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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 November 2004 

EINLEITUNG

Im Zentrum dieses Bandes stehen Autorinnen der Moderne, deren Werk ganz oder z.T. in Vergessenheit geraten ist. Ihre literarischen Texte und theoretischen Reflexionen, ihre Rezeptionen und ihre Marginalisierung werden einer kritischen Revision unterzogen. Es geht uns darum, diese Stimmen vernehmbar zu machen, ihre Texte und Themen, politischen Positionen und ästhetischen Verfahren zu analysieren und ihre Stellung in der Literaturtradition neu zu bestimmen.
Die herkömmliche Literaturgeschichtsschreibung hat die klassische Moderne vornehmlich auf männliche, einen experimentellen Schreibstil bevorzugende Autoren festgelegt. Ein relativ klar umrissener Kanon wurde in Forschung und Lehre gepflegt. Damit setzte sich eine Sicht der Moderne aus dem 19. Jahrhundert fort, die dem selbsreferentiellen, experimentellen männlich-modernistischen Kunstwerk eine inferiore, weniger originelle weibliche Massenkultur entgegensetzte. Modernismus und Massenkultur wurden mit geschlechterseparierenden Konnotationen aufgeladen. Diese Ausblendung und Abwertung der Arbeiten von weiblichen Autoren stellt sich unser Projekt entgegen. Dabei können wir uns auf bereits geleistete Arbeiten der feministischen Literaturwissenschaft beziehen, die auf die blinden Stellen der Modernismus-Forschung hingewiesen und sich um eine Kanonerweiterung verdient gemacht haben.
In den Studien, die aus feministischer Sicht Nachträge zum Kanon geliefert oder die Schieflage der Literaturgeschichtsschreibung korrigiert haben, herrscht Uneinigkeit über die Breite des zu betrachtenden Gebietes. Die meisten widmen sich solchen vergessenen Autorinnen, die explizit feministische Anliegen vertraten, und nehmen daher nur wenige Autorinnen erneut in den Blick. Andere betrachten ein weites Feld weiblicher Schriftstellerinnen, wobei die Gefahr groß ist, daß alle vergessenen Autorinnen nachträglich zu Feministinnen erklärt werden. Jede Kritikerin weiß, wie verlockend es sein kann, einer Autorin das Etikett »subversiv« anzuheften, mit dem man sie heutzutage in den Olymp der Relevanz heben kann. Setzt man sich kritisch mit den Leistungen der Autorinnen auseinander, so läuft man Gefahr, ihnen nicht die Anerkennung zu verschaffen, die man ihnen gerade wünscht. Die besten Intentionen können so leicht zu einer wiederum reduktiven Sichtweise mit umgekehrtem Vorzeichen führen. Unsere Initiative zu einer Kanonerweiterung will dagegen Ausschlusskompensation nicht partout mit Umdeutung im feministischen Sinne gleichsetzen, sie schließt Vertreterinnen ganz unterschiedlicher ideologischer Standpunkte ein.
Vielfach ist beim Wiederentdecken von Autorinnen das politische Engagement überbetont und die literaturästhetische Wertung vernachlässigt worden. Im Versuch solche Wertungsprobleme zu umgehen, verlegen sich manche feministischen Studien auf einen neo-biographischen Ansatz, der von einer kulturwissenschaftlich-politischen Sichtweise des Privaten motiviert, aber nicht wirklich geeignet ist, eine Marginalisierung aufzuheben, sondern eher unwillentlich Zweifel an der künstlerischen Leistung der Autorinnen verstärkt. Unsere Wiederentdeckungen wollen die als künstlerische Mängel diskreditierten Schreibstile, wie z.B. pamphletartig vorgetragene Anliegen oder sentimentale Konzessionen an den Zeitgeschmack, nicht verschweigen, ein offenerer Blick förder jedoch auch einen bisher verkannten Facettenreichtum zutage: Alternative Zielvorstellungen einer rationalen, voluntaristisch und moralisch konturierten neuen Weiblichkeit werden - entgegen landläufigen Vorurteilen - durchaus mit interessanten formalen Experimenten kombiniert.
