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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2003 

EINLEITUNG

Dieses Schwerpunktheft widmet sich den Geschlechterpolitiken in einem einzelnen Land, Frankreich. Wir möchten mit diesem Heft einen ersten Einblick in Debatten französischer Feministinnen geben und aktuelle Diskussionen, wie die zu dem umstrittenen Paritätengesetz, vorstellen, die in Deutschland erstaunlicherweise (noch) wenig rezipiert werden. Diese im Vergleich zur angelsächsischen und skandinavischen Forschung geringe Kenntnisnahme französischer Debatten hier zu Lande ist um so erstaunlicher, als die französische Perspektive auf durchaus vergleichbare Probleme Einsichten vermitteln kann, die nicht nur zum besseren Verständnis des »Anderen« beitragen, sondern durch die Distanz ebenfalls einen anderen Blick auf das »Eigene« ermöglichen.

Frankreich ist ein Land, das mit sehr ähnlichen ökonomischen Voraussetzungen wie Deutschland auf der Grundlage anderer politischer Traditionen für Frauen und Familien Politiken entwickelt hat, die dazu geführt haben, dass Berufstätigkeit für Frauen, und zwar in Vollzeit, die Normalität ist, dass Kinder für Frauen kein Karrierehindernis darstellen, dass es in hochqualifizierten wissenschaftlichen und technischen Berufen in relevantem Umfang Frauen gibt.Mit einem, wenn auch mosaikartigem, Länderportrait wollen wir einen Einblick in »französische Zustände« geben, den grenzüberschreitenden Austausch erleichtern und Chancen eröffnen, von unseren französischen Nachbarinnen zu lernen. Der Band ist so aufgebaut, dass er im Hauptteil mit drei Beiträgen die Themenfelder Frauenenverbstätigkeit, Kleinkindbetreuung und die Partnerschaftsbeziehungen bei »Karrierefrauen« behandelt, im Diskussionsteil die aktuelle Kontroverse um das Paritätengesetz und zur Geschlechterparität aufnimmt und im Dokumentationsteil eine ebenfalls aktuelle Kontroverse über das gerade ins Deutsche übersetzte Buch von Pierre Bourdieu, »Die männliche Herrschaft«, wiedergibt.

Der Beitrag von Margaret Maruani, im Hauptteil, behandelt die empirisch bekannte Tasache einer steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen seit den 1960er Jahren in Frankreich auf verschiedenen Ebenen: als Verschiebung sozialer Normen und als neue Selbstverständlichkeit einerseits und als widersprüchliche Entwicklung, die sich zum Teil als mentale Zumutungen gegenüber berufsorientierten Frauen äußern, andererseits. Die Autorin zeigt diese Zumutungen an mehreren markanten Beispielen, z.B. anhand der Akzeptanz der Überpräsentanz von Frauen in der Arbeitslosigkeit und an der Funktion von Teilzeitarbeit, die in Frankreich eher als Unterbeschäftigung und als Instrument zur Prekarisierung von Arbeit denn als eine Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesehen wird. Sie »führt vor«, wie in sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, in der Statistik und in alltäglichen Auffassungen immer noch unterschiedliche Standards und Bewertungen an männliche und weibliche Erwerbsbeteiligung, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung angelegt werden. Auch hier fällt der Unterschied zu Deutschland ins Auge, der die Kritikfolie dieses Heftes bildet: Während in Deutschland Teilzeitarbeit für viele Frauen überhaupt erst den Weg in die Erwerbstätigkeit bedeutete und zu einem großen Teil freigewählt ausgeübt wird, stellt sie in Frankreich vor dem Hintergrund der seit langem existierenden und befürworteten Normalität von Vollzeitarbeit für Frauen (und Mütter) ein i.d.R. unfreiwilliges Herausgedrängtwerden der Frauen aus dem Erwerbsleben dar.

