiedenen Instrumente, Programme und Formen der Frauen- und Geschlechterforschung in den einzelnen Universitäten. Möglicherweise sind wir in Deutschland auf dem Weg zu einer »Disziplinwerdung« der Frauen- und Geschlechterforschung, wie Ulla Bock andeutet.

Allerneueste Entwicklungen und vielleicht auch zukünftige Tendenzen werden mit Hilfe derVirtuellen Internationalen Frauenuniversität (vifu) dargestellt. Die vifu ist der virtuelle Teil der ifu (Internationale Frauen Universität (s. dazu den Beitrag von Madew, Kreutzner, Othmer und Loreck in Heft 1/2001). Heidi Schelhowe zeigt, dass Feministinnen diese Technik für ihre eigenen Interessen nutzen können.Wichtig sei hierfür die partizipative Softwareentwicklung und Offenheit für Veränderungen. Die Chance dieser Technologie sieht die Autorin vor allem in der Interaktivität des Mediums. Das vifu-Projekt verdeutlicht die längst noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der internationalen Kommunikation für Feministinnen.

Einen weiteren wichtigen Beitrag zum Schwerpunktthema bietet in diesem Heft die relativ neue Rubrik Literaturbericht. Gunilla-Friederike Budde gibt hier einen umfassenden Überblick über Forschungsschwerpunkte, -tendenzen und -thesen zu Frauen an deutschen Universitäten des 20. Jahrhunderts. Relativ viele der vorliegenden Studien befassen sich mit der Pionierzeit und der Weimarer Zeit und enden mit dem Beginn des Nationalsozialismus. Zu wenig untersucht ist die historische Zäsur der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 und das Ende des Regimes 1945 in Bezug auf Kontinuitäten und Brüche für Frauen an den Universitäten. Auch für die Zeit von 1945 bis 1975 stellt die Autorin vor allem für die Situation in der Bundesrepublik eine Forschungslücke fest. Notwendig seien deutsch-deutsche Studien, die vergleichend untersuchen, wie es Frauen an den Universitäten in Ost und West in der Nachkriegszeit ergangen sei, sowie Studien, die vergleichend über den »europäischen Tellerrand« hinausblicken.

Das Bild auf dem Umschlagtitel des Heftes gehört zu den »Infantinnen« Bildern im Heftinneren, es zeigt die Gesichter, die bei den anderen Bildern ausgespart sind. In der Rubrik Bilder und Zeichen stellt Salome Goldmund Arbeiten der Malerin Maria Lie-Steiner vor. Die Bilder werden untermalt und kommentiert durch Figurengedichte von Saviana Stanescu, einer Freundin der Malerin.

Im Informationsteil wird weiter über vier wissenschaftliche Veranstaltungen berichtet: Katrin Schäfgen informiert über den Kongress Changing Work and Life Patterns in Western Industrial Societies, Rosa Maria Jimenez Laux beschreibt die Tagung: Haushaltsarbeit als Erwerbsarbeit, Kristina Hackmann berichtet über die Konferenz Societies in Transition - Challenges to Women´s- and Gender Studies und Marianne Schmidbaur schreibt über das internationale Symposium Erfahrungen des Selbst - Kulturen des Widerspruchs.

Gabriele Kreutzner schließlich stellt das Projekt VINGS (Virtual International Gender Studies) vor, das in Kooperation von feministischen Sozialwissenschaftlerinnen der Universität Bielefeld, der Fernuniversität Hagen, der Universität Bochum und der Universität Hannover entstanden ist. Bereits im Sommersemester 2002 soll hier der virtuelle Lehrbetrieb beginnen.

Wir freuen uns, dass wie auch dieses Heft wieder mit vielen Rezensionen abrunden können.

Herzlich danken möchten wir Lena Schürmann und Susanne Froböse für ihre Unterstützung und Mitarbeit bei der Zusammenstellung und bei der Redaktion dieses Heftes.

Claudia Gather und Karin Hausen

Vor 20 Jahren, am 1. November 1982, erschien das erste Heft der Feministischen Studien. Diesen Anlass möchten wir zur Reflexion und auch zum Feiern nutzen. Für den 16. November 2002 plant der Förderverein der Feministischen Studien gemeinsam mit den Herausgeberinnen eine Tagung, auf der eine Zwischenbilanz gezogen und Perspektiven diskutiert werden sollen.Wir laden hierzu diejenigen, die die Zeitschrift lesen, die sie gegründet und die sie ehrenamtlich produzieren und produziert haben, herzlich zu der Tagung in Hannover und zum Fest am Abend ein. Das Programm und Informationen zur Anmeldung finden Sie unter der Rubrik In eigener Sache auf den letzten Seiten dieses Heftes.