Die Literatur, die wir in den Blick nehmen, beginnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Debatten um die Neue Frau in der europäischen Literatur reagierten auf die Frauenbewegung und die heftige Diskussion der Frauenfrage. Frauen konzentrierten sich im Gegensatz zur kanonisierten (Früh)Moderne auf erzählerische Genres, hauptsächlich auf den Roman, aber auch vielfach auf das als künstlerisch anspruchslos abgewertete Genre Short Story. Deshalb legen wir in unserem Band auch den Schwerpunkt auf narrative Literatur als für Frauen wichtigem Forum für Weiblichkeitskonzepte, die sie oftmals in kontrastierenden Frauenfiguren verkörperten. Die Erzählliteratur war geeignet, ein Bild der Frau zu zeichnen, das durch Intelligenz und Durchsetzungsvermögen von dem des traditionellen häuslichen Ideals abwich. Die narrative Form wurde aber auch genutzt, um die Grenzen realistischer Erzählkonventionen in Frage zu stellen, wozu die populäre Fantastik ebenso diente wie die zunehmend signifikante Relativierung der Erzählperspektive.
Die Krise der Geschlechterzuschreibungen und der Weiblichkeitsentwürfe am Ende des 19. Jahrhunderts wurde durch ästhetizistische künstlerische Anliegen (l'art pour l'art) noch verstärkt. Autorinnen waren mit einer spezifisch weiblichen Konfliktsituation konfrontiert: Ein Engagement in der Frauenfrage ließ es wünschenswert erscheinen, ein neues Frauenbild zu entwerfen, das für Leserinnen erkennbar eine autonome souveräne Individualität darstellte, aber die neuen Darstellungsweisen des modernen subjektivierten Erzählstils tendierten zu einem verunklarten Subjektentwurf, der fiktive Charakterer eher als instabile und schwer erkennbare Betrachtungsobjekte gestaltete. Dieses Dilemma förderte eine maskierte Schreibweise, die neugierigen LeserInnen nichts Persönliches preisgab und dennoch tradierte Bedeutungen und Annahmen in Frage stellte. Eine entscheidende Gemeinsamkeit der hier versammelten Autorinnen ist, dass ihr Einfluss sich nicht nur auf die Verbreitung neuer Ansichten und Themen beschränkte, sonder dass sie mit ihren elliptischen und oft bewusst obskuren Schreibstilen einen Beitrag zur modernistischen Innovation der Literatur leisteten.
In literarischen Fiktionen vieler heute zu unrecht vergessener Autorinnen wurden die etablierten Formen von Werbung und Ehe und die soziale Stellung der Frau kritisiert sowie utopische Visionen alternativer Geschlechterbeziehungen entworfen und das Männlichkeitsideal passend zum neuen Frauenbild revidiert. Wir rücken Autorinnen in den Blick, denen der Spagat zwischen einer modernistisch-explorativen Ästhetik und kommerziellem Erfolg mehr oder weniger gelang und die sich damit der Dichotomie von weiblicher Populärkultur und männlicher Hochkultur widersetzten. Die Wiederentdeckung und Neuinterpretation weiblicher Stimmen und Sichtweisen ermöglicht eine Relativierung ihrer bisherigen Einordnung als zweitrangig, etwa als Regionalschriftstellerinnen, kommerzielle Texterinnen oder Kitschproduzentinnen, und lässt das überfällige Bild einer etwas »anderen Moderne« entstehen.