Jeanne Fagnani und Marie Therese Letablier untersuchen in ihrem Artikel die Politik der Kleinkindbetreuung unter dem Aspekt, inwieweit veränderte Anforderungen des Arbeitsmarktes, eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Einstellungsänderungen der Eltern die Angebote öffentlicher Kinderbetreuung beeinflussen. Der Artikel geht nicht nur auf die Betreuungsstrukturen und Familienprogramme ein, sondern auch auf die unterschiedliche Interessenslage der politischen Akteure, die sich in teilweise kontroversen Diskursen äußern. Die Argumentation entwickelt sich entlang zweier für die französische Familienpolitik wesentlicher Diskurse, dem der »Philosophie der freien Wahl« (zwischen Beruf und Familie sowie zwischen unterschiedlichen Angeboten) und dem des »Gebots der Schaffung von Arbeitsplätzen« (durch Ausbau privater Betreuungseinrichtungen). Anhand der familienpolitischen Programme seit den 1980er-Jahren zeichnen die Autorinnen unter diesen Aspekten die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen (Kinderkrippen) und der staatlich geförderten privaten Angebote (Tagesmütrer) nach, indem sie die unterschiedlichen Zielgruppen und deren Bedürfnisse im Auge haben. Sie arbeiten heraus, wie die Betreuungsformen (öffentliche-private Einrichtungen) auf soziale und regionale Ungleichheiten zurückwirken und wie durch berufliche Zwänge (lange Arbeitszeiten leitender Angestellter, der sogenannten cadres und fragmentierte Arbeitszeiten geringqualifizierter Beschäftigter) die Nachfrage nach privaten, individuell zu gestaltenden Betreuungseinrichtungen wächst, deren Inanspruchnahme trotz staatlicher Förderung jedoch an schichtspezifische Grenzen stößt. Dabei müssen wir immer bedenken, dass eine solche Kritik auf der Basis von existierenden familienpolitischen Institutionen, insbesondere der Kinderbetreuung, geäußert wird, von denen wir in Deutschland nur träumen können: kostenlose Ganztagsvorschulen ab drei, vielfach schon zwei Jahren, ein System von Ganztagskinderkrippen für einen beträchtlichen Teil der unter Dreijährigen, u.s.w. Der Artikel gibt einen guten Überblick über die familienpolitischen Pro- gramme in Frankreich, der für Frankreichforscherinnen wie auch für Frauen- und Familienpolitikerinnen sehr nützlich sein kann. Die Einschätzung der Autorinnen der gegenwärtigen Familienpolitik ist äußerst kritisch. Ihrer Meinung nach laufe diese Gefahr, sich den Anforderungen des Marktes (nach mehr Zeitflexibilisierung) zu unterwerfen, die eigentlich mit Familienleben nicht vereinbar seien.

Im Beitrag von Catherine Marry werden am Beispiel der Absolventinnen und Absolventen der Ecole Polytechnique, der französischen Elitehochschule für Ingenieurwesen, Konstanten und Veränderungen im Geschlechterverhältnis bei Hochqualifizierten in einem auch in Frankreich für Frauen untypischen Berufszweig beleuchtet. Auf Grundlage einer Befragung von AbsolventInnen der Zulassungsjahrgänge 1972 bis 1990 werden drei Theorien zur Beurteilung partnerschaftlicher Regelungen bezüglich der Aufteilung der Hausarbeit und der Organisation der Berufstätigkeit beider Partner diskutlert: die traditionelle These der Familienforschung von der harmonischen Komplementarität zwischen männlichem Alleinernährer und für Hausarbeit und Kinder zuständiger Ehefrau; die Gegenthese von der Dissonanz aufgrund der vom Mann dominierten Machtkonstellahon der Partnerschaft und die These von den Alltagsinteraktionen in Partnerschaften als Aushandlungsprozessen zwischen Selbstverwirklichungsansprüchen, gegenseitigem Unterstützungsbemühen und tradierten Geschlechtsrollenvorstellungen, die i.d.R. in männlicher Dominanz münden, sich darauf aber nicht reduzieren lassen. Die dritte These wird am Beispiel der Absolventinnen der Ecole Polytechnique exemplifiziert: Letztere nahm 1972 erstmals Frauen auf, die 2% des Jahrgangs ausmachten, 1994 waren es immerhin schon 14% (also Wandel und ein imVergleich zu Deutschland bemerkenswert hoher Anteil von Frauen). Der Artikel veranschaulicht am Beispiel hoch qualifizierter Frauen und Männer aus einem frauenuntypischen Berufszweig, dem Ingenieunvesen, die Besonderheiten Frankreichs in Bezug auf den Zugang von Frauen zu solchen Berufen, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, den Wandel hin zu mehr Egalität in Partnerschaftsbeziehungen unter Hochqualifizierten bei gleichzeitigem Beharrungsvermögen der männlichen Dominanz sowie alltäglichen Schwierigkeiten, halbwegs egalitäre Arrangements der Beteiligten zwischen Beruf, Liebe, Kindern und Selbstverwirklichung zustande zu bringen.