So befreit der Beitrag von Elke Liebs die Gartenlaube-Autorin Eugenie Marlitt vom Vorwurf der Trivialität, obwohl er ihren intertextuellen Rekurs auf Populärliteratur heraushebt. Für Liebs sind Marlitts Werke als Diskursgeschichte zu betrachten, die sich geschickt populärer Textstrategien bedient um eine Selbstbestimmung der Frau zu propagieren. George Egerton (Mary Chavelita Dunne) entwirft in ihren Erzählungen (1893 und 1894) eine utopische Vision von sexueller Befreiung und beruflicher Selbstverwirklichung der Frau, die Ingrid von Rosenbergs Artikel von den melodramatischen Elementen ihres Werkes abhebt. Mit z.T. radikal neuen Darstellungsweisen wie Bewusstseinsstrom trägt Egerton zur Subjektivierung des Stils der englischen Kurzgeschichte bei.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts reflektieren Autorinnen ihre Arbeit auch in theoretischen Texten. Dort verwerfen sie traditionelle Regeln und bieten eine Redefinition von (weiblicher) Kreativität an, die zunehmend im Zusammenhang mit einem rezeptiven Gegenüber gedacht wird. Hierfür ist Vernon Lees response-orientierte Theorie der Kunstrezeption ein Beispiel, die der Artikel von Renate Brosch im Kontext von Lees fantastischen Kurzgeschichten interpretiert. Ulrike Stamms Analyse von Mechtilde Lichnowskys Romanwerk würdigt ihre Kritik einengender gesellschaftlicher Regulierungen und Normen wie auch ihren Entwurf einer kreativen weiblichen Subjektivität. Im Gegensatz zum bisherigen, vorwiegend voyeuristischen Interesse an Renée Viviens lesbischem Leben stellt Gertud Lehnert die Brillanz von Viviens dichterischen Gratwanderungen, die bewußt auf antike Vorlagen von Sappho zurückgreifen, in den Mittelpunkt. Die Antike spielt auch im Werk von H.D. eine bedeutende Rolle. Hinter dem Kürzel verbirgt sich die amerikanische Schriftstellerin Hilda Doolittle, die zwar als Dichterin der Fachwelt bekannt ist, deren narratives und dramatisches Werk dagegen nicht einmal vollständig publiziert und kaum rezipiert ist. Gabriele Rippl widemt sich der bisher übersehenen experimentellen, psychologisierenden Anverwandlung der Tragödie von Euripides in H.D.'s Œuvre.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Feministischen Studien besteht die Rubrik Bilder und Zeichen aus einem den Hauptartikeln vergleichbaren Beitrag, der das im Themenschwerpunkt vorgestellte Bild einer anderen Moderne um eine Dimension aus dem Bereich der bildenden Kunst ergänzt. Irene Gammel schildert die avantgardistischen Dada-Projekte der Elsa von Freytag-Loringhoven, die das New York der zwanziger Jahre aufrührten, denen aber die Anerkennung als seriöse Kunst versagt blieb. Erst heute sieht man in der »verrückten« Baronesse eine Performancekünsterlin avant la lettre.
In der Gesamtheit zeigen die wiederentdeckten Stimmen nuancierte Gegenentwürfe zum zeitgleich entstehenden Sexualitätsdiskurs, die mit bemerkenswerter Originalität in Form und Inhalt zum Ausdruck gebracht werden. Trotz mancher Widersprüche in den Werken, die ihre antagonistischen Schaffensbedingungen spiegeln, haben sie relevante Diskursverschiebungen der Verhandlung von Weiblichkeit bewirkt.
Der erste Artikel in der Rubrik Außer der Reihe von Susanne Rauscher wendet sich einem weiteren Bereich der Künste zu, nämlich der Oper. Rauscher untersucht die wechselnde Funktion und Gestaltung von Hosenrollen vom Barock bis zur Romantik. Der zweite Artikel von Karen Krüger eröffnet eine völlig außerhalb des Heftschwerpunkts liegende Diskussion. Er befasst sich mit einer hochaktuellen politischen Thematik, der Massenvergewaltigung von Frauen in ethnischen Konflikten. Am Beispiel des ruandischen Bürgerkrieges arbeitet die Verfasserin die verdeckten kulturellen und ethnischen Bedingungen heraus, die zu den besonderen Formen der Vergewaltigung und Verstümmelung von Tutsi-Frauen durch Hutu-Milizen geführt haben.
Von insgesamt 12 Rezensionen beziehen sich zwie auf den thematischen Schwerpunkt des Heftes, darunter die Sammelrezension über drei Monographien. Der Fokus der übrigen Rezensionen erstreckt sich von sozial-politischen Analysen über literarische Würdigung bis hin zu historischen Untersuchungen.

Renate Brosch, Ingrid von Rosenberg, Anna Maria Stuby