Im Diskussionsteil wird dann das in Deutschland noch recht unbekannte französische Paritätengesetz vorgestellt. Nach einem knappen Überblick über die Fakten bezüglich Inhalt, Einstellungen und ersten Auswirkungen des Gesetzes, dargestellt von Jutta Hegenhan, diskutiert Brigitte Rauschenbach in ihrem Essay die Gründe für die mangelnde Berichterstattung in Deutschland über dieses Gesetz. Sie hebt die unterschiedlichen Politikauffassungen in Frankreich und Deutschland hervor, die der Parität und der Quote als politischen Instrumenten zugrunde liegen, sowie die französische Vorliebe für gesetzliche Regelungen im Vergleich zur deutschen für Selbstverpflichtung.

Geneviève Fraisse reflektiert die in den aktuellen politischen Debatten benutzten Argumente für und gegen die Geschlechterparität in Frankreich philosophisch-historisch. Die Autorin schildert zunächst die »querelle de femmes« (den Begriff bezieht sie auf die vergangenen Jahrhunderte) um das Gleichheitsprinzip in der Geschichte der Frauenkämpfe, die ihre volle Bedeutung durch das Maß der Gleichheit erhält. Der Streit um Werte wich dem Prozess der Kritik an männlicher Herrschaft und dem Widerstand der Frauen.Verengungen sieht die Autorin auch in der häufig anzutreffenden Haltung, das Gleichheitsprinzip werde es schon richten. Gegenwärtig seien wir mit dem demokratischen Prozedere in der Zeit der Kontroverse angekommen, aus denen die Debatten über die Parität hervorgegangen sind. Mit den Paritätsdebatten findet der Streit nun unter Frauen statt. Die unterschiedlichen Kontroversen werden gebündelt in drei »Runden« erörtert. Die Argumente der ersten Runde drehen sich um Natürlichkeit und Universalität. Drei Überlegungen stehen dabei einer Geschlechterpolitik im Wege: Die Leugnung der Ungleicheit zwischen Männern und Frauen, der angeblich natürliche Fortschritt in der Geschlechtergleichheit und die Maskierung der Komplizenschaft zwischen Allgemeinheit und Herrschaft. In der zweiten Runde der Kontroverse geht es um das Wort Parität als Prinzip, Begriff und Werkzeug. Nur durch das neue Wort Parität (statt Feminismus) konnte in Frankreich die Gleichheit der Geschlechter zu einem bedeutenden politischen Thema werden. Parität isch kein neues Prinzip alternativ zur Cleichheit, sondern ein Werkzeug zur Herstellung von Gleichheit, dessen Macht in den Adjektiven, »politische«, »sprachliche« und »häusliche« Parität zum Ausdruck kommt. Die dritten Runde der Kontroverse zeigt, dass sich in der Paritätsbewegung zwei Traditionslinien überschneiden, die der universalistischen Menschenrechte (wofür Gesetze notwendig sind) und die utopistische der Gleichwertigkeit beider Geschlechter (sie imaginiert eilne neue Welt). Abschließende Reflexionen beschäftigen sich mit Widersprüchen, die mit der Paritätsbewegung verbundenen sind: Parität ist keine identitätspolitische Forderung, jedoch eine Konkretisierung des Universellen, die Anerkennung des Geschlechtlichen im politischen Raum, gleichzeitig aber eine De-Thematisierung der Kategorie Geschlecht. Der Essay gibt einen guten Einblick in eines der wesentlichen aktuellen Themen der Geschlechtergleichheit in Frankreich. Die historische Einbettung der Kontroversen in den französischen Kontext erleichtert es deutschsprachigen Leserinnen, zu vestehen, warum der Geschlechterstreit unter Frauen in dieser Frage so heftig geführt wird.

Im Dokumentationsteil schließlich wird eine aktuelle theoretische Debatte unter FermnistInnen über das Buch von Pierre Bourdieu, »La Domination masculine« (»Die männliche Herrschaft«) dokumentiert. Die französische feministische Zeitschrift, »Travail, Genre et Sociétés« (»Arbeit, Geschlecht und Gesellschaften«) hat uns freundlichenveise die in ihr geführte Kontroverse dazu zwischen Michelle Perrot, der Historikerin einer Geschichtsschreibung der Frauen in Frankreich,Yves Sintomer, Marie Duru-Bellat, Beate Krais und Pierre Bourdieu überlassen, die wir mit ein paar Kürzungen abdrucken und wofür wir uns hier herzlich bedanken möchten. Für die deutschen Leserinnen ergibt sich ein interessanter Einblick in eine in Frankreich geführte Debatte um männliche Herrschaft, weibliche Unterdrückung und Komplizenschaft, das Verhältnis von Stabilität und Wandel solcher Herrschaftsverhältnisse und den Anteil, den der Habitus als körpergewordene Verinnerlichung von Herrschaftsstrukturen daran hat, interessant auch in Hinblick auf die lang erwartete und für Juni 2002 angekündigte deutscheVeröffentlichung des Buches.

In Außer der Reihe haben wir einen Beitrag von Christine Morgenroth abgedruckt, der sich mit »Pränataldiagnostik als Eingriff in das subjektive Schwangerschaftserleben« befasst. Dieser Beitrag zur Kontroverse um die Reproduktionstechnologie wird durch einen eher die subjektive Seite betonende Aufsatz von Marion Baldus ergänzt, der mit der flächendeckenden Anwendung eines computergestützten Screening-Programms in Deutschland eine neue Dimension der pränatalen Suche nach Behinderungen erreicht sieht.

Zum Schluss möchten wir noch auf ein wesentliches Ereignis hinweisen: Die Feministischen Studien werden 20 Jahre alt und die Redaktion feiert dieses Jubiläum am 16. November 2002 im Leineschloss in Hannover. Wir drucken in diesem Heft eine Rückschau auf die Geschichte der Zeitschrift von Ulla Wischermann ab. Mechthild Veil hat aus alten Fotos Collagen über derzeitige und ehemalige Redakteurinnen beigesteuert.

Den Abschluss des Heftes bilden, wie immer, Rezensionen, die Bücher über ein weites Spektrum von Frauenfragen, von der Alltagskultur über die Sozialpolitik, Soziologie, Kommunikationswissenschaften bis zur Philosophie, zum Gegenstand haben.

Wir möchten uns abschließend besonders bei der Französischen Botschaft und der Friedrich Ebert Stiftung bedanken, die durch finanzielle Zuschüsse zu den Übersetzungen zum Erscheinen dieses Heftes beigetragen haben. Desgleichen gilt unser Dank auch der und den ÜbersetzerInnen, Regine Othmer, Rolf Schubert und Franz Hector.

Margareta Steinrücke und Mechthild Veil